Kinderkriegen ist in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein großes, zentrales Ereignis. Ein Luxusgut beinahe. Damit wird die Art und Weise der Geburt zum Thema. Für einige ist heute scheinbar klar: Das muss zuhause passieren. Unsere Gastautorin rät bei diesem Trend zur Vorsicht. Gerade wer auf dem Land lebt, kann nicht immer mit schneller ärztlicher Versorgung rechnen.

Dieser Beitrag ist eine Antwort auf den von Rebecca Böhme hier veröffentlichten Beitrag, der die Vorzüge einer Geburt zu Hause wiedergibt.

Es ist das Ungewisse, das unweigerlich auf die Schwangere zukommt.

Auch wegen der vergleichsweise geringen Anzahl von Kindern pro Familie wurde der Umgang vieler Frauen mit dem Thema Geburt verkrampft. Das habe ich auch ohne persönliche Erfahrung in den vier Jahren meiner Facharztausbildung für Gynäkologie und Geburtshilfe festgestellt.

Es ist das Ungewisse, das unweigerlich auf die Schwangere zukommt und über das abenteuerliche Geschichten kursieren – im Freundeskreis und im Internet. Die meisten Frauen trauen sich eine „normale“ bzw. „natürliche“ vaginale Geburt zu, doch wird man als Arzt nicht selten mit Mythen und gesteigerten Ängsten konfrontiert, die es zu relativieren gilt. Einige Patientinnen können sich sogar eine Spontangeburt gar nicht vorstellen und wünschen sich von vornherein den geplanten Kaiserschnitt. Andere treten mit dem Wunsch nach einer außerklinischen Geburt zuhause oder in einem Geburtshaus an mich heran.

Die meisten Frauen beziehungsweise Paare informieren sich bei Veranstaltungen oder im Arztgespräch ausgiebig zur Möglichkeit der Minderung des Wehenschmerzes während der Geburt. Ein Großteil macht dann Gebrauch von der beliebten PDA, einer rückenmarksnahen Regionalanästhesie.

Diese Option besteht bei einer Hausgeburt allerdings gar nicht, denn um effektive Schmerzmittel bei der Geburt anzuwenden, müsste ein Arzt anwesend sein. Eine außerklinische Geburt wird aber in der Regel von einer Hebamme betreut und angeleitet. Vorteile sind die gewohnte Umgebung oder sehr stimmungsvolle Einrichtung, die nicht annähernd an ein Krankenhaus erinnert. Außerdem die 1:1 Betreuung durch die Hebamme, die individuell und mit Ölen, Massagen und Positionswechseln sehr gut auf die Gebärende eingehen kann.

Situation in Deutschland

In deutschen Krankenhäusern betreut eine Hebamme je nach Situation gleichzeitig bis zu zwei Geburten und ist nebenbei für ambulante Patientinnen oder solche, die kürzlich entbunden haben, zuständig. Dies ist eine anstrengende, manchmal auch riskante Überbelastung, die die notwendige Entspannung der Gebärenden trüben und so den Geburtsfortschritt beeinflussen kann.

Stresszustände des Kindes oder kritische Geburtsverläufe lassen sich sofort wahrnehmen.

Allerdings werden alle Geburten im Krankenhaus ärztlich begleitet und auch der Zustand des ungeborenen Kindes wird unter der Geburt kontinuierlich mit einem CTG, einer Aufzeichnung der kindlichen Herztöne, überwacht. So lassen sich Stresszustände des Kindes oder kritische Geburtsverläufe sofort wahrnehmen und ein ärztliches Eingreifen ist ohne zeitliche Verzögerung jederzeit möglich.

Im Gegensatz dazu werden zuhause oder im Geburtshaus diese Werte nur sporadisch gemessen. Der eventuell notwendige Weg in die Klinik kann zwischen 20 und 60 Minuten betragen, was einen gewissen psychischen Stress für das Paar bedeutet und im zum Glück sehr seltenen Ernstfall eine Lebensbedrohung für den Säugling oder die Mutter verursachen kann, zum Beispiel bei einer starken Blutung nach der Geburt.

Auch wenn das Thema Hausgeburt häufiger in den Medien erscheint und die Geburtshäuser boomen, ist dies noch immer nur für einen kleinen Teil der Paare interessant und es gibt strenge Auflagen: Risikoschwangerschaften werden bereits im Vorfeld ausgelesen und müssen an einer Geburtsklinik entbinden, etwa bei Bluthochdruck der Mutter, Mehrlingen oder Hinweisen auf Erkrankungen des Ungeborenen.

Jede sechste Entbindung muss aus unterschiedlichen Gründen abgebrochen und in ein Krankenhaus verlegt werden.

Geschätzt planen laut statistischen Bundesamt knapp zwei Prozent aller Schwangeren in Deutschland die Geburt zuhause oder in einem Geburtshaus. Davon muss jede sechste Entbindung aus unterschiedlichen Gründen abgebrochen und in ein Krankenhaus verlegt werden. Inwieweit der Geburtsort verantwortlich für Schäden von Mutter oder Kind ist, wird in unterschiedlichen Studien kontrovers diskutiert.

Verständnis für die Entscheidung der Eltern aufbringen.

Sicherlich kann man argumentieren, dass Frauen ihre Kinder früher auch problemlos zuhause geboren haben, wobei die Säuglingssterblichkeit während der Geburt zum Beispiel 1910 etwa zehn Mal höher als heute war. Aber in einer Welt mit sinkender Kinderzahl pro Frau und erhöhtem Sicherheitsbedürfnis sowie Zunahme von Risikoschwangerschaften ist es vollkommen verständlich, dass der Großteil der Geburten in einer Klinik stattfindet.

Auf der anderen Seite aber sollte man Verständnis für die Schwangeren beziehungsweise die Paare ohne Risikofaktoren aufbringen, die sich nach ausreichender Information für eine Entbindung in den eigenen vier Wänden oder die individuelle Betreuung im Geburtshaus entscheiden. Vor allem als Ärztin oder Arzt.


Die Gastautorin Friederike Rothe ist im vierten Jahr ihrer Facharztausbildung in der Frauenheilkunde und hat schon etwa 500 Babys auf die Welt geholfen. Neben klitzekleinen Kindern mag sie Kreuzwortraetsel, Katzen und kreatives Kaos.

 

Titelbild: unsplash, @zhenhu2424

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