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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

April 2017
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Veräppeln wir uns selbst?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir uns über die Arbeit definieren. Und doch können nur wenige reinen Gewissens behaupten, mit ihrem Job vollends glücklich zu sein. Problematisch, oder nicht? Immerhin widerspricht diese Tatsache doch dem Ideal, in dem die Arbeit nichts Geringeres als unseren Lebenssinn stellen sollte. Und nebenbei fast unsere gesamte Lebenszeit in Anspruch nimmt. Haben wir also so etwas wie einen geheimen Pakt geschlossen, in dem wir verschweigen, eigentlich nur fürs Geld zu schuften? Lassen wir uns wirklich derartig leicht auf den Arm nehmen – oder veräppeln wir uns nicht vielmehr selbst?

Und selbst wenn dem so ist und wir das ganze Leben stur vor uns hin arbeiten. Wenn wir uns regelmäßig ärgern wegen all der unbezahlten Überstunden, sowie vom abgesägten Chefsessel, dem eigenen Unternehmenstower, ja, dem Traumjob träumen. Wenn wir das alles hinnehmen und letztlich unsere Zeit gegen Sicherheit tauschen – für was genau tun wir das eigentlich? Reicht es uns wirklich, jeden Monat die Rechnungen zahlen zu können und zu wissen, die Wirtschaft wächst, das System läuft und der Rubel rollt?

Können wir ohne die Moneten leben?

Ordnen wir uns da einem Zwang unter? Nicht dem Zwang zu arbeiten, sondern dem der wirtschaftlichen Existenz? Aber, so muss man ja zwangsweise sofort fragen: Können wir überhaupt nicht-arbeiten in einer neoliberalen Welt, die parallel zu fortschreitender Optimierung, Auslagerung und Automatisierung den Druck auf Arbeitnehmer immer mehr erhöht? Können wir ohne die Moneten leben?

 

Die Frage der Grenzen

Und wenn nur das Geld uns frei macht, wie weit sind wir bereit dafür zu gehen? Gibt es Grenzen? Moralisch gesehen oder ganz eigennützig – im Bezug auf die Lebenszeitgestaltung?

auf ewig in der Bittsteller-Position.

Ach, überhaupt: „Arbeitnehmer“ – was ist das eigentlich für eine Wortschöpfung? Schon als Kind habe ich deren Bedeutung immer genau falsch verstanden. Denn obwohl es doch eigentlich wir sind, die dem Unternehmer unsere Arbeitsleistung geben, sind wir etymologisch dazu verdammt, auf ewig in der Bittsteller-Position zu verharren.

Aber da fängt es doch an: In einem Europa mit einer beachtlichen Arbeitslosigkeit sind stets die Arbeitnehmer schuld. Trotz offensichtlichem Mangel an annehmbaren Arbeitsstellen müssen wir im Zweifel „unsere Ansprüche“ herunter schrauben und wahlweise weniger Würde oder weniger Geld hinnehmen. Dabei ist auch das Wort Arbeitslosigkeit eine weitere perfide Tatsachenverdrehung. Denn nicht dem Arbeitnehmer (sic!) fehlt es an etwas, sondern die Unternehmen sind es doch, die nicht genug Arbeit haben, die erledigt werden muss.

Ja, so möchte man doch meinen, ist das nicht eigentlich etwas Gutes? Wenn der Fluss überläuft oder ein Krieg unsere Städte zerstören würde, dann hätten wir alle prächtig zu tun. Würden wir solche Katastrophen jedoch ernsthaft als so etwas wie Jahrhundert-Arbeitgeber verehren?

Macht das Sinn? Oder kann das weg?

Aber was, wenn sich Unternehmen dazu gezwungen sehen, Produkte zu erschaffen, die nach wenigen Jahren kaputtgehen oder aus der Mode kommen, damit die Konsumenten möglichst schnell wieder nachkaufen müssen? Und wenn wir nicht aufhören, Waffen zu produzieren und Kohle abzubauen, weil das Arbeit schafft. Macht das Sinn? Oder kann das weg?

Irgendwann mag es soweit sein, meine Enkel werden sich klischeehafterweise auf meinen Schoß setzen und fragen: „Großvater, sag mal! Was hast Du eigentlich mit Deinem Leben angestellt?“ Werde ich ihnen dann voller Stolz sagen können: „Smartphones und Jahresverträge, kennt ihr die noch? Die habe ich verkauft.“ Das kann es doch nicht sein, oder?

Und wenn sie dann herausfinden, dass das damals ganz normal war und jeder halt sehen musste, wo er bleibt? Das jede Arbeit recht war, solange man dadurch irgendwann einmal ein Haus bauen oder wenigstens in die Rentenkasse einzahlen konnte. Werden sie sich dann nicht fragen, warum wir unsere Zeit mit so einem Unsinn verbracht haben, statt zu erforschen, wie wir verdammt nochmal glücklich leben können? Und zwar ohne auf eine Weise zu arbeiten, dass wir unseren Frust und unsere Langeweile regelmäßig tot kaufen müssen. Werden sie sich nicht vielleicht auch fragen, warum wir sehenden Auges alle wichtigen Ressourcen verbraten haben, nur damit wir diesen selbstzerstörerischen Lifestyle aufrecht erhalten konnten?

Gibt es eine Arbeit, die wir unbezahlt tun würden?

Und wer würde dann unsere Rechnungen zahlen? Es wird Zeit für Antworten. Und ein paar neue Fragen.

 

Illustration: Anna Kaufmann für transform (CC-BY-SA-NC 4.0)

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Dieser Beitrag ist Teil der ersten Ausgabe von transform – dem neuen Magazin fürs Gute Leben. Das Heft kannst Du Dir am Bahnhofskiosk kaufen oder direkt bei uns online bestellen!

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