Muss Kinderkriegen Eltern unbedingt glücklich machen? Auch Reue darf sein – die Ehrlichkeit würde allen guttun. Wie ordnen wir es ein, wenn Eltern bereuen, Eltern geworden zu sein?

2015 hat eine Studie der israelischen Soziologin Orna Donath mit dem Titel „Regretting Motherhood“ für viel Diskussion gesorgt. Schon die Idee, dass Mütter ihre Mutterschaft bereuen könnten, galt als kontrovers. Wir leben in einer Gesellschaft, die Donath „pro-natal“ nennt, der es also als grundsätzlich wünschenswert gilt, Kinder zu bekommen. Dabei lastet der Druck dieser Pronatalität auf den Frauen, denn sie sind es ja letztlich, die gebären. Da sich diese Gesellschaft selbst als frei und individualistisch versteht, neigen wir auch dazu, anzunehmen, jede Frau könne sich frei entscheiden, ob sie Kinder haben wolle.

Wir leben in einer „pro-natalen“ Welt.

Die Gründe, die zu dieser Entscheidung beitragen, geraten dabei aus dem Blick: die Verantwortung wird ihr übertragen. Darum wird es ihr vorgeworfen, wenn sie sich dagegen entscheidet – und noch mehr, wenn sie es später bereut. Ist das aber nicht eigentlich ein ganz normaler Teil des Lebens? Und wie sieht es mit Menschen aus, die keine Eltern geworden sind oder werden wollen – was bereuen sie?

Muss Reue immer schlecht sein?

Bereuen ist ein Gefühl, das man gemeinhin nicht für positiv, befreiend, ermächtigend oder kreativ hält. Bereuen gilt im Gegenteil als nutzloser und bitterer Rückblick auf Sachen, die man ohnehin nicht mehr ändern kann. Der Umstand, ein Kind zu haben, ist eindeutig etwas, was sich nachträglich nicht ändern lässt. Es ist eine der wenigen klaren, aber existenziellen Ja-/Nein-Entscheidungen, die es im Leben überhaupt gibt.

Die meisten existenziell wichtigen Entscheidungen werden graduell getroffen und lassen sich zumindest theoretisch verändern – Berufswechsel sind möglich; wo und wie ich leben möchte, lässt sich später im Leben noch anders planen. Aber ein Kind zu haben oder nicht zu haben – wenn darüber einmal entschieden ist, tja, dann ist das so. Alles wegzuwischen, was zum früheren Leben gehört, wie Edith Piaf in ihrem vielleicht berühmtesten Chanson singt, „balayer les amours avec leurs tremolos“ – um dann nichts mehr bereuen zu müssen, „non, je ne regrette rien“?

Das ist irgendwie keine Option, wenn du mit dem Breilöffel in der Hand vor deinem brüllenden Kind stehst und überlegst, ob der Kürbis von der Wand wohl mit einem halbtrockenen Tuch wieder runtergeht. Wegwischen lässt sich zwar meist die Pampe, aber nicht die Tatsache, dass du jetzt ein Elternteil bist. Ob das nun wehtut oder nicht.

Über Reue wird selten gesprochen

Was also fangen wir mit diesem Gefühl oder Zustand des Bereuens an? Vielleicht erst einmal genau hinschauen, ob das denn wirklich so nutzlos und bitter ist. Bereut werden also Umstände oder Entscheidungen, die sich nicht mehr ändern lassen. Den Ausdruck „bereuen“ kennen wir historisch vor allem aus einem Kontext: der Beichte. Und auch hier bezieht sich das Bereuen natürlich auf etwas, das nicht rückgängig zu machen ist: die Sünde.

Das Gefühl der Reue ist für Katholik*innen notwendig, damit ihnen die Sünde verziehen werden kann. Es reicht nicht, zu sagen, das war falsch: Gewissenserforschung muss betrieben und auch empfunden werden. Dann aber ist gerade die Reue der Prozess, der zur Befreiung von der Sünde, also zum Lossprechen führt.

Die Geschichte der eigenen Reue zu erzählen, kann befreiend sein.

Foucault hat in „Der Wille zum Wissen“ beschrieben, wie die Bekenntnisform der Beichte dazu beigetragen hat, eben die Erzählungen zu schaffen, aus denen letztlich die gesellschaftlichen Normen entstehen: die Erzählungen, auf die wir uns einigen können, mit denen wir uns gegenseitig erzählen, was normal ist. Wenn aber diese gesellschaftliche Norm herausgefordert, geöffnet, verändert werden soll, weil sie Leiden für Einzelne verursacht, kann das vielleicht auch auf diesem Gebiet der Erzählung geschehen.

Die eigene Geschichte zu erzählen, kann befreiend sein und den gesellschaftlichen Dialog öffnen. Doch dazu muss es möglich sein, sie frei erzählen zu dürfen. Die Schwierigkeit liegt darin, erst einmal zu Wort zu kommen.

Und bist du nicht glücklich, so machst du was falsch

Eine Frau steht im Bad und starrt auf die Kacheln. Sie hat gerade geheult, ist dabei zu überprüfen, ob man es sieht. Man sieht es. Sie flucht in den Spiegel hinein: Natürlich liebe ich meine Kinder, verdammt! Und was geht euch das eigentlich an? Nichts! Wer nimmt sich das Recht heraus, mich zu beurteilen? – Niemand! Niemand hat sie gefragt, niemand bestraft sie, und trotzdem heult sie hier vor dem Spiegel wie Polyphem der Zyklop.

Als ihn Odysseus blendete, da hatte er ihm gesagt, er heiße Niemand, und Polyphem taumelte brüllend über seine Insel. „Wer hat dich verletzt?“, riefen seine Brüder, und er heulte: „Niemand!“ – „Warum schreist du dann so“, fragten sie, und verkrochen sich wieder in ihre Höhlen.

Jede*r weiß, was eine gute Mutter auszeichnet. Unzufriedenheit gehört nicht dazu.

Niemand macht ihr Vorwürfe. Doch indirekt geschieht es ständig, dass sie für ihre Gedanken abgestraft wird. Überall dort, wo definiert wird, wie eine gute Mutter zu sein hat: von unendlicher Hingabe und Geduld, geleitet von ihrer mütterlichen Intuition, stillend, mit ihrem Kind verbunden auf einzigartige Weise und vor allem eins: glücklich.

Die Stimmen des Bereuens sollten nicht immer gleich zum Schweigen gebracht werden, auch wenn sie zunächst beängstigend und unangenehm sind. Denn die Geschichte von der vollkommenen und intuitiv geleiteten Mutter ist Teil der gesellschaftlichen Norm, Teil einer Erzählung, die sich herausfordern ließe. (…)

transform 4 Thema Kinder

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Beitragsbild: Unsplash CC-BY Paola Chaaya

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