Sprache akzeptieren, Realitäten verändern

Als ich vor einiger Zeit eine Einladung an die jungen „Wissenschaftler“ meiner früheren Universität verschickte, kam prompt eine Reaktion: Ich möge doch geschlechtergerechte Sprache verwenden. Andere Ungenauigkeiten in meinem Schreiben waren unbemerkt geblieben, aber offensichtlich war dies ein sehr sensibler Punkt.

Wir wenden inzwischen viel Zeit dafür auf, *innen anzuhängen, von mensch statt man zu sprechen und Ansprechpartner zu Ansprechpersonen zu machen; das sind die einfacheren Beispiele. Wenn man einen solchen Aufwand betreibt, ist die Frage berechtigt, ob der Aufwand in Relation zum Nutzen steht. Wird die Welt durch diese sprachlichen Bemühungen direkt geschlechtergerechter?

Ich denke nein: Wenn ich bei unseren Fußballfrauen von einer Frauschaft statt einer Mannschaft spreche, wird der Fußball nicht frauengerechter. Effektiver wäre es, die Frauen-WM ähnlich stark zu bewerben und prominent auszustrahlen wie die Männer-WM. Umgekehrt erzeugt man mit beständiger Kritik an sprachlichen Feinheiten, manchmal wahre Haarspaltereien, nicht selten eine Gegenstimmung: Man schaue nur mal in die Diskussionsforen, in denen geschlechtergerechte Sprache verrissen wird, und das nicht nur vom rechten Rand her. Wie unglücklich geschlechterbezogene Themen in der Öffentlichkeit oft verhandelt werden, zeigt Margarete Stokowski am Beispiel des Manspreading, und ich denke, dass die Art, wie geschlechtergerechte Sprache propagiert wird, inzwischen dazugehört.

Geschlechterbezogene Themen werden oft ungeschickt verhandelt.

Die Idee, dass eine geschlechtergerechte Sprachplanung zu mehr Gerechtigkeit führt, fußt auf einigen Fehlannahmen über die Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit. Wir wissen tatsächlich noch zu wenig über diese Beziehung, sie ist aber deutlich fluider, als wir im Allgemeinen annehmen. Ich denke, dass wir zuviel Energie für die künstliche Herstellung einer Geschlechtergerechtigkeit von Sprache aufwenden, die wir besser dafür einsetzen könnten, auf anderen Feldern für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen.

Sprache und Wirklichkeit

Unsere Sprache sagt viel über uns selbst aus, wo wir herkommen, was wir glauben, ganz generell: Wie wir ticken. Die körper- und genußbetonte Flowerpower-Jugend fand Dinge dufte, in den 1990ern, als die Welt eine Party zu werden schien, war alles Tolle cool und geil, für die Krisenkids wiederum waren bemerkenswert gute Dinge stabil. Gleichzeitig schleppt unsere Sprache manchmal Überbleibsel mit, die uns gar nicht mehr auffallen. Ohne mit der Wimper zu zucken sprechen wir von der Frauenmannschaft oder der Landsmännin, beides eigentlich ein Widerspruch in sich. 

Sprache und Denken sind nicht dasselbe.

Im zwanzigsten Jahrhundert war es gerade philosophisch sehr schick, sich der Sprache zu widmen unter der Annahme, dass man sich die Sprache ansehen müsste, wenn man über die Wirklichkeit mehr erfahren will. Aus dieser Zeit stammen extreme Annahmen wie die Sapir-Whorf-Hypothese: Die Sprache, die wir Sprechen, würde unser Denken bestimmen, nicht nur ihre Wörter, sondern auch ihre Grammatik. Diese These wurde allerdings nie breit akzeptiert. In der Konsequenz würde das nämlich heißen, dass Finnen schlechter zwischen den Geschlechtern Mann und Frau unterscheiden können, weil sie kein grammatisches Geschlecht haben – es gibt noch nicht mal unterschiedliche Personalpronomen für Frauen und Männer. Allerdings könnte es schwer sein, für diese Schlussfolgerung Belege zu finden.

Mentale Räume und fruchtbarer Nährboden

Unsere Sprache kann deutlich mehr, als nur die Wirklichkeit darzustellen: Wir können zum Beispiel auch Märchen erzählen. Wie Fauconnier und Turner in ihrer Theorie der mental spaces darlegen, sind wir in der Lage dazu, uns mentale Räume zu schaffen, in denen wir viele Bedingungen selbst bestimmen. Ich kann sagen „Wenn ich der Papst wäre…“ und mit anderen sogar darüber diskutieren, was ich täte, wenn ich der Papst wäre, obwohl alle wissen, dass ich niemals Papst war oder sein werde.

