Technisch möglich – aber nötig?

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Markus Beckedahl, Gründer von netzpolitik.org und Mitinitiator der Web-Konferenz re:publica , freut sich schon auf noch mehr Internet: Wir stünden erst am Anfang einer Entwicklung, sagt er in einem aktuellen Interview mit der tagesschau anlässlich der re:publica 2015. Bildschirme seien dabei nur Übergangstechnologien. Bei der Vorstellung an eine zukünftig mittelbarere Verbindung von Mensch und Digitalität huscht Beckedahl ein vorfreudiges Grinsen über das Gesicht. Seit seiner Kindheit warte er auf vernetzte Brillen und Uhren. Den Blick für’s Wesentliche sehe er nicht gefährdet. Dem Fernsehen hätte man diese Auswirkung vor 50 Jahren schließlich auch nicht unterstellt.

Mich beängstigt dieses Funkeln in seinen Augen während des Interviews. Es erinnert mich an eine bestimmte Wesensart, die verrückte Wissenschaftler in Cartoons so charakteristisch macht. Sie ist eine Mischung aus maximaler Leidenschaft, unstillbarem Erkenntnishunger und daraus folgendem rücksichtslosen Aktionismus: „Die Weltherrschaft ist nicht genug!“

Flieder

Zahnpflege und Sexualleben 2015

Ähnlich mulmig wurde mir neulich bei der Werbung für die nächste Generation der elektrischen Zahnbürsten. Sie nutzt ihren Stromanschluss nämlich nicht mehr nur zur Unterstützung des menschlichen Handgelenks beim Rotieren der Borsten. Nein, sie macht bei jedem Putzvorgang nun auch eine quantitative Analyse der erbrachten Putzleistung. Die gesammelten Informationen über Andruck, Dauer und die vollständige Bearbeitung des in Quadranten aufgeteilten Mundbereichs stellt sie dann auf dem mitgelieferten Smart Guide sofort und übersichtlich zur Verfügung. Um mancher Menschen Ignoranz (zahn-)prophylaktisch vorzubeugen, reguliert sie aber schon während des Putzens durch ihre automatische Pulsationskontrolle den Druck auf die Zähne. Es gehört zum Service, den Konsumenten nicht mit der zielgerichteten Umsetzung der nötigen Konsequenzen aus den errechneten Daten allein zu lassen – Ehrensache.

Natürlich stecken bei diesen Beispielen viele Themenbereiche unter einer Decke: Optimierungssucht, Innovationszwang und letztendlich Wachstum, oft auch als „Fortschritt“ oder „Entwicklung“ getarnt, geben sich die Klinke in die Hand. Seinen sprichwörtlichen Höhepunkt erreicht das Ganze beim per Smart Phone steuerbaren Vibrator für alle, die auch in Fernbeziehungen nicht auf spontane Avancen ihrer Lieben verzichten möchten. Erhältlich in der Drogerie bei mir um die Ecke (gegenüber von den Windeln). So verschickt man heute Liebesgrüße quer über den Globus.

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Doch mal abgesehen davon, welche nachvollziehbaren bis niederträchtigen Motive hinter diesem, für mein Befinden, brutalen Einzug von Technologien in immer kleinteiligere Bereiche unseres Lebens stecken, wissen kann man um den Ausgang der Geschichte, ob gut, schlecht oder beides, nicht. Sicher weiß ich aber, dass man aus der Vergangenheit lernen sollte. Dass das Fernsehen, um Beckedahls Beispiel aufzugreifen, unseren Blick für’s Wesentliche getrübt hat, wagt ja wohl kaum jemand zu bezweifeln.

Wie bei allen Drogen geht es einem danach schlechter als zuvor

‘Ne Weile war es schön. Als es noch rar war. Damals hat das Fernsehen mit seinen 2-3 Programmen noch zum sozialen Leben beigetragen, wenn sich alle pünktlich zur Unterhaltungssendung am Abend vor der Glotze versammelt haben. Die paar Minuten Verzicht auf „aktives“, alle Sinne ansprechendes Leben waren zu verschmerzen. Dann wurde es mehr. Viel mehr. Noch heute schauen die Deutschen im Durchschnitt mehr als drei Stunden am Tag fern. Man kann sich so wunderbar darin vertiefen, sich ablenken von allem, was nervt. Danach aber fühlt man sich leer. Inzwischen wird das Fernsehen unterhaltungs- und informationstechnisch sowieso schon wieder abgelöst. Eine wildgewordene Videoplattform überrundet es in allen messbaren und gefühlten Bereichen. Auch die Betäubungsfunktion hat sie mühelos optimiert. Beduselung 2.0. Information, Kommunikation und Identifikation hoch Sternzahl kicken mich auch manchmal. Aber danach ist es wie mit allen Drogen – es geht einem schlechter als zuvor.

Für mich ist es also keine Frage, ob noch mehr Technik und Internet unsere Lebensqualität verbessern oder verschlechtern. Man muss doch nur mal ganz tief in sich hineinfühlen, wenn man mehrere Stunden am Tag geistig einen Verarbeitungs-Marathon hingelegt hat, seinen Hintern aber höchstens mal von der rechten zur linken Stuhlkante bewegte. Man fühlt sich erschöpft, ermattet und völlig blutentleert.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Der Flieder blüht, bald wachsen Erdbeeren auf unseren Feldern und das Transform-Mag ist da. Letzteres bisher leider noch nur digital. Damit ihr das gute Leben aber auch bei Stromausfall und Kerzenlicht genießen könnt, wollen wir es DRUCKEN (Klick!). Dann kann man es anfassen, riechen, es verstecken, daraus Papierflieger basteln, es in der Bahn für Interessierte liegen lassen, wer will auch schmecken und damit kuscheln. Man erkennt das gute Leben daran, dass es nicht leert, sondern erfüllt.

 


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