Aktivist_innen wollen Beschleunigung statt Entschleunigung

Während die Suche nach Entschleunigung andauert und sich zum Beispiel im Aufpoppen neuer Yogastudios, Offline-Apps und einer Romantisierung des Landlebens äußert, fordert die Protestbewegung „Akzelerationismus“ genau das Gegenteil: Beschleunigung – und zwar die Beschleunigung des Kapitalismus.

Es ist nicht nur schwer, Akzelerationismus auszusprechen, es ist auch schwer, ihn zu beschreiben. Am ehesten passt vielleicht, ihn als “Beschleunigungs-Philosophie“ zu bezeichnen. Die Anhänger_innen des Akzelerationismus wollen den Kapitalismus mit seinen eigenen auf Wachstum ausgerichteten Mitteln schlagen. Die philosophische Strömung kam in Londoner Techno-Kultur der 90er Jahre auf.

Die Kultur ist bunt gemischt: mosaikhaft setzt sie sich aus Elementen der Science-Fiction Filmkultur, der Beschäftigung mit Automatisierung, Algorithmen, Horrorfilmen und Schriften von Marx und Lenin zusammen. Gerade durch die filmischen Einschläge aus dem Horror Fiction Genre stellen Anhänger_innen der akzelerationistischen Denkrichtung die Entfremdung des Individuums in kapitalistischen Gesellschaften dar.

Der Akzelerationismus fordert den totalen Zusammenbruch des Kapitalismus.

Längst ist die Idee des Kapitalismus derart präsent, dass seine Prinzipien des Konsums, der Gewinnmaximierung und Ausbeutung unsere gesamte Lebenswelt durchdrungen haben. Gerade weil der Kapitalismus so dehnbar ist, scheint diese Tendenz unentrinnbar und eine Bekämpfung der Entfremdung ausweglos. Denn der Kapitalismus macht sich viele Protestformen früher oder später zu eigen und lässt somit den Wolf im Schafspelz immer wieder neu auftreten.

So macht eine boomende und scheinbar grüne „Wellnessökonomie“ ein Geschäft mit entschleunigten Lebensstilen und bedient dabei fleißig die Megamaschine Kapitalismus. Der Akzelerationismus erkennt diese Wandelbarkeit des Kapitalismus und fordert statt einer grünen Abmilderung oder Hinauszögerung dessen totalen Zusammenbruch. Dieser soll vor allem mit modernen technischen Mitteln erreicht werden. Diese technische Affinität trifft den Nerv der Zeit, denn Hochgeschwindigkeitsaktienhandel,  Google-Algorithmen und Überwachungskameras mit Gesichtserkennung gehören zu den neusten Auswüchsen des kapitalistischen Systems:

„Die heutige Form des Kapitalismus ist ein Objekt, das unaufhörlich in immer höheren Abstraktionsgraden ausufert (…). Obwohl der Kognitive Kapitalismus die Lebenswirklichkeit bereits weithin eingenommen hat, kann und muss der Versuch unternommen werden, den Bewegungen in Form einer epistemischen Akzeleration nicht nur nach-, sondern zuvorzukommen.“
(Quelle)

Was bleibt ist bittere Irritation

Ein derartiges Zuvorkommen erfordert dabei an erster Stelle das Verstehen der Funktionsweise und Logik des vorherrschenden Systems. Somit wird der Kapitalismus nicht einfach nur abgelehnt, sondern ernst genommen und seine Omnipräsenz akzeptiert.  Dies ist dringend notwendig, denn unsere Lebenswirklichkeit ist bereits so weit von kapitalistischen Prinzipien durchdrungen, dass es kein Zurück mehr gibt. Der Sprung zu dystopischen science-ficition Vorstellungen ist da nicht mehr weit.

Bleibt ein verzweifelter „jetzt erst recht“ Konsumrausch?

Diese Auffassung steht für die Akzelerationist_innen im Kontrast zu dem sonstigen politischen Positionen einer „konformen Demokratie“, die nicht mehr in die Zukunft denkt. Stattdessen verharrt sie entweder in einem Art Schockzustand oder verherrlicht den Status-Quo. Es kommt zu politischem Stillstand gepaart mit einer latenten technischen Unwissenheit, die der steten kapitalistischen Beschleunigung nicht gerecht werden kann. 

Diese Tendenz zieht sich bis zu den Kritiker_innen des Systems durch, die in den Augen der Akzelerationist_innen durch ihre Protestformen keine Lösungen aufzeigen sondern nur darauf verweisen, wie es nicht sein soll. Was aber soll sein? Wer denkt in unsere Gesellschaft noch radikal anders oder neu? Wer hat noch den Mut Zukunftsszenarien aufzustellen?

