Luxus gestern und morgen Illustration: Stefan Mosebach für transform 5
Luxus gestern und morgen Illustration: Stefan Mosebach für transform 5

Von der Seidenstraße ins Weltall

Manche Luxusprodukte behalten ihren Status, manche vergehen, andere verbreiten sich. Und werden dadurch uninteressant. Was war und was blieb schick in den letzten Jahrhunderten in Deutschland? Über die europäische Luxusgeschichte.

Wer die Geschichte der Luxusgüter nachzeichnen will, steht vor einem Problem: Uhren, Edelsteine, Landhäuser sind zeitlos wertvoll. Andere Luxusprodukte haben hingegen eine kurze Halbwertszeit, wie etwa technische Geräte. Das macht es schwierig, im Rückblick nachzuzeichnen, was luxuriös war.

Doch es gibt eine gewisse Logik, wann wir etwas als schick beschreiben. Was als Luxus empfunden wird, ist von moralischen und kulturellen Standards, aber auch von der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung einer Gesellschaft abhängig. Luxuriös waren daher oft »exotische« Produkte, die allein aufgrund ihrer langen Handelswege teuer und selten sind. Ihre Besitzer konnten sich so als reiche, aber auch mondäne Weltbürger darstellen. Solche Güter waren zum Beispiel Obsidian oder Muscheln in steinzeitlichen Gesellschaften, Edelmetalle in der Bronze- und Eisenzeit, später dann Bernstein, Elfenbein, Räucherstäbchen und Pfeffer. Auch Seide war lange schick, »Made in China« war über eine ziemlich lange Zeit schwer luxuriös.

Immaterieller Luxus ist keine Erfindung der Neuzeit.

Das gepflegte »die Seele baumeln lassen« war schon immer eine Form der Mittel- und Oberschicht, zu zeigen, dass man sich Auszeiten — auch finanziell — leisten kann. Zeitaufwendige häusliche Teezeremonien, Bankette, das Flanieren und der Besuch von Kaffeehäusern, Lustgärten, Diskussionsrunden oder Theatern: Immaterieller Luxus ist keine Erfindung der Neuzeit. Der gesellschaftliche Gegenwind gegen solche Art von Luxus war allerdings mitunter drastisch.

So hält eine bischöflich-hildesheimische Verordnung von 1780 fest:
»Alle Töpfe, vornehmend Tassen und gemeinen Schälchen, Mühlen, Brennmaschinen, kurz all, zu welchem Das Beiwort Kaffee gesetzt werden kann, soll zerstört und zertrümmert werden, damit dessen Andenken unter unseren Mitgenossen vernichtet sei. Wer sich untersteht, Bohnen zu verkaufen, dem wird der ganze Vorrat konfisziert und wer sich wieder Saufgeschirr dazu anschafft, kommt in den Karren.«

Um das Kaffee-Verbot zu kontrollieren, wurden im selben Jahr von Friedrich dem Großen ganze 400 kriegsversehrte Ex-Soldaten als »Kaffeeschnüffler« angestellt. Statt Luxusgüter zu verbieten, wurde häufiger eine Luxussteuer eingeführt. In Preußen fielen darunter nicht nur die Dienstboten- oder Karossensteuer, auch die Hundesteuer galt zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch als Luxussteuer. Aufhalten ließ sich die langfristige Entwicklung oder Verbreitung von Luxusprodukten kaum. Eingeführte Luxussteuern ließen allerdings immerhin, im besten Fall, einen größeren Teil der Gesellschaft profitieren.

Edel waren die Gründe der Steuereinführung nicht immer. Kaiser Wilhelm II. führte die Schaumweinsteuer ein, um seine Flottenaufrüstung zu finanzieren. Die Steuer wird bis heute entrichtet, wie auch die Branntweinsteuer, Kaffeesteuer oder die Vergnügungssteuer der Gemeinden.

Gut für die Gesundheit

In der öffentlichen Wahrnehmung dienten Luxusprodukte jedoch nicht nur dem Vergnügen, sondern waren auch der Gesundheit förderlich. Viele Luxusprodukte, etwa Schokolade oder Tabak, wurden zunächst ausschließlich in Apotheken ausgegeben. Der »vernünftige« Genuss passte zum Biedermeier in Deutschland, der in Deutschland florierte, als man in anderen Teilen Europas noch der asymmetrischen, verschwenderischen Ästhetik des Rokoko anhing.

Heute versuchen viele Luxusprodukte nicht mit vergoldeten Oberflächen, sondern mit technischer Raffinesse oder aufwendiger Handwerkskunst zu überzeugen. Komplizierte mechanische Uhren, restaurierte Oldtimer und hochwertige Vollholz-Möbel sollen aufgrund des Herstellungsprozesses ihren Preis rechtfertigen. Hauptsache die Produkte stammen aus einer »Manufaktur«, wobei diese Bezeichnung in Deutschland nicht geschützt und an keinerlei Bedinungen geknüpft ist. Die in der Produktion anscheinend oder tatsächlich notwendige Handwerkskunst bedeutet nicht, dass diese Luxusprodukte in irgendeiner Form »sinnvoller« sind als ihre verschnörkelten Gegenstücke auf dem Luxusmarkt. Ist ein Sportwagen im zähen Stadtverkehr nicht ebenso unsinnig wie der schöne Landsitz, der mangels Zeit verwaist?

