Die Antwort: vielfältig. Denn, nicht jeder Mensch findet sein Glück in der traditionellen Kleinfamilie. Wer will, kann Familie heute in alternativen Modellen verwirklichen.

Die „Homo-Ehe“: der letzte große Sieg für die klassische Ehe.

Am 30. Juni 2017 geschah das Wunder, das eine Woche zuvor niemand mehr erwartet hatte: An einem der letzten Sitzungstage der Legislaturperiode verabschiedete das Parlament die „Ehe für alle“, öffnete die Ehe also auch für gleichgeschlechtliche Paare. Rückblickend werden wir eines Tages vielleicht sagen: Dies war zwar ein weiterer großer Sieg für die Queer-Community, aber der letzte große Sieg für die klassische Ehe und die mit ihr verbundene Kernfamilie.

Die Sehnsucht nach neuen Modellen des Zusammenlebens scheint groß. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein, die tieferliegende Ursache aber ist: Die Kernfamilie mit Vater, Mutter und ein bis drei Kindern ist zwar nicht vom Aussterben bedroht, hat aber in ihrer Rolle als einzig erstrebenswertes Familienmodell ausgedient. In einem Interview mit dem schweizerischen Tagesanzeiger führt die Politikwissenschaftlerin Mariam Tazi-Preve dies auf verschiedene Entwicklungen zurück.

Das romantisch verklärte Idyll der Kleinfamilie sei keinesfalls naturgegeben.

Gerade in unserer Leistungsgesellschaft sei die Kleinfamilie eher eine Belastung als die häufig ersehnte Familienidylle, die Lasten der Erziehung und Organisation würden sich auf nur wenige Schultern verteilen. Und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gleiche der Quadratur des Kreises. Kinder seien zudem immer mehr zu Gradmessern des eigenen Erfolgs geworden, es gebe regelrechte Kämpfe darum, wer sein Kind besser durch das Leben bringt. Das romantisch verklärte Idyll der Kleinfamilie sei aber keinesfalls naturgegeben.

Mit der Industrialisierung und der dadurch veränderten Arbeits- und Lebenswelt wurde die Großfamilie als zentrales Lebensmodell abgelöst. Hausgemeinschaften in Mehrparteienhäusern, von einander nahestehenden Mietern bis zu freundschaftlich verbundenen Eigentümergemeinschaften, und ähnliche Modelle wie Kommunen oder Wagenburgen sind heutzutage wahrscheinlich das, was einer früheren Großfamilie neben der Großfamilie selbst am nächsten kommt. Eine Form von Hausgemeinschaft durfte ich selbst miterleben: Vier Familien an ganz unterschiedlichen Punkten ihrer Entwicklung, dazu ein Ingenieur, ein Musiker, eine Sportlerin und ich.

Der Traum: das gallische Dorf, in dem sich alle kennen & alle für einander Verantwortung übernehmen.

Immer wieder ein freundliches Schwätzchen über den Balkon, ein spontaner Kaffee, Etappen-Abendessen, Grillabende, gemeinsame Haus- und Hofarbeiten; genauso konnte ich mich aber auch mal zurückziehen. Dem „gallischen Dorf“, in dem sich alle kennen, alle für einander Verantwortung übernehmen, wie es der Blog Kinder haben – und trotzdem glücklich leben erträumt, diesem Ideal durfte ich mich nahe fühlen. Und das nicht im hippen Berlin, sondern im etwas weniger glamourösen Mannheim.

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe neuer Familienmodelle – polyamore Beziehungen, Ökodörfer und andere – die nicht alle in diesem Beitrag unterkommen. Wir stellen dir hier einige Modelle vor und lassen Mitmenschen zu Wort kommen, die sich für die jeweilige Lebensform entschieden haben.

Das Mehrgenerationenhaus

Zusammen statt allein: Mehrgenerationenhaus

Zusammen statt allein: Mehrgenerationenhaus

Mehrgenerationenhäuser gibt es in unterschiedlichen Varianten: Sie reichen von eher losen offenen Tagestreffs für Menschen verschiedener Kulturen und Altersstufen, ohne dass es eine gemeinsame Wohnform gibt, bis hin zu Bau- und Lebensgemeinschaften, die sich ein gemeinsames Heim schaffen, in dem mehrere Generationen dauerhaft miteinander leben. Zu den wichtigsten Zielen gehört es, Verständigung über Generationen hinweg aufzubauen, Erfahrungen auszutauschen und sich im alltäglichen Leben gegenseitig zu unterstützen.

