Vegetarier essen für gewöhnlich kein Fleisch. Was aber, wenn jemand dann doch mal eine Currywurst verdrückt – darf er den Titel dann nicht mehr tragen? Gibt es nicht vielleicht die Möglichkeit, diese Position auf Teilzeit zu bekleiden? Es gibt sie.

In einem Café in Berlin-kreuzberg - CC transform

In einem Café in Berlin-kreuzberg – CC transform

Aus eigener Erfahrung kann ich konstatieren: Sich als irgendwas zwischen Veganerin und Vegetarierin zu definieren und es zu kommunizieren, ist eine leidliche Angelegenheit. Dauernd muss ich mich erklären: „Ja, wenn ich zehn Ziegenmilchjoghurts aus der Mülltonne ziehe oder es bei Freunden selbstgemachte Lasagne gibt, esse ich auch mal Milchprodukte.“

Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus: Die einen können es nicht verstehen, wie ich das mit meinen Prinzipien vereinbaren könne und verweisen dabei auf ihre vollkommene Konsequenz. Sie hätten jetzt sogar ihren Kleiderschrank „enttiert“ und trügen jetzt nur noch vegane Schuhe (die aus den USA importiert sind und aus Billigplastik bestehen).

Die anderen fordern stundenlange Erläuterungen, wie ich zu der Ernährungsweise des Freeganers käme – finden es aber prinzipiell gut. Manche bekommen es monatelang nicht mit und erinnern mich dann plötzlich eines Nachmittags, wenn nur noch Kuhmilch im Haus ist und ich mir einen Schluck in die Tasse gebe, daran, dass ich doch eigentlich Veganerin bin. Danke für den Hinweis.

Den Zirkus habe ich ungefähr ein halbes Jahr lang mitgemacht. Bis ich zu dem Punkt kam, meiner (anscheinenden) Inkonsequenz freundlich ins Gesicht zu blicken, sie zu akzeptieren und mich von da an nur noch als Vegetarierin zu labeln. Einerseits trauerte ich dieser Entscheidung ein wenig nach: Ich halte viel vom Veganismus und denke, dass die pfanzliche Ernährung ein signifikanter Schritt in die richtige Richtung ist. Andererseits war ich es leid, mich erklären zu müssen, stetig neue „Grenzen“ und Definitionen zu stecken, um mir und anderen legitimieren zu können, wann der Halloumi jetzt okay ist und wann nicht. Ich war es satt.

So viel zu mir. Natürlich gibt es Menschen, denen es schwerer fällt, auch nur von fleischigen Gewohnheiten Abstand zu gewinnen. Sogenannte Halbzeit-Vegetarier oder auch Flexitarier, die ab und zu mal ein Stück Fleisch (aber wirklich nur bio!) genießen. Ich habe nichts gegen solche Menschen.

Ganz im Gegenteil: Im Bewusstsein, dass ich mich als Freeganerin – ach nee, jetzt ja als Vegetarierin – schnell auf dem Gutmensch- und Besserwisser-Terrain bewege, versuche ich Flexitarier*innen besonders viel Respekt zuzusprechen. Um diese Menschen zu unterstützen, hat sich der Vegetarierbund e.V. eine ganz kecke Idee einfallen lassen: Das Halbzeit-Vegetarier-Tandem.

Infobox: Freeganer Menschen, die bewusst aus einer meist politisch oder ökologisch motivierten Haltung, ihre Nahrungszufuhr möglichst rein pfanzlich gestalten, aber gerettete, vegetarische Produkte trotzdem essen, bevor sie weggeworfen werden. Viele Freeganer entziehen sich bewusst dem Konsumleben und bedienen sich gerne an gefüllten Mülltonnen.

Und das funktioniert so: Die Teilnehmenden schließen sich für einen vereinbarten Zeitraum zu Tandems zusammen. Gemeinsam oder im spielerischen Wettbewerb untereinander versuchen sie nach dem Motto „Zwei halbe Vegetarier sind ein ganzer“, ihren Fleischkonsum zu verringern. Ganz ohne Zwang. Motivationshilfen wie Wochenpläne zur Dokumentation der gemeinsamen Ergebnisse, Vorsatzpläne oder Bonuskarten für vegetarische Gerichte sollen den Prozess unterstützen.


Beitragsbild: Café in Toronto (Kanada) von Nick Hillier bei Unsplash

Der Text erschien zuerst in unserer dritten Printausgabe, die du hier bestellen oder kostenfrei herunterladen kannst.

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