Wir sind Dreiviertelautomaten

Bestimmen wir unser Schicksal selbst oder ist bereits alles vorbestimmt? Die Frage nach der tatsächlichen Existenz des freien Willens treibt uns seit jeher um.

Bevor ich auf die Welt gekommen bin, bin ich durch verschiedene Zimmer geführt worden. In diesen Zimmern konnte ich Episoden meines jetzigen Lebens sehen. Das habe ich als Kind einige Male geträumt. Wenn ich nun ein Déjà-vu habe, dann scheint es mir, als erinnere ich mich an die Szenen, die ich in diesen Zimmern gesehen habe. Wenn das wahr ist, müssten unsere Leben bis ins Details determiniert, also festgelegt sein. Unser Schicksal „steht geschrieben“.

Tatsächlich glaube ich nicht an übersinnliche Wesen und Welten. Mein Kindertraum ist höchstwahrscheinlich ein Konstrukt meines Geistes, und Déjà-vus eine Täuschung des Gehirns.

Die Frage ist trotzdem wichtig: Haben wir selbst die Zügel in der Hand, oder spulen wir unser Verhalten ab wie ein Computerprogramm? Wenn wir nur „abspulen“, hieße das ja, dass wir weder richtig noch falsch handeln können. Wir tun es einfach. Ob wir an Determinismus glauben, wirkt sich außerdem auf unser Wohlbefinden und unser Verhalten aus, ganz konkret. Das ist messbar.

Sind wir Roboter?

Manche Entscheidungen sind schon gefällt, bevor sie uns bewusst werden.

Ist unser Verhalten also determiniert? Wenn wirklich „alles“ vorbestimmt ist, so dass schon vor meiner Geburt Szenen meines Lebens eingesehen werden, dann müsste die Umwelt ohne Zufall funktionieren. Außerdem wären unsere Entscheidungen bis in alle Verästelungen hinein vorbestimmt und damit berechenbar. Beides können wir wohl nicht genau wissen. In der Natur gibt es Zufälle, behauptet die Chaostheorie. Andere Theorien bestreiten das. Und ob unsere Willensentscheidungen letztendlich nur das Resultat von bestimmenden Faktoren sind, darüber streiten sich sowohl Philosophen wie Naturwissenschaftlerinnen.

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Es spricht manches dafür. Schon 1979 zeigte der Neurophysiologe Benjamin Libet, dass wir unsere Entscheidungen treffen, bevor sie uns bewusst sind. Die neuronalen Impulse für das Heben einer Hand waren vor der Bewegung selbst messbar. Das Problem an diesem Experiment ist aber, dass für eine solche Bewegung keine bewusste Entscheidung nötig ist. Ausgehend von dieser Kritik stellte vor Kurzem ein anderer Wissenschaftler fest, dass unser Bewusstsein ein Veto gegen unbewusste Entscheidungen einlegen kann. Die Diskussion um die Willensfreiheit ist komplex. Wahrscheinlich zu komplex, als dass wir sie in einem einfach Experiment beantworten könnten, wahrscheinlich auch zu komplex, um sie überhaupt mit ja oder nein zu beantworten.

Unklar ist schon, was überhaupt eine „freie Entscheidung“ ist. Wenn wir keine Gründe für sie haben? Dann ist sie doch nur beliebig. Und irgendwelche Gründe finden wir immer für unsere Entscheidungen. Sei es unsere persönliche Geschichte, Tageslaunen, Gene, unser Blutzuckerspiegel, und so weiter. Würde jemand restlos alle Gründe kennen, auf deren Grundlage wir entscheiden, könnte unser Verhalten dann auch im Voraus berechnet werden. Für diese Einsicht brauchen wir keine Experimente.

