Illustration: Stefan Große Halbuer

Zwischen Selbstverwirklichung und Fremdbestimmung

Der große Lebenstraum, aus dem die Motivation für tägliche Aufgaben entsteht, ist ein schöner Gedanke. Was aber, wenn der Erfolg zum Pyrrhussieg wird, der zu viel Lebensfreude, Zeit und Kraft kostet? Ist das dann noch Selbstverwirklichung?

Der Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz hat eine kluge Gesellschaftstheorie entwickelt, die zeigt, wie viel sozialer Einfluss auch in individuellen Lebensvorstellungen steckt. Seine GrundtYhese: »Besonderes« zu tun ist heute ein gesellschaftlicher Imperativ. Das extravagante Leben hat das angepasste als Ideal abgelöst. Aberwitzigerweise entsteht dadurch eine Art Zwang zur Besonderheit, denn diese macht das Individuum gegenüber anderen als Persönlichkeit attraktiv, stellt Reckwitz fest. In der Arbeitswelt, aber auch im Lebensstil gilt es permanent zu beweisen: Ich bin einzigartig und leiste tolle Dinge.

Als Ursachen dieser Entwicklung sieht Reckwitz vor allem eine zunehmende Akademisierung. Die inzwischen auf ein Drittel der Bevölkerung angeschwollene Akademikergruppe vertrete andere Werte als der frühere Mittelstand und bringe sie fordernd in die Gesellschaft ein. Im Fokus steht nun nicht mehr, den Nachbarn ebenbürtige Statussymbole anzuhäufen, sondern Anerkennung über ungewöhnliche Erlebnisse, Talente, Äußerlichkeiten und Taten zu erlangen.

Ist Selbstverwirklichung ein Luxus?

Das, was Reckwitz beschreibt, könnte für Freigeister im Grunde eine Idealwelt sein, denn sich entfalten dürfen und dafür respektiert zu werden, das wünschen sich sehr viele Menschen. Allerdings hat nicht jeder die Voraussetzungen, diese Freiheit auch auszuschöpfen. Als gesellschaftliche Maxime baut Selbstverwirklichung sehr viel Druck auf.

Was ist mit denen, die kein extravagantes Leben führen (können), weil sie zum Beispiel fernab einer Bildungsschicht aufwachsen, in der sie permanent an ihren Talenten feilen dürfen? Selbstverwirklichung, das ist eigentlich ein Luxus. Der Philosoph Richard David Precht geht sogar noch weiter, beschreibt sie gar als bedrohlich. »Wir sind gezwungen, uns selbst zu verwirklichen, weil wir ohne diese ‚Selbstverwirklichung‘ augenscheinlich gar nichts sind. Und uns verwirklichen heißt nichts anderes als auswählen aus Möglichkeiten. Wer keine Wahl hat, kann sich gar nicht selbst verwirklichen«, schreibt Precht. Und Menschen, die nicht wählen können, gibt es viele.

Deutlich macht das ein kleiner Gedankenausflug: Ab den 40er Jahren hat sich der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow damit beschäftigt, welche Notwendigkeiten erfüllt sein müssen, bevor Menschen beginnen, Selbstverwirklichung anzustreben. Er hat das hierarchisch in Pyramidenform dargestellt, wobei die Selbstverwirklichung die oberste Ebene bildet. Zunächst müssen demnach existenzielle Bedürfnisse, wie der Wunsch nach Sicherheit, Gesundheit und sozialer Einbindung befriedigt sein. Dann geht es Menschen um Anerkennung, und erst ganz zuletzt um Selbstverwirklichung.

Besonders zu sein, muss bewiesen werden

Ohne Maslows Modell zur Wahrheit auszurufen, drängt sich seine Logik doch auf: Schwer kranke Menschen etwa oder jene in prekären Arbeitsverhältnissen haben wohl dringendere Probleme zu lösen, als nach Verwirklichung zu streben. Und selbst, wenn Grundbedürfnisse gedeckt und die Voraussetzungen gut sind für ein Leben, das Talenten und Neigungen folgt: In fast allen Professionen braucht es Belege, Zeugnisse, normierte Qualifikationen. Besonders zu sein, das muss man auch beweisen können.

