Januar ist traditionell nicht der Monat, in dem mensch sich auf Straßenfesten herumtreibt. Kein Grund, nicht trotzdem über die Planung eines nachbarschaftlichen „Tags des guten Lebens“ nachzudenken, wie er in Köln 2013 zum ersten Mal stattfand. Dabei ging es allerdings nicht um Jahrmarktsgefühl und Vergnügungen, sondern darum, Diskussionen zu eröffnen: Über die Zukunft der Stadt im Kontext von Klimawandel und Ressourcenknappheit, über politische Machtgefüge und urbanes Miteinander.

 

Wie wollen wir miteinander leben?

Wenn international und national über Nachhaltigkeit diskutiert wird, stehen meist Verzicht und wirtschaftliche Einbußen im Fokus. Die Stadt, genauer die urbane Nachbarschaft, bieten die Möglichkeit, andere Fragen zu stellen. Nicht mehr: Wer muss am meisten sparen? Sondern: Wie wollen wir miteinander leben?

Die Vision der autofreien Stadt

Während nationale Beschlüsse nicht selten als öko-diktatorisch abgelehnt werden und Konzerne und Individuen oft genug Schlupflöcher finden lassen, wurde mit dem Tag des guten Lebens (TdgL) eine neue Motivation geschaffen. Auch wenn die drohende Apokalypse oft als Argumentationsgrundlage dient, sollten beim TdgL Möglichkeiten aufgezeigt werden, die unabhängig von Peak Oil, Klimaflüchtlingen und heimatlosen Eisbären wünschenswert sind.

Kein Auto verparkt mehr den öffentlichen Raum.

Und es ist durchaus imposant, in welcher Größenordnung das Netzwerk Agora Köln, (=130 Organisationen) und viele ehrenamtliche Bürger*innen versucht haben, auf diese Frage Antworten zu finden. Beim TdgL findet das Leben auf der Straße statt, kein Auto „verparkt“ mehr den öffentlichen Raum, der praktischerweise zurückerobert wird für ein konsum-unabhängiges Miteinander.

Das Schlagwort „gutes Leben“ scheint genügend Identifikationsspielraum zu bieten: in Köln Ehrenfeld unterstützten alle Fraktionen das Vorhaben – ja, Köln Ehrenfeld. Klar, dass so was in hippen Szenevierteln funktioniert, könnte man den Machern nun vorwerfen. Die hatten es vorher in der Kölner Innenstadt versucht, doch das Vorhaben scheiterte an der Angst der Politik, die „Bürger mit zu visionären […] Projekten […] zu überfordern“. Die Bürger*innen in Ehrenfeld zeigten, dass sie weiter denken können, als eine derart entmündigende Politik ihnen zutraute.

Auch ein leitender Mitarbeiter der Kölner Stadtverwaltung gab zu, dass es mehr „Druck von der Zivilgesellschaft“ brauche, damit sich etwas verändert. In vielen Fällen ist die repräsentative Politik von populistischer Volksmeinung (und natürlich kommerziellen Interessen) getrieben und scheint in einem erschreckend vorauseilenden Gehorsam zu handeln, bzw. nicht zu handeln.

 

Bild (c) Katharina Schwartz, Tag des guten Lebens Köln 2014

Bild (c) Katharina Schwartz, Tag des guten Lebens Köln 2014

Glücklicherweise gibt es aber Menschen, die diesen Druck ausüben. Sie legten sie den Blick frei auf die Straße, wie sie sein könnte. Die neue Perspektive eröffnet immense Möglichkeitsräume: „Die meisten Anwohner staunten nicht nur beim Anblick dieses ungewöhnlichen autofreien Stadtbildes, sondern auch über ihre eigene gemeinsame Leistung – denn schon durch das individuelle Umparken des Autos […] war ein kollektives Kunstwerk entstanden – eine Art „soziale Plastik“. Es war der erste Beweis, dass man gemeinsam die Stadt verändern kann.

Eine CDU-Politikerin sprach gar von „paradiesischen Zuständen“.

Zum ersten Mal setzte sich ein buntes Netzwerk für eine verkehrspolitische Wende ein und zog das Thema Nachhaltigkeit aus der Verzichtsecke. Die Menschen konnten fühlen, was für eine feine Sache eine Straße ohne Autos ist. Sie konnten den Raum in seiner veränderten Dimension wahrnehmen. Eine CDU-Politikerin sprach gar von „paradiesischen Zuständen“. Natürlich gibt es auch Autobesitzer*innen, die sich von der Aktion eingeengt fühlten. Dass ihr Auto jedoch einen Tag lang nicht 13m² der Stadt in Anspruch nehmen durfte, zeigt, dass wir die Präsenz des Automobils an 364 Tagen des Jahres selbstverständlich hinnehmen, obwohl sie die Freiheit aller anderen einschränkt.

Doch es ging nicht nur um Autofreiheit. Ziel war auch die Vernetzung verschiedener Akteure aus Ökologie, Ökonomie, Sozialem und Kultur: Nur wer sich kennt, kann gemeinsam denken und handeln. Die Anpassung an und Milderung von Klimawandel ist eine Aufgabe, die alle betrifft, und deshalb von allen gemeinsam getragen werden sollte. Umso beeindruckender, dass schon früh basisdemokratisch beschlossen wurde, keine Sponsorengelder von Konzernen anzunehmen, die in ihrer Haupttätigkeit den Klimawandel befeuern – und das, obwohl das Geld knapp war.

