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März 2017
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Wer nur tut, was nützlich erscheint, verpasst das Beste. In jedem Sinn. Das entspricht der gängigen Kritik am Homo oeconomicus und liegt ganz einfach daran, dass wir nicht immer im Voraus wissen können, was in jeder Situation nützlich sein wird. Wir können nur spekulieren. Wenn ich etwa ein Gebäude baue und die Grundregeln der Statik beherrsche, so ist das nützlich. Denn mit Statik kann ich das Gebäude so bauen, dass es nicht gleich wieder zusammenbricht. Aber wir dürfen nicht vergessen, woher die Regeln er Statik kommen: Wir haben aus ähnlichen Situationen in der Vergangenheit gelernt und übertragen das, was damals funktioniert hat, auf das aktuelle Projekt.

Die Spekulation kann in so einem Fall auf einigen soliden Erfahrungen aufbauen, von denen wir manchmal sagen: „Hier wissen wir, wie diese Sache funktioniert.“ Dabei vergessen wir leicht, dass man nie sicher sagen kann, ob aus der Erfahrung eine so klare Ableitung für den konkreten Fall möglich ist.

Nützlichkeit wird hier zum Schild zwischen mir und einer beängstigend unvorhersehbaren Wirklichkeit. Nicht immer können wir auf erschöpfende Weise Regeln aus vergangenen Erfahrungen ableiten. Oft genug stellt sich im Zeitverlauf heraus, dass wir eine Regel haben, die nur unter bestimmten Bedingungen funktioniert, und dass die neue Situation Faktoren beinhaltet, die eine ganz neue Anwendung der bekannten Regeln nötig macht – ja, sogar dazu führen mag, dass wir unsere Regeln hinterfragen und neu denken müssen, um nicht mit dem Kopf gegen die Begrenztheit unserer zu einfachen Vorstellungen von der Wirklichkeit anzulaufen. Nützlich wäre es, aufgrund von wiederkehrenden Regeln zu spekulieren, ohne aber dogmatisch zu werden.

Aber es ist schwer, aus der eigenen, subjektiven Erfahrung keine Regeln abzuleiten, von denen wir glauben, dass sie immer und überall stimmen werden. Wir stecken in unseren eingeschränkten, kleinen Perspektiven, sogar wenn wir gemeinsam Erfahrungen sammeln und daraus Regeln ableiten – denn wir nehmen auch gemeinsam beschränkte Sichtweisen ein. Das kann man kaum akzeptieren, ohne zugleich in Ironie zu verfallen. Und es ist noch schwieriger, ehrlich damit umzugehen. Der Trost ist, dass ein ehrlicher Umgang mit unseren beschränkten Perspektiven unsere beste Chance auf Erfolg bleibt. Also: Regeln sind oft nützlich. Aber wir brauchen eine bestimmte offene Haltung zu ihnen, um nicht in ihnen gefangen zu werden. Dieses Gefangensein liegt oft darin begründet, dass wir vergessen, wie beschränkt unser Verständnis der Wirklichkeit ist. Und wenn wir uns selbst gefangen setzen in einer zu engen Vorstellung von Nützlichkeit, die sich in Regeln ausdrücken lässt, dann verpassen wir garantiert das Beste, weil wir keinen Handlungsspielraum mehr haben, um zu reagieren, wenn die Wirklichkeit wieder einmal erstaunlicher und wendungsreicher ist, als wir uns vorstellen konnten. Die verengte Suche nach purem Nutzen führt uns in eine Sackgasse.

Das gilt auch im Zwischenmenschlichen. Wer will schon befreundet sein mit Leuten, die nur auf ihren Nutzen schauen, die sich überhaupt nicht für die anderen interessieren? Kant sagt uns, wir sollen Menschen nie nur als Mittel zum Zweck ansehen, sondern immer als Zweck an sich. Wenn ich zum Friseur gehe, dann sollte ich in meinem Gegenüber einen Menschen sehen, nicht nur eine Maschine, eine Funktion, einen Nutzen. Er ist ein Mensch, mehr als sein Beruf, auch wenn sein Handwerk, sein Können, sein Wissen für mich nützlich sind im Hinblick auf meinen Wunsch, eine schöne Frisur zu bekommen. Auch wenn ich ihn für seine Arbeit entlohne, schulde ich ihm als Mensch noch Respekt. Das ist nicht direkt und offensichtlich nützlich, aber ich gewinne auf längere Sicht die zwischenmenschliche Wärme und die Unterstützung, die gegenseitigen Respekt erst ermöglicht.

