Es ist wieder einmal so weit. Eine große Reise steht bevor und damit auch ein Interkontinentalflug.

Mit einer einzigen Reise werde ich ungefähr das Doppelte des klimaverträglichen CO2-Jahresbudgets eines Menschen verpulvern.
Mein Gewissen meldet sich zu Wort und erinnert mich an die zahlreichen Angebote zur CO2-Kompensation, die mir in letzter Zeit überall begegnet sind. Kein Wunder, denn CO2-Kompensation gilt seit dem Kyoto-Protokoll als einer der wichtigsten Mechanismen im Kampf gegen den Klimawandel. Schon 2006 wurde „carbon neutral“ vom Oxford Dictionary zum Begriff des Jahres gekürt. Kurz entschlossen starte ich den Computer und steuere die Website von Atmosfair, Deutschlands Marktführer in Sachen CO2-Kompensation an. Ich möchte selbst herausfinden, was an dieser Technik dran ist, die oft als ökologischer Ablasshandel bezeichnet wird.

Der Emissionsrechner von Atmosfair teilt mir mit, dass ich mit meinem Flug 6,79 Tonnen CO2 emittieren würde. Direkt darunter steht, dass die ökologisch jährlich zulässigen Emissionen bei 2,3 Tonnen pro Kopf liegen. Und dass ein Jahr Autofahren im Mittelklassewagen 2 Tonnen CO2-Emissionen bedeutet. Und dass Menschen in Indien im Jahr durchschnittlich nur 1,4 Tonnen emittieren.

Danach kommt der Preis. 156 Euro soll ich für das gute Gewissen bezahlen. Als ich das sehe sinkt meine Motivation schnell wieder. Die Reise selbst wird mein Budget ja schon ziemlich belasten. Das muss doch auch billiger zu haben sein, denke ich mir, und lande beim britischen Weltmarktführer Climate Care.

Tretpumpen und Langstreckenflüge

Auch hier berechnet der „Carbon Calculator“ für verschiedene Klimasünden die jeweils anfallende Menge des emittierten CO2 und transformiert diese wiederum in einen Geldwert. Die klassische Tätigkeit ist dabei die Flugreise, es stehen aber auch Optionen wie Geburtstag, Hochzeit oder neuer Job zur Auswahl. Für all diese Tätigkeiten werden die (den europäischen kulturellen Normen entsprechenden) durchschnittlichen Emissionen berechnet, für die dann Kompensationszertifikate in den „Warenkorb“ gelegt werden können.

Aber ich staune nicht schlecht, als mir der Emissionsrechner die Kompensation für schlappe 30,74 Euro anbietet.
Und hier kaufe ich, wie Climate Care betont, weit mehr als bloßen CO2-Ausgleich.

Unter dem Slogan „CO2-Kompensation, die Leben verbessert“ kombiniert Climate Care, so wie viele andere Anbieter auch, CO2-Kompensation mit Entwicklungszusammenarbeit. Das will ich mir genauer anschauen und klicke trotz des Schnäppchenpreises doch noch nicht auf den großen orangefarbenen Button mit der Aufschrift „Kompensation kaufen“, sondern sehe mir die Projekte an, die Climate Care finanziert.

„Es ist nicht möglich, Emissionen durch Projekte in Europa zu kompensieren“, heißt es auf der entsprechenden Seite. Konsequenterweise sind alle unterstützten Projekte im globalen Süden verortet. Ich klicke ein Projekt mit dem Titel „Tretpumpen“ an. Dort werden indischen Kleinbäuer_innen Wasserpumpen zur Feldbewässerung verkauft, die per Muskelkraft betrieben werden. Damit sollen die bisher benutzten dieselbetriebenen Pumpen ersetzt werden. Das Projekt wird von vielen größeren Investoren unterstützt, unter anderem der Bill and Melinda Gates Foundation. Climate Care gibt an, bereits an 913.000 Familien solche Pumpen abgegeben zu haben, und damit über 170.000 Tonnen CO2 eingespart zu haben.