Wir prägen also unsere Sprache, aber beeinflusst unsere Sprache uns? Sprache hat durchaus auch Einfluss auf unsere Realitäten, also die Welt, die wir definieren, unsere Gesellschaft, die wir konstruieren etc. Wenn ständig über eine Flüchtlingskrise gesprochen wird, glauben wir irgendwann an diese Krise. In so einer Stimmung kann ein Zeitungstitel mit dem Wort Flüchtlingstsunami durchaus intensive Ängste auslösen. Dafür muss aber vorher der Nährboden geschaffen werden. Sprache kann nicht einfach aus sich heraus Wirklichkeit erschaffen. Wenn Mama oder Papa beherzt in den Rosenkohl beißen und dabei „Mmmmhh, lecker!!“ rufen, schmeckt er dem Kind danach nicht unbedingt besser.

Nur weil ich „Arbeitnehmer*innen“ sage, stelle ich nicht mehr Transmenschen ein.

Die queere Sprachkritik fußt aber implizit auf dieser Annahme, dass ich mit Sprache recht simpel Realitäten schaffen kann, also zumindest die von uns selbst definierte Welt beeinflussen kann: Wenn ich von Arbeitnehmer*innen spreche, würde ich damit, so das Argument, gleichzeitig an alle Geschlechter denken, auch an Transmenschen, Intersexuelle etc. Ganz abgesehen davon, dass das schwer nachzuweisen ist (vielleicht denke ich auch einfach daran, dass man das nun so schreiben muss), führt das denn direkt dazu, dass bald mehr Trans- oder Intermenschen in allen möglichen Berufsfeldern zu finden sind, oder braucht es dafür nicht eine lange Aufklärungsarbeit?

Grammatische Geschlechter nicht übersexualisieren

So, wie ich zwischen Sprache und Wirklichkeit keine Eins-zu-eins-Beziehung herstellen kann, so kann ich meine sozialen Kategorien wie zum Beispiel Geschlecht auch nicht eins-zu-eins auf Sprache anwenden. Die deutsche Sprache kennt drei so genannte grammatische Geschlechter: Maskulinum, Femininum und Neutrum. Tatsächlich ist es so, dass viele Dinge, die auch biologisch männlich sind, ins Maskulinum verschoben werden, also etwa der Mann, aber auch der Hengst oder der Eber. Interessanterweise verliert die deutsche Sprache diese grammatischen Kategorien spätestens im Plural: Egal ob Maskulinum, Femininum oder Neutrum, das Artikelparadigma im Plural ist gleich dem des Femininum im Singular (als die Männer, der Männer, … so wie die Frau(en), der Frau(en), …). Auch Adjektive richten sich insgesamt eher nach dem Deklinationsschema des Femininum.

Grammatisches und biologisches Geschlecht haben manchmal erstaunlich wenig miteinander zu tun.

Wenn wir jetzt also davon ausgehen würden, dass grammatische und biologische Geschlechterkategorien genau gleich sind, könnte man fast sagen, dass die deutsche Sprache in gewisser Weise geschlechtergerecht ist. Grammatische Geschlechter haben aber vielfältige Funktionen, die nicht unbedingt etwas mit dem biologischen Geschlecht zu tun haben, wie in einer Handreichung von Martina Werner zur (Nicht-)Beziehung zwischen grammatischem Geschlecht im Deutschen und biologischem Geschlecht zusammengefasst wird. So stehen „maskuline“ Nomen oft für zählbare Dinge oder mit der Endung -er für Dinge oder Menschen, die bestimmte Tätigkeiten verrichten, wie beim Staubsauger oder Entsafter. „Feminine“ Nomen hingegen beschreiben häufig abstrakte Einheiten, wie etwa die Wichtigkeit oder die Einfachheit, oder abstrakte, oft länger andauernde Prozesse wie die Bildung oder die Gründung. Konkrete Prozesse hingegen stehen gerne im Neutrum, wir sprechen also nicht von der „Umtopfung“, sondern vom Umtopfen. Diese Prinzipien sind im Endeffekt wichtiger als das biologische Geschlecht, so sagen wir eben in der Grundform die Mannschaft und nicht „der Mannschaft“.