Teilen gegen Ressourcenverschwendung

Nicht nur Visionen und Ziele lassen sich leichter teilen, wenn man sich kennt: Das Teilen von Gütern gilt als eine der wichtigsten Strategien gegen Ressourcenverschwendung. Bohrmaschine, Waschmaschine, Wohnzimmer, Lastenrad: würde das alles geteilt, müsste weniger produziert werden. Wo Nachbarn sich kennen, gelingt dies leichter. Das Vertrauen dafür zu schaffen und die Nachbarschaft zu fördern, ist ebenfalls Anliegen der Initiative.

Der TdgL findet seit 2012 regelmäßig statt. Das Teilen hat sich also als wirksam erwiesen – vor allem eine Kommunikationsleistung. Die Menschen müssen sich als „Teil des Projekts“ fühlen, wenn sie die anschließende Straßenreinigung selbst übernehmen oder wenn Gastronomen ihr Toiletten zur Verfügung stellen. Also alles eitel Sonnenschein am Rhein?

Die Veranstaltung war ohne Zweifel ein Erfolg: Sie hat stattgefunden, sie findet weiter statt und sie generiert öffentliche Aufmerksamkeit für die drängenden Themen unserer Zeit, indem er mit Lösungsansätzen experimentiert.

Organisator Brocchi nicht komplett zufrieden

Die Mehrheit gehört der Mittelschicht und kreativen Milieus an.

Davide Brocchi hat alles mitveranstaltet und bemerkt, wie der gemeinsame Prozess zugunsten des Events in den Hintergrund tritt: Der operative Druck lässt nicht immer Zeit für aufrichtigen Konsens. Darunter leiden dann Vertrauen und Motivation. Auch wenn die Engagierten sich für kulturübergreifendes Miteinander und Freiräume einsetzen, lässt sich nicht leugnen, dass die Mehrheit der Mittelschicht und kreativen Milieus angehört.

Das wiederum kann ausschließend wirken und Gentrifizierungsprozesse beschleunigen. Aber deswegen nichts tun? Nicht versuchen, auch an anderen Orten die Debatte anzustoßen und mit einem gemeinsamen Fest beginnen? Das wäre das falsche Fazit. Aber Brocchis Bericht sollte alle Aktiven noch kritischer ihr eigenes Vorgehen hinterfragen lassen:

Vielleicht muss der Türkische Kulturverein anders angesprochen werden als die Nachbarschaftsgärtnerinnen.

Das Thema ist sperrig und erreicht nicht alle.

Brocchi bedauert außerdem, dass die Ideale der Agora Köln den Anwohnenden nicht immer vermittelt werden konnten. Ein Dilemma: Das Thema Nachhaltigkeit ist sperrig und erreicht nur bestimmte Zielgruppen. Ein „Tag des guten Lebens“ bricht es herunter auf die Lebenswelt der einzelnen, öffnet den Zugang für eine größere Zahl von Menschen, hat dann aber wieder Schwierigkeiten, die eigenen Ideale zu etablieren. Gerade deshalb ist es spannend, wie sich die Agora Köln weiter entwickelt, wie sie und andernorts Aktive aus den Erkenntnissen lernen.

Denn auch wenn das Konzept nicht einfach auf jede beliebige Nachbarschaft übertragbar ist, Inspiration kann es ohne Zweifel sein. Die Politik könnte einen Beitrag leisten, indem sie in jeder Nachbarschaft Räume zur Verfügung stellte, die Begegnungsmöglichkeiten bieten und von der Nachbarschaft selbst gestaltbar sind.

Die Wettbewerbslogik sitzt eben tiefer, als wir denken.

Brocchi wünscht sich aber auch: einen Kulturwandel. Denn in seinem Bericht wird deutlich, welche Veränderung der zwischenmenschlichen Kommunikation gesamtgesellschaftlich nötig ist. Es zeigt sich, wie schwierig es schon auf lokaler Ebene ist, sich als Gruppe zu empfinden und zu handeln, sich vom nach Selbstbestätigung sehnenden Wettbewerbsdenken zu lösen. Dieses entsteht im Produktivitätsdruck, in dem sich nicht die Zeit für gegenseitiges Kennenlernen und aufrichtige Anerkennung genommen wird.

Ein gemeinsames konkretes Ziel wie die Organisation eines Fests kann Menschen verbinden. Sich zu sehr auf die Produktivität des Outputs zu fokussieren und das unproduktive einfache Miteinander zu vernachlässigen, führt zu Missverständnissen, Unausgesprochenem, Unzufriedenheit und der Suche nach dem Eigennutz. Das haben die Engagierten in Köln gelernt. Die Wettbewerbslogik sitzt eben tiefer, als wir denken.

Das Plädoyer daher: „Entschleunigung sollte nicht nur als ein Event praktiziert werden, sondern auch im Prozess gelebt werden.“ Der TdgL generiert Öffentlichkeit. Konzeptideen und Projektumsetzungen werden aber nicht an einem Sonntag im Jahr entwickelt.

Es gilt, unsere gemeinsame Zukunft neu auszuhandeln. Dabei kämpfen wir auch gegen einen Teil unserer Selbst, der in einer Wettbewerbsgesellschaft sozialisiert wurde. Dass es dabei zu Konflikten kommt, ist unvermeidbar. Die Frage ist, ob wir daraus lernen, was wir daraus lernen und mit welchen neuen Strategien wir in den Kampf schreiten.


Titelbild: (c) Katharina Schwartz, Tag des guten Lebens Köln 2014

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