„Können Lebensziele, die es erfordern, sich fremdbestimmen zu lassen, überhaupt Teil einer Selbst-Verwirklichung sein?“

Wir haben einerseits die Möglichkeit, grundsätzlich alles zu werden. Um dem Wunschweg allerdings nachzugehen, bedarf es erst einmal einer Anpassung; zunächst müssen wir akzeptieren, dass wir in unserer Art der Selbstentfaltung dauernd verglichen und bewertet werden. Das ist paradox. Es soll nur um dich gehen und doch sind die anderen mit ihren Vorstellungen permanent präsent. So verschwimmen eigene Wünsche leicht mit gesellschaftlichen Idealen.

Von Elektrotechnik bis Kunst: Selbstverwirklichung hat viele Facetten; Foto: Eddy Klaus, CCO Unsplash

Was will ich? Können Lebensziele, die es erfordern, sich fremdbestimmen zu lassen, überhaupt Teil einer Selbst-Verwirklichung sein? Lebe im Moment, schätze den Augenblick — das sind kitschige Imperative, die im Grunde genau darauf Antwort geben sollen. Ohne eine philosophische Erörterung über das »Selbst« anzustellen, lässt sich sagen: Menschen sind sich weiterentwickelnde Wesen, deren Persönlichkeit sich stetig verändert. Das Leben auf starre Ziele auszurichten, muss sie auf Dauer einengen.
Also ohne Ziele leben? So in den Tag hinein, denn: YOLO? Um ein Entweder-oder kann es wohl nicht gehen, denn auch das Wünschen ist Menschen ja eigen.

Vielleicht aber müssen wir das, was wir Selbstverwirklichung nennen, immer wieder neu erkennen. Vielleicht werden wir sie so nie in Gänze erreichen, dafür aber zufriedener leben, weil wir uns öfter fragen: »Was macht mich glücklich?« Statt »Was will ich werden?« Manch ein Traum gehört vielleicht einfach mal über Bord geworfen oder relativiert. So wie wir uns ändern, sollten sich auch unsere Pläne wandeln. Leichter gesagt als getan? Es gibt Menschen, die ihr Leben tatsächlich nach eigenen Wünschen stricken. Zwei von ihnen haben wir getroffen. Der Rapper und Schauspieler Damion Davis und die Studentin Katja Lindemann verwirklichen sich selbst, sagen beide. Sie sind zufrieden — und haben uns erzählt, wie sie es bleiben.

Damion Davis — der Findende

Wenn Damion Davis von seiner Karriere erzählt, wirken Erfolge wie Beiläufigkeiten und sein Weg wie eine Aneinanderreihung von Zufällen. Der Rapper, der in Szenemedien als einer der besten Live-MCs Deutschlands bezeichnet wird, lebt ein anderes Selbstverwirklichungsmodell als das des einen großen Zieles. »Kämpfe und schaffe es von unten nach oben« — ein verbreitetes Hip-Hop-Narrativ, das so gar nicht zu ihm passen will.

Denn Motor seiner Karriere ist gerade das Unstete: ein Rap-, Rock- oder Reggae-Album, ein Film, musikpädagogische Projekte. »Selbstverwirklichung ist für mich, wenn man etwas findet, das einen mit einem selbst verbindet«, sagt er, »Ein innerer Diamant, an dem man schleift.« Zufriedenheit mit dem Leben kommt für ihn von innen, tritt ein, wenn die Lebensweise Talente, Freuden und Leidenschaften spiegelt. Damion bezeichnet sich als Glückskind, kann es manchmal nicht fassen, dass ihm so viel Gutes passiert.

»Ich habe eine Idee und es tut sich ein Weg auf, sie umzusetzen. So ist mein Leben verlaufen«, sagt er. Und sicher: Damion hat eine Familie, die ihn unterstützt, Eltern, die ihn früh gefördert haben, ein gesundes Kind, treue Freunde. Der hat halt einfach Glück gehabt, ließe sich annehmen. Doch so selten wie Menschen, die von sich sagen, ihr Leben fließt von selbst in die richtigen Bahnen, sind die, die sich wie Damion als frei bezeichnen. Mit großer Wahrscheinlichkeit hängt beides zusammen.

