Welcome to the blockchain! Things are about to change…“, rappen Toby + Decap. Dinge verändern sich? Okay. Aber ändert sich auch etwas für mich? Was zum Henker ist überhaupt eine Blockchain?

Die Idee geht so: Du stehst morgens auf und nimmst Deine Brötchenlieferung entgegen, die Du direkt mit dem Smartphone bezahlst. Der Betrag wird sofort auf dem Smartphone des Lieferanten gutgeschrieben, ohne dass eine Bank oder ein Bezahlsystem beteiligt sind. Betrugssicher, schnell, nur du und er. Während Du Deine Brötchen isst, lädst Du ein neues Lied runter und bezahlst es direkt beim Musiker. Kein Label, kein Konto. Außerdem siehst Du, dass die Solaranlage auf dem Dach deiner Hausgemeinschaft gestern satt Strom an die Mieter der umliegenden Häuser geliefert hat. Das Geld ist schon eingegangen. Heute regnet es zwar, aber der intelligente Speicher ist voll: Sonnenstrom von gestern, automatisch ergänzt durch billigen Nachtstrom aus dem Netz.

Weil das Wetter so mies ist, nimmst Du nicht das Fahrrad, sondern steigst in das Auto, das Du Dir mit fünf anderen teilst. Vor dir war schon einer unterwegs, darum ist der Akku fast leer. Macht aber nichts, auf deinem Weg sind genug rote Ampeln, an denen das Auto jeweils automatisch per Induktion lädt und auch gleich bezahlt. Und während Du auf Grün wartest, erinnerst Du Dich dunkel, dass Du irgendwann mal einen Geldbeutel voll Plastikkarten hattest: Perso, Führerschein, Kreditkarte, Busticket, Büchereiausweis, Mitgliedskarten. Die Vision der Blockchain-Community ist ein globales Verzeichnis, in dem alles was wertvoll ist, gehandelt werden kann.

Sicher, vertraulich, dezentral und offen für alle.

Auch für Menschen ohne Bankzugang, zum Beispiel in Ländern des globalen Südens. In Manila sind bereits tausende Kassierer unterwegs, die Finanztransaktionen per Handy abwickeln – über die App Abra von Entwickler Bill Barhydt. Die meisten Abra-Kunden empfangen Überweisungen von Verwandten aus dem Ausland, die der Kassierer ausbezahlt. Die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen ist groß. Aber was steckt denn nun genau dahinter?

Technisch betrachtet ist eine Blockchain einfach eine Kette von Informationspaketen, die nachträglich nicht mehr verändert werden kann. Don Tapscott, Autor des Buches „Die Blockchain-Revolution“, sieht in der Technologie die neue Generation des Internet. Jede Blockchain ist auf einer großen Zahl von Computern, den sogenannten Miners, gespeichert, von denen jeder eine Kopie der kompletten Datenbank erhält, die ständig aktualisiert wird. Das macht die Methode so sicher: Stürzt ein Miner ab, oder wird angegriffen, sind noch all die anderen da, die über die gleiche Information verfügen. Außer einer anonymen Zahlen-Buchstaben-Folge als Signatur erfasst das System keine Zugangsdaten, daher die Anonymität.

Aber alle Transaktionen jeder Signatur sind frei einsehbar, das sorgt für absolute Tranparenz. Alle zehn Minuten werden die neuen Transaktionsdaten zu einem weiteren Paket zusammengefasst und mit einem Zeitstempel verschnürt. Dann gleichen die Miners untereinander das Paket ab. Bestätigen alle, dass das Paket fehlerfrei ist, wird es an die Kette angehängt.

Überall auf der Welt laufen Projekte, die das Potenzial der Blockchain-Technologie ausloten: Maersk und IBM erfassen damit tausende Schiffscontainer für eine lückenlose, unumkehrbare Handelsdokumentation, Bankymoon sammelt Spenden ein und beliefert Schulen in Südafrika mit Energie, LO3energy testet die Selbstversorgung einer Nachbarschaftsgemeinschaft in New York mit Strom vom eigenen Dach, während die Serverabwärme zum Heizen verwendet werden soll, und RWE entwickelt Ladestationen für e-Autos, an denen via Blockchain bezahlt wird.

Die älteste und größte Blockchain ist die von Bitcoin, einer Kryptowährung, die auf einen Entwickler mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto zurückgeht. Über sie werden seit 2009 erfolgreich Finanztransaktionen abgewickelt, die aber ökonomisch bisher kaum ins Gewicht fallen. Wie viel mehr in dem Protokoll steckt, entdeckte erst 2012 der Russe Vitalik Buterin. Mit 18 Jahren. Um mehr Gestaltungsspielraum zu haben, gründet er zwei Jahre später Ethereum, eine neue Blockchain, auf die auch intelligente Verträge – smart contracts – aufgesetzt werden können.

In diesen Verträgen können alle möglichen Bedingungen festgelegt sein, zum Beispiel: „Beim Passieren einer Ladestation automatisch laden, wenn Akkustand unter 50 Prozent. Bei ausstehenden Zahlungen Laden verweigern, bis Konto ausgeglichen“. Oder so. Buterin und seine Weggefährten gehen aber viel weiter: „Wir stehen am Beginn einer globalen Revolution von Wirtschaft, Politik und Regierung“, rappen Toby + Decap im Bitcoin-Song. Sie wollen Nationalstaaten, Banken und Behörden überflüssig machen, indem alles, was mit Identität oder Wert verbunden ist, ohne Vermittler abgewickelt wird.

