Wir mussten reden

Vom Predigen halten wir garnicht viel. Deswegen haben wir uns gedacht: „Wir müssen reden“ als Forderung im Raum stehen zu lassen ist sehr leicht. Zu leicht. Also haben wir einen Internetnutzer angesprochen, der durch migrationskritische Kommentare auffiel. Wir fragten ihn, ob er an einem offenen Dialog Interesse habe und das kam dabei heraus.

 

Am 05.01.2016 um 16:54 schrieb Richard:

Lieber Christian ,

danke, dass Du bereit bist für unseren Briefwechsel! Ich stelle jetzt gleich mal die große Frage, über die wir schreiben wollen: Warum lehnst Du es ab, dass alle Flüchtlinge nach Deutschland kommen dürfen, die derzeit wollen?

Viele Grüße
Richard

 

Am 06/01/2016 um 18:16 schrieb Christian:

Lieber Richard,

ich bin einer dieser „besorgten Bürger“ und mache mir tatsächlich große Sorgen –  auch um den Zusammenhalt und die Funktionsfähigkeit unserer rechtsstaatlichen, demokratischen und im Grunde doch sehr toleranten und liberalen Gesellschaft. Leider genügt mitunter allein schon die zur-Diskussion-Stellung dieser Probleme, um mit moralischer Verachtung überzogen und aus dem Diskurs ausgeschlossen zu werden. Insofern bin ich froh, dass wir uns beide vorgenommen haben, diese Fragen offen auch im weitgehenden Verzicht auf das Moralisieren zu diskutieren.

Welches Problem wird also durch die Gewährung von Asyl und damit die Aufnahme von Flüchtlingen gelöst? Ich denke, hier wird Menschen in konkreten Notsituationen temporär Zuflucht und Schutz gewährt. Gilt das dauerhaft, müssten wir m.E. von Migration sprechen. Den Grundgedanken hinter dem so verstandenen Asyl halte ich für völlig legitim, also moralisch geboten und ethisch begründet. Wichtig wäre mir aber, dass dies m.E. die symptomatische Lösung eines temporären Problems ist. Asyl allein beendet keine Fluchtursachen. Es ist ein Instrument, um in einem konkreten Dilemma zu helfen. Es löst aber nicht die ursächlichen Probleme, umso weniger, wenn diese nicht temporär, sondern systemisch sind und sich buchstäblich Tag für Tag global verstärken.

Ich freue mich auf deine Antwort und auf eine spannende und erkenntnisreiche Diskussion.

Herzliche Grüße,

Christian

 

 

Am 16.01.2016 um 18:15 schrieb Richard:

Lieber Christian,

vielen Dank für Deine Gedanken!

Zunächst: Deine Sorgen, wie Deutschland die aktuelle Zuwanderung meistern kann, halte ich für durchaus berechtigt. Es ist wahr: Die Menschen, die uns gerade erreichen, werden es schwer haben mit uns. Und wir mit ihnen. Vorbilder wie das Einwanderungsland USA zeigen, dass unter Umständen selbst Jahrhunderte nicht reichen, um „Rassengrenzen“ vollends zu überwinden und das Entstehen von Parallelgesellschaften zu verhindern. Trotzdem halte ich daran fest: wir müssen einfach.

Du sprichst ja die Lösung der Probleme am Ursprung an. Und auch da hast Du absolut Recht. Allen Menschen aus Krisenregionen eine Einladung in den Westen zu schicken, kann nicht der beste Weg sein. Natürlich müssen wir uns fragen, warum die Menschen nicht in ihrer Heimat bleiben wollen. Deutschland ist weder bekannt für seine überschwängliche Gastfreundlichkeit und noch weniger für, sagen wir einmal, traumhaftes Wetter. Doch in den Ländern, aus denen uns aktuell die meisten Menschen erreichen, herrscht tödlicher Krieg. [rg3]

Letztlich bleibt jeder und jedem von uns gar nichts anderes übrig, als das Leben selbst in die Hand zu nehmen und so gut wie möglich zu leben. Nichts anderes tun Menschen, die flüchten: sie wollen einfach nur vernünftig leben. Genau wie wir. Warum können wir das nicht zusammen schaffen und wer sagt eigentlich, dass die heute Flüchtenden überhaupt auf ewig hier bleiben wollen?

