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Das (Ge)Wissen der Konsumenten

Mist, wieder einen Billigflug gebucht? Oft ist umweltschädliches Verhalten verlockend. Beinah genauso oft folgt danach ein schlechtes Gewissen. Hilft es der Umwelt, wenn wir uns schlecht fühlen?

Menschen sind unperfekt. Ich zum Beispiel. Erst gestern bin ich in der Bahn ohne Fahrschein gefahren. „Ich fahr‘ schwarz in ’nem weißen Land obwohl ich mir die Reise leisten kann – scheiße man“, singt die Band AnnenMayKantereit. Ja, „scheiße man“, fährt es mir durch den Kopf. Es ist klar: Hier geht es um viel mehr, als um ein Ticket für die Bahn. Auf einmal fühle ich mich schrecklich schuldig. Gleichzeitig weiß ich nicht, was ich dagegen tun kann. Kein unbekanntes Gefühl, so geht es mir andauernd: an der Supermarktkasse, beim Kauf eines neuen Handys, beim Fliegen…Aber zu irgendetwas muss es doch gut sein, dieses schlechte Gewissen – oder?

Ständig tun wir Dinge, die moralisch – und oft auch ökologisch – fragwürdig sind. Obwohl wir es eigentlich besser wissen. Eigentlich – Das schlechte Gewissen signalisiert genau diesen Widerspruch zwischen Wissen und Handeln. „Schlechtes Gewissen entsteht nicht nur, nachdem man einen Fehler gemacht hat, sondern auch bevor man etwas macht und verhindert so, dass man etwas Falsches tut“, erklärt Klaus Rothermund, Professor für Psychologie an der Universität Leibniz. Eine Art Frühwarnsystem, das uns sagt: Achtung, du handelst falsch.

Scham hilft wenig und ist dennoch viel zu selten da

Die Schweden machen vor, woran es bei uns noch fehlt: Das Gefühl bekommt einen festen Begriff – zumindest wenn es ums Fliegen geht. “Flygskam” bezeichnet erstmals das schlechte Gewissen beim Fliegen. Jetzt gibt’s also einen Namen für dieses ungute Bauchgefühl. Aber verhalten sich Menschen deshalb auch anders?

Gerhard Reese, Leiter des Studiengangs „Mensch und Umwelt“ an der Universität Koblenz-Landau, ist skeptisch. Die Scham könne dabei helfen, sich und das Verhalten anderer stärker zu hinterfragen. Das könne zumindest dazu führen, dass wir uns mehr mit einem Thema beschäftigen. Ob das aber reicht, um zum Beispiel auf den billigen Flug zu verzichten? „Fraglich, solange es keine ähnlich attraktiven Alternativen gibt“, erklärt Reese. Das Gefühl habe häufig nur kurzfristige Auswirkungen. Der Weg zurück in die Routine sei meist zu kurz. Und das betrifft nicht nur das Fliegen.

Fleischscham, Biligmodenscham, Müllscham?

Es gibt noch viel mehr Verhaltensweisen für die wir uns schämen könnten. Ein ganzes Wörterbuch könnte mit Schambegriffen gefüllt werden: Wo ist die Fleischscham? Die Billigmodenscham? Was ist mit Müllscham, Avocado-und Handyscham? Würde die Welt nicht schon ganz anders aussehen, wenn wir uns öfters mal so richtig schämen würden?

Wer als Konsument sein Gewissen ernst nimmt, den lacht das Regal im Supermarkt bald aus. Jede Kaufentscheidung wird zur echten Herausforderung. Schnell verliert man sich in Zutatenangaben der Produkte – das nächste Palmöl versteckt sich bestimmt irgendwo. „Menschen haben gelernt zu verdrängen, weil sie sonst in vielen Situationen komplett handlungsunfähig wären“, erklärt Angelika Gellrich, Umweltpsychologin und Mitarbeiterin vom Umweltbundesamt

Es scheint, als wären wir darin ziemlich gut geworden. Zu gut? 88 Prozent der Deutschen würden mehr Geld für Fleisch ausgeben, wenn es den Tieren nachweislich besser ginge – so der Fleischatlas 2018. Wieso wird dann immer noch Fleisch aus Massentierhaltung gekauft?

Wissen und Handeln – oft ist die Kluft dazwischen groß.
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Kognitive Dissonanz wird diese vielbeschworene Lücke zwischen Einstellung und Verhalten genannt. Ein schlechtes Gewissen reicht nicht aus, um sie zu überwinden. Florian Kaiser, Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Universität Magdeburg, beschäftigt sich mit dem Thema Umweltverhalten. Er erklärt: „Wie bei jeder „Strafe“ weiß man durch sie noch lange nicht, was und wie man etwas besser macht.“ Hier sollte differenziert werden: Um Alternativen zu einem Coffee-to-go-Becher zu finden, muss man kein Albert Einstein sein. Klar, dass es beim Fliegen schon etwas mehr Willen braucht. Generell gilt: Je unbequemer die Alternative, desto weniger Menschen sind bereit sie in Kauf zu nehmen.

