Wir transformieren das Zuhause!

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Ganz nach den eigenen Bedürfnissen Aufmerksamkeit abkriegen
Stellen wir uns einmal vor, man könnte die Aufmerksamkeitsströme eines Ortes sichtbar machen. Also grafisch darstellen, was an diesem Ort von Menschen gesehen und gehört wird und was nicht. Dann könnten Bilder entstehen, die vielleicht an Darstellungen aus dem Physikunterricht erinnern, zum Beispiel von elektromagnetischen Wellen. Diese Bilder würden Soziologen neue Erkenntnisse über das menschliche Sozialverhalten bescheren, und natürlich würden sich auch Werbefritzen brennend für die Bilder interessieren. Aber darüber hinaus würden solche Darstellungen auch Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Für Architekten, Stadt- und Raumplaner und auch für nachbarschaftliche Gemeinschaften. Aufmerksamkeit ist schließlich für so gut wie jeden Menschen lebenswichtig – es ist also sinnvoll, Orte so zu gestalten, dass dieses Bedürfnis berücksichtigt wird. Eine solche Visualisierung der Aufmerksamkeitsströme gibt es leider noch nicht. Aber lasst uns an dieser Stelle trotzdem darüber nachdenken, wie Orte gestaltet werden könnten, sodass jeder ganz nach seinen Bedürfnissen Aufmerksamkeit abkriegen kann. Und beginnen wir damit Zuhause.

Die Entwicklung des Zuhauses

Aufmerksamkeit gab es überall, Privatsphäre nur selten.
Jahrtausende lang konnte von einem Mangel an Aufmerksamkeit keine Rede sein: Das Zuhause war die Großfamilie und die Dorfgemeinschaft, die Menschen waren fest in ihre soziale Strukturen eingebunden – eingeschnürt, würden vielleicht einige sagen. Aufmerksamkeit gab es überall, Privatsphäre nur selten. Mit der Industrialisierung änderte sich dann vieles: Die Menschen verließen ihre Dörfer und zogen in die Städte, um in entstehenden Betrieben zu arbeiten. Gleichzeitig wurden die technischen Möglichkeiten der Mobilität stetig besser, sodass die Menschen sich an immer weiter entfernten Orten niederlassen konnten. Und dieser Trend setzt sich im Grunde seit rund 200 Jahren fort: Heute ist Flexibilität eine wichtige Voraussetzung für immer mehr Jobs. Und schon zur Ausbildung und zum Studium verlassen viele junge Leute den elterlichen Wohnort und nicht selten sogar gleich das Land. Zuhause ist da, wo es was zu tun gibt und nicht mehr automatisch da, wo die Familie und die Gemeinschaft ist. Aber wie sieht es in dem neuen Zuhause mit der Aufmerksamkeitsversorgung aus?

Begleitung durchs ganze Leben
Zunächst sieht es damit häufig ziemlich gut aus: Viele junge Menschen ziehen gerne in die Welt hinaus. Gerade in den Universitätsstädten können sie ihren Aufmerksamkeitsbedarf schnell decken. Und darüber hinaus genießen viele die anonyme Aufmerksamkeit der großen Städte: Auf den Straßen und Plätzen wird zwar jeder ständig gesehen und gehört – aber niemand wird groß beachtet, sodass junge Menschen ganz neue Freiheiten erleben. Nach der Familiengründung kann das aber schon anders aussehen: Nun fehlen die helfenden Hände der Großeltern. Und bei vielen sozialen Kontakten stellt sich heraus, dass sie zwar gut für Studentenpartys waren, aber nicht die dringend benötigte Unterstützung bei der Kinderbetreuung bieten können. Andersherum fehlen den älter werdenden Großeltern die helfenden Hände ihrer Kinder und Enkel, etwa beim Einkaufen. Denn es geht natürlich nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern auch um Handfesteres – es geht um nicht weniger als eine Begleitung durch das ganze Leben.

Entstanden ist ein Mangel an Gemeinschaftlichkeit.
Nachbarschaften können den Mangel meist kaum kompensieren. Obwohl sie prädestiniert dafür sind, denn die räumliche Nähe ist natürlich ein entscheidender Faktor für Aufmerksamkeit und gegenseitige Unterstützung. Die unzureichenden nachbarschaftlichen Strukturen können heute nicht selten mit baulichen Beschaffenheiten in Verbindung gebracht werden: Viele Architekten und Planer sind noch immer dabei, den jahrtausendealten Mangel an Privatsphäre zu überkompensieren. Entstanden ist ein Mangel an Gemeinschaftlichkeit. Vieles, was heute gebaut wird, ist im Grunde längst nicht mehr zeitgemäß. Was soll die stetig anwachsende Gruppe aus Singles, Alleinerziehenden und verwitweten älteren Menschen in Einfamilienhäusern mit eingezäunten Gehegen drumherum machen? Außer einsam sein?