Ich freue mich auf Deine Antworten. Mit vielen Grüßen,

Richard

 

Am 20/01/2016 um 14:00 schrieb Christian:

Lieber Richard,

ja, wir müssen, wohl oder übel, das sehe ich auch so. Aber wir müssen dabei nicht all unsere rechtsstaatlichen Prinzipien aufgeben. Wenn wir aber Asyl gewähren, ohne Identitäten und Herkunftsländer festzustellen, können straffällig gewordene Asylbewerber ihren Aufenthaltstitel vor den Augen der Polizei zerreißen. Oft mit dem Hinweis, dass man sich ja jederzeit einen neuen holen könne; wohlwissend, dass eine Gewährung von Asyl ohne Herkunftsnachweis und Identitätsfeststellung eben de facto Immigration bedeutet. Das Getöse von den schnelleren Abschiebungen straffällig gewordener Asylbewerber halte ich für Augenwischerei, denn wohin sollte man jemanden abschieben, dessen Identität und Herkunftsland man gar nicht festgestellt hat? Abgesehen davon –ist das in solcheb Fällen kein Asyl, sondern de facto bedingungslose Immigration. Ich denke, wir haben mit dieser Praxis auch die Chance vertan, die Menschen auszuwählen, die wir (dauerhaft) einwandern lassen. Ich sehe dabei eine große Verantwortung bei Angela Merkel, die ich für zu intelligent halte, sich dessen nicht bewusst zu sein.

Ich bin auch ganz bei dir, dass natürlich auch wir eine Mitschuld an den Zuständen auf dieser Welt haben, also beispielsweise an Kolonialisierung, Imperialismus, Ausbeutung von stofflichen Ressourcen und dem, was man im neoliberalen Neusprech zynischerweise „human resources“ nennt. Wir alle haben davon profitiert und tun es noch immer. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir bei dieser Schuld stehen bleiben und uns deswegen sozusagen selbst geißeln, indem wir aus unserer Mitschuld das Recht, im Grunde dann ja doch wieder aller Menschen, denen es schlechter geht als uns, ableiten, in unser Land kommen zu dürfen.

Ich sehe beispielsweise keinerlei Verpflichtung darin, Menschen immigrieren zu lassen, die unsere Toleranz als Schwäche verstehen; die sie aber tatsächlich auch ist, sobald wir anfangen (bzw. damit weiter machen), sogar noch die Intoleranz zu tolerieren oder sie auch nur zu relativieren. Damit würden wir, aus meiner Sicht, eine der größten kulturellen Errungenschaften -nicht nur, aber auch- unserer europäisch geprägten Gesellschaft negieren; selbst wenn diese am Ende einer langen Kette -nicht nur aber auch- dunkler Kapitel steht.

Stehen wir am Rande einer Revolution? Selbst Altkanzler Schmidt war dieser Ansicht. Revolutionen haben leider den Nachteil, dass sie meist recht chaotisch und destruktiv ablaufen, also eher so eine Art Transformation „by desaster“ darstellen. Mir wäre eine Transformation „by design“ lieber, dazu müssen wir aber handlungsfähig bleiben und u.a. die Schuld transzendieren, sie also negieren aber dennoch die Lehren aus ihr aufbewahren und sie in einen höheren Zusammenhang integrieren. Wir müssen Verantwortung übernehmen! Ich denke, das müssen wir (global) schaffen und am Besten fangen wir vor der eigenen Haustür damit an. Wie wir das unter den Bedingungen der Masseneinwanderung schaffen können, darüber würde ich gerne reden.

Meine Frage an dich wäre: Schaffen wir das, wenn wir es zulassen, dass -nicht nur aber auch- zu Tausenden Menschen in unser Land kommen, die unsere Werte mitunter regelrecht verhöhnen, missachten oder gar nicht wirklich nachvollziehen können? Es ist ja nicht so, dass wir nicht schon genug von der Sorte hätten und damit meine ich Ausländer wie Deutsche, Linke wie Rechte, aber auch die, die alles relativieren und dekonstruieren. Haben wir in einer zerfallenden Gesellschaft, die sich in Lagerkämpfen zerfleischt noch die Fähigkeit zu einer Transformation „by design“ oder sind wir dann nicht schon mittendrin im „desaster“?