„Die Kluft kann man nur überwinden, indem man es den Menschen leichter macht sich nachhaltig zu verhalten“, erklärt Umweltpsychologin Gellrich. Heute ist oft noch das Gegenteil der Fall: Wenn ein Flug von München nach Düsseldorf billiger ist als ein Zug, wird umweltschädliches Verhalten nicht nur verlockend – es wird politisch subventioniert. Wohlhabendere Menschen können demnach eher die teurere Alternative in Kauf nehmen und sich demnach leichter vom schlechten Gewissen loskaufen. Tatsächlich wünscht sich der Großteil der Menschen mehr Regelungen vom Gesetzgeber. Das zeigt sich zum Beispiel in einer aktuellen Studie “Umweltbewusstsein in Deutschland 2018” des Umweltbundesamtes, die im Mai veröffentlicht werden soll.

Was kann ich denn schon tun?

In einem sind sich wohl alle einig: ein schlechtes Gewissen fühlt sich schlecht an! Wir können es entweder verdrängen – oder unser Handeln ändern. Zugegeben: Das ist nicht immer einfach. Wieso lieber Bus fahren, wenn fliegen billiger ist? „Weil ich ein freier Mensch bin, der sich nicht durch verfehlte Politik und Wirtschaftsmacht davon abbringen lässt das zu tun was nach meinen Überzeugungen richtig ist“, sagt Anne Kretzschmar von der Organisation Stay Grounded. Man denke zum Beispiel an relativ wohlhabende Grünen-WählerInnen, die laut Umfragen am meisten von allen fliegen.


„Es gibt durchaus viele Möglichkeiten auch mit dem Zug weiter als ins Allgäu zu kommen“

Anne Kretzschmar für „Stay Grounded“

Argumente für langsameres Reisen sind kein Geheimnis mehr: Fahr ich mit der Bahn, kann ich einfach aussteigen, wenn es mir gefällt, vom Fahrrad reicht ein kurzer Sprung. Spontanität kann auch durchaus günstiger sein: Zum Beispiel, wenn man versucht zu trampen.

Alles schön und gut – aber was, wenn mir Europa nicht ausreicht? Werde ich nie mehr im Leben auf einen anderen Kontinent kommen? „Es gibt durchaus viele Möglichkeiten auch mit dem Zug weiter weg als ins Allgäu zu kommen“, erklärt Kretzschmar. In 36 Stunden kommt man mit der Bahn von Paris nach Moskau kommen zum Beispiel. Für eine Fahrt über den Ozean kann man nach Mitfahrgelegenheiten auf Containerschiffen oder Segelschiffen suchen.

Aber auch hier zeigt sich: Als KonsumentInnen stoßen wir irgendwann an unsere Grenzen – egal wie selbstdiszipliniert wir sind. Wenn Menschen das Gefühl haben mit ihrem nachhaltigen Verhalten von der Norm abzuweichen, ist es unwahrscheinlicher, dass sie nach ihren Überzeugungen handeln – das schlechte Gewissen wird dann eher verdrängt, erklärt Umweltpsychologin Gellrich.

Politisch werden Fehlanreize gesetzt

„Eine Wende hin zum klimagerechten Reisen heißt unser Reiseverhalten, aber vor allem auch die strukturellen Bedingungen dafür grundsätzlich zu ändern“, meint Kretzschmar. Das bedeutet zum Beispiel: weniger, dafür aber länger und bewusster reisen. Gleichzeitig müssen sich die Strukturen dafür ändern. Es braucht zum Beispiel andere Arbeitsbedingungen, die bei Geschäftsreisen lange Reisezeiten aktiv unterstützen.

Nicht nur beim Reisen werden politische Fehlanreize gesetzt: Man denke zum Beispiel an EU-Agrarsubventionen, die sich nach der Größe der Höfe richten – nicht nach ihrer Nachhaltigkeit. Die Liste solcher Beispiele könnte man lange fortführen.

Oft wissen wir über die Folgen unseres Handelns Bescheid – und verdrängen dies lieber. Illustration: Sebastian Blinde

Wir sind mehr als KonsumentInnen

Darauf warten, dass das ökologischere Handeln uns irgendwann leichter gemacht wird, ist wenig produktiv. Die Zeit vergeht ohnehin viel schneller, wenn man etwas tut: Also abwarten und einmischen. Psychologe Kaiser erklärt: Erst durch Menschen, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen, die wählen und sich engagieren, können Bedingungen geschaffen werden, die nachhaltige Lebensstile fördern. Denn schließlich sind wir mehr als KonsumentInnen, wir sind WählerInnen. Fliegen ist zu günstig? Dann können wir das auf bunte Protestschilder schreiben und auf die Straße gehen. Braunkohle ist schmutziger als euer WG-Küchenboden? AktivistenInnen machen darauf aufmerksam, indem sie Bagger besetzen.

Ein schlechtes Gewissen kann also zu Veränderungen beitragen, wenn wir es zulassen. Die Verantwortung allein auf das Gewissen der KonsumentInnen abzuwälzen, ist dagegen falsch. Ja, Menschen steigen in riesige CO2-Schleudern. Ja, KonsumentInnen haben Macht. Doch Macht haben eben auch Konzerne und Politik. Eine gekaufte Packung Eier zum Beispiel kann vieles sein. Später mal Rührei, Spiegelei, allerlei: Eine Einverständniserklärung dafür Küken zu schreddern, ist sie sicher nicht.


Illustration: Sebastian Blinde


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