Stimmen verstehen, nicht nur wahrnehmen!

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2017 ist es so weit: Im März wählen die Niederländer ihr Parlament, gefolgt von den französischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen und schließlich sind im September die Deutschen aufgerufen, ihren Bundestag zu wählen. Einige richtungweisende Entscheidungen stehen uns also bevor und mit ihnen bereits viele Fragen im Raum. Allen voran Fragen bezüglich des zu erwartenden Zuspruchs für die in der Presse häufig zitierten Rechtspopulisten und die damit verknüpfte Zukunft der Europäischen Union.

Wer mich jedoch am stärksten interessiert sind jene Menschen, die diese, ich wage mich kaum es zu schreiben, Politiker wählen. In den Medien und der Politik wird in diesen Tagen häufig von Spaltung gesprochen, mich interessiert jedoch die Verbindung.

Populistenwähler. Trump bekam 46,1% der abgegebenen Stimmen.
Fast drei Millionen weniger als Hillary, durch das Mehrheitswahlrecht gewann er trotzdem.

Gesagt getan! Ich lebe seit einigen Jahren in Wien, wo 2016 Bundespräsidentenwahlen stattfanden, welche unverkennbar den Zahn der Zeit trafen. Der hiesige Rechtspopulist heißt Norbert Hofer und da ich ihm kein Gehör schenken möchte, belasse ich es dabei, denn die Hass und Angst induzierenden Floskeln klingen in Österreich ebenso wie jene in England, den Niederlanden, Frankreich und Übersee.

Wahlchaos in Österreich
1. Wahlgang (sechs Kandidaten), 35.05% Hofer
2. Wahlgang (Stichwahl), Hofer (49.65%) vs. van der Bellen (50.35%); für ungültig erklärt
3. Wahlgang, Termin 1: Abgebrochen wegen mangelhaften Briefumschlägen
3. Wahlgang, Termin 2: am 4.12.16

Am 4.12.2016 pilgerte auch ich zum Wahllokal, jedoch nicht irgendeines, mein Ziel ist der 11. Gemeindebezirk, genannt „Simmering“, welcher im ersten Wahlgang mit beinahe 42 % Norbert Hofer wählte und bitte eben jene Wähler zum gemütlichen Plausch bei von mir bereitgestelltem Kaffee und Mehlspeise. 8:25 Uhr machte ich mich mit meinem improvisierten Stehtisch, einem Bügelbrett und Betttuch, auf den Weg zur U-Bahn.

Schnell zeigt sich, es ist enorm schwer, diese Wähler in ein Gespräch zu verwickeln. Es gibt jene, die ratlos den Kopf schütteln und „do frogns den foschn“ oder „weu’s depat san“ antworten und solche, die entsetzt davon stürmen, ohne mit mir zu sprechen. Da ich durch die intensiven Reaktionen der van der Bellen-Wähler verblüfft bin, entscheide ich mich in manchen Fällen spontan mit eben diesen darüber zu sprechen und bekomme in der Tat ein Potpourri aus Beleidigungen und Vorverurteilungen gegen die andere Wählergruppe zu hören.

Ich verstehe in diesem Moment gut, dass keiner von ihnen mit mir reden möchte und bin enttäuscht. Obwohl diesen Wählern nachgesagt wird im Internet Hassparolen zu verbreiten und ihre Stimme lautstark einzusetzen, hetzen hier nur die entschiedenen Hofer-Gegner.

Titelt man Wählern von Populisten eine post-faktische Wahlentscheidung an, ohne sich entschieden damit auseinanderzusetzen, weshalb diese Wahl erfolgt, ist man in seiner Ignoranz gegenüber den Gefühlen einer solch großen Wählergruppe selbst ein „Post-Faktisierender“!

Am Mittag: Richard steht nun am Bügelbrett bei mir. Er trägt einen weiten Parka, hat die Haube tief ins Gesicht gezogen, trinkt seinen Kaffee mit Milch und isst Krapfen. Seine Wahl falle auf Norbert Hofer, so sagt er, weil er möchte, dass die Politiker etwas für ihn tun. Genau genommen möchte er seine Pension erhöht sehen. Soviel kann ich mir aus den Tagesthemen im Ersten auch zusammenreimen, deshalb hake ich nach.