Herzliche Grüße,

Christian

Am 27.01.2016 um 12:35 schrieb Richard:

Hallo Christian!

die Angst vor dem Zerfall des Rechtsstaates halte ich für unberechtigt. Sicher hast Du Recht, dass es Missbrauch gibt. Dabei aber von einem Zerfall zu sprechen wäre wie zu behaupten, dass – sagen wir mal – niemand beim Gemüsehändler an der Straße mal einen Apfel einsteckt, niemand schwarzfährt oder niemand bei der Steuerzahlung flunkern würde. Du tust so, als würden überwiegend Kriminelle hier herkommen. Das glaube ich ganz und gar nicht.

Wenn wir unsere Toleranz aufgeben, nur weil einige sie missbrauchen,dann schaden wir letztlich uns allen. Die staatliche Überwachung von uns allen, Kameras in der Öffentlichkeit und Misstrauen gegenüber Fremden sind Zeichen dieser Angst. Was wir dabei verschenken ist unsere Freiheit und unsere Menschlichkeit.

Niemand ist nur gut oder nur böse. Und es ist wohl eine Frage der Grundeinstellung gegenüber „Fremden“, ob man sie für potentiell gefährlich oder eher für interessant hält. Ich möchte Dir pauschal keine Weltabgewandtheit unterstellen – aber reise doch mal in ein arabisches Land. In Marokko zum Beispiel kannst Du  die gastfreundlichsten Menschen und die trickreichsten Händler der Welt antreffen. Doch wenn Du jedem unterstellst, ein Trickser zu sein, wirst Du von der Gastfreundschaft niemals etwas zu spüren bekommen.

Du wirst sehen, dass selbst im angeblichen Chaos noch mehr Schönheit zu finden sein wird, als Du glaubst. Und wenn Du siehst, wie arme Menschen noch ihr letztes Brot miteinander teilen, wird auch das angebliche so zerfallende Deutschland in einem anderen Licht erscheinen. Ein Land, was vor Reichtum und Sicherheit gar nicht mehr wohin weiß mit seiner Angst. Und eine Transformation nach Design, wie Du sie Dir wünschst, halte ich persönlich für deutlich gefährlicher als eine aus dem Chaos heraus. Aber das ist ein anderes, sehr großes Thema!

Lieben Gruß,

Richard

 

Am 28/01/2016 um 00:24 schrieb Christian:

Lieber Richard,

Ich denke wir sind an einem ersten „toten Punkt“ unserer Diskussion angelangt, zumindest fühle ich mich gerade etwas missverstanden. Geht dir das ähnlich?

Zunächst würde ich gerne einen Punkt nochmal ganz klar machen: Die Aussetzung rechtsstaatlicher Prinzipien, von der ich gesprochen habe, bezog speziell darauf, dass die Gewährung von Asyl ohne Feststellung von Herkunft und Identität einer ungesteuerten Immigration gleichkommt. Das hat mit den Menschen die da kommen zunächst mal gar nichts zu tun. Ich habe nicht so getan, „als würden von den Flüchtlingen überwiegend Kriminelle hier herkommen“. Ich wollte darauf hinweisen, dass wir uns durch den Bruch rechtsstaatlicher Prinzipien in unserer Handlungs- und Gestaltungsfreiheit stark einschränken, beispielsweise dadurch, dass wir schwer kriminelle Menschen nicht mehr ausweisen können. Es geht mir nicht um geklaute Äpfel oder geschönte Steuerabrechnungen und schon gar nicht um gute bzw. böse Menschen.

Natürlich sind nicht alle Flüchtlinge schwerkriminelle oder gar böse Menschen, das habe ich aber ja auch nicht behauptet. Das wäre genauso absurd, als würde man sagen, dass alle Linken RAF-Sympathisanten seien oder alle Rechten insgeheim Sympathien für den NSU hegen würden oder alle Moslems potentielle Salafisten seien. Das Problem sind doch nicht die Mehrheiten, für die das nicht zutrifft, sondern die Minderheiten, für die das zutrifft.

