Katrin Rönicke hat den Feminismus im Internet erzogen und ihre Höhen und Tiefen erlebt. 2011 gründete sie eine Netzfeminismus-Plattform. Sie fordert: Diskutiert miteinander!

„Wie kann man eigentlich kein*e Feminist*in sein?“, fragt Maisie Williams, eine Darstellerin aus „Game of Thrones“ in einem Interview. „Feminism is the radical notion that women are people“, sagte einst Marie Shear. Kurz: Die Sache scheint klar – Feminismus ist gut, notwendig und toll. Diese Haltung hat sich in den vergangenen Jahren durch die Welt getragen, sie wurde in die Popkultur eingeschrieben. Stars wie Emma Thompson oder Beyoncé stehen dazu, kämpfen dafür.

Filmepen wie Star Wars setzen neue Akzente mit Heldinnen wie Ray aus Episode 7. In vielen traditionellen Medien gibt es explizite feministische Sparten. Es tut sich was. Es wird. Es wächst. Und das ist nicht zuletzt dem Netz zu verdanken, in dem Feminist*innen einen Ort gefunden haben, sich zu treffen, zu vernetzen, Kampagnen zu starten und auf die Straße zu bringen.

Das Netz war ein Wunder

Heute sind wir gerne Feminist*innen und was das Netz gebracht hat, war zumindest für mich einer der ersten Orte, wo ich mit Leichtigkeit andere Feminist*innen finden konnte. Ich komme nämlich aus einem kleinen Ort im lieblichen Taubertal und mit meiner Einstellung (grün, links, feministisch) war ich als Jugendliche noch ziemlich alleine. Ich war die Einzige, die zum Grillen Tofuwürstchen mitbrachte, die Grüne Jugend Bad Mergentheim musste erst von mir gegründet werden und mit Frauenthemen stand ich mit wenigen anderen ziemlich im Abseits. Für Leute wie mich war das Netz ein Segen, weil es die Möglichkeit gab, egal aus welchem noch so kleinen hinterwäldlerischen Kaff wir kamen, andere zu finden, denen Frauenrechte auch wichtig waren. Ein toller Ort.

Das Netz war wie ein Wunder.

Denn wir trafen uns nicht nur dort, sondern taten auch, was Menschen seit Jahrtausenden tun, wenn sie sich gefunden haben: Wir erzählten uns unsere Geschichten. Wir erzählten sie sogar der ganzen Welt! Das Netz war wie ein Wunder. Bislang hatte es außer der Schülerzeitung nur Medien gegeben, an denen unsere feministische Haltung abgeperlt war wie Wassertropfen von einer neuen Teflonpfanne. Da gab es nämlich die sogenannten Gatekeeper: Diese Typen, meistens Männer, die entschieden, was in ihren Zeitungen, ihren Radioshows oder ihren Fernsehsendungen Platz fand und was nicht.

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Nirgendwo sonst habe ich so viele neue Freund*innen gefunden.

Durch das Internet habe ich also viele Menschen getroffen, von denen ich glaubte, sie seien wie ich. Nirgendwo sonst habe ich so viele neue Freund*innen gefunden. Aber: Ich habe auch nirgendwo sonst so viele Freund*innen verloren. Zuerst haben wir einige Jahre damit verbracht, durch Blogtexte, Videos, twitter, facebook, tumblr etc. neue Diskurse und Aufmerksamkeiten zu organisieren. Es entstanden in den Nuller Jahren viele Netzwerke, nicht nur feministische, sondern auch netzpolitische.

Solche, die eine progressive Demokratie entwerfen wollten, wie etwa die Piratenpartei. Sie alle schafften es durch das Internet zu informieren, eine Gegenöffentlichkeit zu bauen, sogar auf die Straße zu mobilisieren. netzpolitik.org, der Verein „Digitale Gesellschaft“, campact und Co. sind nur einige Beispiele aus dieser Szene.

Ich habe 2011 die Plattform netzfeminismus* gegründet. Ein Ort für alle Feminist*innen, die im Netz aktiv waren und die sich mit anderen Netzfeminist*innen austauschen wollten. Es gab netzfeministisches Biertrinken, es wurden Pläne für Aktionen wie eine Speakerinnen-Liste (heute gibt es eine Datenbank) geschmiedet und es lernten sich eine Menge Leute kennen, die einander vorher nie getroffen hatten.

Wer Fehler macht, gerade als Feministin, der wird nicht selten gejagt

Ebenso 2011 gab es in Berlin den ersten Slutwalk, der weltweit Millionen auf die Straße brachte, um gegen sexualisierte Gewalt und Victim Blaming zu demonstrieren. Ausgetauscht wurde sich über Facebook. All diese Bewegungen basierten auf dem Glauben, gemeinsame Werte zu teilen, gemeinsame Ziele zu haben, gemeinsam die Welt zu verbessern.

Die Krux ist: Er ist zerstritten wie nie.

Man wurde in den traditionellen Medien aufmerksam, die Gatekeeper räumten Kolumnen ein, boten Plätze in Talkshows und luden zu Radio-Talks ein. Daneben entstanden eigene Formate und Seiten, Blogs und Podcasts, Videocasts und Hashtag-Kampagnen. Bis heute hat der Feminismus im Netz eine breite Basis und ein breites Publikum – er ist nicht mehr wegzudenken.

Die Krux ist: Er ist zerstritten wie nie. Denn in einem haben wir uns geirrt: Nicht nur sind wir natürlich unterschiedlich, unsere Werte und Ziele sind es offenbar auch. Während wir die Sexismen der Gesellschaft unaufhörlich anprangerten, haben wir unsere eigenen oft nicht genug bemerkt. Es ist nur allzu menschlich, dass man die Fehler der anderen gut erkennen kann und die eigenen eher nicht. Zumal es im Netz schwierig sein kann: Wer Fehler macht, gerade als Feministin, der wird nicht selten gejagt. Es lauert unentwegt eine Horde, die sich gegenseitig darin hochschaukelt, auf alles einzudreschen, was aus feministischer Ecke kommt.

