Kassel boomt, zumindest alle paar Jahre. Es ist eine Feststellung, die mit jedem Mal weniger lächerlich anmutet. Denn da sind ab und an richtig viele Leute – aus der ganzen Welt -, und Autos, und Läden, und Kram. Der Grund: die documenta, ihres Zeichens flamboyantestes Fest zeitgenössischer Künste. Gibt’s hier seit 1955, ab 1972 alle fünf Jahre. Sie wurde immer angesagter, fetziger, größer – geiler?

Die documenta 14 – infantile Impressionen

Wer auf die documenta zum Sichten Kunstaffiner in flotten Friesen und krassen Klamotten oder einfach extravaganter Exemplare unserer vielfältigen Gesellschaft kommt, aufgepasst. Ein Mann trägt Virtual-Reality-Brille und schreibt mit analoger, weißer Feder frenetisch durch sein Sichtfeld. Auf den Rücken schnallt er sich eine weiße Stange, die eine blechartige Plastikinstallation mit Frontkamera und aufgesetztem Wackeldackel über seinem Kopf trägt. Dazu fasst die Stange ein Schild, das über seinem Rucksack thront: „Art is always young“, lässt es verlauten.

Um ihn herum tollen Kinder über die bekannteste Installation der documenta 14, den Büchertempel von Marta Minujín vorm Fridericianum. Gerüststangen formen ein Gebilde, das der Akropolis nachempfunden ist. Ein riesiger Koloss – 70 Meter lang, 30 Meter breit und 20 Meter hoch.

In Plastik um die Stangen gewickelt sind entsprechend viele verbotene Bücher. Nicht irgendwo speziell, Hauptsache irgendwo verboten, ob nun heute oder gestern. 1933 wurden genau hier rund 2000 Bücher verbrannt. Wiederkehrend baumeln heute um die Säulen immer dieselben Bücher in Polyethylen: Unzählige Guantanamo-Tagebücher, Herren der Ringe, Leiden der jungen Werther oder wonnige Donnerstage.

Es ist Samstag, extrem wonnig, Familienausflugszeit. Unzählige Passanten pausieren auf dem Podest des Büchertempels. Ein kleines Mädchen in rosa Shirt kniet dicht vor einer der Säulen. Sie tippt auf ein Buch und zieht ihren Finger über die Folie, es quietscht, sie kreischt: „Harry Potter!“ Aufgeregt japsend winkt sie ihre Schwester herbei, die etwas mehr als halb so groß ist wie sie. „Hol mal Mama! Ein neues Buch von Harry Potter!!1!“ Die Kleinere purzelt los.

Es ist eine Ausgabe im kyrillischen Alphabet, aber wegen der typisch-kantigen Illustrationen auf dem Cover für sie unverkennbar. Mama – blondiert, mit Sonnenbrille – soll sich die Entdeckung genauer ansehen. „Was steht da?“, quengelt das Eulenauge, während sie am flatternden Top ihrer Mutter zupft.

Gegenüber vom Hauptplatz stehen zum Wohnen eingerichtete Röhren von Hiwa K.

 

Mama geht näher ran, schiebt die Sonnenbrille hoch und nuschelt etwas Unverständliches. Enttäuschung macht sich breit: „Oh Ma-han! Und wo bleiben neue deutsche Bücher?!“ Im Hintergrund wehen Reklamen im Wind der ungewöhnlich vielen Autos, die durch die provinzielle Innenstadt schleichen. „Shopping bis 24 Uhr zur documenta-Öffnung“, frohlocken sie.

Direkt hinter dem Büchertempel stehen die documenta-Shops. Sie haben zwar nicht so lang auf, aber immerhin ist alles teuer. Bedruckte Bio T-Shirts – 30 Euro, Notizbücher mit Logo – 15 Euro, eine weiße Plastiktasche mit Aufdruck, in die bestimmt (an einem guten Tag) zwei Äpfel passen – 100 Euro. Und noch vieles mehr – frohlocken die zuständigen Minijobber gezwungen.