CO2-Kompensation als Outsourcing

Climate Care nutzt also, entsprechend den Prinzipien des Outsourcings, die billige Arbeit der indischen Kleinbäuer_innen, die dann mit ihrer Muskelkraft die CO2-Emissionen meines Urlaubs ausgleichen.
Eine solche Transaktion ist offensichtlich nur im Kontext einer massiven Nord-Süd-Ungleichheit möglich. Die wird aber bei Climate Care mit Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsdiskursen überdeckt. So zeigt ein Video auf der Seite einen nur mit einer kurzen Hose bekleideten Inder, der im Sonnenuntergang vor einer Palmenlandschaft lachend die Pumpe betreibt.

Auch auf der Startseite der Website wird ein Bild angezeigt, das vermutlich den „integrierten Ansatz“ illustrieren soll. Das Bild ist in zwei Hälften aufgeteilt. Die linke Hälfte zeigt eine düstere Unwetterszene. Die rechte Bildhälfte zeigt ein Schwarzes Kind, das traurig in die Kamera schaut – die stereotype Illustration von Entwicklungshilfe schlechthin. Über den beiden Bildhälften ist in großen Buchstaben „CLIMATE+CARE“ zu lesen, so dass das + direkt auf der Schnittstelle der beiden Bilder platziert ist. Im untersten Teil des Bildes ist über der Hälfte mit der Unwetterszene in weiß das Piktogramm einer Wolke zu sehen, neben die Worte „SPAREN SIE 20 MILLIONEN TONNEN CO2 EIN“ stehen. Über der Fotografie des Kindes ist in weiß das Piktogramm einer Kleinfamilie zu erkennen. Daneben ist zu lesen: „VERBESSERN SIE DIE LEBEN VON 20 MILLIONEN MENSCHEN“. Die identischen Werte und die abstrakten Symbole lassen die zu schützende Natur und die zu entwickelnden Menschen als mathematische Äquivalente erscheinen.

„Unser Fokus sind maximale Erträge“

Ich klicke mich zu dem Menüpunkt durch, in dem Climate Care seine Arbeitsweise darstellt. Der Vorteil der integrierten Klimakompensation wird dort folgendermaßen erklärt: „Indem Sie unsere integrierten Klima- und Entwicklungsprojekte unterstützen, können Sie ihr CO2-Kompensations-Budget optimal ausnutzen. Diese Projekte liefern nicht nur Emissionsreduktionen, mit denen Sie Ihren unvermeidlichen CO2-Fußabdruck angehen können, sondern messbare Resultate, die auch zu Ihren anderen CSR-Zielen beitragen.“ CSR heißt Corporate Social Responsibility. Darunter werden alle freiwilligen Maßnahmen zusammengefasst, die Unternehmen für Nachhaltigkeit ergreifen. Offensichtlich stellt sich Climate Care mich als Unternehmen vor, oder zumindest als homo oeconomicus. So heißt es auch auf der Startseite: „Unser Fokus ist immer, maximale Erträge für Ihre Investitionen in Menschen und Umwelt zu erzielen.“

Scheinbar geht es bei dem integrierten Ansatz also darum, mit minimalen Investitionen einen maximalen Nutzen zu erzielen, indem gleich zwei „CSR-Ziele“ auf einmal bearbeitet werden. Climate Care Startseite: Der „Ertrag“, der Gebrauchswert, der Ware des Kompensationszertifikates, ist allem Anschein nach das gute Image, das mit dem freiwilligen Kauf des Zertifikats einhergeht. Dabei kann es sich sowohl um ein „internes“ gutes Gewissen als auch um einen „externen“ guten Ruf handeln – Kategorien, die sich ohnehin kaum sinnvoll trennen lassen. Wahrscheinlich ist deshalb Climate Care auch das Messen und Zählen so wichtig, auf das ich überall auf der Website stoße.

So ist auch am Rand der Seite in großen pinken Buchstaben zu lesen „CO2 JA. HEIßE LUFT NEIN.“ Darunter, in derselben Größe, wieder in Lila: „MACHEN SIE EINEN MESSBAREN UNTERSCHIED“. Kurz frage ich mich, ob damit gemeint ist, dass CO2-Emissionen unproblematisch sind („CO2 JA“), und dank der Kompensation nicht zu Klimaerwärmung führen müssen („HEIßE LUFT NEIN“). Oder ob unterstrichen werden soll, dass durch die quantitativen Messungen, objektive Resultate und keine „heiße Luft“ erzeugt werden. Vermutlich beides. Ich klicke den Schriftzug an und gelange auf eine Seite, auf der die Notwendigkeit der Quantifizierung erklärt wird. Dort heißt es „CO2-Finanzierung basiert darauf, für Emissionsreduktionen zu bezahlen, die bewiesen und messbar sind […] wir entwickeln und befolgen Industriestandards, die sicherstellen, dass die Wirkung real und messbar ist und auf die Spenden unserer Kunden zurückgeführt werden können.“