»Ich suche nicht nach, ich finde was vor«

Auch für Damion ist das Leben nicht nur eitel Sonnenschein. Aber er schafft es, den trüben Tagen mit Gleichmut zu begegnen und schlechte Erfahrungen in Produktivität umzuwandeln, mit Musik als Ventil. Aus der Akzeptanz für die Höhen und Tiefen zieht Damion Davis eine außergewöhnliche Offenheit gegenüber dem Leben. Das macht ihn gelassen und neugierig auf das, was kommt. »Ich suche nicht nach, ich finde was vor«, rappt er in »Glücksprinzip«. Selbstverwirklichung kann auch das Gegenteil eines ausgeklügelten Lebensplans sein: Was kommt, das kommt und es wird einen Sinn haben.

Illustration: Stefan Große Halbuer
Illustration: Stefan Große Halbuer

Katja Lindemann — die Unabhängige

»Glücklichsein ist eine persönliche Entscheidung«, sagt Katja Lindemann. Sie glaubt, dass grundsätzlich alle diesen Zustand erreichen könnten, wenn sie sich denn von gesellschaftlichen Prinzipien lösten — oder von Zwängen. Beides liegt für Katja sehr nah beieinander. Woran sie dabei denkt? Es sind Situationen, wie wenn ihre Eltern die Lehramtsstudentin mit Kind drängeln, ihr Studium voranzutreiben, um schnell für finanzielle Absicherung zu sorgen. Oder wenn ihre Freunde nicht mehr glücklich sind, weil sie zu viel arbeiten.

»Eigentlich spielt Selbstverwirklichung in unserer Gesellschaft eine sehr kleine Rolle. Individualismus ist ja nicht dasselbe, der ist viel oberflächlicher.« Gerade beruflich erfolgreich zu sein, heißt häufig, sich den Ansprüchen anderer zu unterwerfen, meint Katja. Das verhindere sogar, dass Menschen sich verwirklichen, weil sie für ihre Ziele ein abhängiges Leben akzeptieren müssten. Das finge schon in der Schule an, wo die Tauglichkeit für einen Arbeitsmarkt gesichert würde, der Zeugnisse vor Talente stellt.

„Auch Entscheidungen gegen die Gesellschaft können gut tun, wenn es Entscheidungen für einen selbst sind.“

Katja will alles anders machen. Sie will später individueller unterrichten und selbst mehr Zeit haben, für ihre Tochter, für Interessen und um sich an Zwischenmenschlichkeiten zu freuen. Das geht auch, weil ihr Geld nicht wichtig ist. »Ich bin noch nie an einen Punkt gekommen, an dem ich das Gefühl hatte, ich habe zu wenig«, sagt sie. Wer ein kleines Budget hat, müsse eben kreativ sein, gebrauchte Dinge kaufen, Kinderangebote gut auswählen.

Obwohl sie momentan Hartz IV bekommt, fühlt Katja sich reich. Das ist sie auch, denn sie hat etwas, das viele Menschen suchen: ein tiefes Vertrauen ins Leben und den Mut, sich nicht anzupassen. Auch Entscheidungen gegen die Gesellschaft können guttun, wenn es Entscheidungen für einen selbst sind.

Ein ständiger innerer Monolog

Selbstverwirklichung hat viele Facetten. Je nach Alter und Lebenserfahrung öffnen sich neue Wege zum Glück. Man muss sie nur erkennen können, manchmal auch in Niederlagen. Die Beispiele von Damion Davis und Katja Lindemann zeigen: Sich zu verwirklichen, ist kein abgeschlossener Zustand, viel mehr ein innerer Monolog um die Frage »Was macht mich glücklich?«. Diesen beständig zu führen, bringt einen nah an eigene Wünsche. Denn empfundenes Glück ist erst einmal unabhängig von gesellschaftlichen Idealen. Und das sollte auch eine Selbstverwirklichung sein.


Bücher zum Weiterlesen


Text: Josephine Macfoy

Illustration: Stefan Große Halbuer


transform Ausgabe 5

Dieser Beitrag stammt aus unserer neuesten Ausgabe zum Thema „Luxus“! Und die kannst du dir hier bestellen. Damit unterstützt du unsere Arbeit.

Newsletter


Auch spannend
Fussballfeld, Markus Spiske, CC0 Unsplash
Wie ich die Liebe zum Fußball entdeckte