Und damit sind wir bei dem, was ich als das Hauptproblem ansehe: Der ausgeprägte Reflex, alles, was problematisch ist, entweder zu generalisieren bzw. zu verallgemeinern (Spezialität der ‘einseitigen‘ Rechten) oder anderseits zu relativieren bzw. zu dekonstruieren (Spezialität der ‚einseitigen‘ Linken).

Mit anderen Worten: Ich denke, wenn man das Problem der Minderheit mit der Tatsache der unproblematischen Mehrheit dekonstruiert, kann man das Problem genauso wenig lösen, wie wenn man das Problem der Minderheit auf die eigentlich unproblematische Mehrheit verallgemeinert.

Könnten wir nicht gemeinsam versuchen, darüber hinaus zu kommen?

Schaffen wir es, der Einseitigkeit der Dualität von Links und Rechts zu transzendieren?

Herzliche Grüße,
Christian

 

Am 02.02.2016 um 16:41 schrieb Richard :

Hallo Christian!

ich habe es bisher nicht empfunden, dass wir an einem „toten Punkt“ angekommen wären. Dabei kann ich verstehen, dass viele an dieser Stelle vielleicht aufhören. Einfach weil eine Seite sich missverstanden fühlt. Also lass uns weitermachen!

In Deiner Argumentation bekräftigst Du immer wieder, dass „nicht alle“ Flüchtlinge „Kriminelle“ sein. Dennoch scheint es mir so, dass Du damit sagen willst: „nicht alle, aber viele“. Es kann sein, dass wir uns in diesem Punkt nicht einig werden, aber ich bleibe bei meinem Widerspruch. Ich denke, es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass unter den Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan  und sonswoher mehr Kriminelle sind als unter uns Landsleuten. Alles andere will ich erstmal empirisch bewiesen sehen.

Und da sind wir ja gleich auch an Deinem nächsten Punkt: der „Aussetzung rechtsstaatlicher Prinzipien“. Sicherlich hast Du damit Recht, klar werden die Regeln gerade außer Kraft gesetzt. Aber wie oft werden die das? In Krisensituationen werden Regeln ständig mit Füßen getreten. Und mir ist es doch lieber, wenn der Regelbruch Menschen aus extremer Not hier unterkommen lässt als ein anderer Regelbruch, in dem Verluste von großen Banken mal eben auf die Gemeinschaft übertragen werden. Mit deutlich weniger Protest wohlgemerkt. Mir ist bewusst, dass das nicht ohne Opfer auf unserer Seite abläuft. Aber ich sehe das ganz solidarisch. Wir sind ein reiches Land und diese Menschen kommen aus verdammt armen Ländern.

Ich stimme Dir in Deinem weiteren Punkt bezüglich der Generalisierung und Relativierung auf der anderen Seite zu. Fürchte aber, dass die meisten Menschen sich auf gewohnte Denkmuster verlassen müssen, um eine gewisse Sicherheit und Übersicht im ultrakomplexen Geflecht der immer kleinteiliger werdenden Konsensgruppen in unserer Gesellschaft zu bewahren. Die Frage ist doch: Wann sind wir als Gesellschaft verloren? Wenn wir Milliarden ausgeben für Menschen, die um ihr Überleben kämpfend bei uns Schutz suchen? Oder wenn wir ihnen keine Chance geben, neue Impulse in unser Land zu bringen und sie nicht irgendwo anders verarmen lassen und die Welt noch düsterer wird?

Viele Grüße!

Richard

 

Am 05/02/2016 um 15:14 schrieb Christian:

Lieber Richard,

in meinem letzten Beitrag habe ich versucht zwei Mechanismen zu verdeutlichen, die mir immer wieder in Diskussionen begegnen und gegen die ich natürlich auch selbst nicht immun bin.