Das ist scheinbar der Grund für die Qantifizierung: Um mein Image effektiv aufpolieren zu können, muss ich mir selbst oder der kritischen Öffentlichkeit nachweisen können, welche Verbesserungen ich mit meinen Investition bewirkt habe – bis hin zu der Option ein Zertifikat zu erwerben, das mich als alleinigen Mäzen eines bestimmten Projektes ausweist. Schon Horkheimer und Adorno stellten ja fest, dass dem homo oeconomicus „zum Schein wird, was in Zahlen, zuletzt in der Eins, nicht aufgeht.“

Marktregulierter Umweltschutz

Offensichtlich ist für Climate Care Umweltschutz also eine Aufgabe des Marktes. Tatsächlich wurde die Organisation auch im Zuge der Kyoto-Konferenz 1997 gegründet, bei der Klimakompensation und Emissionshandel als die zentralen Mechanismen im Kampf gegen die globale Erwärmung festgeschrieben wurden.

Zunächst betrieb die Organisation Lobbyarbeit für marktregulierten Klimaschutz und trug dann ein Jahr später selbst dazu bei, den Markt der CO2-Kompensation mit aufzubauen.

Die Theorie des marktregulierten Umweltschutzes geht hauptsächlich auf den 1968 erschienenen Aufsatz „The Tragedy of the Commons“ von Garret Hardin zurück. Neben einigen sozialdarwinistischen Vorschlägen zur Vermeidung von „Überbevölkerung“ argumentierte Hardin dafür, dass Umwelt zu Privateigentum gemacht werden müsse, damit ökonomisch rational handelnde Individuen dazu gezwungen werden, mit ihr ebenso nachhaltig umzugehen wie mit anderen ökonomischen Ressourcen. Spätestens mit dem Kyoto-Protokoll ist diese Strömung dominant geworden. Das Modell der CO2-Kompensation hat sich im globalen Norden auf allen Ebenen des politischen Handelns im Umgang mit der globalen Erwärmung durchgesetzt. Sowohl Individuen als auch Unternehmen betreiben in großem Maßstab freiwillige CO2-Kompensation, um ihren, die Umwelt zerstörenden Ressourcenverbrauch auszugleichen.

Der Markt der freiwilligen CO2-Kompensation wurde wesentlich von Climate Care mit aufgebaut. Heute ist das „Profit for Purpose“-Unternehmen Teil des J.P.-Morgan-Konzerns, der größten Bank der USA und dem zweitgrößten an einer Börse notierten Unternehmen weltweit. Sein Ziel sieht es darin, „die Finanzkraft des privaten Sektors zur Verbesserung von Leben auf der ganzen Welt einzusetzen.“ Dabei grenzt sich das Unternehmen klar von „bloßer Philanthropie“ ab und betont die ökonomische Rationalität seines Vorgehens. Diese ökonomische Rationalität und das Verkaufen von Kompensationszertifikaten überhaupt ist angewiesen auf eine vorausgehende Inwertsetzung von Umwelt. Dass in den FAQs der Website die Frage auftaucht, warum verschiedene Kompensationsanbieter verschiedene Preise haben, zeigt, dass diese Inwertsetzung keineswegs selbstverständlich ist und ich nicht der Erste bin, der sich über die verschiedenen Preise und Messungen wundert.

Die Inwertsetzung der Umwelt

Offensichtlich erzeugt die Inwertsetzung der Umwelt ein Dilemma: Auf der einen Seite muss sie als Reflexion eines objektiven Wertes erscheinen, um nicht willkürlich zu wirken. Auf der anderen Seite ist dieser Wert offensichtlich instabil, was der Annahme eines inhärenten Wertes der Umwelt widerspricht und dadurch einige Kund_innen zu irritieren scheint.
Die Schwankungen des Preises (zwischen verschiedenen Anbietern, aber auch beim selben Anbieter zu verschiedenen Zeitpunkten) gehen offensichtlich darauf zurück, dass sowohl die Messung der „verbrauchten“ Umwelt, als auch der dazugehörige Preis soziale Konstruktionen sind. Das betrifft die Entscheidungen darüber, was eigentlich gemessen wird, die offenbar so verschieden ausfallen können, dass Schwankungen von 100 Prozent auftreten.

