Mehr Mut zur Wut, wenn es um die Arbeit geht. Dabei kann eine überraschende Schlussfolgerung des ehemaligen US-Chefrhetorikers helfen.

Think positive! Denken Sie positiv! – Was uns unzählige Personalabteilungen und Karriereberater in ihren großspurig angepriesenen Entwicklungsgesprächen und Coaching-Sessions eintrichtern, macht selbstverständlich Sinn. Die Auswüchse unseres immer rücksichtsloser werdenden Profitstrebens können einen schließlich regelrecht verrückt werden lassen.

Aber lebe ich wirklich gesünder, wenn ich die Ungerechtigkeiten, die mir in meinem Angestelltendasein widerfahren, ständig herunterspiele und stets versuche mich auf das Positive zu konzentrieren? Denn einmal abgesehen vom reinen Selbsterhaltungstrieb und dem durchaus erstrebenswerten Ziel, nicht als Burnout-Opfer in der Klinik oder als griesgrämiger Kauz in der Gosse zu landen, erfüllt das Mantra des Positiven Denkens doch vor allem einen anderen Zweck: den der selbstauferlegten Gedankenkontrolle des Angestellten!

Was das mit George Bush zu tun hat? Nun, der Mann konnte bekanntlich nicht nur „nuclear“ nicht aussprechen („noocular“, zu Deutsch „nukular“), sondern hatte es auch geschafft, ein ziemlich tiefgründiges amerikanisches Sprichwort zu verhunzen: „Fool me once, shame on you, fool me twice, shame on me!“ Zu gut Deutsch: Wenn du mich einmal hereinlegst, so solltest du dich schämen, gelingt es dir ein zweites Mal, so sollte ich mich schämen. Angestellte, die sich das „Positive Thinking“ zu sehr zu Herzen nehmen, verweigern sich genau diesem Lernprozess. Obwohl sie zum Beispiel bei Beförderungen immer wieder übergangen werden, denken sie weiterhin positiv und arbeiten noch härter, in der Hoffnung, es wird sich das nächste Mal etwas ändern. Tut es aber nicht!

Betrüge Dich mit deinem positiven Denken also nicht selbst und zeige mehr Mut zur Wut. Manche immer wiederkehrenden Ungerechtigkeiten verdienen nämlich gar keine politisch korrekte oder konstruktive Kritik. Im Gegenteil – ein leidenschaftlich destruktiver Wutausbruch gegenüber deinem unausstehlichen Vorgesetzten kann wahre Wunder bewirken. Am besten vor den anderen Teammitgliedern, volle Pulle in die Magengrube!

Mit der Beförderung dürfte es dann zwar eng werden und wenn es wirklich dumm läuft, kann es dich deinen Job kosten – sorry! Solltest Du die Stelle hingegen behalten können, weil Du aufgrund Deiner guten Leistung de facto unentbehrlich bist, dann wird dein Chef bestimmt nicht mehr so schnell versuchen, dich über den Tisch zu ziehen und du hast ein Stück Freiheit zurückgewonnen.

Aber eben, Du kannst natürlich auch weiterhin positiv denken, 12 Stunden täglich arbeiten und weiter von der Karriere träumen, die Du wahrscheinlich nie haben wirst. Vielleicht überlebst Du sogar die nächste Restrukturierung. Good luck!

 

Unser Gastautor L.M. arbeitet im HR eines internationalen Großkonzerns und schreibt Kurzgeschichten über den Büroalltag. Er hat bisher fünf Restrukturierungen überlebt, befördert wurde er noch nie.

Bild: Daniel Wehner: „25/365 Another Headshot“, CC BY 2.0

Mehr von transform

Dranbleiben!

Wir sagen bescheid, wenn das neue Heft kommt.

Garantiert keine nervigen Mails oder Datenweitergabe.