Deine Interpretation beispielsweise, ich hätte impliziert, dass „nicht alle, aber viele“ Flüchtlinge Kriminelle seien ist genau das: Eine Interpretation. Gesagt bzw. geschrieben habe ich das so nicht und zwar aus gutem Grund, weil ich eben nicht diesen bereits angesprochenen Fehler machen will, der darin besteht, eine problematische Minderheit auf eine unproblematische Mehrheit zu verallgemeinern (ob es nun „alle“ oder „viele“ sind, ist dabei gar nicht so entscheidend). Scheinbar gibt es also bei jedem von uns eine gewisse Gestimmtheit und auch eine gewisse Erwartungshaltung in Bezug auf die Gestimmtheit des jeweils anderen. Von deiner Seite aus, scheinbar die, dass ich recht wahrscheinlich genau diesem Generalisierungs-Fehler auf den Leim gehen könnte, und ich gebe zu, von meiner Seite aus, die, dass Du eher anfällig für den umgekehrten Relativierungs-Fehler sein könntest.

Und ich frage dich, ob du nicht dem Relativierungs-Fehler aufgegessen bist, als _Du die außer-Kraft-Setzung der Regeln des Asylrechts mit einer Vielzahl anderer außer-Kraft-Setzungen bei der Bankenrettung relativiert hast? Diese Argumentationslinie würde ich nicht gelten lassen. Man kann ja auch niemanden den Schädel einschlagen, sich dann vor den Richter stellen und sich damit verteidigen, dass Millionen von Menschen durch alle Zeiten hindurch immer wieder andern Leuten den Schädel eingeschlagen haben oder woanders gerade irgendwer ein noch schlimmeres Verbrechen begeht. Sind wir uns einig, dass das so nicht geht?

Ein Punkt, den Du auch immer wieder angesprochen hast, ist der, dass wir als Mitglieder der deutschen Gesellschaft doch so reich sind und die, die zu uns kommen doch aus so armen Gesellschaften kommen, wir also eine gewisse Verpflichtung haben, zu teilen. Das sehe ich grundsätzlich auch so, frage mich aber, wie wir das konkret umsetzen können?

Ich hatte es zu Beginn schon einmal angesprochen: Die reichsten 5 (!) Einzelpersonen in Deutschland besitzen mehr Reichtum, als die ärmeren 32 Millionen Menschen in Deutschland. Weltweit besitzen mittlerweile die reichsten 62 (!) Einzelpersonen mehr Reichtum, als die ärmere Hälfte der Menschheit, also 3,6 Milliarden Menschen und ein Bruchteil der griechischen Oligarchie besitzt mehr Reichtum als das gesamte Land Schulden hat und dennoch durchwühlen die Leute den Müll und sterben wie die Fliegen, weil sie sich ihre Herztabletten oder ihr Insulin nicht mehr leisten können.

Die offiziellen Arbeitslosenzahlen in Deutschland sprechen von knapp unter 3 Millionen, rechnet man die dort nicht berücksichtigen Menschen mit ein, käme man schon auf 3.6 Millionen und selbst dann wären da noch nicht die sog. „Aufstocker“ dabei. Und nur weil man beispielsweise 900 € Netto hat (das wäre ein Betrag knapp über dem Aufstockungs-Niveau), ist man noch lange nicht reich. So reich wir als Gesellschaft insgesamt rein rechnerisch auch sind, so ungerecht ist dieser Reichtum verteilt.Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände wittern bereits die Chance wegen der Flüchtlingskrise den Mindestlohn auszusetzen, Schäuble will Sondersteuern auf Benzin, von einer Finanztransaktionssteuer oder der höheren Besteuerung extrem hoher Einkommen (nicht der Handwerksmeister, sondern der Goldman-Sachs-Banker!), davon spricht niemand.

Wenn wir die perverse Ungleichheit in unserer Gesellschaft aber nicht gerechter gestalten (im Idealfall auf globaler Ebene) dann fürchte ich, steuern wir durch die massenhafte Einwanderung auf eine soziale Katastrophe zu. Denn die Armen werden unter den gegebenen Bedingungen regelrecht gegen die Ärmeren ausgespielt. In den Ohren der ärmeren Deutschen, die dann plötzlich um ihre Sozialwohnung mit noch ein paar Millionen weiterer Menschen konkurrieren, die dann noch härter um ihre Aufstocker-Jobs kämpfen müssen, in den Ohren dieser Menschen hört sich die Mär vom reichen Deutschland, in dem es allen gut geht, sicher einigermaßen zynisch an. Man sagt diesen Menschen einfach: „Wir schaffen das*“ und meint eigentlich: „Schafft das!“. Für manch einen hört sich das dann an wie „Fuck you!“.

