Illustration: Dorothea Pluta für transform

Auf der Suche nach dem verlorenen Maß

Höher, weiter, schneller – weniger? Um unsere Umwelt zu schützen, plädiert Autor Thomas Vogel zur Mäßigung. Klingt alt und verstaubt? Im Interview erklärt er, wie ein gemäßigtes und ein gutes Leben zusammenpassen.

Kurze Bestandsaufnahme: 39 Shirts, 8 Hosen, 17 Kleider, 20 Pullis, 25 Schuhe – die Liste geht noch weiter. „Ich finde, dass sich das eigentlich gar nicht nach so viel anhört. Aber ich frag euch mal: Viel, viel zu viel? Was habt ihr so im Schrank hängen?“

Es ist ein treffendes Beispiel, das Erziehungswissenschaftler Thomas Vogel in seinem Buch Mäßigung beschreibt: Ein Mädchen fragt in einem Forum nach Rat. Und zeigt damit die Unsicherheit unserer Gesellschaft bei der Frage: Wie viel ist denn jetzt genug?

Klimawandel, Artensterben, Hungersnöte – Es sind traurige Aufzählungen, die uns ständig daran erinnern: Unsere Lebensstile zerstören die Umwelt. Für Vogel liegt die Antwort darauf in der jahrtausendealten Philosophie der Mäßigung.

Nur ein unglücklicher Konsument ist ein guter

Zugegeben: Es klingt nicht gerade nach Spaß, was er da fordert. Vorschriften und Einschränkungen scheinen an dem Begriff zu kleben. Und die passen für viele nicht in das Konzept eines freien Lebens. Aber sind wir wirklich so frei? „Der ideale Konsument sollte mit dem, was er hat, möglichst permanent unzufrieden und unglücklich sein, denn sobald er zufrieden und glücklich wäre, würde er keine neuen Güter benötigen“, schreibt Vogel in seinem Buch. In der Mäßigung sieht er ein Denkkonzept, dass den Menschen aus dem „Hamsterrad der Konsumgesellschaft“ heraushelfen könnte.

Mäßigung endet nicht im Leben unter einer Schafherde

Er bezieht sich auf die alten Philosophen, erklärt woher die Tugend kommt und warum diese heute unabdingbar ist. Am Ende des Buches weiß der Leser: Mäßigung heißt nicht gleich Verzicht. Sie fordert auch nicht das Leben im Exil unter einer Schafherde, wie das Cover vermuten lässt. Vielmehr muss jeder selbst für sich das richtige Werkzeug aus dem Buch wählen, muss jeder für sich selbst das richtige Maß erkennen. Wie das gelingt? transform hat mit Vogel darüber gesprochen.

Coole Gang: Leben in einer Schafherde hat sicher Vorteile – nötig ist es aber nicht. Foto: Ariana Prestes, CCO Unsplash

transform: Wann haben Sie zuletzt bewusst auf etwas verzichtet?

Thomas Vogel: Ich lebe auf dem Land und fahre ein 20 Jahre altes Auto. Wenn man so will, verzichte ich zum Beispiel auf ein neues Auto. Viele würden sagen: „Der schränkt sich ein“, aber für mich persönlich ist das kein Verzicht. Ich komme von A nach B und brauche kein anderes Auto, um Leuten zu imponieren. Es geht bei der Mäßigung immer um einen bewussten Konsum, nicht um Verzicht.

transform: Shoppen ist für viele aber immer noch ein Hobby, auch auf den Billigflug wird ungern verzichtet. Wieso fällt es uns oft so schwer, nachhaltig zu handeln?

Es ist ein großes Problem, dass Menschen häufig in entfremdeten Arbeitsverhältnissen tätig sind. Wenn sie 40 Stunden pro Woche unter solchen Bedingungen arbeiten, brauchen sie einen Ausgleich: ob Reisen oder Konsumgüter – Das sind sozusagen Linderungsmittel, damit Menschen ihr Arbeitsleben besser ertragen können. Wieso müssen wir zum Beispiel Autoscooter auf Kreuzfahrtschiffen fahren? Das kann nur Leute ansprechen, die Ablenkung suchen und über ihre Bedürfnisse nicht ausreichend reflektieren.

transform: Heißt das, wir brauchen neue Arbeitskonzepte?

Auf jeden Fall! Die ganzen Produktivitätsfortschritte, die zu beobachten sind, gehen weitgehend zu Gunsten der Aktionäre. Menschen werden trotzdem dazu angehalten 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. Dabei müsste man sie mehr aus den Arbeitszwängen befreien.

transform: Seit 2016 steigen in Deutschland die Konsumausgaben weiterhin an. Ist es in einem kapitalistischen System überhaupt möglich, sich zu mäßigen?

Es wird den Menschen zumindest sehr schwer gemacht. Konzerne haben die intelligentesten Werbepsychologen rekrutiert. Sie greifen in unser Denken und prägen unsere Bedürfnisse. Mit besonders perfiden Methoden arbeitet das sogenannte Kindermarketing: Über die Spiel-, Wunsch- und Themenwelten werden Produkte mittels Internet, Fernsehen in die Köpfe der Kinder gebracht, besser gesagt gebrannt. Dabei fehlt den Kindern aber noch jegliche Möglichkeit, zur Werbung auf kritische Distanz zu gehen.