An der Antwort auf die Frage nach der Willensfreiheit hängt ein Rattenschwanz an Auswirkungen auf unser Leben: Wenn alles vorbestimmt ist, kann es nichts Neues geben. Und wenn es nichts Neues gibt, was sollen wir dann überhaupt auf der Welt? Viele von uns wehren sich auch gegen den Determinismus, weil das irgendwie bedeutet, dass wir gar nicht selbst entscheiden. Wir sind dann nur hilflose Beobachterinnen. Wir werden zu Automaten, die nur auf Reize reagieren. Und so nehmen wir das nicht wahr. Ich habe die Wahl, links oder rechts zu gehen, und niemand zwingt mich. Außer mich zwingt jemand.

Eine Perspektive, die nur Götter einnehmen können

Was entscheidend ist: Wenn es stimmt, dass wir vollständig determiniert sind, dann können wir das nur aus einer Art „göttlichen“ Perspektive erkennen. Mit „göttlich“ meine ich keine tatsächlichen höheren Wesen in Walhalla oder im Himmel. „Göttlich“ ist eine Metapher für eine übergeordnete Ebene, auf der wir alles wissen. Und die kann kein bewusstes Wesen einnehmen. Bewusstsein ist an Sinne gebunden. Und Sinne sind begrenzt. Wir können schließlich nicht alle Blumen der Welt gleichzeitig riechen. „Götter“ sind eine Metapher für Wesen, die das können, eine Perspektive, die es wohl nur in der Theorie gibt.

Was sollte man mit einer Einsicht anfangen, dass alles vorbestimmt ist?

Die Wikinger in der Serie Vikings glauben auch, dass alles geschrieben steht. Aber was geschrieben steht, können nur die Götter wissen. Oder ein bisschen auch halbgöttliche oder halbmenschliche Priester, die in einem Zwischenbereich leben. Gleichzeitig betonen sie zumindest in der Serie immer wieder, dass sie einen freien Willen hätten. Das scheint widersprüchlich, macht aber Sinn. Schließlich können wir die „göttliche Perspektive“ nicht einnehmen. Was soll man auch mit der Einsicht anfangen, dass alles vorbestimmt ist. Glauben wir aber nicht an echte Götter, können wir nicht einmal die Priester fragen. Für uns, die wir in unserer Haut feststecken, heißt das, dass wir damit irgendwie klarkommen müssen, dass wir nicht wissen, was die Zukunft bringt, und dass wir immer wieder selbst entscheiden müssen.

Willensfreiheit macht freier

Ein Bisschen können wir aber doch wissen. Unsere Entscheidungen werden unter anderem beeinflusst von unserer Sozialisation, also dem Familienumfeld, Bildung, von persönlichen Erfahrungen, unserer Position in der Gesellschaft, aber auch unseren täglichen Launen, dem Wetter, dem Zufall, unseren Vorfahren und von Ideen. Zu diesen Ideen gehört der Glaube an die Willensfreiheit. Menschen, die an den freien Willen glauben, verhalten sich anders, als diejenigen die daran glauben. Das wurde mit Hilfe verschiedener Experimente gezeigt. In einem dieser Versuche lasen ein Teil der Versuchsteilnehmer vor dem Experiment einen Text, der menschliches Verhalten als Resultat von genetischen- und Umweltfaktoren beschreibt. Sie wurden also mit einer Idee „geimpft“. Diejenigen, die so geimpft wurden, betrogen deutlich öfter in Mathetests als diejenigen, die den pro-Determinismus-Text nicht gelesen haben. Ein anderes Experiment zeigt, dass der Glaube an den freien Willen Menschen hilfsbereiter und milder macht.

Allein der Glaube an einen freien Willen beeinflusst uns bereits.

Diese Experimente zeigen nicht, dass Menschen nicht determiniert wären, sondern dass der Glaube an den freien Willen ein entscheidender Faktor ist, der uns bestimmt. Mein Text, den Du hier liest, macht die Welt insofern ein kleines Bisschen besser. Wir haben insofern die Möglichkeit, das, was geschrieben steht, selbst zu schreiben. Es ist dabei ganz zentral, aus welcher Perspektive heraus wir denken. Wir sind keine Götter sondern Menschen. Wir können die unendlich komplexe Ursachenkette, die unser Verhalten vielleicht bestimmt, nicht einsehen. Wenn es um Fragen geht, die für uns direkt bedeutend sind, sollten wir darum davon ausgehen, dass wir grundsätzlich frei entscheiden können. Genauso nehmen wir es ja auch wahr. Die göttliche Perspektive können wir den Göttern überlassen.

