Titelbild: Brooke Cagle, CC0 Unsplash
Titelbild: Brooke Cagle, CC0 Unsplash

Sterilisation: Das lass ich mir nehmen

Viele Menschen haben keinen Kinderwunsch. Manche möchten das durch eine Sterilisation auch dauerhaft sicherstellen. Doch das ist gar nicht so einfach zu akzeptieren — für die Gesellschaft. Warum eigentlich?

Was kostet ein Kind? Schätzungen kommen auf sechsstellige Beträge, ohne Widerrufsrecht. Unwiderruflich kein Kind zu bekommen, ist da schon günstiger: Ab 500 Euro kostet eine Sterilisation, also das Durchtrennen von Ei- oder Samenleiter, die jeweils zur endgültigen Unfruchtbarkeit führt. Wer den Eingriff hinter sich hat, gewinnt die Gewissheit, nie (wieder) ein Kind in die Welt zu setzen.

Über fünf Prozent der Männer und Frauen unter 50 in Deutschland haben sich bereits sterilisieren lassen. Finanzielle Abwägungen werden wohl niemanden unter ihnen angetrieben haben. Viele Sterilisierte haben schlicht schon Kinder und wollen das Thema Verhütung für die Zukunft abhaken. Tatsächlich fällt die Entscheidung zu diesem Schritt in der Regel spät: Fast ein Viertel der über 40-Jährigen verhütet durch die Sterilisation eines Partners, während der Anteil bei den unter 30-Jährigen laut BzgA bei null liegt. Wer noch ohne gesundheitliche Risiken Kinder bekommen kann, hält sich die Möglichkeit trotz mangelndem Kinderwunsch womöglich lieber offen. Eine „abgeschlossene Familienplanung“ wird darum auch von Ärztinnen und Ärzten für eine Sterilisation vorausgesetzt; bei Zweifeln an der Endgültigkeit der Entscheidung lehnen sie den Eingriff sicherheitshalber ab.

Wer aber darf bestimmen, wann eine Familienplanung als „abgeschlossen“ gelten kann? Zahlreiche Frauen, mit oder ohne Kinder, erzählen im Internet von ihren Schwierigkeiten, vor dem 30., teilweise sogar dem 35. Geburtstag eine Praxis zu finden, die den ohnehin privat bezahlten Eingriff durchführt. Zu hoch sei das Risiko des Bereuens. Eine Betroffene schreibt online: „Ich weiß mit meinen 28 Jahren (…), dass ich niemals Kinder haben möchte. Das ist doch meine Entscheidung, wieso kann man das nicht akzeptieren und mir meinen Wunsch erfüllen?“ Kinderlose Männer indes scheinen die Bedenken deutlich weniger zu betreffen, obwohl laut Sozialverband pro familia bei Frauen wie Männern gleichermaßen etwa fünf bis zehn Prozent ihre Sterilisation bereuen.

Wer schon in jungen Jahren weiß, dass das eigene Gute Leben keine Kinder braucht, wird nicht selten belächelt – Familien sind sich gerne einig im „das kommt schon noch“. Wenn aber niemand Zweifel an der Reife einer jungen Schwangeren hegt, die sich unumkehrbar für Kinder entschieden hat (und es mitunter bereut) – wieso fällt es so schwer, den umgekehrten Entschluss zu respektieren?

Eine „abgeschlossene Familienplanung“ darf auch bedeuten: Kinder, nein danke. Warum sollte sich etwa die Umweltbewegte, die aus Sorge um den wachsenden Ressourcenverbrauch der Menschheit lieber keine weiteren VerbraucherInnen in die Welt setzen möchte, ausgerechnet gegen Egoismus-Vorwürfe wehren?

Hier sprechen drei Menschen, die für ihre Version des Guten Lebens keine eigenen Kinder möchten – und die sich da so sicher sind, dass es nun keinen Weg zurückgibt

Patricia Schürholz — 49

Illustration: Stephanie Brittnacher

Ich war 34 Jahre alt, als ich mich hab sterilisieren lassen. Das war vor 15 Jahren. Ich habe schon früh als Jugendliche festgestellt, dass der Wunsch nach der „klassischen“ Familie nicht da
ist. Nach einer sehr langen Beziehung, in der klar war, dass ich mit diesem Mann definitiv kein Kind haben möchte und der Entscheidung, in eine andere Stadt zu ziehen und einen kompletten Neuanfang zu machen, kam die endgültige Entscheidung. Ich hatte bis dahin ständig Gedanken die Verhütung betreffend und keine andere Methode erschien mir sicherer und befreiender. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich fast 17 Jahre hormonelle Verhütung hinter mir und dazu noch einige alternative Methoden. Ich habe mir quasi jeden Monat einen Schwangerschaftstest gekauft. Jeden Monat die diffuse Angst doch schwanger zu sein. Irgendwann wurde mir das Ganze auch zu teuer. Als ich die Entscheidung endgültig gefällt hatte, war ich sehr erleichtert. Damals konnte ich mich mit niemandem austauschen. Noch heute bin die Einzige, die ich kenne, die sich hat sterilisieren lassen. Aber ich habe es nie bereut. Erleichterung war das Gefühl von Anfang an. Mein Frauenarzt hat meine Entscheidung respektiert und hat mich mit einer „normalen“ Diagnose ins Krankenhaus eingewiesen.