Der Akzelerationismus sieht den gegenwärtigen Bedingungen klar ins Auge, fragt nach vermeintlich positiven Effekten des Kapitalismus und denkt radikal in die Zukunft – in den Raum, der entsteht, wenn das derzeitige kapitalistische System zusammengebrochen ist. Allerdings tut er dies ohne jegliche konkrete Handlungsanweisungen oder ausformulierte Vorstellungen einer post-kapitalistischen Welt. Was also bleibt? Bittere Provokation? Die öffentliche  Anerkennung der  teilweise horrorfilmähnlichen Zustände unserer Welt? Ein verzweifelter „ jetzt erst recht“ Konsumrausch?

Vom Konsumrausch und dessen revolutionären Wirkung ist zumindest das akzelerationistische Projekt „RLF“ (wrong life can be lived rigthly) überzeugt. Es sieht sich selbst als „transmediales Universum“, das durch den Verkauf von Luxusprodukten den Zusammenbruch des Kapitalismus finanzieren will. So wird politischer Aktivismus zum aktiven Kauf-Marketing und Überkonsum zur Protestform. 

Zwei Seiten der gleichen Medaille? Überkonsum und Verzicht.

Genug abstrakte Theorie, wagen wir ein Gedankenexperiment: Angenommen, ein fiktiver Akzelerationist der RLF trifft eine fiktive Postwachstums-Überzeugte, die sich gegen Wirtschaftswachstum und für Entschleunigung ausspricht. Was passiert? Zwei Szenarien: Beide schlagen sich aufgrund der offensichtlichen Gegensätze ihrer Standpunkte die Köpfe ein.

Oder die beiden kommen ins Gespräch: „Du konsumiert weder achtsam, noch begegnest du dem Kapitalismus durch Entsagung“ sagt die Postwachstums Anhängerin und holt tief Luft. „Stattdessen  kaufst du wild drauf los – je dekadenter desto besser – (dabei schaut sie verächtlich auf seine vergoldeten Sneakers) und rechtfertigst dein Handeln durch deine pessimistisch Auffassung, dass in der Gegenwart so oder so nichts mehr zu retten sei. „Und du?“  sagt der Akzelerationist.

„Ziehst dich in deiner Wohlfühl-Blase in deinem Szene-Kiez zurück und denkst,  dass du mit deinem veganen Macha-Latte die Welt veränderst während du eigentlich nur die Ausmaße der Zerstörung verdrängst?“ Seine goldenen Sneakers funkeln in der Sonne. Er denkt. Die Postwachstums Überzeugte handelt. Und tritt, um mit Hartmut Rosa zu sprechen, in Resonanz mit der Welt. Indem sie eben keinen veganen Matcha Latte trinkt, sondern auf Lokalität und Saisonalität ihrer Lebensmittel achtet. Indem sie bestimmte Produkte eben nicht nachfragt.

Indem sie, so gut es eben geht, den Kapitalismus nicht noch weiter anheizt. Indem sie den tiefliegenden Narrativen des kontinuierlichen Wirtschaftswachstums, der rationalen Herangehensweise und der individuellen Nutzenmaximierung andere Geschichten von Kollektivität, Veränderung und Vertrauen entgegensetzt, vielleicht ja sogar schon heute umsetzt. Aber vielleicht wurde die Postwachstumsüberzeugte von der scheinbar so anderen Protestkultur und ihrer Herangehensweise ein Stück weit zum Nachdenken angeregt: Schirme ich mich zu sehr ab?

Denke ich noch in die Zukunft oder ziehe ich mich in eine nostalgische Verklärung der Vergangenheit zurück? Habe ich eigentlich verstanden wie technischer Fortschritt und somit ein Stück weit das System funktioniert? Denn zu verstehen, wie das kapitalistische System tickt, ist die Basis jeglichen antikapitalistischen Protests: Für Beschleuniger_innen wie Entschleuniger_innen.

 

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Ist selbst der Turbokapitalismus noch zu langsam? Die philosophische Schule des Akzelerationismus träumt von einer Beschleunigung des Fortschritts. Ist das nun eine linke oder eine rechte Phantasie?– WELT


Bild: Anna Dziubinska auf Unsplash

Text: Lisa Oehler

LisaLisa studierte Kultur-, und Kommunikationswissenschaften und macht nun ihren Master in Nachhaltigkeitswissenschaften. An den Küchentischen dieser Welt denkt sie quer, improvisiert in Projekten und versucht so, im Hier und Jetzt alternative und wachstumsunabhängige Lebensweisen umzusetzen.

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