Tiefenökologie - Systemwandel mit Kopf, Herz und Hand

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Unsere Gastautorin plädiert für eine alternative Sicht auf das Verhältnis zwischen uns Menschen und der Natur. Demnach sind wir alle miteinander verbunden und die Erkenntnis darüber könnte vieles ändern.

Täglich prasseln bedrohliche Nachrichten auf uns ein: Steigender Ressourcenverbrauch, Klimawandel, Trump, Erdogan, Soziale Ungleichheit, Kriege. Wie geht es mir persönlich damit und wie können wir als Gesellschaft mit diesen Horrormeldungen umgehen? Welche Zukunft wünsche ich mir eigentlich für mich und meine Kinder und wovor habe ich Angst, was macht mich wütend und wie kann ich diese Gefühle als Antrieb und Kraftquelle nutzen? Diese und viele andere Fragen stehen im Zentrum der Tiefenökologie.

Was ist Tiefenökologie?

Eine Art erweiterte Identität, die ausgehend von der Identifikation mit nahestehenden Personen immer weitere Kreise zieht, bis sie schließlich die ganze Welt mit einschließt.

Der Begriff Tiefenökologie wurde in den 70er Jahren durch den norwegischen Philosophen und Umweltaktivisten Arne Naess geprägt, der „tiefe Fragen an das Leben stellen“ wollte, um herauszufinden, warum die Welt so ist, wie sie ist, und warum Menschen so handeln, wie sie handeln. Dem stellte er die „oberflächliche Ökologie“ gegenüber, die vor allem Symptome betrachtet und die Ursachen außer Acht lässt. Naess ging es dabei um die Entwicklung eines „ökologischen Selbst“; einer Art erweiterter Identität, die ausgehend von der Identifikation mit nahestehenden Personen immer weitere Kreise zieht, bis sie schließlich die ganze Welt mit einschließt.

Auf der Basis von ganzheitlicher Wissenschaft, Psychologie und spirituellen Traditionen hat die amerikanische Aktivistin und Systemtheoretikerin Joanna Macy dieses theoretische Konzept um praktische Übungen erweitert. „Die Arbeit, die wieder verbindet“, wie Macy es jetzt nennt, will nicht nur begreiflich sondern auch erfahrbar machen, dass alles miteinander verbunden ist: Dies kann Kraft und Hoffnung geben und zu mutigem Handeln inspirieren, wie Macys Erfahrungen mit Tausenden Menschen weltweit zeigen.

Die Zeit des „großen Wandels“

Macy sieht die Zeit, in der wir momentan Leben, als eine des großen Wandels, in der die Menschheit vor nie zuvor da gewesenen Herausforderungen steht: Bedrohungen wie Klimawandel, Artensterben, die Zerstörung von Wäldern und Böden, die Versauerung von Ozeanen und auch die zunehmenden sozialen Konflikte führen uns vor Augen: Die Welt, wie wir sie kannten, geht unwiederbringlich zu Ende. Vielleicht ist sogar die Menschheit selbst vom Aussterben bedroht.

Gleichzeitig verfügen wir über ein nie da gewesenes Wissen und unzählige Möglichkeiten, die menschliche Zivilisation von einer lebenszerstörenden in eine lebenserhaltende umzuwandeln. Neuere Erkenntnisse, etwa aus der allgemeinen Systemtheorie und widerlegen das mechanistische Weltbild und bestätigen, was alte spirituelle Traditionen längst wussten: Dass die Welt aus einem Netzwerk von Beziehungen und lebendigen Systemen besteht, die alle durch den Fluss von Energie und Information miteinander verbunden sind. Einem Netzwerk, das in über 4 Milliarden Jahren Erdgeschichte entstanden ist, sich über die Jahrmillionen immer weiter verfeinert hat und über große Selbstregulierungskräfte verfügt, die wir unterstützen können.

Die Kraft des Perspektivwechsels

Erfahren wir uns als untrennbares Teil im Netz des Lebens, merken wir, dass wirkliches Wohlbefinden nur im Einklang mit dem Ganzen möglich sein kann.

Deshalb ist die momentane Systemkrise, für Macy vor allem eine „Krise des Bewusstseins“: Solange wir uns als voneinander und von der Welt getrennte Individuen erleben, deren komplette Erfahrungswelt sich auf die industrielle Wachstumsgesellschaft bezieht, fühlen wir uns der Situation hilflos ausgeliefert und können uns kaum Lösungen außerhalb dieser vorstellen. Verstehen und erfahren wir uns aber als Teil des lebendigen Ökosystems Erde mit seiner Jahrmillionen alten Geschichte, können wir die industrielle Wachstumsgesellschaft als das sehen, was sie ist: ein Wimpernschlag in der Geschichte der Evolution, trotz ihrer Zerstörungskraft.

Erfahren wir uns als untrennbares Teil im Netz des Lebens, merken wir, dass wirkliches Wohlbefinden nur im Einklang mit dem Ganzen möglich sein kann. Leiden andere Menschen oder nichtmenschliche Lebewesen, können wir davon nicht unberührt bleiben. Das ist es, was Naess mit dem „ökologischen Selbst“ meinte.

Warum wissen wir so viel und tun so wenig? Gefühle als Wegweiser

Die Verdrängung unseres Schmerzes um die Situation der Welt ist eine Hauptursache für den Widerspruch zwischen menschlichem Wissen und Handeln.