Ein internalisierter Sexismus: Ein erheblicher Teil der Aktivistinnen ist weiblich.

Das macht es umso schwerer, innerfeministische Kritik zu üben, eine gute, produktive Streitkultur zu entwickeln und gemeinsam aus Fehlern zu lernen. Hinzu kommt internalisierter Sexismus: Ein erheblicher Teil der Aktivistinnen ist weiblich, obschon auch viele Männer mitmachen.

„Hell no!“

„Trashing“ und Mobbing sind immer schon Probleme feministischer Gruppen gewesen. „Sisterhood is powerful. It kills. Mostly sisters.“ So die feministische Autorin und Philosophin Ti-Grace Atkinson. Dass Frauen vor allem zum Schweigen gebracht werden sollen, wenn ihre Meinung nicht passt und dass man mit ihnen nicht diskutiert, ist ein sexistisches Verhalten – eines, das auch feministische Aktivistinnen an den Tag legen können.

Wenn eine Frau eine Meinung hat, wird sie von anderen eher niedergebrüllt als Männer. Das zeigen Analysen der Online-Kommentare des Guardian, wo vor allem Autorinnen von Hass und Häme betroffen waren. Als wäre das nicht schlimm genug, bekommen Frauen mit Meinung und dem Schneid zu widersprechen oft auch noch von der eigenen Gruppe Steine in den Weg gelegt.

The women’s blogosphere „feels like a much more insular, protective, brittle environment than it did before. It’s really depressing“Anna Holmes

Die Autorin und Gründerin der Plattform Jezebel, Anna Holmes, sagte gegenüber dem US-Wochenmagazin „The Nation“, dass sie heutzutage nie wieder eine Frauenseite im Netz gründen würde. „Hell no!“ sei ihre Antwort auf diese Frage gewesen. The women’s blogosphere „feels like a much more insular, protective, brittle environment than it did before. It’s really depressing“, sagte sie damals in einem Artikel, der beleuchtete, wie Feministinnen sich online gegenseitig das Leben unglaublich schwer machten („Feminism’s Toxic Twitter Wars“, Januar 2014).

Es fehlt eine gesunde Streitkultur

Ihn zu lesen, ist nicht leicht, erkennt man doch so viele der Mechanismen wieder, die auch die feministische Netz-Szene hierzulande spaltete. Jezebel war zu eben jenen Zeit möglich, als auch ich zusammen mit vielen anderen im Netz auf der Basis von Vertrauen, gemeinsamen Zielen und Optimismus eine Bewegung organisierte: 2007 ging die Seite online und ist heute nicht mehr wegzudenken.

Anstatt sich zu streiten, versucht man sich gegen Kritik zu immunisieren.

Was muss passiert sein, dass ihre Gründerin sagt: „Nie wieder!“ Es ist das Fehlen einer gesunden Streitkultur. Anstatt sich zu streiten, versucht man sich gegen Kritik zu immunisieren, was natürlich nicht gelingt. Das kann so weit gehen, jene auszugrenzen oder zu denunzieren, die Kritik üben und auf Probleme aufmerksam machen. „Organisiert Liebe“, forderte die feministische Aktivistin Kübra Gümüsay.

Das Internet (ist) noch ziemlich jung.Kübra Gümüsay

Die britische Journalistin, Autorin und Feministin Caitlin Moran sagte im Interview mit mir: „Das Internet (ist) noch ziemlich jung. Genauer gesagt ist es ein Kleinkind! Mit allen seinen Verhaltensweisen! Es schreit rum, wird schnell wütend und liebt Fotos von Katzen. Wir müssen erst lernen und aneinander wachsen.“

Wir müssen lernen. Lernen, Widerspruch auszuhalten, wieder in den Dialog zu treten, anstatt zu mauern und hinter den Rücken der anderen ad hominem zu mobilisieren. Einige Gräben werden sicher bleiben. Mittlerweile scheinen die meisten damit aber gut leben zu können. Anstatt sich darauf zu verlegen, andere Feminist*inen mit Gülle zu überschütten, entsteht Neues und wird Eigenes vorangetrieben. Nebeneinander.

Viele Protagonistinnen gehen unbeirrt weiter und das ist verdammt gut so! Was aber auch wichtig ist, das ist eine gemeinsame Basis, die Konflikte und Diskussionen nutzbar macht, die politisches Streiten und persönliche Querelen voneinander trennen kann.

„Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“Rosa Luxemburg

Rosa Luxemburg sagte: „Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ Indem wir einander zugestehen, anders zu denken und offen über unsere Differenzen zu diskutieren, machen wir den Feminismus erst recht zu einem unwiderstehlichen Projekt! Wenn wir lernen und aneinander wachsen, wie Caitlin Moran es prophezeit, können wir zurück zum Anfang, wo wir jenseits von Grabenkämpfen vor allem eines im Blick behalten haben: Eine geschlechtergerechte Welt.


Die Gastautorin Katrin Rönicke ist Buchautorin und Produzentin des „Lila Podcast“. Sie schreibt und schrieb für verschiedene Medien, darunter der Freitag, die FAZ und die taz.

* Die Seite netzfeminismus.org wurde inzwischen durch Katrin Rönicke gelöscht und die Domain gekündigt. Inzwischen gibt es einen neuen Besitzer der Domain, der Teile der ursprünglichen Seite kopierte und Werbung platziert.

Beitragsbild: Illustration, Kati Szilágyi

 

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