Wir können uns überlegen: sprechen wir nur über Flüchtlinge, wenn eine bestimmte Anzahl von Toten überschritten ist? Oder wollen wir endlich über das diskutieren, was weg muss?

Unsere Angst vor dem Neuen, unser Hass auf’s Fremde. Unser Zynismus, etwa.

Europa ist ein Hort des Humanismus, sagt man gern. Es sei auch die sicherste, friedlichste Gegend der Welt. Denn wir wissen: nur eine Gesellschaft in Stabilität für alle kann funktionieren. Wir teilen uns die Kohle. Bei uns soll niemand unter die Räder kommen.

So weit die Theorie. Wir alle wissen, dass das so nicht ganz stimmt. Eines dürfen wir jedoch dabei nicht vergessen: unser Ideal bleibt es, so unerreicht es auch sein mag. Das haben Ideale so an sich. Denn selbst der klägliche Zustand der europäischen Ideale ist immer noch besser als der Verzicht auf jegliche Maßstäbe.

Dass Menschen aus dem globalen Süden nach Europa kommen wollen, hat vielfältige Gründe. Zum Einen sieht es bei uns tatsächlich besser aus. Wir haben nämlich nicht nur unsere schlecht-umgesetzten Ideale, sondern auch bezahlte Arbeit, einen Rechtstaat, Wohlstand und ein soziales Netz. Das reizt natürlich. Ein weiterer Grund: in Afrika sieht es vielerorts ziemlich fürchterlich aus. Nicht nur, dass sich dort die Wüste immer weiter ausbereitet und Krankheiten florieren. Viele Länder sind konfliktbeladen, die Armut grassiert und die Bevölkerung wächst trotzdem unaufhaltsam.

Was viele vergessen: es gibt noch mehr Gründe.

Und wer möchte schon gern auf der Seite der Verlierer stehen? Wer gewinnen, also reich werden oder einfach nur seine Familienmitglieder ernähren will – der ist unter Umständen gezwungen, seine Heimat zu verlassen. Es zu versuchen, wo die Chancen besser stehen. „Flexibilität“ nennen das übrigens die Neoliberalisten, wenn sie uns auffordern, um jeden Preis Teil der Verwertungskette zu bleiben. Niemand hat das Recht, irgendjemandem den Zugang zu verwehren – erst Recht nicht wenn er seine Heimat zur Hölle gemacht hat. Und: hier gibt’s doch massenhaft Platz! Gerade in Deutschland existieren ganze Landstriche, die in ihrer Einsamkeit ein paar Menschen unter 60 gut vertragen würden.

Zyniker werden immer Contra geben: „sollen sie doch ihr Land wieder in Ordnung bringen“ – „nimm doch einen Flüchtling bei dir zuhause auf“ bis hin zu „und was ist, wenn sie dann alle kommen?„. So was kann man immer sagen. Wenn einem alles egal ist.

Dabei ist die Freiheit, zu reisen, hierzulande noch vor wenigen Jahren zum elementaren Teil des gesellschaftlichen Deals erklärt worden. Davon scheint nicht mehr viel übrig.

 

Bilder: (cc) Noborder Network
(1) photos documenting the arrival of a cayuco with 229 African migrants on board in the harbor of Los Christianos on Tennerife, Spain. (via NRC Handelsblad).
(2) the fence arround the spanisch enclave of melilla in 2006. pictures by Sara Prestianni taken from storie migranti

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