Auf der Einweisung hat er dann noch vermerkt, dass im Zuge dessen dann auch gleich eine Sterilisation mitgemacht werden könne. Die Ärztin bat mich dann kurz vor der Operation mit flehenden Augen, meine Entscheidung nochmal zu überdenken. Allerdings hat mich das nicht interessiert. Niemand darf einer erwachsenen Frau diesen Eingriff verweigern. Die Kosten liegen bei circa 1500 Euro, wenn man das selbst tragen muss. Die Sterilisation ist eine sehr persönliche Entscheidung, die unter Umständen in der näheren Umgebung auf totales Unverständnis stößt. Manchmal leiten gesellschaftliche Normen unsere Gedanken, obwohl uns das gar nicht bewusst ist. Wenn trotz alledem der Wunsch und die Vorstellung vom Leben ohne eigene Kinder immanent ist, dann gibt es auch die Möglichkeit diesen Weg zu gehen. Frau sollte sich auf Gegenwind einstellen. Ich habe Entsetzen gesehen, Ungläubigkeit, Verständnis und zum Teil auch Neid.

Dennoch hatte ich Glück: Meine besten Freundehaben es fast alle verstanden, mich unterstützt oder zumindest meine Entscheidung akzeptiert. Ebenso meine Eltern. Ich habe mich nicht rechtfertigen müssen bei den Menschen, die mich gut kennen, aber ich habe meinen Standpunkt klar vertreten müssen. TR

Torsun Burkhardt — 43

Mir war schon total früh klar, dass ich nie Kinder haben will. Ich war ziemlich jung, als ich mich hab sterilisieren lassen, so 26, 27 Jahre alt. Wenn man so jung ist, ist es nicht einfach, dem Arzt zu erklären, dass man es wirklich will und es später nicht bereuen wird. Eigentlich machen die so etwas erst ab ungefähr 30 und nur, wenn man Kinder hat. Ich habe dann beim Arzt so lange herumgenörgelt, bis er das gemacht hat. Aber ich kann ihn verstehen. Der Entschluss ist nun einmal sehr endgültig. Ich habe zu der Zeit in Kassel gewohnt und dort jemanden kennengelernt, der hat sich sterilisieren lassen. Da dachte ich: Das mach ich jetzt auch! Den Entschluss hatte ich zwar, wie gesagt, schon sehr lange, aber ich habe es lange Zeit nicht umgesetzt. Letztlich war es dann ein Zeitraum von einer Woche, vom endgültigen Entschluss bis zum Eingriff. Vor der Sterilisation habe mich eigentlich nur mit dem Freund in Kassel ausgetauscht. Zum Beispiel wie der Eingriff ist, wie lang die Nachwirkungen sind und so weiter. Aber auch über Fragen wie „Kommt da überhaupt noch was raus“, die man sich halt so stellt, habe ich mich informiert. Die Antwort ist übrigens: Ja, da kommt noch was raus.

Die Operation an sich war gar nicht so schlimm. Klar, die Spritze für die Lokalanästhesie fühlte sich unangenehm an. Aber als die erste Seite fertig war und die andere dran kam, hatte ich mich schon halbwegs dran gewöhnt. Ich bin danach noch zwei Mal zur Nachuntersuchung gegangen, um auf Nummer sicher zu gehen, dass ich wirklich unfruchtbar bin. Denn manchmal kann es vorkommen, dass trotz der Durchtrennung der Samenleiter noch Samen im Ejakulat vorkommen. Das war bei mir aber nicht so. Dumme Sprüche habe ich nie gehört. Das Lustigste habe ich erlebt, als ich es meinen Eltern erzählte. „Ich will, dass die Deutschen aussterben“, war meine leicht provokative Antwort auf die Frage nach dem Warum. Mein Vater fand es lustig, meine Mutter nicht ganz so. Aber letztlich hat es beide nicht wirklich gestört. Auch in Beziehungen hatte es nur positiv Auswirkungen.