Das Vertrauen stiftet die Blockchain. Buterin schweben dezentrale, autonome Unternehmen vor, die schwarmfinanziert selbstständig agieren, ohne Sitz, ohne Eigentümer, über die Blockchain gesteuert von der Community. Seine Motivation: Das demokratische Versprechen des Netzes wiederherstellen und nebenbei viel Geld und Energie sparen. Klingt nach Welt umkrempeln, oder?

Ganz so einfach ist es leider nicht. Was, wenn so ein autonomes Unternehmen durchdreht und aufgrund eines Fehlers von alleine massenweise vertrauliche Dokumente veröffentlicht oder Geld auf unbekannte Konten überweist? Wenn es sich selbst reproduziert und nicht tot zu kriegen ist, weil die Datenbank funktionsfähig auf tausenden Miners liegt und neue auftauchen, sobald einer geschlossen wird? Gibt es den perfekten Code, der das verhindern kann? Erst 2016 verschwand aus der dezentralen, autonomen Organisation „The DAO“ über einen Fehler in einem smart contract virtuelles Geld im Gegenwert von 50 Millionen Euro. Es konnte nur gerettet werden, indem die Organisation auf eine neue Blockchain umzog.

Der Fall illustriert zweierlei: Erstens ist es durch die Unumkehrbarkeit der Blockchain eigentlich nicht möglich, Fehler zu reparieren oder Updates einzuspielen. Die Funktionen der Blockchain werden einmal festgelegt und dann versiegelt. Was „The DAO“ gemacht hat, um das Geld zu retten, hebelt das Fundament des Vertrauens, das die Blockchain-Technologie verspricht, aus, weil mit dem Umzug die letzten Blöcke gelöscht und der Stand von vor dem Verlust des Geldes wiederhergestellt wurden. Und zweitens, argumentieren überzeugte User, war das überhaupt kein Diebstahl, sondern das legale Ausnutzen eines fehlerhaften Codes. Kein Jurist der Welt kann darüber aktuell urteilen, denn das geltende Recht bietet für virtuelle Geschäftsmodelle auf Blockchain-Basis so viel Schutz vor Betrug wie ein Nudelsieb vor Regen. Und noch etwas hinterlässt zumindest einen faden Geschmack: Die Miners werden dafür bezahlt, dass sie die Wahrheit sagen.

Für ihre Beteiligung an der Überprüfung der Blöcke erhalten sie eine Belohnung in Bitcoin, Ether, Solarcoin und wie die Währungen alle heißen. Die Belohnung ist zwar klein, aber trotzdem: dass es keine gute Idee ist, regelkonformes Verhalten zu erkaufen, steht in jedem Erziehungsratgeber. Was, wenn plötzlich jemand eine höhere Summe fürs Betrügen bezahlt?

Wer mit dem Mining wirklich Geld verdienen will, muss zunächst ordentlich investieren: Die Rechenoperationen, die mit einer Blockchain verbunden sind, sind aufwendig und benötigen viel Speicherplatz – je länger die Kette wird, desto mehr. Ohne Hochleistungsserver und sehr viel billigen Strom kommst du nicht weit. Das relativiert „offen und demokratisch“ schon ein bisschen. So richtig jeder kann eben doch nicht mitmachen. Und wer genügend Kapital hat, könnte theoretisch sogar die Mehrheit der Miners in einer Blockchain stellen und damit entscheiden, was wahr ist und was nicht.

Die Sache mit dem hohen Stromverbrauch hat noch eine Konsequenz: Ein einziger Bitcoin verursacht auch in naher Zukunft beim Mining noch etwa 4 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen, wie Sebastian Deetmann auf der Plattform Motherboard vorrechnet. Dabei geht er von 50 Prozent Strom aus erneuerbaren Energieträgern aus. Aktuell wird die Bitcoin-Blockchain zu etwa 80 Prozent von China aus gesteuert. Auch wenn sich dort die Erneuerbaren gerade großer Beliebtheit erfreuen, werden sie in nächster Zeit nicht die Hälfte des Strommixes ausmachen. Und bei all dem schafft die Bitcoin-Blockchain gegenwärtig sieben Transaktionen pro Sekunde. Weltweit. Bei Ethereum sind es immerhin 20. Vorläufig meldet deswegen keine Bank Konkurs an.

Noch regnet es ganz schön rein in das glänzende Gebäude der virtuellen Demokratie. Trotzdem ist was dran an der Vision von Satoshi Nakamoto und Vitalik Buterin, das elektrisiert. Technische Probleme und Energieverbrauch lassen sich mit dem Fortschritt vielleicht minimieren. Vinay Gupta, der von sich sagt, sein Lebenswerk sei die Suche nach besseren Lösungen als Zentralisierung und Krieg, vergleicht in einem sehr anschaulichen Video den heutigen Standard der Blockchains mit einem Lochkartencomputer. Keiner weiß, wohin die Reise geht. Vielleicht ins Skynet der Terminatoren. Vielleicht in eine gerechtere Zukunft. Die vielen Blockchain-Projekte, die bereits laufen, sind Reallabore, in denen Möglichkeiten getestet werden. Ob sie in dein Bild einer Transformation passen, das entscheidest du selbst.

 


Die Autorin Stefanie Geiselhardt ist promovierte Ökologin und lebt in Berlin. Sie schreibt freiberuflich über Umwelt- und Wissenschaftsthemen und über die Frage, wie Mensch und Natur langfristig miteinander klar kommen. Was sie am liebsten tut, ist kreuz und quer durch verschiedene Disziplinen Zusammenhänge aufzeigen. Und Kuchen backen.

Beitragsbild: PDP, CC
Artikelbild: Wikimedia, CC

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