Luxusprobleme - Wenn Geld das Leben nicht leichter macht

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Dass Geld nicht unbedingt direkt glücklich macht, mag vielen Menschen ja noch bekannt sein. Dass überdurchschnittlich Wohlhabende sich fürchten, mit ihren Problemen nicht ernst genommen zu werden, konnte unsere Autorin in ihrem Bekanntenkreis erleben.

Luxus ist in meinen Gedanken unter anderem mit zwei Aspekten verknüpft: Geld und Sorgenfreiheit. Journalistische Arbeit leidet zwar gerne darunter, wenn die persönliche und emotionale Distanz zum Objekt der Recherche zu gering ist – trotzdem fiel mir direkt ein guter Freund ein, mit dem ich schon viele Gespräche zur Geld-Luxus-Thematik geführt hatte und der mir quasi prädestiniert schien, einen tieferen Einblick zu gewährleisten, wie sich das „mehr Geld = weniger Problem-Diagramm“ in der Realität verhält.

Denn dieser Freund hat Geld. Und es macht ihn nicht unbedingt glücklich.

Er muss nicht arbeiten, um sein Leben zu finanzieren.

Das Geld bekam er Dank der richtigen Familie. Sein Vermögen ermöglicht es ihm, ein Leben zu führen, von dem viele andere träumen: Er muss nicht arbeiten, um sein Leben zu finanzieren – er kann arbeiten, wenn er es möchte. Also hat er sein Studienfach nach persönlichem Interesse ausgesucht und im Anschluss ein Hobby zum Beruf gemacht. Er geht gerne gut essen, hat eine Wohnung, die sich sehen lassen kann und braucht vor Urlaubsreisen nicht zu überlegen, ob sie ins Budget passen.

Sein Geld macht es ihm nicht immer leichter, zu wissen, was er will.

Doch genau diese vermeintliche Freiheit macht für ihn das Leben nicht immer nur leichter. Denn mit der finanziellen Freiheit, vieles tun und lassen zu können, was ihm gerade gefällt, wächst auch der Druck, der auf seinen eigenen Schultern lastet: Nämlich, herauszufinden, was er eigentlich will. Auch, wenn diese Aufgabe auf uns alle wartet und unsere Leben immer wieder herausfordert und in neue Richtungen schickt, ist bei ihm das Gefühl des Versagens vielleicht noch stärker, als bei so manch anderem – verfehlt er ein Ziel oder findet er es erst gar nicht, kann er sich schließlich nur allzu leicht vorwerfen, trotz seiner finanziellen Lage und all der Optionen, die diese ihm eröffnet, „gescheitert“ zu sein.

Sein Geld macht es ihm nicht immer leichter, zu wissen, was er will – denn eine Fülle an Möglichkeiten kann die Auswahl auch sehr erschweren. Das ist nicht verwunderlich, denn wir alle wissen, dass mehr Auswahl zwar mehr Wahlfreiheit bedeutet, aber häufig auch mit mehr Unzufriedenheit einhergeht, wenn wir schließlich eine Wahl getroffen haben – denn all die anderen Optionen, die wir nicht gewählt haben, hätten sie nicht noch besser sein können, haben wir nicht etwas verpasst?

Ein Gespräch über Geld und Glück

Mein Plan war also, meinen Freund zur Verbindung von Geld und Glück in seinem Leben zu befragen. Als ich ihn darauf ansprach, reagierte er skeptisch. Ich solle mir ein paar Fragen überlegen und ihm zusenden, bevor er sich entscheidet. Einen Tag später ließ ich ihm ein paar erste Fragen zukommen:

  • Was bedeutet für dich „Luxus“ und welcher Zusammenhang besteht deiner Meinung nach zwischen Luxus und Geld?
  • Welchen Luxus leistest du dir oft und gerne und ohne jedes schlechte Gewissen?
  • Gab es schon einmal einen Moment in deinem Leben, in dem du dir gewünscht hast, nicht mehr Geld zu haben, als der Durchschnitt deiner Bekannten (und wenn ja, warum)?
  • Was ist für dich der größte Vorteil, den dir dein finanzieller Background bietet?
  • …und der größte Nachteil?
  • Welchen Luxus kann man sich für Geld definitiv nicht kaufen?
  • Wie viel Einfluss hat deine finanzielle Situation auf die Entwicklung deiner zwischenmenschlichen Kontakte?
  • Hast du den Eindruck, anders wahrgenommen zu werden, wenn neue Bekanntschaften davon erfahren?