Ohne gegenseitigen Respekt verpassen wir gemeinsam das Beste, was unsere Begegnung sonst hätte bieten können. Wenn ich nur über das Nützliche nachdenke, nur dem folge, was ich im Voraus als nützlich erkenne, dann verpasse ich all die positiven Überraschungen, die menschliches Miteinander und das Leben immer wieder bieten. Und die Kontrolle, die ich dadurch zu gewinnen glaube, ist nur eine scheinbare: Nützlichkeit wird hier zum Schild zwischen mir und einer beängstigend unvorhersehbaren Wirklichkeit. Aber dieser Schild gibt mir nur die Illusion von Sicherheit.

Die Gefahr ist, dass wir einseitig werden. Dass wir unsere Mitmenschen, unsere Umwelt, uns selbst ausbeuten, um zu einem Ziel zu gelangen, das es im Rückblick nicht wert sein wird.

Wir können schon mal festhalten: Manchmal ist es sinnvoll zu überlegen, was nützlich ist für das Projekt, dem wir uns gerade widmen (egal ob meine Frisur im Kleinen oder ein gelingendes Leben im Großen). Aber manchmal kann es uns auch in die Sackgasse führen, wenn wir nur darauf schauen, was gemeinhin nützlich wäre. Dann treiben wir uns selbst in eine Sackgasse hinein, auch wenn wir tatsächlich immer „besser“ und „nützlicher“ werden in dem, was uns gerade beschäftigt. Vielleicht sollten wir einen Schritt zurücktreten und fragen: Nützlich – in Bezug auf was? Zu welchem Ziel? Für wen und für welches Ziel wurden diese „nützlichen“ Regeln entwickelt? Das Nachdenken über Nützlichkeit bietet uns einen beschränkten Kompass, der nicht immer das bietet, was eigentlich hilfreich wäre. Die Verengung auf diese eine, enge Sichtweise ist stumpf und lähmend. Die Gefahr ist, dass wir einseitig werden. Dass wir unsere Mitmenschen, unsere Umwelt, uns selbst ausbeuten, um zu einem Ziel zu gelangen, das es im Rückblick nicht wert sein wird. Ein enges Nützlichkeitsdenken ist auf diese Weise kurzsichtig und riskiert, dass der Erfolg ein Strohfeuer wird, worauf eine Katastrophe folgt.

 

Ein Gegenmodell zum Nachdenken über den Nutzen?

Was ist hilfreich? Was wäre ein gutes Gegenmodell zum Nachdenken über Nutzen? Möglichst nicht nützlich sein – sich verweigern? Ich schieße mir stolz in den eigenen Fuß, auf grandiose Weise unnützlich, und humple dann anstatt loszulaufen. Damit habe ich mir nicht geholfen. Wichtiger als ein Widerstand gegen den Nutzen, der selbst zur nächsten Sackgasse werden kann, wäre eine Selbstbefreiung aus der Verengung des Nutzendenkens. Wie wäre es, wenn wir stattdessen fragen: „Ist das hilfreich?“ – „Hilfreich“, das Wort hat eine große Überschneidung mit „nützlich“, aber es wird nicht so eng gebraucht und öffnet unseren Blick deshalb wieder für das, was zuvor verloren ging. Bei „Nutzen“ denkt man schneller an Kurzfristigkeit, Berechenbarkeit und man neigt dazu, die Sicht auf einige wenige Interessen zu verengen.

