Bild: Josh Hild, CC0 unsplash

Blick aufs Gute

Gibt es zu viele schlechte Nachrichten oder konzentrieren wir uns nur zu sehr auf das Negative? Fest steht: an Problemen besteht kein Mangel. Viele Menschen wünschen sich Lösungen von den Medien.

Ertrunkene Geflüchtete folgen auf Hitzewellen, die zur nächsten Krise überrollen: der Klimawandel. Schnitt. Eine Meldung vom twitternden Trump. Der Zuschauer rollt mit den Augen, fühlt sich selber schon ganz überrollt. Wenn er von all den Problemen flachgewalzt starr am Sessel klebt, hört er im Hintergrund noch die Worte: „Ich wünsche ihnen noch einen schönen Abend.“ –  Schauen sie doch, wie sie damit jetzt klarkommen.

Nachrichten schauen, darf nichts für Feiglinge sein. Das scheint einigen Redaktionen die als Grundlage der Arbeit zu dienen. Summen Redakteure*innen eigentlich „If it bleads, it leads“ (zu dt. “Wenn es blutet, funktioniert’s”) während die sie über die nächste Krise tippen?

Vom Wunsch nach Lösungen

Das ist natürlich völlig überzogen, total übertrieben. Redaktionen zu unterstellen mutwillig die Leser zu demotivieren, ist falsch. Doch in der Welt gibt es noch mehr: Positive Entwicklungen und innovative Projekte, die sind genauso Teil dieser vermeintlichen Realität.

Dabei gibt es bei den Lesern ein großes Bedürfnis nach einer anderen Art der Berichterstattung. Laut einer Umfrage von Forsa wünschen sich 80 Prozent der Befragten, dass nicht nur über Probleme berichtet wird, sondern auch über Lösungsansätze. Das erkennen immer mehr Redaktionen. Zuletzt hat die Tagesschau das Format #lösungsfinder eingeführt, in dem mögliche Auswege für Probleme aufgezeigt werden sollen.

Die Welt ist besser als wir denken

Die gegenwärtige Berichterstattung führt dazu, dass wir ein verzerrtes Bild von der Realität haben. Wir schätzen viele Dinge schlechter ein, als sie tatsächlich sind. Eigentlich geht uns heute nämlich ziemlich gut: „Nie war die Kindersterblichkeit niedriger, nie war die Alphabetisierungsquote höher, und während du diese Zeilen liest, arbeiten Millionen Menschen auf der ganzen Welt an Dingen, die sie zu einem besseren Ort machen: an neuen Krebstherapien, umweltfreundlichen Baumaterialen oder der Abschaffung diskriminierender Gesetze“. Das schreibt Maren Urner, Gründerin von Perspective Daily, auf ihrer Website. Ein verzerrtes Weltbild ist das eine. Aber auch auf unseren psychischen Zustand hat die Berichterstattung Auswirkungen.  

Ein kurzes Beispiel: Laut der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNHC) ertranken im letzten Jahr durchschnittlich jeden Tag sechs Menschen beim Versuch nach Europa zu gelangen. Insgesamt seien 2018 mehr als 2200 Flüchtlinge ertrunken.

Wie fühlst du dich, wenn du die Zahlen liest? Hast du sie überhaupt richtig gelesen?

Die Berichterstattung kann dazu beitragen, dass wir weniger Mitgefühl empfinden. Das erscheint erstmals erschreckend, ist aber nachvollziehbar: Wenn Lösungen für soziale Probleme fehlen, ist dies besonders zu beobachten. Menschen werden somit zunehmend apathisch und eher resistent gegen Leid. Weitere Studien belegen: Überwiegend negative Beiträge können dazu führen, dass Menschen sich nicht mehr mit bestimmten Themen beschäftigen wollen. Das ist besonders der Fall, wenn über die Themen über einen längeren Zeitraum berichtet wird. Verstärkt wird der Effekt, wenn die Berichterstattung dazu tendiert zu sensationalisieren.

Köpfe wieder herausziehen

Wie können die Nudeln wieder aus den Ohren und die Köpfe aus den Töpfen gezogen werden? Konstruktiver Journalismus – darunter versteht man, dass Journalisten auch auf die Frage “Was jetzt?“ versuchen, Antworten zu finden. Zu behaupten, konstruktiver Journalismus sei die Lösung für all die Probleme der Medien wäre zu weit gegriffen. Dennoch zeigen erste Studien, dass es sinnvoll ist, das Konzept mit in den Redaktionsalltag zu integrieren. Der Dozent für Journalistik Klaus Meier führte mit Journalistik-Studierenden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ein Experiment zu konstruktiven Journalismus durch. Das Ergebnis: Die Teilnehmer fühlten sich nach konstruktiven Beiträgen besser und waren hoffnungsvoller gestimmt. Eine Untersuchung der Sächsischen Zeitung zeigte: Konstruktive Beiträge werden von den Lesern als deutlich lesenswerter bewertet.