Mehrgenerationenprojekte können unterschiedliche Rechtsformen annehmen. Sie werden manchmal von Vereinen oder gemeinnützigen Organisationen getragen oder entstehen als Genossenschaften aus Bürgerinitiativen heraus. Inzwischen gibt es dafür eine Reihe von Förderprogrammen von Bund und Ländern.

Ein Beispiel ist das Mehrgenerationenprojekt Wohnart in Bad Kreuznach. „Ein solches Projekt von Grund auf aufzubauen, erfordert einen langen Atem“, erläutert Monika Lenger-Kirn. Erste Ideen für das Projekt gab es bereits um 2003, so Lenger-Kirn, die selbst erst 2014 dazukam. In der ersten Planungsphase herrschte ein Kommen und Gehen. Das Wohnbauprojekt wurde schließlich als Genossenschaft realisiert und der Bau des ersten Abschnitts auf einem Konversionsgelände der Stadt im Jahr 2010 begonnen. Gefördert wurde das ökologisch nachhaltige und barrierefrei gestaltete Bauprojekt unter anderem vom Land Rheinland-Pfalz.

„Es gibt inzwischen mehr Interessenten als Wohnungen“, erzählt Lenger-Kirn weiter, „außerdem haben wir viele Anfragen von Projekten, die Ähnliches planen“. Zwischen den vielen bereits bestehenden Mehrgenerationenhäusern gibt es einen Erfahrungsaustausch, auch wenn alle in unterschiedlichen Umfeldern verwirklicht werden: Mehrgenerationenhäuser sind eng in ihre Umgebung eingebettet und treffen dadurch alle auf unterschiedliche Bedingungen vor Ort. Dadurch erklärt sich die große Vielfalt an Formen.

Derzeit wohnen im Wohnart nur zwei Generationen unter einem Dach. Wunschlos glücklich sind die Mitglieder des Projekts daher noch nicht. „Bisher hatten wir Probleme, Familien mit jungen Kindern zu binden“, bedauert Lenger-Kirn. Der Grund sei, dass bis vor Kurzem Banken keine Darlehen geben wollten, die den Einstieg in das genossenschaftliche Projekt finanzieren würden. Dies habe sich aber im Jahr 2016 geändert. Nach dieser Änderung hofft die Wohnart, bald jüngere Generationen in ihrem Kreis begrüßen zu können. „Wir sind da, um einander zu unterstützen, voneinander zu lernen und uns gemeinsam weiterzuentwickeln. Ich würde diese gemeinschaftliche Lebensform immer wieder wählen!“

Die Regenbogenfamilie

RegenbogenfamilieVon Regenbogenfamilien spricht man, wenn gleichgeschlechtlich orientierte Menschen Kinder haben. Dabei sind verschiedene Konstellationen denkbar: Frauen können sich den Kinderwunsch durch die Samenbank oder durch einen persönlich bekannten männlichen Spender erfüllen – üblicherweise über die Bechermethode, also die Weitergabe von Sperma in einem geeigneten Behälter. Die gemeinsame Adoption war für Verpartnerte bisher nur eingeschränkt möglich, etwa wenn ein Partner ein leibliches Kind hatte. Eine Insemination durch ärztlichen Eingriff in Fällen, in denen die Bechermethode versagte, wurde von den Krankenkassen bisher nicht getragen. Beides wird sich mit dem neuen „Ehe für alle“-Gesetz wohl bald ändern.

Noch keine Rechtsform gibt es derzeit für Fälle, in denen mehrere Menschen Eltern eines Kindes werden, also beispielsweise ein verpartnertes lesbisches Paar mit einem Mann. In Brasilien wurde in einem Fall im Jahr 2014 aber gerichtlich bereits gestattet, dass drei Eltern auf die Geburtsurkunde eines Kindes eingetragen werden, und auch in Deutschland gibt es erste Überlegungen dazu, wie solche Familien rechtlich abgesichert werden könnten.