35 Jahre war Richard mit seiner Frau zusammen, 30 davon verheiratet. Nun ist er 68 Jahre alt, Pensionist und die Frau, ehemals Alkoholikerin, ist vor zwei Jahren gestorben. „Auf mi wort kana daham.“ Richard erzählt von seiner Wohnung, seinem Alltag, er wirkt emotional und abgeklärt zugleich. Vor allem wirkt er nun erleichtert. Als wir uns verabschieden drückt er mir überraschend fest die Hand und bemerkt: „Ihre Händ’ san aba a sea kold“

Die Eindrücke häufen sich, ich stehe bereits Stunden zwischen den Lagern, man könnte auch sagen im Spalt. Umgeben von Vorurteilen, von allumfassender Verständnislosigkeit und Angst. Bald bin ich zu erschöpft und gehe nach Hause.

„In der Psychologie ist ein Vorurteil definiert als eine gelernte Einstellung gegenüber Menschen, welche negative Gefühle, negative Überzeugungen, und eine Verhaltenskomponente umfasst.“ (Zimbardo)

Am nächsten Morgen stehe ich in der U-Bahn und fühle ich mich endlich frei genug um nach meinem Mobiltelefon zu greifen, drehe es an und lese die Nachrichten: „Van der Bellen Bundespräsident.“ Dann denke ich an die rund 2.1 Millionen Wähler, die ihre Stimme Norbert Hofer gaben und nun knapp verloren haben. Ich denke an jene Wähler, die nicht mit mir reden wollten und sich nun wieder fühlen, wahrscheinlich mehr denn je, als sei ihre Stimme nicht gehört worden. Denen, wenn sie auch keinen Hunger oder körperliches Gebrechen leiden, es dennoch subjektiv an Schmerz nicht mangelt. Und schließlich denke ich an Richard. Richard, den Pensionisten, dem mit der Wahl und hoffentlich auch ein wenig durch unsere Unterhaltung das Gefühl gegeben wurde, dass man sich auch um sein Schicksal sorgt.

„In einer Gesellschaft ist die Mehrheit in der Regel der Verteidiger des Status quo. Üblicherweise kommt die Kraft für Innovationen und Veränderung von Mitgliedern der Minderheit oder von Individuen, die mit dem gegenwärtigen System unzufrieden sind oder sich neue Möglichkeiten und alternative Wege zum Umgang mit aktuellen Problemen vorstellen können.“ (Zimbardo)

Abgesehen vom letzten Punkt, dem Aufzeigen alternativer Wege zum Umgang mit aktuellen Problemen, finde ich diese Passage sehr passend für jene Menschen, die zwar auf Veränderung hoffen, doch rein quantitativ kaum noch eine Minderheit per se darstellen. Leider werden sie von den falschen angezogen, von Populisten, die lediglich ihre eigene Macht ausbauen wollen. Leider werden sie von dieser Mehrheit, von der Politik und schließlich auch von den Medien nicht oder nur kaum verstanden.

Die Stimmen dieser Menschen auszuzählen reicht nicht!
Stimmen hören bedeutet nicht, Stimmen zu verstehen.

 

[Diese Artikel beschreibt Dimitris Erfahrungen in Form einer Übersicht, wer mehr lesen will, kann sich den kompletten Artikel durchlesen: Artikel_zur_Bundespräsidentenwahl_Österreich_von_Dimitri_Wäsch].

 

Quellen & zum weiterlesen:
Gerrig, R. J., & Zimbardo, P. (2008). Psychologie. Hallbergmoos: Pearson Deutschland GmbH.
Wahlstatistik der Republik Österreich
Informationen zur Bundespräsidentenwahl in der Republik Österreich
Informationen zu SlowakInnen in Österreich, Medienservicestelle

Dimitri Wäsch ist ungeduldig und neugierig, liebt Menschen und Kaffee, liest und schreibt mit Herzblut, während er Psychologie studiert meist wider Willen.
Kennengelernt hat er transform beim Zeit.online Festival der Visionäre in Berlin.

 

 

 

Beitragsbild: Illustration von Hatiye Garip – „Understanding each other“

 

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