Von Bernie, Hillary und Martin

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Wir wissen, uns ist ein Prophet erschienen, denn in der SPD ist ein Wunder geschehen.
Ich hatte mich innerlich schon damit abgefunden, dass die Sozialdemokraten dieses Jahr an der 5%-Hürde scheitert. Ich habe mir vorgestellt, wie Frank-Walter mit seinen Genossen an einem verqualmten, verstaubten Skattisch sitzt. Und wer verliert muss Fraktionsvorsitzender werden. Ich habe schon Pläne geschmiedet, wie ich nach der Machtübernahme von rechts eine kleine Bar in Buenos Aires aufmache.

Aber dann kam etwas, mit dem wirklich niemand hätte rechnen können: Die SPD hat sich der Realität gestellt. Grade als der Fraktionsvorsitzende die „same procedure as every year“ einleiten wollte, erschien am Horizont eine Lichtgestalt, eine Figur des Aufbruchs und des Wandels, Demokratie und der Gerechtigkeit, mit dem glorreichen Namen: Martin Schulz.

Mein Facebook-Feed hat sich ziemlich darüber gefreut. Und ich mich auch. Trotzdem fand ich es toll, dass junge Menschen wie Hannes Schrader von ZEIT Campus kritisch bleiben und fragen: „Was sind eigentlich Deine genauen Ziele, Martin?“

Ich bin mal eine Spur dreister und sage: Lieber Martin, das hier sollten Deine Ziele sein.

Sei Bernie, nicht Hillary

Ich glaube, Du, lieber Martin, kannst aus den Fehlern des U.S.-Wahlkampfs lernen. Die U.S.-amerikanischen Demokraten hatten die Wahl zwischen zwei Kandidaten. Bernie Sanders, dem rebellischen Querdenker, der mit seinen Forderungen viel Zustimmung und mindestens genauso viel „Hate“ bekam und Hillary Clinton, die halt irgendwie mal an der Reihe war mit Präsidentin sein. Sie hat null Charisma und weiß immer alles besser:

Sie ist die Lisa Simpson der Politik. Und jetzt ist Homer der Präsident der Vereinigten Staaten.

Redaktion: Ich glaube du tust dem guten Homer damit etwas Unrecht, wie wäre es mit Mr. Burns?

Aber die Wahl der Demokraten war keine zwischen zwei Personen; sondern zwischen zwei grundlegenden Überzeugungen. Die Frage, die im Raum stand war: „Sind wir zufrieden, wie die Dinge grade sind?“ Die Demokraten wählten Hillary, sie wählten gemütliche Zufriedenheit und in diesem Moment war die Wahl verloren.

Ob links oder rechts, mit dem Status quo kann niemand so richtig zufrieden sein. Denn die rasant wachsende Ungleichheit ist überall zu spüren. Es muss sich etwas verändern – und zwar jetzt! Wir leben in einem System des ewigen Wettbewerbs, rennen immer schneller, aber ohne zu wissen, wohin. Was wir als Gesellschaft jetzt brauchen ist eine gemeinsame Richtung, und zwar nach vorne. Wir brauchen Visionen, jenseits von Bruttosozialprodukt, Prozenten und Paragrafen. Eine Vision, von einem erfüllenden, freien und glücklichen Leben für alle. Kurz: Wir wollen das Gute Leben! Aber Hey: No pressure…

Diese Visionen können auch ruhig radikal sein. Das zeigt die Popularität von Bernie Sanders. Er wollte die schon als revolutionär empfundene Obamacare auch für die Ärmsten öffnen und kostenlose Universitäten, er wollte nicht weniger als eine politische Revolution. Hillary wollte, dass alles bleibt, wie es ist. Er wollte, dass die Reichsten 1% mehr besteuert werden, sie hat den reichsten Bankern der Welt für 225.000€ einen Vortrag gehalten. Er hat gefordert, was unmöglich schien, sie ist das Establishment in Person.

Wir leben in einer Zeit, in der es klare Worte braucht. Lieber Martin, mit deinem viralen Hit hast Du gezeigt, dass Du diese klaren Worte durchaus haben kannst. Ich hoffe, Du kannst auch klare Visionen. Denn wir können die Menschen davon abhalten, dass sie ins Gestern verfallen, wenn wir ihnen das gute Morgen zeigen. Grundeinkommen, Mitbestimmung und die Ehe für alle, das könnten Themen sein, die die Tradition der Arbeiterpartei neu aufleben lassen und die SPD wieder wählbar machen.

Es braucht halt jemand, der dazu den Mut hat. Gerade habe ich die Hoffnung, Du könntest so jemand sein.

Redaktion: Aber wie sollte der als ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments mit dem eigentlich parteilosen Sanders vergleichbar sein? Martin ist nicht Bernie.

Nein, natürlich nicht. Aber er könnte es werden. Einen Versuch wäre es wert. Die SPD hat ja nichts zu verlieren.

 

Beitragsbild: flickr, CC

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