Wachstum ist nicht die Lösung für Armut und Flüchtlingskrise, es ist m.E. ihre Ursache und solange wir das Problem nicht an der Wurzel angehen, können wir Millionen oder auch Milliarden von Menschen aufnehmen, unseren sozialen Frieden gefährden, Arm gegen Ärmer nunmehr noch stärker im eigenen Land gegeneinander ausspielen. Aber grundsätzlich wird sich dadurch nichts, aber auch gar nichts an dem System ändern, dass all diese soziale Ungleichheit, all diese Armut und all diese Kriege und all dieses Leid ständig reproduziert und vermehrt. Darüber redet aber keiner und darüber, finde ich, müssten wir dringendst reden!

Ich denke, wir sind als Gesellschaft verloren, wenn wir die systemischen Ursachen (nicht nur aber auch) der Flüchtlingskrise nicht mitbeobachten und stattdessen die Flüchtlingskrise mit genau den Mittel zu lösen versuchen, die sie hervorgebracht hat.

Herzliche Grüße,

Christian

Am 10/02/2016 um 16:40 schrieb Richard:

Hallo Christian!

Es tut mir leid, wenn Du Dich übergangen gefühlt hast in meiner letzte Nachricht. So sehr ich mich bemühe, scheitere ich auch zuweilen an dem Versuch, immer neutral und unvoreingenommen an politische Debatten zu gehen. Es ist aus meiner Sicht ein großes Problem, dass wir – und ich meine alle Seiten – sehr leicht in Verallgemeinerungen verfallen und die andere Seite in eine eigene Form pressen wollen. Das macht es für uns erstmal leichter, nur schaffen wir so keinen gewinnbringenden Dialog. Für keine der beiden Seiten, auch für den Fall, dass am Ende eine von beiden das Gefühl hat, gewonnen zu haben.

Zum Thema: ich stimme Dir zu, dass wir ein Problem mit der Verteilung von Wohlstand haben. Solange einige wenige einen gewaltigen Anteil der finanziellen Mittel für sich haben, werden wir keine gerechte Gesellschaft haben. Nur ist da erstmal ein nationales Problem. Eines, dass es in jedem Land gibt. Doch bleibe ich dabei: die sind alle in großer Not. Und mir ist es lieber das Überleben von Menschen, die vor Krieg und Zerstörung fliehen, zu sichern, als bei einer solchen Feststellung stehen zu bleiben. Sicherlich haben wir das Asylgesetz angepasst. Aber sollen wir diese Menschen verrecken lassen? Aus meiner Sicht geht das garnicht. Ich halte es für unsere oberste Pflicht, das Zusammen- und Überleben aller Menschen sicherzustellen.

Zu einem guten Teil kann ich verstehen, dass die armen Menschen in Deutschland sich zurückgestellt fühlen mögen – ihr Leid scheint relativiert zu sein in diesen Tagen. Doch sollten wir nicht vergessen, dass ihr Leid immernoch ganz ganz ganz weit davon entfernt ist von sagen wir mal jemandem, der Freunde und Familie hat Sterben sehen. In einem jahrelangen Krieg. Auch ein Leben ohne wirtschaftliche Perspektive, Hunger und staatlicher Repression ist weit von dem entfernt, was die Ärmsten hier vorfinden. Damit soll keine der Ungerechtigkeiten, wir soziale Sanktionierung, fehlende Chancen zum Aufstieg und immer enger werdene Spielräume für Menschen ohne Arbeit, Bildung und Teilhabe hier nicht relativiert sein. Vielleicht haben wir uns nur zu sehr daran gewöhnt. Das wäre in der Tat schlimm. Nur ist es eben leider immer Teil unserer Gesellschaft gewesen, Armut zu akzeptieren. Wir leben in einer Marktwirtschaft, die sich das Adjektiv „sozial“ schon lange abschminken kann. Du hast recht: das ist eine Schande. Doch sich deswegen vor einer gewaltigen humanitären Krise zu verschliessen, das lehne ich trotzdem ab.