„Was wäre hilfreich?“, fragt nicht nur nach ein oder zwei definierbaren Nutzenbereichen und blendet nicht so umstandslos die anderen Menschen, die Langzeitwirkungen aus. Die Frage: „Wie hilfreich ist das?“ erleichtert es, die Gesamtsituation in den Blick zu nehmen und auch auf das Zwischenmenschliche einzugehen, das unter einer Version von kalter Nützlichkeit schnell leiden kann. Auch die eigenen Ressourcen werden eher sichtbar, wenn wir nach einer „wirklich hilfreichen Nützlichkeit“ suchen. Der zentrale Vorwurf gegen Nützlichkeitsdenken und ökonomisches Denken scheint zu sein: Diese Ansätze neigen dazu, nur kurzfristige Ziele im Blick zu haben, sodass ein kurzfristiger, im Voraus berechenbarer Erfolg angepeilt wird (und tatsächlich bieten sie mit einiger Zuverlässigkeit einen kurzfristigen Erfolg). Aber danach, so die Kritik, wenn das Strohfeuer ausgebrannt ist, kommt die Katastrophe.

Als Gegenbilder dazu finden wir etwa Entschleunigung, Lob der Langsamkeit, Lob des Nutzlosen, des Exkurses, des Exzesses. Diese Gegenbilder sollten wir uns aber nicht in scharfer Abgrenzung zu Nützlichkeit und Ökonomie vorstellen. Denn wir können argumentieren, dass wir Entschleunigung, Pausen, Achtsamkeit und ein gelegentlich chaotisch-planloses Herangehen mehr denn je brauchen – dass das auf den ersten Blick „Nutzlose“ manchmal nicht bloß nützlich, sondern sogar unentbehrlich ist; dass wir auf lange Sicht erfolgreicher sind, wenn wir nicht auf kurzfristigen Erfolg hin planen, wenn wir sogar das Planen selbst öffnen für das Unvorhersehbare. Das heißt, wir müssen nicht die Ökonomie in ihre Schranken weisen, sie scharf abgrenzen von anderen, sensiblen und empfindlichen Bereichen, in die sie einzudringen scheint.

Und wir müssen uns nicht als Exorzisten betätigen, die die bösen Geister des Nützlichkeitsdenkens austreiben. Stattdessen sollten sich auch Nicht-Ökonomen ein gutes Verständnis erarbeiten, wie Ökonomie funktioniert, mit welcher Logik und welchen Sprachspielen sie vorgeht. Ökonomie ist erst mal nur das rationale Berechnen des günstigsten Wegs zu dem gesetzten Ziel. Entsprechend sollten wir andere Zielsetzungen einbeziehen (was ja mancherorts auch längst begonnen hat). Kontrollverlust wagen All das wird ein Stück weit damit einhergehen, dass es notwendig wird, bloß scheinbare Kontrolle aufzugeben. Einzugestehen, dass vieles, was wir zur Kontrolle einer Situation einsetzen, nicht seine Aufgabe erfüllt. Ein verengtes Nützlichkeitsdenken gibt uns vielleicht ein Gefühl von Kontrolle, zumindest Wie wäre es, wenn wir stattdessen fragen: »Ist das hilfreich?«

Kontrolle engt oft eher ein

Was wir brauchen, ist die Offenheit, uns überraschen zu lassen. Für eine Zeit. Denn wie wir an den Wirtschaftskrisen, den Depressionen und Blasen sehen, können auch Berechnungen und Spekulationen ins Leere laufen. Ist das nicht nur schlechtes Management unserer eigenen Ängste vorm Scheitern? Das mag die unerfreulichste Nachricht sein: Um wirklich nützlich, wirklich erfolgreich zu sein, auf lange Sicht, werden wir uns eingestehen müssen, dass Kontrolle selbst oft hinderlich und einengend ist. Alles Planen, Überwachen etc. wird uns keine Lösung bieten, die aufgeschlossenes, risikobereites Ausprobieren ersetzt. Um zu lernen, um besser zu werden, um wirklich hilfreiche Entdeckungen zu machen, brauchen wir vor allem eine Atmosphäre, in der es möglich ist, diese Art von Risiken einzugehen, auch Fehler zu machen, verschiedene Richtungen, Methoden, Vorgehensweisen nebeneinanderzustellen und dann zu sehen, was besser klappt.