Auf die Dosierung kommt es an

Zwei Pole: Gemeinschaftsraum und Rückzugsraum
Zurück zu den Aufmerksamkeitsströmen. Eine ideale Verteilung der Aufmerksamkeit kann man sich so vorstellen: Da sind viele dezentrale Aufmerksamkeitshotspots, um die sich aufmerksamkeitsfreie Räume gruppieren. Denn die richtige Dosierung aus Aufmerksamkeit und Privatsphäre ist entscheidend. Und diese Dosierung ist natürlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich: Der eine braucht nur ganz wenig Aufmerksamkeit und zieht sich gerne zurück, der andere kann überhaupt nicht allein sein. Daher müssen die beiden Pole Gemeinschaftsraum und Rückzugsraum intensiv und nahe bei einander sein, sodass jeder seine Dosierung wählen kann. Schauen wir uns diese Verteilung an einem Klassiker an: Die ideale Wohngemeinschaft besteht aus Privaträumen für jeden Bewohner und einem Gemeinschaftsraum für alle – und wenn es nur die Küche ist. In diesem Raum ist idealerweise immer etwas los, sodass man seinen Aufmerksamkeitsbedarf decken kann und auch immer eine helfende Hand für Umräumaktionen sowie ein offenes Ohr für verzwickte Hausarbeiten findet. Gleichzeitig hat jeder sein Zimmer als aufmerksamkeitsfreien Rückzugsraum. Die WG ist ein seit Jahrzehnten erprobtes Erfolgsmodell – und kann auf andere Lebensphasen übertragen werden.

Das gute Zusammenleben
Gleich vorweg: Den Weg zurück zur Dorfgemeinschaft und Großfamilie gibt es nicht. Und das ist in vielerlei Hinsicht gut so. Aber es gibt Wege zu mehr Gemeinschaftlichkeit – zu gemeinschaftlichem Wohnen. Und diese Wege werden heute ziemlich oft beschritten. Privatsphäre ist bei uns schon vor Jahrzehnten zur Selbstverständlichkeit geworden; Es gilt also, öffentliche Räume, die von der Nachbarschaft genutzt werden, dahingehend zu ergänzen, dass ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Daher schließen sich heute viele Familien zu Baugemeinschaften zusammen, die ihre Höfe und Gärten gemeinsam nutzen. Es gibt auch bereits Mehrfamilienhäuser mit gemeinschaftlichen Wohnräumen. Insbesondere ältere Menschen nutzen solche Wohnformen – aber auch immer mehr Familien und Singles. Ein weiterer Trend sind Mehrgenerationenhäuser: Barrierefreier Zugang für Kinderwagen und Rollator, Omi passt auf das Enkelchen auf während Papi für alle einkaufen geht.

Analoge Aufmerksamkeit macht viel mehr Spaß als digitale!
Und der Trend zur Gemeinschaftlichkeit endet auch nicht an der Haustür: So leben heute viele Menschen lieber in den alten Stadtkernen als in den anonymen, autogerechten Vorstädten. In den Zentren herrscht noch die Nähe ihrer autofreien Vergangenheit, alles ist zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar, die Menschen schlafen hier nicht nur sondern leben hier, man sieht sich, lernt sich kennen und im Sommer wird der Marktplatz zum gemeinsamen Wohnzimmer. Kiezcafés machen auf und gemeinschaftlich betriebene Kulturräume entstehen. Und sogar die Weiten des Internets können zu mehr Nähe in dar Nachbarschaft verhelfen: Im Netz gibt es Portale für Gemeinschaftsgärten, (echtes) Carsharing, gemeinschaftliche Werkzeugnutzung und Tauschbörsen für so gut wie alles. Sogar viele Nachbarschaftsfeste werden übers Internet mit Terminumfragen und E-Mail-Verteilern organisiert. Denn letztlich macht analoge Aufmerksamkeit doch viel mehr Spaß als digitale!

 

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Autor Stefan arbeitet als Redakteur hauptsächlich im Bereich Energie, Umwelt und Klimaschutz. Und er interessiert sich für seine Nachbarn.

 

 

Titelbild vom Autor.

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