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„Du bekommst noch viereckige Augen” mussten wir uns als Kinder anhören, wenn wir mal wieder zu lange vor dem Fernseher saßen. Heute sind wir es selbst, denen ähnliche Sprüche auf der Zunge liegen, denn Smartphones, Tablets und Computer haben längst in den Kinderzimmern Einzug gehalten. Spezielle Lernprogramme sollen spielerisch, bunt und interaktiv Inhalte vermitteln. Ohnehin fühlen sich Kinder magisch angezogen von allem Digitalen und können sich stundenlang damit beschäftigen.

Doch wie beeinflusst der Umgang mit Smartphones, Tablets und Computern das Lernverhalten? Was passiert dabei im kindlichen Gehirn? Was bei Erwachsenen? Der Blick in die Wissenschaft zeigt: Noch ist nicht eindeutig geklärt, ob Nutzen oder Risiken überwiegen. Aber gerade bei den Kleinsten ist Vorsicht geboten.

 

Muttersprache digitale Medienkompetenz

Unter dem Stichwort Medienkompetenz spielen die digitalen Medien an den Schulen und auch in in der frühkindlichen Erziehung eine wachsende Rolle. Dabei soll unter anderem der richtige Umgang mit Technik, Internet-Quellen und sozialen Netzwerken vermittelt werden. Denn sowohl im sozialen Umfeld als auch für die Vorbereitung auf das Berufsleben wird ein souveräner Umgang mit allem Digitalen immer wichtiger. Besonders in der frühesten Kindheit lernen die Kleinen schnell und setzen das Gelernte sofort in ihrem Verhalten um. Ähnlich wie Sprachen lernen Kinder den Umgang mit Technologie schneller als jeder Erwachsener. Nicht umsonst spricht man heute schon von “digital natives” – sozusagen Technologie-Muttersprachlern.

Es spricht also einiges dafür, Kinder schon früh an diese Themen heranzuführen und eine gesunde Nutzung von digitalen Medien zu vermitteln. Wie eine solche gesunde Nutzung aussieht, lässt sich leichter verstehen, wenn man weiß, was Smartphone und co. im Gehirn auslösen.

Wieso Smartphones so leicht süchtig machen

Die innere Unruhe, wenn man das Smartphone zu Hause vergessen hat, der regelmäßige Blick, ob es etwas neues gibt, Phantomvibrationen und -anrufe – wir kennen die Symptome der Smartphone-Sucht in ihren verschiedenen Ausprägungen. Diesen Erscheinungen liegen Veränderungen im Gehirn zugrunde, die auch Erwachsene betreffen, bei kleinen Kindern aber noch deutlich stärker wirken. Denn ihre Gehirne sind schneller formbar und befinden sich gerade in den ersten zwei Jahren in einer kritischen Phase. Kleinkinder entwickeln innerhalb kürzester Zeit neue Verknüpfungen im Gehirn und sind damit empfänglicher als zu jeder anderen Zeit im Leben. Ein erwachsenes Gehirn braucht viel länger, um neue Verknüpfungen zu bilden und ist damit “robuster”.

Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen zu den Wirkungen von Smartphones im Gehirn beschäftigen sich deshalb mit den Auswirkungen auf Kinder. In dieser Lebensphase können dauerhafte Veränderungen des Gehirns entstehen, wie Dr. Aric Sigmaner von der British Psychology Society erläutert. Vor allem aus drei Gründen:

1. Wir lieben Abkürzungen

Für ein Kleinkind ist ein Smartphone in etwa das, was für uns “Strg C / Strg V” ist – ein Shortcut. Und Abkürzungen sind genau das, was frühkindliche Gehirne nicht brauchen. Denn Denkvorgänge sind wie Muskeln: Sie müssen genutzt und gestärkt werden, um zu wachsen. Liest zum Beispiel ein Elternteil etwas vor, muss das Kind die Sprache in Wörter umwandeln, die Wörter in Bilder, und sich anstrengen, um dem Handlungsstrang zu folgen. Eine ganze Verkettung von Vorgängen, die das Gehirn “trainieren”. Am Smartphone aber stehen mit einem Fingertipp dutzende Eindrücke zur Verfügung, für die das Kind sich nicht anstrengen muss. Das Smartphone „denkt“ sozusagen für das Kind, und die kognitiven Muskeln bleiben schwach.

2. “Instant Gratification”: Die Jagd nach der schnellen Belohnung

Kindliches Lernen funktioniert vereinfacht gesagt über ein System aus Anstrengung und Belohnung – ganz ohne äußeres Zutun der Eltern. Denn mit jeder erfolgreich gelösten Aufgabe macht das kleinkindliche Gehirn einen Freudensprung und belohnt mit der Ausschüttung des “Glückshormons” Dopamin. Für gewöhnlich ist für diesen Glücksschub erst einmal etwas Arbeit nötig: ob erfolgreiches Umblättern in einem Buch, Klötzchen stapeln oder mit dem Wachsmalstift eine Linie ziehen. Das Smartphone jedoch belohnt viel schneller. Ein Fingerwisch und sofort kommt eine Antwort bestehend aus Farben, Formen und Tönen – verbunden mit einem ordentlichen Schuss Glücksgefühle.

