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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

März 2017
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Wer sind eigentlich diese Wut-Bürger? Gut situierte Leute aus der Mittelschicht, die ihre Anliegen lautstark äußern, sind gerne öffentlich sichtbar. Sie sorgen sich um Bäume vor Bahnhöfen, das Landschaftsbild, das christliche Abendland und anderes. Aber hinter ihrem Ärger steckt in Wahrheit mehr.

„Bleib mal auf dem Boden!“

Wut ist ein allzu menschliches Gefühl und wir alle kennen Situationen wie diese: Unser Freund wollte sich nur gemütlich auf das schicke neue Klappsofa legen. Aber das kippt nach vorne und klemmt ihn dann sogar zwischen den Polstern ein. Zu guter letzt fällt noch das Gemälde von der Wand und so über seinen Kopf, dass der sich durch die Leinwand spießt. Unser Freund sieht rot: Ein Wutanfall, wie ihn wohl die meisten kennen. Wenn uns das Gefühl überkommt, dass sich die ganze Welt gegen uns verschworen hat, rasten wir eben aus. Trotzdem ist Wut peinlich.

Auch unserem Freund. „Wer wird denn gleich an die Decke gehen?“, säuselt ihm eine Stimme zu, „Greife lieber zur HB! Dann geht alles wie von selbst.“ So einfach kann es sein! Das heißspornige HB-Männchen ist ein Klassiker der frühen Fernsehwerbung. Immer geht ihm etwas schief und durch seine Wut, macht er alles nur noch schlimmer. Der Griff zur wohlschmeckenden Filterzigarette hätte ihm das Leben erleichtert.

Wut ist Kontrollverlust, deshalb zeigen wir sie anderen ungern. Die Stimme überschlägt sich, der Kopf wird rot, niemand präsentiert sich gerne in dieser Form. Wir wollen viel lieber diejenigen sein, denen auch ohne HB alles wie von selbst gelingt. Mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen! Dabei kann Wut mehr sein als nur Reaktion auf schwierige Umstände oder die eigene Tollpatschigkeit. Philosophen sehen in dem Gefühl einen Antrieb, sich in öffentliche Angelegenheiten einzumischen, Politik zu betreiben.

„So nicht, Freundchen!“

Zorn als politischer Treibstoff.

Peter Sloterdijk hat in dem 2006 erschienen Buch Zorn und Zeit beschrieben, wie der Zorn als politischer Treibstoff wirkt. Sloterdijk geht im Rückgriff auf Platon davon aus, dass zur menschlichen Psyche neben Vernunft und Begehren ein schwer berechenbarer dritter Teil gehört, Thymos genannt. Hier sitzen das Anerkennungsstreben des Menschen, der Sinn für Gerechtigkeit, der Stolz und die Ehre. Thymos schlägt Alarm, wenn jemand nicht die Anerkennung bekommt, die er oder sie für angemessen hält.

Dieses Ehrstreben ist auch die Wurzel des Zorns. Es ist das Gefühl, mit dem wir reagieren, wenn wir nicht mit den Respekt behandelt werden, den wir für angemessen halten. Thymos heult dann beleidigt auf. Es gilt zu kämpfen, um die eigenen Position zu verteidigen. Vernunft, Begierde und Thymos, die drei elementaren Teile der Psyche, vergleicht Platon mit den gesellschaftlichen Schichten seiner Zeit:

  • Die Vernunft entspricht der herrschenden Klasse.
  • Das Begehren und der Appetit der arbeitenden Bevölkerung, die das materielle Überleben sichert.
  • Thymos schließlich ist seelisches Gegenstück der kämpfenden Bevölkerung.

In modernen demokratischen Gesellschaften sind Ehre und Stolz in die Mottenkiste der Affekte gewandert. Man zieht sie ungern zu Erklärung heran. Der Mensch ist scheinbar zum rein ökonomisch getriebenen Wesen geworden. Sein Handeln wird nicht vom Streben nach Anerkennung getrieben, sondern vom Interesse an knappen Gütern. Vernunft und Begehren gehen eine Allianz ein, sodass man den dritten Teil der Psyche, Thymos, nicht mehr zu brauchen scheint. Ganz so, als hätten alle rechtzeitig ihre HB angezündet, um den Zorn unter Kontrolle zu halten.

„Jetzt red‘ i!“

Auch in der Politik sind rationales Denken und die Begierde wichtige Erklärungsansätze. Sie reichen aber nicht aus, um das volle Spektrum politischen Handelns zu erklären. Ist es vernünftige Berechnung allein, die einen Stuttgarter auf die Straße treibt, um gegen den Bahnhofsneubau zu demonstrieren? Geht es Asylgegnern nur um wirtschaftliche Sorgen? Wohl kaum. Geltungsdrang und Ehrstreben sind so lebendig wie eh und je.

Man nimmt sie nicht ernst!

Tatsächlich führt das demokratische Versprechen, dass jeder einzelne Bürger der Politik seinen Stempel aufdrücken können soll, zu hohen Erwartungen. Und die können dann leicht enttäuscht werden, weil es nicht möglich ist, dass jede Sorge und jeder Handlungsvorschlag vom Stammtisch den Weg an den Kabinettstisch findet. Deswegen fühlen sich Bürger in ihrem Geltungsdrang übergangen. Man nimmt sie nicht ernst! Der politische Mainstream ignoriert ihre Ängste und das wird als ehrverletzend wahrgenommen. Die Reaktion: Zorn.

Einen zornigen Menschen besänftigt man sicher nicht dadurch, dass man ihn von oben herab behandelt und sein Gefühl für irrational und falsch erklärt. Der Zorn ist ja gerade Reaktion darauf, dass sich jemand nicht ausreichend respektiert fühlt. Thymos, das Ehrstreben, krakeelt, dass die anderen gefälligst zuzuhören haben. Ruhe gibt das Temperament sicher nicht, wenn man den Zornigen eine Filterzigarette empfiehlt. Im Fall der modernen Wutbürger sollte das nicht vergessen werden. Tatsächlich treibt diese Menschen nicht nur Ideologie auf die Straße, sondern auch Geltungsstreben: Sie wünschen sich, dass die Mächtigen ihnen zuhören und ihre Sorgen nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern auch in politisches Handeln einfließen lassen.

„Die Macht sei mit dir!“

Wir haben es mit einem Dilemma zu tun: Unvereinbare und bisweilen unrealistische Vorstellungen in der Bevölkerung auf der einen Seite und ein in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränktes politisches System auf der anderen. Wie lässt es sich lösen?

Das sollte uns wütend machen.

Vielleicht liegt ein Ansatz darin, die eigene Handlungsmacht auf der niedrigsten Ebene zu suchen. Wenn man sich stets an den Problemen der parlamentarischen Demokratie abarbeitet, verpasst man die Chance, selbst etwas zu bewirken. Sicher ist es wichtig, sich mit politischen Richtungsentscheidungen auseinanderzusetzen. Aber genauso sollte jeder in seinem direkten Umfeld schauen, wie er zum Gelingen des Zusammenlebens beitragen kann. Es ist frustrierend, dass von den Mächtigen oft falsch und unethisch gehandelt wird. Das sollte uns wütend machen. Aber diese Wut darf uns nicht blind dafür machen, dass es viele Möglichkeiten gibt, Positives zu bewirken. Direkt um uns herum. Weit weg von der großen Politik mit ihrer Ideenlosigkeit und ihren Systemzwängen.

Beitragsbild: Plato. Etching by D. Cunego, 1783 – Wellcome Trust – (CC BY 4.0)


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