Dreiviertelautomaten

„Grundsätzlich frei“ bedeutet nicht absolut frei. Es ist sinnvoll, die eigenen Gründe zu hinterfragen. Wenn ich sauer bin, weil ich mich mit meiner Freundin gestritten habe, reagiere ich aggressiver auf Autofahrer, die mir und meinem Fahrrad die Vorfahrt nehmen. Das Wissen darüber gibt mir die Möglichkeit, andere, hoffentlich bessere Entscheidungen zu treffen. Ich kann mir klarmachen, dass ich möglicherweise überreagiere und den Autofahrer nicht gleich ein Arschloch schimpfen.

Der große Soziologe Pierre Bourdieu hat hier einen erhellenden Ansatz. Er erforschte sein halbes Leben lang, wie unser Verhalten, bis hin zu dem was wir schön oder hässlich finden, durch unsere soziale Lage beeinflusst wird. Wer aus einem Arbeiterhaushalt stammt, wird eher den „höheren Geschmack“, die Liebe zur Kunst und zu „feiner“ Musik, als „Getue“ ablehnen. Wer aus einem „höheren“ (also gebildeteren und wohlhabenderen) Haushalt kommt, wird eher proletarische Verhaltensweisen als ungeschliffen und grob ablehnen. Bourdieu sagt, dass das Wissen über diese Zusammenhänge uns freier macht. Wenn ich als Arbeiterin durchschaue, warum ich „höhere Kultur“ verachte, kann ich darüber nachdenken, ob ich nicht doch einiges davon gut finden kann. Ganz ähnlich wie mein Wissen, darüber, dass ich gereizt reagiere, wenn ich mich mit meiner Freundin gestritten habe, mich in meinen Entscheidungen freier macht.

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Bourdieu bezeichnet den Menschen als „Dreiviertelautomat“.. Das heißt drei Viertel von uns als Person ist determiniert, ein Viertel entscheidet frei.

Was freier macht: Augen offen halten

Aus menschlicher Perspektive heraus sind beide Extreme nicht sinnvoll. Weder absolute Willensfreiheit noch absoluter Determinismus. Dass wir vollständig vorbestimmt sind, können wir höchstens aus einer völlig abstrakten Ebene heraus behaupten. Aus menschlicher Sicht können wir das nicht sagen. Auch haben wir ja die Möglichkeit, uns für das eine oder andere zu entscheiden. Das ist eine Tatsache, ohne die wir nicht handeln und leben könnten. Außerdem wirkt sich die Überzeugung, dass wir absolut determiniert sind, negativ auf unser Verhalten aus. Glauben wir dagegen uneingeschränkt an den freien Willen, ignorieren wir die Gründe die uns hinter unseren Rücken beeinflussen.

Die Gründe, die uns zu drei Vierteln bestimmten, bestimmen uns dann tatsächlich, als seien wir Automaten, die nur auf Reize reagieren und ein Programm abspulen. Die Verhältnisse bestimmen uns dann hinter unseren Rücken. Aus „göttlicher“ Sicht tun sie das zwar möglicherweise immer, aber da wir diese nicht einnehmen können, müssen wir unsere begrenzte Perspektive annehmen und uns bemühen, diese Gründe zu verstehen, die uns zu drei Vierteln bestimmen.

In heutigen Zeiten, wo Demagogen zunehmend versuchen, unsere Wahrnehmung zu manipulieren, indem sie uns ein emotional aufgeladenes Schwarzweißbild der Welt präsentieren ist es ein Akt der Freiheit, wenn unsere Impulse hinterfragen. Und das funktioniert, indem wir uns diese Mechanismen bewusst machen, die die Demagogen benutzen. Die Gründe zu verstehen, warum Menschen so oder so handeln, kann uns nicht nur helfen, bessere, weil „freiere“ Entscheidungen zu treffen, es kann auch helfen, uns in andere besser einzufühlen.