 

„Whispering Campaign“ by pope.l, all rights reserved and retained by the artist.

Draußen schallt es über den Platz, ein paar Mal jede Stunde aus drei Megafonen. Ein Junge – blaues Hemd, blonde Locken – hält sich die Ohren zu. „Boah. Diese Lautsprecher da unten. Jetzt haltet doch endlich mal die Klappe!“ Es klingt wie Parsel, die Schlangensprache aus Hogwarts. Eigentlich ist es, aktuell, griechisch. Verschiedenste Versionen werden im Wechsel abgespult. Ein paar Stunden später ist eine Deutsche an der Reihe: „Ignoranz ist eine Tugend.“ Die Stimme flüstert, tönt über den kompletten Platz aber so laut, dass endlich jeder es verstehen kann.

Schädelinstallation von Máret Ánne Sara.

Schädelinstallation von Máret Ánne Sara.

 

Die documenta 14 – Kassels kunstvoller Kaugummi

Als Gründer Arnold Bode 1955 die erste documenta in Kassel veranlasste, verstanden ihn nicht viele. Natürlich, es gab hier schon vorher große Ausstellungen, aber so etwas? Die documenta zieht sich wie ein Kaugummi über die gesamte Fläche der Stadt. 30 Standorte – teils einzelne Räume, häufig Schauen über mehrere Etagen – zeigen 2017 Arbeiten aus aller Welt und in jedweder Form. Nur die wenigsten Werke sind, wie der Büchertempel, öffentlich zugänglich. Rund um seinen Platz, direkt in der Innenstadt, sind die Ausstellungen zu jeder Zeit viel besucht. Zu abgelegenen Standorten wie der Kunsthochschule rollen wenige Fahrradler und Hartgesockene. Es ist unmöglich, die documenta mal kurz komplett abzuwandern.

 

Über Kieselsteine gelangen Hartgesockene zu Meditationsanlagen an der Kunsthochschule Kassel.

Sitzen drei Jugendliche in der Kunstausstellung. Eine Sonnenbrille mit grauer Skinny Jeans, eine Nerdbrille mit grünem Shirt und eine Glitschtolle mit Armbanduhr. Sie ruhen sich im Erdgeschoss der Hauptausstellung im Fridericianum aus, sitzen inmitten anderer Erschöpfter auf Schaumstoffkästen in Camouflage. Die sind klobig und hart, übereinander geschichtet, manche rampenartig gegen die Wand geschart. Alle drei sitzen am Handy. Fragt die Glitschtolle: „Nur ganz kurz: Also, jetzt nachher Asiatisch?!“ Die Sonnenbrille: „Boah näh man.“ Glitschtolle, bockig: „Ja, also ich hab‘ keinen Bock auf Türkisch!“

Sie beachten kaum, dass ihre Sitzecke ein getarntes Ausstellungsstück ist. Links im Raum steht ein Metallkasten mit vier kleinen Fenstern, eine Art Militär-Basis. Ringsherum stehen ausgeschaltete Wärmelampen – draußen knallt die Sonne. Zu den Füßen der Skinny Jeans lehnt ein Schild. „ΠΛΑΤΑΜΩΝΑΣ. PLATAMON“, – die Ortschaft einer griechischen Burg. Darunter der Verweis, dass am 23. August 1944 24 Menschen von deutschen Soldaten umgebracht wurden.

Die documenta 14 geht neue Wege. Erstmals gibt es einen zweitberechtigten Standort. Athen soll als Knotenpunkt einer gebeutelten Region den Blick auf diese bedeutendste Schau zeitgenössischer Künste verändern, erweitern. Gleichzeitig sollten wir alles, das wir zu wissen glauben, vergessen, „entlernen“, so der künstlerische Leiter Adam Szymczyk.

