Die Angst, etwas zu verpassen, auch bekannt als FOMO, scheint ein natürlicher Effekt des Zeitgeistes zu sein. Was aber passiert eigentlich, wenn nichts passiert? Unsere Autorin sitzt in einer Brüsseler Künstlerkommune mit schrägen französischen Bonvivants zusammen und will sich der totalen Nutzlosigkeit hingeben.

Der Hund gähnt und steckt mich an. Bonjour Ennui. Guten Tag, Langeweile. Ich versuche, mich in den Kissen zu stabilisieren und starre das Tier an: Kennt es das Gefühl? Komischerweise muss ich an den Kraken Otto denken, der Verhaltensforscher damit erstaunte, dass er aus Langeweile seine Aquariumseinrichtung umstellte und manchmal sogar aus seinem Becken herauskletterte, Wasser auf die Lampen spritzte, bis ein Kurzschluss den ganzen Raum verdunkelte.

Wann hast du dich das letzte Mal gelangweilt?

Was für ein kluges Tier – und was für ein merkwürdiger Gedanke. Sag ich diesmal lieber nicht laut. Aber was weiß ich auch sonst schon über Langeweile. Kenne ich noch das Gefühl? Ist dieser zähe Zustand gedehnter, ungenutzter, verlorener Zeit überhaupt noch aktuell? Warteschlangen sehe ich nur bei mir in der Straße, wenn die Rentner sich bei Polster & Pohl den neuen Reisekatalog abholen wollen. Und natürlich in Behörden und Ämtern. Wobei man dort ja mittlerweile auch schon eine Nummer ziehen und sich per SMS anfunken lassen kann, wenn man dran ist.

Warteräume verschwinden allmählich aus dem öffentlichen Leben und werden an Bahnhöfen und Flugplätzen ganz bewusst derartig lieblos ausgestattet und in die unwirtlichsten Ecken verdammt, damit man als Reisender auch ja seine überschüssigen Minuten mit glasierten Donuts, Last-Minute-Mitbringseln oder Parfümproben verbringt. An Ampeln, Haltestellen, Klowänden – ach, eigentlich überall, wo der Blick länger als eine Sekunde im öffentlichen Raum verweilen könnte, hängen Werbetafeln oder Bildschirme, die die Aufmerksamkeit kapern. Für Langeweile gibt es kaum noch Raum und Zeit. Unordentliche Gefühle sollen vermieden werden.

Die Zeiten waren mal langweilige – Großartiges entstand

Das war nicht immer so. Der Literaturwissenschaftler Heinz Rölleke hat dem Deutschlandfunk während der „Langen Nacht der Langeweile“ erzählt, dass ebendiese als Wort zuerst im 13. Jahrhundert aufgetaucht ist und damals nichts weiter als einen langen Zeitabschnitt bezeichnet hat. Vier Jahrhunderte lang störten sich die Menschen nicht daran, dass manches eben lange und manches nur kurz dauerte. Im Gegenteil: Es entstanden ausufernde Romane und Dramen, die ungeheuer lang und umständlich geschrieben waren – was als Vorteil gewertet wurde, weil sie dadurch alle „Umstände“ erfassen und darstellen konnten.

Erst im 17. Jahrhundert kommt mit der Vergnügungssucht des Rokokos der Wunsch nach Kurzweil auf, nach Plaudereien, Amüsement und Unterhaltung. Die Langeweile wurde als etwas Lästiges empfunden und negativ konnotiert. Sie wurde lustvoll vertrieben, mit Pasteten und Mätressen. Gegen dieses Taumeln zwischen dekadenter Tändelei und edler Ennui setzten später die Philosophen der Aufklärung ein neues Ideal des bürgerlichen Tätigseins. Voltaire empfahl, „einen Garten zu bestellen“, da Arbeit den Menschen von Laster, Langeweile und Sorge befreie. Und Kant stachelte seine Zeitgenossen dazu an, sich aus der Lässigkeit und untätigen Genügsamkeit „hinaus in die Arbeit und Mühseligkeiten zu stürzen“, damit sie ihre Talente entfalten und ihren Geschmack bilden könnten.

Langeweile als Sünde oder Ineffizienz

Der puritanische Calvinismus bekämpfte die Langeweile als Vergehen an Gott, die Industrialisierung zerstampfte sie mit der rationalen Maschinentaktung, die Digitalisierung arbeitet mit ihrer ständigen Beschleunigung an ihrer vollständigen Abschaffung. Der moderne Mensch hat gelernt, dass er Langeweile vermeiden kann und muss, weil sie ineffizient, unsolidarisch, sündhaft und irrational ist. Und uns außerdem hin und wieder ziemlich unangenehm auf uns selbst zurückwirft – was manchmal auch die Form eines tentakellosen Tintenfischs annehmen kann.

Während ich so auf dem schiefen Sessel sitze, kommen und gehen ständig Menschen, was einen fortwährenden Bussi-Marathon erzeugt. Zwischen den Muah-Muah-Muah und A-tout-à-l’heure überlege ich, warum ich nicht einfach auch aufstehe, eine Stadttour mache, mir belgische Pommes mit Mayo hole, in pastellfarbene Design-Concept-Store-Schaufenster reingucke, in einem Vintage-Laden die Tücherkisten durchgrabe, in einem Café internationale Zeitungen lese oder in eine dieser superangesagten Galerien gehe.

Laut der New York Times ist Brüssel das neue Berlin. In der Stadt gibt es so viel zu sehen, zu erleben, kennenzulernen, dass das Herumsitzen wie eine Sünde erscheint. „Die Ereignislosigkeit aushalten zu müssen scheint die größte Herausforderung für das spätmodern getaktete Subjekt zu sein, diese Zumutung des Stillstands, die eigene Ohnmacht zu ertragen“, hat der Autor Christian Schüle schon vor zehn Jahren in einem Aufsatz in der Zeitung Die Zeit geschrieben.

Ich könnte jetzt so viel erleben!

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Im Gegenteil: Allein beim Darüber-Nachdenken, was ich alles verpasse, während ich hier so rumsitze, packt mich der alte Affe Verpassungsangst, „FOMO“ genannt. Das Akronym für „Fear of missing out“ beschreibt die zeitgeistige nervöse Grundhaltung, woanders etwas zu verpassen. Es ist keine anerkannte Krankheit, sondern eher ein Überforderungszustand, aus den vielfältigen Informationen, Gelegenheiten und Optionen die eine erfüllende herauszufiltern. Großstädter zwischen zwanzig und dreißig Jahren sind fast ausnahmslos Fomotiker und hetzen von einem Angebot zum nächsten, auf der Suche nach dem perfekten Daseinszustand. Je schneller sie rennen, desto weniger können sie ihn erkennen. Ich bleibe erst mal auf dem schiefen Sessel sitzen.

 


 

Dieser Artikel wurde in der dritten Ausgabe des transform Magazins gedruckt, welche du hier bestellen kannst. Ausgabe 2 & 3 im Kombipaket sind momentan 15% günstiger.

 

 

 

 

 

Die Gastautorin Greta Taubert beschäftigte sich in ihrem Buch „Im Club der Zeitmillionäre“ (Eichhorn Verlag) mit der Frage, wie der Umgang mit Zeit die Gesellschaft verändern kann. (Foto: Greta Taubert)

 

 

Beitragsbild: Kinga Cichewicz via Unsplash

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