Bis zu dem Zeitpunkt in dem wir die Ursachenketten, die uns bestimmen, restlos verstehen, der Zeitpunkt also, in dem wir eine „göttliche“ Perspektive einnehmen, was höchstwahrscheinlich nie sein wird, ist die Frage, ob wir vollständig determiniert sind, für unsere realen Leben irrelevant. Sinnvoller ist Bourdieus Vorstellung von uns als Dreiviertelautomaten. Diese hilft uns nämlich, unsere Geschichte freier, wenn auch nicht vollständig frei, selbst zu schreiben.

 

 


 

Der Autor Houssam Hamade schreibt für verschiedene Zeitungen über Rassismus und Liebe, über kluge und weniger kluge Kapitalismuskritik. (mehr)

Anmerkungen:
Der Autor wechselt beliebig die Geschlechterbezeichnungen, wenn das Geschlecht nicht relevant ist. Bezeichnung „Dreiviertelautomat“: Bourdieu, Pierre (2013): Lob der Soziologie. Dankesrede anlässlich der Verleihung der Goldenen Medaille des CNRS. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie (38). S. 5 – 13., 2013. S. 740

Die Illustratorin: Collagen zu machen bedeutet für Veronika Lambertucci eine neue Welt zu entdecken – eine Welt voll von Wundern, in der alles möglich ist. Die Energie ihrer Bilder entsteht durch einen spielerischen Arbeitsprozess, der Freiheit zum Experimentieren und Raum für Impulsivität bietet. Die Illustratorin ist fasziniert von alltäglichen Dingen, die aber in ihren Arbeiten nicht immer das sind, was sie zu sein scheinen. Das Gewohnte trifft auf ungewöhnliche Kombinationen und lädt so den Betrachter ein, an ihrem erschaffenen Miniuniversum teilzuhaben.

  1. Wir finden es in der heutigen Zeit ja schon mutig und löblich mal darauf aufmerksam zu machen das wir nur 1/4 der Freiheit besitzen die viele meinen vollständig zu besitzen. Wenn es jedoch um die Demagogen geht, empfinden wir den Ansatz zu schwach und naiv. Warum nicht ganz getreu dem Motto, „der Klügere gibt nach“ einfach mal auf die Freiheit sch#%ßen. Damit würde den Populisten doch das Wasser abgegraben werden. Wozu ist die Freiheit den Gut, wenn Sie in intellektuellen Diskussionen die zu nichts führen lediglich als abstrakter Begriff und Selbstzweck missbraucht wird. Wer ernsthaft die Freiheit verteidigen möchte, der muss handeln und nicht schwätzen. Entweder man streikt oder man kämpft aktiv. Es braucht in kriegerischen Zeiten mutige Unternehmungen oder in friedlichen Zeiten mutige Unternehmer. Deshalb finden wir Premium-Cola auch ein fantastisches Beispiel. Doch wie der eine oder andere vielleicht gelesen hat, sind wir der Meinung, dass auch in dieser Hinsicht das Rad nicht neu erfunden werden muss.
    Wir sind darauf aufmerksam geworden, dass S.W.I.F.T. eine Genossenschaft ist. Ja, richtig das hat was mit Banken, IBAN und BIC zu tun. Der Witz ist, dass die Genossenschaftsmitglieder, alle wichtigen westlichen internationalen Banken sind. Wunderwas, wie kann es sein dass sich Banken in einer Genossenschaft zusammenschließen. Die gierigsten Geld- und Profitgeier in einer Genossenschaft. Für uns beweist das nur eins. Dieses Konstrukt ist so Robust, dass es selbst die Interessenskonflikte von den räuberischsten Unternehmen dieses Planeten aushält. Wer anderer Meinung ist möchte und doch bitte eines besseren belehren.

    Grüße aus dem Morgenland

    P.S. Freiheit wird geteilt, wird geteilt, geteilt, geteilt, getei….tttt.t.t ….verteilt https://www.radio-morgenland.com/freiheitverteilt/

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