Wer eine Regenbogenfamilie gründen möchte, findet verschiedene Anlaufpunkte. Die Initiative lesbischer und schwuler Eltern (ILSE) ist in vielen deutschen Städten anzutreffen und organisiert nicht nur Kennenlerntreffen für willige lesbische oder schwule Eltern, sondern etwa auch Infoabende zu aktuellen rechtlichen Entwicklungen, und ist generell eine gute Anlaufstelle für gesicherte Informationen. Im Internet kann man sich auf der Plattform Familyship.org nach möglichen „Miteltern“ umschauen. Dort finden sich auch eine Reihe von persönlichen Geschichten, in denen Regenbogeneltern von ihren Erfahrungen berichten.

Claudius aus Mannheim ist vor Kurzem zusammen mit einem befreundeten lesbischen Paar Vater geworden. „Lesbische Paare haben immer die Möglichkeit, sich Samen über eine Samenbank zu besorgen, aber die beiden Mütter wollten, dass die Kinder ihren Vater kennen“, erzählt der Vater von Zwillingen. Er sei stark in die Erziehung der Kinder eingebunden und die beiden Mütter bezeichnen ihn als „Papa“. „In anderen Fällen nehmen die biologischen Väter eher die Rolle eines Onkels ein“, so Claudius. Er habe zwar die Zwillinge zur Adoption durch die beiden Mütter freigegeben, aber sollte den Müttern etwas passieren, ginge das Sorgerecht testamentarisch an ihn über. „Wir sprechen ganz offen miteinander, gerade über solche schwierigen Dinge und leben ein richtiges Familienleben, inklusive gemeinsam geplantem Jahresurlaub, auch mit meinem Freund.“

Aber auch eine Regenbogenfamilie findet sich nicht ohne Weiteres zusammen. So erzählt Sebastian aus Essen von seinen bisher erfolglosen Versuchen, eine Regenbogenfamilie zu gründen. Eine erste Wunschmutter sei mit ihrer neuen Freundin ins Ausland gezogen, eine weitere Wunschmutter wurde von ihrer Freundin vor die Wahl gestellt: Beziehung oder Kind. „Das Problem ist“, meint Sebastian, „dass sich eben nicht nur zwei, sondern mehrere Menschen einig werden müssen.“ Die Regenbogenfamilie mit mehreren Eltern sei für ihn aber nach wie vor das Wunschmodell.

Das Wechselmodell

WechselmodellDas Wechselmodell kommt ähnlich vielfältig daher: Klassischerweise stellt man sich das Wechselmodell so vor, dass Mutter und Vater getrennt voneinander leben und die Kinder in einem gewissen Turnus mal beim Vater oder bei der Mutter sind. Es gibt aber die Variante des Nestmodells, bei der Kinder an einem Ort wohnen bleiben und die Eltern immer wieder in diesen gemeinsamen Familienort hineinwechseln. Gründe, ein Wechselmodell einzugehen, kann es viele geben: Vielleicht hat sich ein Paar getrennt, oder zwei Eltern haben sich bewusst entschieden, gemeinsam Kinder zu kriegen, ohne eine Beziehung einzugehen.

Wechselmodelle gibt es auf Distanz, aber auch mit unmittelbarer Nähe der Eltern zueinander, manchmal sogar mit zwei Wohnungen über- oder nebeneinander im selben Haus. Die Elternteile müssen dabei keine eigene Wohnung haben, einer oder beide können in einer Wohngemeinschaft oder einem Hausprojekt leben.

„In jedem Fall muss man sich ein Wechselmodell leisten können“, betont Judith* aus Berlin. „Man braucht das richtige soziale Umfeld, die finanziellen Möglichkeiten und natürlich müssen sich beide Eltern gut verstehen.“

Bei Judith war es eine Trennung, die dazu geführt hat, dass sie sich Gedanken zum Wechselmodell machen musste. Jetzt wohnt sie nur wenige Straßen entfernt von Tim*, dem Vater der Kinder, der nach ihrem Auszug eine Elternwohngemeinschaft mit einem guten Freund eröffnet hat. Bei Tim treffen ihre Kinder auf andere Kinder, bei Judith können sie für sich sein.