Seine 34-Millionen-Schau werde aber keine Erläuterungen geben, erläuterte er 2.000 Journalisten bei der großen Pressekonferenz zu Beginn: „Die große Lektion hier ist, dass es keine Lektion gibt.“ Die Menschen müssten wieder selber Verantwortung übernehmen. Viele der über 160 Künstler nehmen neben ihren Werken höchstselbst Platz und grinsen den Vorbeivagabundierenden zu. So mancher Couleur-Artist wartet auf seinen ganz persönlichen Check-Schwinger. Den nächsten, der sich in ein Stück Kunst verliebt und dem großen Kuchen Kunstmarkt die nächste Kirsche on top spendiert.

 

„Disso – Concertation“ by El Hadji Sy. Gemälde mit zugehörigen Sounds.

Wenn sie nicht selbst das Kunstwerk sind. „Perfomer“ geistern durch alle 30 provinziellen Paläste der Kunst – zeitweise ist es schwer, zwischen Attrappe, Performance und sitzenden Besuchern zu unterscheiden. Rauer Acryl aus Großbritannien – eine Backpfeife, festgehalten in ausladenden Flächen – unweit von Arbeiten aus der Mongolei aus demselben Material – so präzise, wie mit Fineliner geschwungen.

Während in einem dunklen Raum die Verfolgungsjagd eines Panzers auf einen Fußgänger in Endlosschleife läuft, blasen nicht weit davon schwarz Gekleidete auf ihre Köpfe gestülpte Luftballons auf und ab. Beides im Format Video, ähnlich verstörend und doch ganz anders. Die Schauen sind voll von Gemälden, Skulpturen, Soundinstallationen, Videoformaten, aber auch pompösem Klüngel. Protz gehört dazu. Die Ausstellungen versprühen nichts von der Familienfestatmosphäre der öffentlichen Plätze. Die documenta ist hier Kunst, kein Jahrmarkt.

Installation in der Neuen Hauptpost.

Installation in der Neuen Hauptpost.

 

 

Die Neue Hauptpost versprüht eine urbane, harte, wegen der Hitze fast muffige Atmosphäre. Manch drahtiger Kunstwanderer verirrt sich zum Fitnessstudio auf die falsche Straßenseite. Der Algorithmus ist es gewohnt, Fitnesslifestyler zum Stemmen, Sprinten, Boxen hierher zu navigieren. „Ja, nein, jetzt bin ich beschäftigt. Bis heut Abend“, nuschelt ein Mann – schwarzes Polohemd, blonder Scheitel – in sein Handy, bevor er um die riesige Halle zum Eingang auf die andere Seite schlurft.

Er trifft eine Freundin aus Asien – Bob, graues Top. The flight? Well, it was, like, alright she guesses. Beide schlendern schmale Gänge entlang, die auch die Jugendhilfe nutzt. Sie bleiben bei allem stehen, was wie Kunst anmutet. Sehr lange. Fascinating. Don’t you just love it? I love it. Sie stoppen in der großen Halle vor einer meterhohen Trennwand, die mit unzähligen Kängurus beölt wurde. Sie tragen keine Boxhandschuhe, dafür Sonnenbrillen und Sprengkörper. Manche machen Peace-Zeichen, ein anderes zeigt den Stinkefinger.

Isn’t it, like, awesome?

Beölte Trennwand des Künstlers Gordon Hookey in der Neuen Hauptpost.

Beölte Trennwand des Künstlers Gordon Hookey in der Neuen Hauptpost.

 

Art is always – kind of like – awesome.


 

Alem-Adina Weisbecker hat die tollen Fotos für den Beitrag gemacht. Normalerweise studiert sie in Hannover Journalismus und hat auch noch einen dritten Vornamen. Und eine Schwäche für Wien und Kunst. Sie freut sich über Schokolade per Post.

 

Der Rest kommt vom Redakteur. Rechte an ihren Kunstwerken und deren Aufnahmen sind allein den Künstlern und Künstlerinnen vorbehalten.

All rights shall remain with the artists.

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