Eben nicht alles schon vorher wissen wollen, sondern zulassen, dass sich Dinge entfalten, auch in unvorhergesehene Richtungen, die am Ende oft die größten und nützlichsten Durchbrüche bieten (Penicillin wurde bekanntlich durch Zufall entdeckt). Dafür brauchen wir einen guten Umgang mit unseren Gefühlen, sodass sie nicht zu unserem Feind werden, dass wir sie nicht bekämpfen durch schlechte Arten von Kontrolle oder verdrängen, sondern sie Ernst nehmen und zu unseren Verbündeten machen. Wenn wir unsere Körper, unsere Gefühle und unsere Mitmenschen als Partner respektieren, wie bereits von Kant skizziert, dann können wir erleben, dass sich uns neue Perspektiven öffnen, die gut ergänzen, was unsere begrenzte Logik und Sichtweise in Zahlen und Worten gar nicht erfassen kann.

Was wir brauchen, ist immer wieder die Offenheit, uns überraschen zu lassen und ungewohnte und vielleicht zunächst „nutzlose“ Perspektiven zu verbinden, um langsam mehr zu begreifen. Die Arbeitsfrage lautet: Wie können wir Strukturen bauen, die unsere Ängste ernst nehmen und uns die Zuversicht geben, auch Scheitern in Kauf nehmen zu können, in der Gewissheit, dass ein gesellschaftlicher Raum zum „Scheitern und besser Scheitern“ (wie in Becketts Gedicht), kein Luxus ist, sondern eine Notwendigkeit? Fassen wir zusammen: Was wir brauchen, ist wohl kein vollständiger Abschied vom Nachdenken darüber, was „nützlich“ wäre. Wir brauchen auch keinen Abschied von oder Widerstand gegen Ökonomie. Stattdessen brauchen wir mehr Sensibilität und eine größere Offenheit dafür, dass „Nutzen“ in verschiedenen Situationen Unterschiedliches bedeutet; dass verschiedene Menschen verschiedene Ziele setzen, die wir nicht sogleich einordnen können in eine uniforme Logik; dass es also nicht nur die eine Logik gibt, wie und warum Menschen Dinge tun.

Wir brauchen keine ganz andere Sprache und wir müssen nicht alles wegwerfen, was wir in der Ökonomie der Vergangenheit gelernt haben, sondern wir sollten die Ökonomie öffnen für pluralistische Herangehensweisen, interdisziplinären und interkulturellen Austausch über verschiedene Methoden, Ziele und Herangehensweisen – für Menschen. Erfreulicherweise gibt es bereits einige Ökonomen, die daran arbeiten, wie so etwas aussehen könnte. Wenn wir unsere Betrachtung mit größerem Weitblick angehen wollen, dann können wir, statt nach engem, vielleicht zu schnell definiertem „Nutzen“, eher nach dem fragen, was wirklich „hilfreich“ wäre für alle Betroffenen und für unsere Ziele auf lange Sicht. Das wäre ein wirklich nützliches Herangehen.

 

Dieser Beitrag von Martin Urschel entstand in einem Essaywettbewerb anlässlich der Bayreuther Dialoge für das philosophische Wirtschaftsmagazin agora42. Die Bayreuther Dialoge sind eine Veranstaltung, die jährlich von Studierenden des Programms „Philosophy & Economics“ der Universität Bayreuth organisiert werden. Dort werden Themen an der Schnittstelle von Philosophie und Ökonomie zu diskutiert. In diesem Jahr dreht sich bei den Bayreuther Dialogen alles um das Thema „Nützlicher Mensch – menschlicher Nutzen“. Wir freuen uns als transform Magazin Medienpartner der diesjährigen Bayreuther Dialoge zu sein.

Martin promoviert seit 2014 an der University of Oxford über kreativitätsfördernde und einengende Strukturen in der deutschen Filmlandschaft, zu dem entwickelt er seit 2013 als freier Redakteur im ZDF das fiktionale Programm  strategisch weiter.


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