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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

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Fragen wir Mitmenschen in unseren Breiten, was ihnen für ein ‚Gutes Leben‘ fehlt, kommt meist eines zuallererst: Zeit. Unsere Grundbedürfnisse sind gedeckt, doch den meisten fehlt dieses unverkäufliche, stetig verrinnende Gut.

Fragen wir weiter, was denn ein ‚Gutes Leben‘ ausmacht, so kommt ebenfalls oft etwas mit Zeit – etwa Zeit, mit den Menschen, die einem wichtig sind. Danach nennen viele Zeit für einen entspannten Abend, Urlaub oder Hobbys und erst später kommen finanzielle Sicherheit und materieller Wohlstand.

Selbst die Bundesregierung beschäftigt sich mit dem ‚Gutem Leben‘. Nicht nur deshalb sind Gedanken darüber alles andere als ‚unpolitischer Hippimist‘ oder eine rein persönliche Angelegenheit. Im Gegenteil: Das ‚Gute Leben‘ scheint zunehmend ungleich verteilt zu sein. So unterscheidet sich beispielsweise die Lebenserwartung in Bremen um 8 Jahre, je nachdem ob die Bewohner in einem Viertel mit einer gut oder schlecht verdienenden Bevölkerung leben. In Glasgow unterscheidet sich die Lebenserwartung inzwischen sogar um ganze 20 Jahre – je nach sozialer Gruppe.

maedel

Das gute Leben hat also sowohl eine ganz konkrete Dimension im persönlichen „Hier und Jetzt“ (ob deine Freunde nun „Carpe diem“, „Seize the day“ oder „Yolo“ sagen, um das Gute Leben zu feiern), als auch eine politische Dimension. Und diese politische Dimension hat es in sich – sie ist vielleicht eine der letzten Rückzugsorte unserer Utopien. Die Alternativlosigkeit der Kanzlerin, politische Sachzwänge, Alltagsprobleme – all das verschwindet wenn wir über das ‚gute Leben‘ sinnieren.

Wie sieht das aus? In was für einer Gesellschaft wollen wir zukünftig (gut) leben? Gibt es dort nur selbstfahrende Autos und vernetzte Küchengeräte oder sind dort auch andere Dinge anders?

M. Nussbaum versteht unter Faktoren des ‚Guten Lebens‘ interessanterweise nicht bloße Dinge oder Aktionen, sondern die Ermöglichung der Ausübung von Grundfähigkeiten. In ihrem Buch ‚Gerechtigkeit oder Das Gute Leben‘ listet sie diese auf:

1. Die Fähigkeit, ein volles Menschenleben bis zum Ende zu führen; nicht vorzeitig zu sterben oder zu sterben, bevor das Leben so reduziert ist, dass es nicht mehr lebenswert ist.

2. Die Fähigkeit, sich guter Gesundheit zu erfreuen; sich angemessen zu ernähren; eine angemessene Unterkunft zu haben; Möglichkeiten zu sexueller Befriedigung zu haben; sich von einem Ort zu einem anderen zu bewegen.

3. Die Fähigkeit, unnötigen Schmerz zu vermeiden und friedvolle Erlebnisse zu haben.

4. Die Fähigkeit, die fünf Sinne zu benutzen, sich etwas vorzustellen, zu denken und zu urteilen.

5. Die Fähigkeit, Bindungen zu Dingen und Personen außerhalb unser selbst zu haben; diejenigen zu lieben, die uns lieben und für uns sorgen, und über ihre Abwesenheit traurig zu sein; allgemein gesagt: zu lieben, zu trauern, Sehnsucht und Dankbarkeit zu empfinden.

6. Die Fähigkeit, sich eine Vorstellung vom Guten zu machen und kritisch über die eigene Lebensplanung nachzudenken.

7. Die Fähigkeit, für andere und bezogen auf andere zu leben, Verbundenheit mit anderen Menschen zu erkennen und zu zeigen, verschiedene Formen von familiären und sozialen Beziehungen einzugehen.

8. Die Fähigkeit, in Verbundenheit mit Tieren, Pflanzen und der ganzen Natur zu leben und pfleglich mit ihnen umzugehen.

9. Die Fähigkeit, zu lachen, zu spielen und Freude an erholsamen Tätigkeiten zu haben.

10. Die Fähigkeit, sein eigenes Leben und nicht das von jemand anderem zu leben.
10 a. Die Fähigkeit, sein eigenes Leben in seiner eigenen Umgebung und seinem eigenen Kontext zu leben

Doch im Endeffekt ist es wohl zweitrangig, wer in welcher Art das ‚Gute Leben‘ beschreibt. Anstatt auf Definitionen zu warten, hilft es wohl am ehesten auf einen Zettel zu schreiben, was einem Spaß macht. Und das dann einfach öfter zu berücksichtigen. Analog dazu: alles auf einen Zettel schreiben, was keinen Spaß macht, und das weniger tun!

Gesamtgesellschaftlich oder gar global betrachtet, wird es schon schwieriger möglichst allen Menschen das Gute Leben zu ermöglichen. Steigende soziale Ungleichheit, in vielen Regionen immer noch bestehende, bittere Armut und Umweltzerstörung. Ist es naiv bis idiotisch das Gute Leben im großen Maßstab zu suchen?

Als Bertold Brecht mit einem Freund spazieren ging fragte ihn dieser: „Exil, Armut, die Angst vor den Nazis, die mühselige Arbeit an Theaterstücken – was hat das genützt?“ Brecht antwortete: „Ohne uns hätten sie es leichter gehabt.“

Also lasst uns das Gute Leben suchen und es anderen ermöglichen. Es wäre nicht nur schade, sondern fatal, wenn vor allem Werbung-durchtränkte Hochglanzmagazine öde Artikel über das Gute Leben schreiben und es ansonsten schlichtweg vergessen wird. Während wir uns diesem Thema annähern, werden wir hingegen weder streitbare Themen meiden, noch das Lebenswerte vergessen – denn irgendwo da liegt es für jeden verborgen: das Gute Leben.

 


 

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[Das Titelbild und im Artikel eingebettete Foto sind Creative Commons.]

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