Vor allem ist die Preisbildung aber Marktmechanismen unterworfen.
Im Emissionshandel, sowohl auf privater als auch auf volkswirtschaftlicher Ebene, bestimmt die Nachfrage nach den Zertifikaten deren Preis. Nicht zuletzt ist dieser aber auch davon abhängig, welchen Anteil die Anbieter als Profit einstreichen. Durch den Einsatz des Emissionsrechners erscheint die Transformation von Umwelt in einen Geldwert aber als Prozess einer objektiven mathematischen Erkenntnis. Dadurch wird die Kontingenz der Emissionszertifikate als Waren unsichtbar gemacht und der berechnete Wert erscheint als inhärente Eigenschaft der „verbrauchten“ Umwelt. Diese Zuschreibung eines Wertes ist nur dann möglich, wenn Umwelt, inklusive der „zugehörigen“ Menschen, als eine Menge abstrakter Einheiten gedacht wird.

Der Verbrauch dieser Einheiten (hier durch CO2-Emission) wird dann als Subtraktion gedacht, der durch eine äquivalente Addition (CO2-Kompensation) neutralisiert werden kann. Nachhaltigkeit bedeutet dann ein Nullsummenspiel, in dem sich beide Seiten die Waage halten. Der Klimakompensation liegt also ein buchhalterisches Weltbild zugrunde, in dem Natur und Menschen nur als Ressourcen erscheinen.

Ich denke noch einmal nach. Scheinbar besteht CO2-Kompensation darin, dass Personen oder Organisationen im globalen Norden Personen im globalen Süden dafür bezahlen, Emissionen einzusparen. Climate Care fungiert bei diesem Outsourcingprozess, wie es selbst schreibt, als Vermittler von Dienstleistungen. Diese Dienstleistungen ermöglichen es den Kund_innen, Verantwortung für die Umwelt zu demonstrieren, ohne das eigene Verhalten zu ändern.

Vor allem ist die Preisbildung aber Marktmechanismen unterworfen.
Das Recht auf den „Verbrauch“ von Umwelt wird so zu einer Ware gemacht, die möglichst kosteneffizient im globalen Süden produziert wird. Dieser Zugriff auf den Globalen Süden wird legitimiert durch den Diskurs der „Entwicklungshilfe“, der es als Wohltat ausgibt, wenn indische Kleinbäuer_innen mit fußbetriebenen Pumpen die CO2-Emissionen meines Langstreckenfluges ausgleichen.

Ich schließe die Website von Climate Care. Offensichtlich ist es doch nicht so einfach, das schlechte Gewissen loszuwerden, das mit einem privilegierten Leben im Kapitalismus einhergeht. Der Flug lässt sich dieses Mal nicht vermeiden. Aber anstatt meine politische Verantwortung dafür an Kompensationsunternehmen abzugeben, beschließe ich, selbst mehr aktiv zu werden.

 

 

Der Autor Simon Schaupp ist Soziologe und forscht derzeit am Munich Center for Technology in Society der Technischen Universität München zu Fragen der Macht in der digitalisierten Gesellschaft. Zuletzt von ihm erschienen: „Digitale Selbstüberwachung. Self-Tracking im Kybernetischen Kapitalismus“ (Verlag Graswurzelrevolution, 2016) und zusammen mit Anne Koppenburger und Paul Buckermann: „Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen. Emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel“ (Unrast Verlag 2017) Der hier vorliegende Text ist die überarbeitete Version eines Artikels aus Graswurzelrevolution 404.

Alle Zitate von der Climate Care Website sind im Original auf Englisch.

 

Die Illustratorin Eva Plaputter lebt in Essen, schneidet gerne Papier und hat ein Kinderbuch über Plastikmüll im Meer geschrieben. Sie illustrierte diesen Artikel

 

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