Vielleicht ist es garnicht mal so schlecht, dass Auswirkungen von globalen Machtkämpfen nun nicht nur in der Tagesschau an uns vorbeiflimmern und endlich sichtbar werden. Wie oft argumentieren PolikerInnen heute damit, dass etwa „militärische Eingriffe“ lieber unterlassen werden sollten, um „nicht noch mehr Flüchtlingsströme hervorzurufen“. Wann haben wir soetwas früher schon einmal zu hören bekommen? Endlich stehen die Probleme vor unserer Tür und wir können uns nicht mehr davor verschliessen, wie dreckig und ungerecht diese Welt ist. Und, dass wir verdammt noch einmal endlich etwas dagegen  unternehmen müssen. Denn in einem stimme ich Dir dann auch wieder zu: wenn wir nicht wollen, dass der globale Süden eines Tages in den Norden abwandert, dann müssen wir dafür sorgen, dass es Menschen überall auf der Welt gut geht. Es ist unsere Verantwortung, denn wir haben viel zu lange davon profitiert, dass es nicht so ist.

Mit besten Grüßen,

Richard

 

  1. Hier entwickelt sich exemplarisch das Schema des Debattenverlaufs, wie ich es in diesem Zusammenhang aus eigener Erfahrung kennengelernt habe: Der Asylkritiker fühlt sich fortwährend dazu gedrängt, zu betonen, was er alles nicht gemeint hat; er fühlt sich offenbar unaufhörlichen Unterstellungen ausgesetzt. Das geht so weit, bis gar nicht mehr über die Sache an sich geredet wird, sondern nur noch über die Lage der Debatte – nämlich dass einer meint, der andere unterstelle ihm etwas und der andere darauf beharrt, er habe es ja nicht so gemeint, aber er sehe schon klare Tendenzen hier oder dort.

    Meiner Meinung nach ist das Problem dabei, dass Asylkritiker viel zu selten darüber reden, wie sie sich die Welt denn eigentlich wünschen würden: Wo sollen die Geflüchteten hingehen? Wie bringt man sie dazu, sich auch dementsprechend zu verhalten? Wie soll man sicherstellen, dass die Lebensverhältnisse in deren Herkunftsländer kurz- und langfristig verbessert werden? Wieso sollte das besser klappen, wenn sie in ihren Herkunftsländern bleiben? (Hat ja in der Vergangenheit auch nicht geklappt.) Wieso sollte es in dem Fall leichter sein, sich um die soziale Ungleichheit in unserem Land zu kümmern? Wer kümmert sich darum?

    Stattdessen beginnen sie damit, in einem fort darüber zu klagen, man könne ja rechtsstaatliche Prinzipien nicht einfach so aushebeln, die Armen gegeneinander ausspielen, … Das solle man bitte unterlassen. Aber was kann und soll man denn tun? Außerdem sprechen sie oft die systemischen Probleme der Gegenwart an: Soziale Ungleichheit, Umweltbelastung, wirtschaftliche Schieflage. Christian ist sogar Wachstumskritiker! Auch das habe ich schon in dem Zusammenhang gesehen: Man müsse erstmal das System ändern, bevor man Partikularlösungen für einzelne betroffene Menschen sucht. Man müsse das große Ganze sehen.

    Aber das große Ganze wird ja gesehen! Das große Missverständnis ist ja, dass „by design“ nicht systemisch funktioniert. „by design“ heißt nur, dass man sich darüber Gedanken macht, wie es sein soll; es heißt, dass man das große Ganze sieht und dann individuell im eigenen Wirkungskreis danach handelt. Es heißt eben nicht, dass die „Richtigen“ an die Macht kommen werden, die dann das System und die Gesellschaft zum Guten wenden. Das wird nämlich einfach nicht passieren. „by disaster“ würde bedeuten, dass sich weiterhin keiner angesprochen fühlt und stattdessen alle nur über die bösen Machthaber fluchen, die nichts oder nicht das Richtige tun.

    Wenn wir Geflüchtete von unserer Lebenswelt fernhalten, haben wir noch weniger Möglichkeiten, individuell für diese Menschen wirksam zu werden, als sowieso schon. Dann sind wir noch mehr darauf angewiesen, dass abstrakte Institutionen und Machthaber das Problem angehen. Und damit ist nicht zu rechnen, wenn man die Vergangenheit betrachtet.

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