Im Rahmen meiner Bachelorarbeit haben wir transform-Leser gefragt: Drückt die aktuelle Berichterstattung aufs Gemüt? Wie nehmt sie Beiträge im transform Magazin wahr? 67 von ihnen haben teilgenommen. Daraus lassen sich natürlich keine repräsentativen Schlüsse ziehen. Dennoch zeigen sich in den Antworten einige Tendenzen.

transform-Leser empfinden die aktuelle Berichterstattung als problemzentriert und zu negativ.

73 Prozent der Befragten beurteilten die Berichterstattung als mindestens „eher zu negativ“. Die Beiträge von transform wurden dagegen von der  Mehrheit,(72 Prozent) als „ausgewogen“ beurteilt.Im Vergleich zur Berichterstattung der Medien allgemein wurden transform-Beiträge als weniger dramatisierend und lösungsorientierter beurteilt.

Was besonders interessant ist: 85 Prozent haben angegeben, schon einmal bewusst den Nachrichtenkonsum eingeschränkt zu haben, weil sie frustriert waren. Besonders häufig war dies der Fall im Zusammenhang mit politischen Themen oder Berichten über Umweltprobleme. Damit decken sich die Ergebnisse mit anderen Befragungen, in welchen sich zeigt, dass Leser zum Teil weniger Zeit damit verbringen der Berichterstattung zu folgen.

Ebenfalls interessant: Die deutliche Mehrheit der Befragten( 88,1 Prozent) gab an, sich Beiträge wie bei transform auch von anderen Medien zu wünschen. 

transform-Beiträge können dazu anregen, das eigene Denken zu reflektieren und eventuell das Handeln zu verändern

Der Großteil der Befragten (63 Prozent) gab an, nach dem Lesen von transform Beiträgen schon einmal motiviert gewesen zu sein, sich anders zu verhalten. Es zeigte sich, dass einige Leser tatsächlich durch transform schon einmal inspiriert wurden, ihr Handeln zu verändern. Knapp die Hälfte der Befragten bejahte dies. Die Leser schrieben vor allem in den Bereichen „Konsum und Arbeit“ sowie „Nachhaltigkeit allgemein“ schon einmal etwas verändert zu haben. Einige schrieben, dass sich ihre Einstellung zur Arbeit geändert hat und dass sie bewusster konsumieren. Ein weiterer Leser gab an, seine Einstellung zu Reichtum grundlegend geändert zu haben.

Es ist so eine Sache mit Befragungen: Vielleicht haben einige  so geantwortet, weil das eben als allgemein erwünscht gilt. Es kann auch keine Aussage darüber getroffen werden, welche andere Faktoren auf euch Einfluss hatten. War wirklich der transform-Artikel ausschlaggebend? Hat er nur ein wenig dazu beigetragen? Dies kann nicht beantwortet werden. 

Vernachlässigt der Fokus auf Lösungen die Probleme?

Häufige Kritikpunkte am konstruktiven Journalismus sind: versteckte Werbung, zu unkritisch zu berichten, Probleme zu vernachlässigen. Zumindest für die transform-Leser bestätigt sich dies nicht. Die Aussage, transform würde Probleme vernachlässigen, verneinten ebenfalls beinahe alle. Nämlich 88,2 Prozent, der Befragten.

In konstruktiven Journalismus steckt ein großes Potenzial. Selbstverständlich heißt das dies nicht, dass Probleme nicht mehr berücksichtigt werden. Auch keine Lösung um jeden Preis. Wird das Konzept nach journalistischen Qualitätskriterien ausgeführt, könnte es dem derzeitigen Negativismus der Medien entgegenwirken und der erlernten Hilflosigkeit der Menschen Abhilfe leisten. Denn diese Hilflosigkeit ist riskant: „Für jeden Einzelnen kann diese Hilflosigkeit Pessimismus und Depressionen begünstigen. Auf gesellschaftlicher Ebene sind die Auswirkungen ähnlich dramatisch: Unsere Bereitschaft, aktiv an der Gestaltung gesellschaftlicher Umstände mitzuwirken, sinkt. Und wir zeigen uns weniger hilfsbereit“, schreibt Maren Urner in ihrem erst erschienen Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“.

Das ist tatsächlich oft zeitaufwändiger. Es kommt in der Recherche immerhin eine weitere Frage dazu: „Was jetzt?“. Vielleicht summen einige Redakteure*innen die Frage ja bald vor sich her, wenn über neue Wege geschrieben wird. 


Weiterlesen

Urner, Maren (2019): Schluss mit dem täglichen Weltuntergang. Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren. München: Droemer Verlag.

Beitragsbild: Josh Hild, CC0 unsplash

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