Ich bin keine Frau. Aber da ich in meinem Leben schon einigen begegnet bin, kann ich mit Sicherheit sagen: Es handelt sich bei ihnen, um zu individuellen Entscheidungen fähige Wesen.

Warum ich das schreibe? In den USA haben sich Anfang November viele Menschen entschieden. Die Komplexität ihrer Gedankengänge kann man bezweifeln, schließlich ist am Ende Donald Trump als zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten herausgekommen. Nicht weniger simpel sind aber die Erklärungen einiger Medien für den Wahlausgang. Eine verbreitete Deutung: Die Frauen waren’s. Genauer: jene Frauen, die doch eigentlich Hillary Clinton hätten wählen sollen, es aber nicht taten.

53 Prozent der weißen Frauen, die zur Wahl gegangen sind, haben für Trump ge- und damit viele Kommentatoren verstimmt: Die New York Times titelte zum Beispiel wenige Tage nach der Wahl: „Warum haben sich Frauen nicht vereint, um gegen Trump zu stimmen?“ In ihrer Sendung „Full Frontal“ fragte US-Comedian Samatha Bee: „Wer hat Amerika ruiniert“ und lieferte die Antwort gleich selbst: „Weiße Frauen“. Dann schob sie noch einen Appell zur geschlechtlichen Solidarität hinterher: „Wenn Muslime Verantwortung für  jedes Mitglied ihrer Gemeinschaft übernehmen müssen, müssen wir das auch.“  In ähnlicher Weise argumentierte eine Autorin im Online-Magazin Slate und klagte, weiße Frauen hätten die „Schwesternschaft und die Welt verkauft“, indem sie für Trump stimmten. Dabei wäre die Entscheidung für Frauen – so erfährt man in allen Beiträgen – doch eigentlich eine ganz einfache gewesen: Ein frauenverachtender alter Chauvi, der mit sexuellen Übergriffen prahlt vs. die historische Chance, dass eine Frau einmal nicht nur in den Eastwing des Weißen Hauses einzieht.

Ein seltsames Bild von Frauen

Als weißer Mann, der noch nie Schuld an einem Wahlausgang hatte, fällt es mir schwer, diese Anschuldigungen nachzuvollziehen. Klar, auch ich hätte es besser gefunden, wenn jene 53 Prozent weiße Frauen anders gestimmt hätten. Wie die 63 Prozent der weißen Männer, die 30 Prozent der Hispanics und alle anderen Trump-Wähler und Wählenerinnen übrigens auch. Womit ich aber nichts anfangen kann, ist dieses seltsame Bild von Frauen, das der Kritik der Kommentatoren zugrunde liegt.

Was soll das sein? Eine Art feministische Umma, in der evangelikale Homeschooling-Mums mit anarchistischen Pro Choice-Aktivistinnen die gemeinsame matriarchalische Machtübernahme  planen? Ein Gattungsbegriff für alle zu individuellen Entscheidungen unfähige Vertreterinnen der Öströgenartigen, die verlässlich Clinton ausspucken, wenn man Trump hineinsteckt?

Nur der weiße heterosexuelle Man wählt, was er will

Zugegeben, es gibt solche Frauen: Beim Fadenwurm-Weibchen beispielsweise bewirkt jeder äußere Reiz den immer gleichen Nervenimpuls. Aber schon die Entscheidungen von Lurchinnen sind so komplex, dass sich ihre Handlungen nicht mehr eindeutig vorhersagen lassen. Bei Männern verhält es sich übrigens genauso – zumindest im Tierreich. Beim Menschen hingegen, werden die Weibchen in vielen Kommentatoren auf Interessenverterinnen in eigener Sache reduziert. Das kennen auch Mitglieder anderer gesellschaftlich marginalisierter Gruppen: Was macht der Schwule in der AfD? Warum wählen Deutsch-Türken CDU? Der unschwer auszumachenden Feststellung, dass auch im Leben eines Schwulen, Ossis oder Migranten andere Dinge eine Rolle spielen, als das eigene Schwul-, Migrant- oder Ossisein wird ersetzt durch eine monokausale soziale Prädestination: Der Ausländer wählt ausländerfreundlich. Der Muslim wählt religiös. Die Frau wählt feministisch. Nur der weiße heterosexuelle Mann wählt, was er will.

Würden Männer wählen wie Frauen, säßen weit weniger AfD-Abgeordnete in deutschen Landesparlamenten.

Das heißt nicht, dass Wahlen nicht auch durch das Frausein der Wählerinnen bestimmt werden. Oft zum Glück: Frauen wählen statistisch weniger häufig Rechtspopulisten. Hätten Frauen bei der Bundestagswahl 2002 abgestimmt wie Männer, wäre die Bundesrepublik vier Jahre lang von einem Kanzler Stoiber  regiert worden. Würden Männer wählen wie Frauen, säßen weit weniger AfD-Abgeordnete in deutschen Landesparlamenten. Aber das ist Statistik. Dass kann man feststellen. Ergründen. Sich darüber freuen. Daraus eine moralische Pflicht ableiten, kann man nicht. Die statistische 53-Prozent-Durchschnittsfrau lässt sich nicht durch wütende Appelle umstimmen, weil es sie schlicht nicht gibt.

Women for Trump

Wer wissen will, warum die realexistierenden Trump-Wählerinnen ihr Kreuz bei einem Sexisten machten, muss aufhören, Frauen als feministisch determinierte Sexismus-Abstimmungsapparate zu betrachten. Denn die Antwort auf „Why women voted for trump“ ist sehr viel wahrscheinlicher unter einer Schlagzeile zu finden, die anders als vielfach angenommen nicht nur das Abstimmungsverhalten meiner Geschlechtsgenossen erklärt: „Why people voted for Trump“. Unzählige Demoskopen, Soziologen und Psychologen ergründen dort das Phänomen. Nicht das Phänomen „Frau“, sondern das Phänomen „Trump“. Von seiner einfachen Sprache bis zum gesellschaftlich weit akzeptierten Hass auf Migranten reichen die Erklärungen. Von der Anti-Establishment-Inszenierung bis zur Angst um den Waffenschrank. Kurz: Wahl-Entscheidungen sind komplex, nicht nur für Männer.

Und wem das immer noch nicht reicht, der kann sich unter dem rosafarbenen Schriftzug von „Women Vote Trump“ jede verbliebene Hoffnung auf eine feministische Solidargemeinschaft nehmen lassen. Auf der Website listen Trump-Unterstützerinnen die Gründe für ihre Wahl-Entscheidung auf. Das klingt zum Beispiel so: „Er sagt, wie es ist“, oder so: „Er erledigt Dinge in der echten Welt“ oder so: „Er ist genau das, was unser Land braucht.“  Wie gesagt: Ich bin keine Frau. Aber an dieser Stelle kann ich kann mit Gewissheit sagen, dass die Gedankengänge von Frauen ähnlich primitiv sein können wie die von Männern.


Der Autor: Fabian Köhler hat in Jena und Damaskus studiert. Seitdem schreibt er als 
freier Journalist für viele deutschsprachige Tageszeitungen und Magazine über die und noch lieber aus der arabischen Welt. Auf Schantall und Scharia bloggt er über Islamophobie in Deutschland und überall sonst.

Beitragsbild: CC0Alondra Olivas (Unsplash)

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