Er hatte sich in der Zeit allerdings bereits seine eigenen Gedanken gemacht. Und lehnte ein Interview ab. Zunächst dachte ich, er hätte Sorge, den Namen seiner Familie damit in Verbindung zu bringen. Also bot ich ihm natürlich an, anonym zu bleiben und auch ansonsten keine Details zu seinem Familienleben oder der genauen Herkunft und Höhe des Geldes zu nennen.

Sind die Probleme von wohlhabenden Menschen weniger wert, ernstgenommen zu werden?

Aber daran lag es nicht: Er befürchtete, dass seine ganz persönlichen Sorgen, die trotz oder eben gerade wegen seines Geldes bestanden, als „Luxusprobleme“ bezeichnet werden könnten. Dass der Leser ohne Geld sich fühlen könnte, als würden ihm hier die Pseudo-Probleme eines reichen Schnösels dargestellt, der es sich doch eigentlich gar nicht erlauben darf, seine Schwierigkeiten „Probleme“ zu nennen, im Vergleich zu all denjenigen, für die ein Mangel an Geld die größte tägliche Sorge darstellt.

Seine Darstellung hätte die platte Aussage, dass Geld alleine nicht glücklich macht, mit Inhalt füllen können. Ein Leben in finanzieller Sorglosigkeit ist weder ein Garant für Glück, noch für Unglück – für diese Erkenntnis braucht es kein Interview. Aber hinter die Fassade zu schauen, einzelne Schicksale zu betrachten und dadurch gesellschaftlich geprägte Plattitüden zu durchdenken, zu hinterfragen und für sich selbst eine differenziertere Meinung zu entwickeln, das bedeutet immer eine Chance – für den Einzelnen und schließlich auch die Gesellschaft.

Die Angst, entdeckt zu werden

Er fügte schließlich noch hinzu, ich solle den Spieß doch umdrehen. Nicht über ihn schreiben, sondern mich fragen: Wie reagieren wir „finanziellen Normalos“ auf Menschen, von denen wir erfahren, dass sie reich sind? Sind wir tatsächlich so unvoreingenommen, wie wir es gerne wären? Und bleiben wir es auch?

Ich gebe zu, auch ich selbst habe mich schon einmal dabei erwischt, seine Probleme auf Grundlage seines finanziellen Hintergrundes zu bagatellisieren. Und ja, klar ist für mich, dass finanzielle Unabhängigkeit viele Chancen eröffnet, die sich nicht negieren lassen. Dass man die Thematik nicht schwarz-weiß betrachten darf, bedeutet natürlich auch, dass die Opferrollen nicht einfach vertauscht werden sollten, dass ein Mensch mit Geld jetzt nicht plötzlich „arm dran“ ist.

Es herrscht Sprachlosigkeit zwischen den Klassen.

Es zeigt sich hier einmal mehr, dass es immer darum gehen muss, einen Menschen oder eine Thematik ganzheitlich zu betrachten, will man sich ein fundiertes Urteil erlauben. Schade, dass mein Freund diese Chance nicht in einem Interview gesehen hat. Das bringt uns aber nicht um die Möglichkeit, einmal genauer darüber nachzudenken, wie wir selbst über Geld und die Menschen, die es besitzen, urteilen – und an welcher Stelle wir womöglich Vorurteilen aufsitzen, die es wert sind, einmal überdacht zu werden.

Viel mehr zeigt das verhinderte Interview auch: Es herrscht Sprachlosigkeit zwischen den Klassen. Ich konnte mit meinem Kumpel nicht über die Auswirkungen seiner Finanzen sprechen – trotz unserer Freundschaft.

 


Die Autorin will anonym bleiben und bat uns, diesen Text unter dem Pseudonym „Elèna Christmann“ zu veröffentlichen. Sie möchte, dass die Identität der im Text beschriebenen Person geschützt wird.

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