Menschen verfolgen Trugbilder eines glücklichen Lebens, ihnen wird etwas vorgegaukelt. Sie machen viele Überstunden, um sich etwas leisten zu können. Dann kaufen sie sich irgendwann zum Beispiel ein Auto, um zu imponieren. Zufrieden sind sie am Ende trotzdem nicht. Sie haben weniger Zeit für die Dinge, weil sie so hart dafür arbeiten müssen. Es ist ein Teufelskreis.

Foto: Sarah Dorweiler, CCO, Unsplash

„Nicht das Minimum ist das rechte Maß, sondern die Mitte zwischen zu viel und zu wenig.“

Thomas Vogel

Foto: Sarah Dorweiler, CCO Unsplash


transform: Sie kritisieren den Minimalismus als eine Art Bulimie, die den Menschen sogar krank machen kann. Dabei ist doch gerade Minimalismus gelebte Mäßigung.

Eigentlich besteht zwischen Minimalismus und Mäßigung kein ganz großer Unterschied. Minimalismus meint das Streben nach ganz Wenigem. Man konzentriert sich darauf, möglichst viel abzuwerfen. Das könnte Menschen auch überfordern. Es könnte passieren, wenn sie sich zu sehr einschränken, dass sie irgendwann wieder in die Gegenrichtung streben – ähnlich wie man es bei Diäten durch JoJo-Effekte kennt. Nicht das Minimum ist das rechte Maß, sondern die Mitte zwischen zu viel und zu wenig.

transform: Mäßigung klingt eher verstaubt, nach Verzicht und Einschränkung. Kann ein gemäßigtes, gutes Leben auch Spaß machen?

Der griechische Philosoph Epikur hätte hierauf geantwortet, dass allein das gemäßigte Leben Spaß macht. Epikur sah die Kultivierung der eigenen Lust als ein Mittel, um Glückseligkeit und inneren Frieden zu erreichen. Das gelingt dem Menschen dann, wenn sein Körper gesund und seine Seele ruhig ist. Wer sich in der Tugend der Mäßigung übt, erlangt ein stärkeres Selbstbewusstsein. Er wird unabhängig von den vielen Manipulationen, die täglich auf uns einströmen.

Es ist schwer. Aber wenn man’s schafft, gewinnt man einen souveränen Selbstbezug, eine Gelassenheit. Man könnte sagen, die Seele findet eine innere Ruhe. Und das ist ein gutes Gefühl.

transform: Ist Mäßigung für ein gutes Leben also unverzichtbar?

Demokrit hat sich schon damals über die Mäßigung gefreut
Bild: CC wikimedia

Es ist die bessere Alternative gegenüber dem, was die Maßlosigkeit uns an Alternativen anbietet. Zukünftig werden wir keine Alternative haben, ökologisch stößt die Erde an ihre Grenzen und die Menschen sind von der Komplexität der Kultur zunehmend überfordert und werden psychisch krank. Wenn die Entwicklung sich so weiter fortsetzt, zum Beispiel beim Klimawandel, wird uns Mäßigung zwangsläufig abverlangt werden. Dazu gibt es eine schöne Formel von Demokrit: „Wenn man das rechte Maß verfehlt, wird das Angenehmste zum Unangenehmsten.“

transform: Fünf, acht oder zwanzig T-Shirts – Wie viel ist denn nun genug?

Es gibt natürlich keine mathematische Formel für das rechte Maß. Man kann aber Kriterien entwickeln. Zum rechten Maß führt eine gewisse Ordnung im Verstand, die mit Denken beginnt. Denke über dich selbst nach und reflektiere dein Handeln. Befrage dich zunächst, wie und wer du bist.

Das rechte Maß erfordert einen ständigen Ausgleich zwischen Genuss und Verzicht, zwischen Arbeit und Ruhe, zwischen Gespräch und Stille, zwischen Gemeinschaft und Alleinsein. Um beispielsweise eine rechte Mitte im Konsum zu finden, sollte man sich gründlich überlegen, welche Anzahl von Kleidungsstücken, Haushaltsgeräten, Kosmetik man wirklich braucht.    

transform: Haben Sie das richtige Maß für sich gefunden?

Die Suche nach dem richtigen Maß ist ein permanenter, lebenslanger Suchprozess.  Ich beschäftige mich schon lange mit den Auswirkungen meines Handelns und dem rechten Maß in meinem Lebensalltag. Und auch ich bin immer noch auf der Suche nach dem richtigen Maß. Mäßigung ist eine ständige Arbeit an sich selbst, eine gestaltende Lebenskunst.


Buchauszug: Thomas Vogel (Foto: Daniel George) ist Erziehungswissenschaftler und Mitglied im Direktorium des Zentrums Bildung für nachhaltige Entwicklung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit philosophischen und bildungstheoretischen Fragestellungen im Kontext der gesellschaftlichen Naturkrise.


Text: Marie Fetzer

Illustration: Dorothea Pluta

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