Für Macy ist die Verdrängung unseres Schmerzes um die Situation der Welt eine Hauptursache für den Widerspruch zwischen menschlichem Wissen und Handeln. Genauso wie körperlicher Schmerz ein lebenswichtiges Feedback für uns ist, bestimmte Dinge zu unterlassen, ist auch emotionaler Schmerz, ein notwendiges Feedback an uns selbst und die Menschen um uns herum. Lassen wir ihn nicht zu, ist das gesamte Netz von Informationen abgeschnitten, die für eine Selbstregulierung unerlässlich sind. Gleichzeitig schneiden wir uns von unserer Kreativität und Lebensfreude ab, denn Betäubung funktioniert nicht nur in eine Richtung

Tiefenökologie bietet einen Raum, die verschiedensten Gefühle in uns zu benennen, zu spüren und die Erfahrung zu machen, dass wir daran nicht zerbrechen, sondern Kraft gewinnen. Das ist zumindest die Erfahrung von vielen Tausenden Menschen weltweit, die mit Joanna Macy und anderen Tiefenökologie erlebt haben. Langsam entsteht ein neues Bewusstsein für das Ganze, das uns die Verantwortung übernehmen lässt für uns selbst und das, was in der Welt geschieht.

Welche Geschichte will ich erzählen?

Welche Geschichte möchte ich mit meinem Leben erzählen und weitergeben?

Um die eigene Rolle in dieser Zeit des Umbruchs zu finden, kann es sehr hilfreich sein, immer wieder zu fragen, welche Geschichte ich mit meinem Leben erzählen und weitergeben möchte. Geschichte meint hier nicht eine erfundene Erzählung, sondern die Art und Weise, wie wir Ereignisse, die wir erleben und beobachten, in einen größeren Sinnzusammenhang stellen. Was unsere Vorstellung von unserer Zukunft angeht, können wir drei Geschichten beobachten, die gleichzeitig erzählt werden, je nach eingenommener Perspektive.

1.  Business as usual – weiter so wie bisher!

In dieser Variante werden die annehmlichen Seiten des modernen Lebens betont und die Frage, ob es ewig so weitegehen kann, wird nicht gestellt. Fortschritt wird vor allem materiell gemessen und Werbung etwa vermittelt den Eindruck, dass alle Menschen Fernreisen, Computer, Autos haben sollten. Diese Geschichte wird von vielen Politikern und Wirtschaftsvertretern erzählt und vermittelt die folgenden Grundannahmen:

  • Wirtschaftswachstum ist für Wohlstand unerlässlich
  • Die Natur ist ein Rohstofflieferant und darf für menschliche Zwecke ausgebeutet werden
  • Konsumförderung ist gut für die Wirtschaft
  • Hauptziel im Leben ist es, es weit zu bringen
  • Die Probleme andere Menschen, Nationen und Arten gehen uns nichts an

2. Fortschreitender Zerfallsprozess

Hier werden Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind, betont und Katastrophenszenarien ausgemalt. Sie werden unter anderem von Wissenschaftlern erzählt und von Organisationen, die sich mit den sozialen und ökologischen Folgen unserer Zivilisation auseinandersetzen. Sie sprechen vor allem von:

  • Wirtschaftlichem Niedergang
  • Ressourcenerschöpfung
  • Klimawandel
  • Sozialer Spaltung und Krieg
  • Massenaussterben von Arten

Diese beiden Geschichten widersprechen einander und entwerfen ein völlig unterschiedliches Bild vom Zustand unserer Welt. Weiter so wie bisher führt uns direkt in den fortschreitenden Zerfallsprozess. Dieser kann uns wie eine Horrorgeschichte vorkommen, die uns klein und ohnmächtig werden lässt. Es gibt allerdings noch eine dritte Geschichte, um die es in der Tiefenökologie vor allem geht:

3. Der große Wandel

Diese Geschichte wird von den vielen Gruppen und Initiativen erzählt, die sich hier und jetzt in den unterschiedlichsten Bereichen für eine neue sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Kultur einsetzen. Der Buchautor und Aktivist Paul Hawken hat mehr als eine Million Organisationen weltweit ausgemacht, die sich für ökologische und soziale Belange einsetzen. Und es werden täglich mehr. Sie sind in ihrer Gesamtheit jedoch nur zu erkennen, wenn wir einen Schritt zurücktreten und den Fokus darauf richten, anstatt uns in den scheinbaren Einzelereignissen um uns herum zu verlieren.

Das macht Mut. Vor allem, wenn wir uns vor Augen halten, dass viele kleine Veränderungen zusammenwirken können und auf diese Weise nicht vorhersehbare, bahnbrechende Veränderungen einleiten können. Ein Beispiel aus jüngster Geschichte sind die Ereignisse, die zum Fall der Berliner Mauer geführt haben.

 

Zum Weiterlesen

Paul Hawken, „Wir sind der Wandel

Joanna Macy, Molly Brown: Für das Leben! Ohne Warum

 

 

Die Autorin dieses Textes Christiane Kliemann schreibt, hält Vorträge und gibt Workshops zu den Themen Degrowth, gesellschaftlichem Wandel und der Tiefenökologie. Twitter:  @schnecken_post

 

 

Titelbild: CC0 License rawpixel

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