Genauso hat Judith Zeit für sich, wenn die Kinder mal nicht da sind: „Früher waren Tim und ich Konkurrenten um Freiraum, jeder wollte möglichst viel für sich selbst. Die Belastung war groß und wir haben im Stress auch mal die verschiedensten Gegenstände geworfen: Handtücher, Bananenbrei, Tassen.“

Mit der jetzigen Situation ist Judith aber sehr zufrieden. Sie und Tim seien einander immer noch eng verbunden und würden sich nach wie vor als Familie sehen. „Mein neuer Freund und mein Ex verstehen sich gut und wir unternehmen auch mal etwas zusammen. Mit der räumlichen Nähe und weil wir uns alle so gut verstehen, fühlt sich das alles sehr gut an“, bekräftigt sie.

Trotz Risiken und Nebenwirkungen

Alternative Familienmodelle sind deutlich vielfältiger als das bisherige Ideal der Kernfamilie. Sie sind aber auch fluider, will heißen: Sie basieren viel mehr auf Absprachen und Freiwilligkeit als die Kernfamilie – was wiederum nicht bedeutet, dass sie nicht mindestens genauso sehr ein Hort der Geborgenheit sein können wie die klassische Kernfamilie. In alternativen Familienmodellen verteilt sich die Belastung häufig auf mehr Schultern und es gibt mehr gegenseitige Unterstützung.

Oder es gibt, wie beim Wechselmodell, mehr Freiräume für die Einzelnen, um sich auch sich selbst zu widmen – anstatt die ganze Energie darauf zu verwenden, die Struktur der Kleinfamilie zu stützen und nach außen ein möglichst gutes Bild abzugeben. Alle Menschen, mit denen wir gesprochen haben, haben Schwierigkeiten eingeräumt. Ebenso aber waren alle davon überzeugt, dass ihr Lebens- oder Wunschmodell die beste Variante für sie sei. Für viele sind alternative Familienmodelle der einzige oder zumindest der deutlich beste Weg, um Familie zu verwirklichen und zu leben. Die Alternative dazu wäre nicht selten, alleine oder ohne Kinder zu bleiben.

Die Gesellschaft passt sich langsam an

Noch ist in unserem Staat wie in vielen anderen alles auf die Bedürfnisse und Erfüllung der Kernfamilie ausgerichtet. Es ist allerdings einiges in Bewegung geraten: In Deutschland zum Beispiel arbeitet das Bundesjustizministerium an einer Reform des Abstammungsrechts, die neue gesellschaftliche Realitäten berücksichtigen soll. Die Mitelternschaft zum Beispiel könnte – in welcher Form auch immer – damit bald Einzug ins Gesetzbuch halten.

Überkommene Vorstellungen darüber, wer mit wem wie zusammenzuleben hat, rücken in den Hintergrund.

Obwohl die Leihmutterschaft in Deutschland formal verboten ist, erkannte der Bundesgerichtshof 2014 ein schwules Paar, das ein Kind über eine Leihmutter in Kalifornien hatten austragen lassen, als gemeinsame Eltern an. Zunehmend richtet sich also in Politik und Rechtsprechung der Blick auf das Kindeswohl. Überkommene Vorstellungen darüber, wer mit wem wie zusammenzuleben hat, rücken in den Hintergrund. Seit Beginn der 1970er Jahre, als Frauen noch die Erlaubnis ihrer Ehemänner brauchten, um arbeiten zu gehen, und Ehen nach dem Schuldprinzip geschieden wurden, hat sich vieles getan.

Dennoch hört damit die Arbeit für die Anerkennung alternativer Familienmodelle nicht auf: Menschen mit alternativen Lebensmodellen treffen beständig auf Neugier, aber auch heute noch immer wieder auf Unverständnis, ob nun Regenbogenfamilien als „Lifestyle-Entscheidung“ verschrien oder Eltern, die Wechselmodelle leben, als Rabeneltern beschimpft werden. Viele Menschen aber warten nicht weiter darauf, dass der Staat reagiert oder die Gesellschaft sich mal eben umstellt, sondern leben tagtäglich ihr eigenes Familienmodell. Und das ist auch gut so.

 


Illustration: Julia Kluge für transform


 

Dieser Text ist Teil der vierten Ausgabe vom transform Magazin, das im Dezember 2017 erschienen ist. Neben dem Hauptthema „Kinderkriegen“ werden hier auch Ideen einer gerechteren Wirschaft oder den Vorzügen von Bademänteln besprochen.

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