Sterilisation ist nun einmal die sicherste Verhütungsmethode. Und wenn man sich überlegt, was Frauen ihrem Körper alles antun, wenn sie die Pille nehmen, ist das schon krass. Bei One Night Stands muss man aber natürlich ein Kondom benutzen. Bei längerfristigen Beziehungen hatte und habe ich aber nie Probleme damit, dass ich mich hab sterilisieren lassen. Wenn meine Freundin einen starken Kinderwunsch hätte, würde ich wahrscheinlich versuchen, die Sterilisation umzukehren. Aber es gibt ja sonst auch Alternativen. Ich finde Sterilisation eine tolle Sache. Aber natürlich muss man es sich sehr, sehr gut überlegen. Denn die Chancen, eine Sterilisation beim Mann rückgängig machen zu können, liegen bei ungefähr 50 Prozent. Aber den Personen, die sich sicher sind, dass sie keine Kinder haben wollen, rate ich: Tut es, ich habe es keine Sekunde bereut! — RD

Eve Fonsegrive — 21

Illustration: Stephanie Brittnacher

Ich war mir eigentlich schon immer vollkommen sicher, dass ich niemals Kinder möchte. Weder spüre ich da eine besondere Zuneigung, noch habe ich die nötige Geduld. Ich ziehe daher lieber gar keine Kinder auf, als mich schlecht um sie zu kümmern. Das wäre unfair einem menschlichen Wesen gegenüber, das schließlich um nichts gebeten hat – bloß damit man mich in Frieden lässt, damit ich endlich der Norm entspreche.

Den Entschluss, mich sterilisieren zu lassen, habe ich in etwa mit 16 gefällt, aber ich wusste, dass es vor der Volljährigkeit nicht geht. Kurz nach meinem 18. Geburtstag habe ich dann meinen Gynäkologen angesprochen. Der hat meine Entscheidung zwar verstanden, aber mir klargemacht, dass ich niemanden finden würde, der mich vor dem Alter von 25 operiert.

Viele Ärzte weigern sich, junge Leute zu sterilisieren, weil sie befürchten, dass sich ihre Meinung im Laufe der Jahre ändert. Selbstverständlich glaube auch ich, dass sich Einstellungen mit der Zeit wandeln können, aber wer diese irreversible Entscheidung fällt, ist sich ihrer Tragweite auch bewusst. Wer allgemein anfällig ist für Meinungsänderungen, würde sich nicht sterilisieren lassen. Der zweite Gynäkologe, einige Monate später, dachte sogar, dass eine Sterilisation einer Patientin unter 40 für ihn illegal wäre. Er war aber auch offen für meine Meinung und sprach nie davon, dass ich meine Meinung noch ändern würde oder so. Er erzählte mir sogar, dass er selbst 25 Jahre mit einer Person zusammengelebt hatte, die nie Kinder wollte und die damit glücklich war. Der dritte Arzt hat sich angehört, warum ich eine Sterilisation wollte und mich dann an einen Kollegen am Krankenhaus verwiesen. Der hat dann nach einem Gespräch zugestimmt, mich zu sterilisieren.

Da war ich 20 Jahre alt.

Der Eingriff war sehr schmerzhaft, aber nach der Operation war ich glücklicher als je zuvor. Ich habe mich so frei gefühlt! Ganz ehrlich, ich denke, ich könnte mich schon an Kinder gewöhnen. Aber diese völlige Unabhängigkeit, die Freiheit, für niemanden sonst verantwortlich zu sein, würde ich für nichts und niemanden auf der Welt aufgeben. Verhütungsmittel bedeuten immer ein höheres Risiko für eine ungewollte Schwangerschaft. Ich muss mich mit diesem Thema aber nie wieder befassen – die Sterilisation war für mich eine echte Erleichterung.

Für mich persönlich war ausschlaggebend, dass ich keine Kinder will. Aber wenn Leute sich sterilisieren lassen und später trotzdem adoptieren, um einem Kind die Chance auf ein besseres Leben zu geben, und das die Überbevölkerung ein wenig reduziert, dann sehe ich auch die Vorteile. Wer eine Sterilisation in Betracht zieht, ob mit Kindern oder ohne, sollte sich die Konsequenzen jedenfalls sehr gut durch den Kopf gehen lassen. Ist man sich seiner Entscheidung aber sicher, dann rate ich dazu, auch für sein Recht zu kämpfen und auf die negativen Kommentare von Leuten, die anders dazu stehen, zu pfeifen. Eine Sterilisation geht nur die Person selbst was an

Es wird immer Leute geben, die kein Verständnis haben. Die sagen, Kinderkriegen gehört zum Leben unbedingt dazu. Wenn die mit ihren Kindern glücklich sind – umso besser! Aber man muss schon die Entscheidungen anderer respektieren. Die meisten meiner Freundinnen und Freunde konnten meinen Entschluss verstehen. Ein paar meinten zwar, ich würde es eines Tages bereuen. Aber ich kenne mich,das wird nie passieren. — JS

Titelbild:  Brooke Cagle, CC0Unsplash
Illustrationen: Stephanie Brittnacher


transform Ausgabe 4 "Kinder"
transform Ausgabe 4 „Kinder“

Dieser Artikel wurde in der vierten Ausgabe des transform Magazins gedruckt, welche du hier bestellen kannst.

Ein Gutes Leben mit Kindern oder doch lieber ohne? Wir leben in einer Zeit, in der das Kinderkiegen längst nicht mehr zwingende Norm ist. Sollten wir uns also lieber auf uns selbst konzentrieren? Und würde uns das nicht letzten Endes auch zu besseren Eltern machen?


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