Immer weiter toppen

Kaum befriedigender waren auf Dauer wohl die Konsumgüter der US-amerikanischen Yuppies in den 80ern. Ihre koksgeschwängerte Ästhetik, begleitet von Maßanzügen und teuren Autos, passte sehr gut zur Deregulierung der Finanzmärkte. Später relativierten drei große Trends die Strahlkraft der Yuppies: Zum einen gab es Pop- und Rap-Sternchen, die diese Protz-Ästhetik noch übertrafen — mit Goldketten auf der Brust oder Edelsteinen auf den Zähnen.

Damit zeigten sie ihren Status, machten sich aber auch ein wenig über die älteren Golduhrenträger lustig — jene meinten das schließlich komplett ernst. Gleichzeitig wurde soziale Ungerechtigkeit immer mehr debattiert. Limousinen und Eliteschulen wurden in Zeiten wachsender Vorstadt-Ghettos nicht immer beneidet, sondern auch gehasst als Zeichen von sozialer Ungerechtigkeit und Rassismus. Der dritte Trend ist zum Teil eine Reaktion auf diese Kritik: Philanthropie. Schicker als Uhren, Villen und Autos wurde der Besuch einer Spendengala, die eigene Stiftung oder gar das fröhliche Drauflos-Adoptieren. Im angelsächsischen Raum ist dieser Trend ausgeprägter als in Deutschland, wo die Steuersätze höher sind und somit gesamtgesellschaftlich entschieden werden soll, was mit dem Geld geschehen soll.

Angesichts einer sich segmentierenden Gesellschaft gibt es wohl zukünftig nicht weniger, sondern mehr Formen von Luxus. Manche werden das Bling-Bling suchen, andere den betont lockeren Umgangston und die Upcycling-Möbel im urbanen Edel-Hotel. Wer unter sich bleiben möchte, nimmt an Touren teil, wie »Adel auf dem Radel«, sucht elitäre Urlaubsorte oder Clubs auf. Wer etwas Gutes tun oder die Erbschaftssteuer umgehen möchte, gründet eine Stiftung.

Der Luxusmarkt wächst weiter

Und wem das nicht reicht, der kauft eben alte Streuobstwiesen auf und produziert Bio-Cidre. Gleichzeitig wächst global die Anzahl der Menschen, die sich zwischen dem Aufkaufen hunderter Streuobstwiesen und einer Luxus-Yacht entscheiden können: Das Beratungsunternehmen Bain & Company erwartet für das Jahr 2018, dass der globale Luxusmarkt um sechs bis acht Prozent auf einen Umsatz von 276 bis 281 Milliarden Euro wächst. 2025 soll bereits ein Umsatz von 390 Milliarden Euro erreicht werden.
Laut dem Bloomberg Billionaires Index wuchs 2017 das Vermögen der 500 wohlhabendsten Menschen der Welt um knapp eine Billion US-Dollar auf 5,3 Billionen US-Dollar an.

Im Vergleich zum Vorjahr konnten sie ihr Vermögen um 23 Prozent vermehren. Auch wenn ein Teil von ihnen klassische Luxusprodukte inzwischen öde finden mag: Den Herstellern von Luxusgütern wird die Arbeit wohl nicht ausgehen.
Doch obwohl die Faszination für Rankings reicher Menschen und vielleicht auch der heimliche Neid bei Reportagen über Wohlhabende ungebrochen ist: Protzige, überbordende Luxusprodukte wirken heute etwas aus der Zeit gefallen. Mit einem wohligen Schauer und moralischer Überlegenheit verfolgen wir den zur Schau gestellten Prunk des Trump-Tower, während viele wirklich reiche Menschen, von Bill Gates bis Elon Musk, sich heute eher mit Visionen schmücken statt mit Gold.

Wer nun sicherstellen möchte, dass der Luxuskonsum auch der Mehrheitsgesellschaft etwas bringt: Luxusprodukte zu besteuern ist ein schwieriger Weg. Sie sind zu wandelbar. Sinnvoller wäre es, für Steuergerechtigkeit zu sorgen, und die Steuerflucht zu bekämpfen. Nicht zuletzt: Kaffee zu verbieten ist wirklich keine gute Idee.


Text: Marius Hasenheit
Illustration: Stefan Mosebach


Quellen

The rise and fall of the luxury debates
Maxine Berg & Elizabeth Eger. In: Luxury in the Eighteenth Century. Debates, Desires and Delectable Goods. Maxine Berg & Elizabeth Eger (Hg.). Palgrave Macmillan, London 2003. | springer.com

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