Diesen Effekt sieht man zum Beispiel, wenn ein Kind bei einem realen Buch versucht, durch „Wischen“ umzublättern. Was erst lustig wirkt, ist ein Zeichen für tiefer gehende Veränderungen im Gehirn: Es hat offenbar schon verinnerlicht, dass einfachste Aktionen unmittelbare Wirkung zeigen. Ist das Kind ständig in Interaktion mit Smartphones oder Tablets, verknüpft es diese Glücksgefühle direkt mit dem Smartphone und zieht die virtuelle Welt der realen schließlich vor. Die Anstrengungen der analogen Welt sorgen dafür umso schneller für Frustration.

3. Smartphones erfordern keine Empathie

Obwohl die Welt der Bildschirme für das Kind erst vielseitig erscheinen mag, sind Interaktionen im Alltag doch komplexer. In vielen verschiedenen Situationen – etwa beim Spielen mit Freunden, beim Reden mit Eltern oder Verwandten – muss das Kind lernen, sich in andere hineinzuversetzen, nonverbale Signale zu verstehen und Beziehungen aufzubauen. Im Gehirn ist dafür der Frontallappen zuständig, der sich in der kritischen Phase des Heranwachsens entwickelt. Die Fähigkeit, unterschwellige Zeichen wie Gesichtsausdruck, Stimmlage und Gestik zu verstehen, entsteht jedoch nur durch soziale Interaktion. Verbringt das Kind zu viel Zeit vor Bildschirmen anstatt mit anderen Menschen, werden die empathischen Fähigkeiten weniger entwickelt. Ein weiterer Faktor, wieso die digitale Welt schließlich einfacher erscheint als die analoge.

 

Wie man sein Kind achtsam an digitale Medien heranführt

Sind sich Eltern und Betreuer sich dieser Phänomene bewusst, lässt sich auch der richtige Umgang mit digitalen Medien vermitteln. Video-Chats mit der Verwandtschaft sind zum Beispiel unbedenklich und können frühzeitig die Unterschiede zwischen digitaler und “echter” sozialer Interaktion vermitteln. Viele Apps sind außerdem genau auf die Bedürfnisse von Kindern ausgerichtet und schulen zum Beispiel die Hand-Auge-Koordination, das Sprechen oder vermitteln mit Farben und Formen das Alphabet.

Obwohl die Realität meist vielschichtiger ist als ein Bildschirm, kann digitales Lernen eine weitere Strategie sein, die Eltern bewusst nutzen können. Das frühkindliche Gehirn will ständig stimuliert werden und altersgerechte Apps können ein guter Weg sein, eine weitere Art der Stimulation einzubringen. Entscheidend ist der Umgang der Eltern mit den digitalen Möglichkeiten.

Als Hilfestellung existieren inzwischen wissenschaftlich fundierte Empfehlungen, zum Beispiel diese Liste der American Academy of Pediatrics:

  • Kleinkinder unter 18 Monaten sollten nach Empfehlung der AAP möglichst gar keinen Kontakt mit Bildschirmen haben, mit Ausnahme von Video-Chats.
  • Zwischen 18 und 24 Monaten können Kinder langsam, von den Eltern begleitet an die Nutzung von Smartphone und Co. herangeführt werden. So können die Eltern ihnen helfen, ihre Wahrnehmung und ihre Reaktionen zu verstehen.
  • Zwischen 2 und 5 Jahren können Kinder bis zu eine Stunde am Tag vor Bildschirmen verbringen – idealerweise mit qualitativ hochwertigen Programmen. Auch in diesem Alter sollten Eltern dem Kind noch helfen, die virtuellen Erfahrungen in die Realität einzuordnen.
  • Ab 6 Jahren ist die kritische Entwicklungsphase des kindlichen Gehirns weitgehend abgeschlossen. Dennoch ist es noch viel empfänglicher als ein erwachsenes Gehirn. Eltern sollten den Medienkonsum deshalb weiter im Blick haben und beschränken, auch um Auswirkungen auf die physische Aktivität, das Konzentrationsvermögen und den Schlaf zu vermeiden.

Bei sich selbst anfangen

Letztlich liegt es bei den Eltern, wie sie die Chancen und Risiken der “Screen-Time” einschätzen und wann und wie sie ihr Kind an Bildschirme heranführen wollen. Wichtig ist vor allem, mit dem Kind dabei und darüber zu kommunizieren und Phasen sowie Räume beizubehalten, die bildschirmfrei sind, zum Beispiel beim Essen oder vor dem Schlafengehen. Die eigene Vorbildfunktion ist nicht zu unterschätzen.

Das eigene Smartphoneverhalten zu reflektieren lohnt sich nicht nur, weil sich die Kleinen unser Verhalten abschauen, sondern weil die oben beschriebenen Phänomene auch im erwachsenen Gehirn stattfinden. Bei Erwachsenen dauert es zwar länger, bis tatsächlich Hirnveränderungen stattfinden, aber: Langfristig schrumpfen die grauen Zellen und es entstehen die gleichen Suchtmechanismen. Auch Erwachsene, die zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, sind nachweislich schlechter in verschiedensten Denkaufgaben. Außerdem wird unsere Empathiefähigkeit geringer, vor allem, weil die Bildschirmzeit Zeit mit echten Menschen kostet.

Da hilft nur eins: Einfach mal öfter smartphone-freie Zeiten einführen oder gleich eine “digital detox” machen – mal wieder ohne Blick nach unten an die frische Luft gehen, ein schönes Buch lesen oder mit seinem Kind Klötzchen bauen. Das stärkt auch das Erwachsenen-Gehirn.

Zum Weiterlesen:

 

Text: 7Mind 

 

 

Illustration: Lennart Kühl

Lennart illustriert, schreibt und ist Redakteur bei transform.

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