Tatsächlich gibt es eine gewisse Überschneidung zwischen biologischem und grammatischem Geschlecht, allerdings sind Benennungen wie „Maskulinum“ doch irreführend und man darf diese Beziehung nicht überbetonen, also die grammatischen Kategorien nicht übersexualisieren. Alternativ könnte man einfach von der „der-Deklination“, „die-Deklination“ oder „das-Deklination“ sprechen, ausgehend vom Artikel in der Grundform, um den Druck herauszunehmen, die Benennungen wie „Maskulinum“ erzeugen.

Sprachkritik kann für andere abwertend sein

Die queere Sprachkritik hat neben den teils etwas wackeligen philosophischen und sprachwissenschaftlichen Grundannahmen noch ein anderes Problem: Sie übersieht andere Funktionen von Sprache. Die Art wie ich spreche, wie meine Freunde sprechen und die Menschen meiner Region, stehen in vielerlei Hinsicht für meine Identität. Ich habe eine dialektale Färbung und meinen ganz eigenen, persönlichen Sprachgebrauch. Das bedeutet auch: Wer meine Sprache kritisiert, der kritisiert mich.

Sprachkritik sendet nicht unbedingt eine freundliche Botschaft.

Die queere Sprachkritik hat sich ein hehres Ziel gesetzt, nämlich in der Sprache für mehr Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen. Sprache eignet sich tatsächlich gut dafür, bestimmte Verhältnisse herauszuarbeiten und einige Aussagen über unsere Realität zu machen. Wer aber anderen diktieren will, wie sie zu sprechen haben, sendet auf dem persönlichen Kanal keine freundliche Botschaft. Unsere Sprache besteht aus vielen Gewohnheiten, die nicht unbedingt eine direkte Aussage haben. Jemand, der „Mannschaft“ sagt, ist damit nicht automatisch Sexist, ebenso wenig wie jemand, der „jemand, der“ schreibt. Der Zusammenhang zwischen unserem Gedankengebäude, unseren Überzeugungen, unserem Glauben etc. einerseits und unserer Sprache andererseits ist viel komplexer und subtiler.

Ein Problem der queeren Sprachkritik ist aber, dass die Kritik gelegentlich derart heftig geäußert wird, dass beim Empfänger eigentlich nur eine Botschaft ankommen kann: Wir finden dich scheiße. Dies kann von anderen aufgegriffen und umgedeutet werden: Gerade deshalb spricht die Alte-Neue Rechte gerne von einer „Denk-„oder „Sprachpolizei“ – man spielt seinen Gegnern damit also auch noch in die Hände.

Muss ich nun gar nicht mehr auf Sprache achten?

Es ist ein Paradoxon unserer Zeit, dass wir uns selbst aus vielen Ebenen Entspannung verordnen, hier aber nicht: Wir beschwören die Slowness herauf und wollen Fünfe auch mal gerade sein lassen, aber gerade auf dem Feld der geschlechtergerechten Sprache begegnet mir häufig Verbissenheit.

Das heißt auf der anderen Seite wiederum nicht, dass wir nun gar nicht mehr auf Sprache achten sollen. Wir können uns sicher einig sein, dass schwul kein geeignetes Schimpfwort ist und dass Medien, die nicht hetzen wollen, besser nicht von einem Flüchtlingstsunami sprechen. Ganz ohne Einfluss ist unsere Sprache nicht, wir sollten ihr aber auch keinen übermächtigen Einfluss zuschreiben.

Ich halte zudem nichts davon, alle abzuurteilen, die nicht mit Sternchen oder mensch schreiben. Genauso erkenne ich an, dass die Sternchen- oder mensch-Schreibweise für manche Menschen durchaus Identität bedeutet: Gerade in bestimmten politischen Lagern ist sie Ausdruck eines eigenen Selbstverständnisses. Bei transform steht es den Beitragenden frei, ihre Variante zu wählen, es ist also Teil ihrer Ausdrucksweise. Man könnte kritisch einwenden, damit würde nur eine Entscheidung vermieden, es fällt dadurch aber auch der Druck weg, den eigenen Artikel peinlichst genau auf nicht-genderkonforme Ausdrücke zu durchleuchten. Unsere Energien, die wir für die Herstellung von mehr Geschlechtergerechtigkeit aufwenden wollen, sollten wir eher auf verschiedene Realitäten verwenden, anstatt uns mit sprachlichen Spitzfindigkeiten aufzuhalten.

Beitragsbild: Steffi Reichert, CC-BY-NC-ND

  1. Mit Sicherheit verstehst du dich als aufgeklärten und vielleicht sogar emanzipatorischen Menschen, aber der Text zeigt, dass du deine eigenen Privilegien und deine Sprecher*innenposition noch nicht ausreichend reflektiert hast.

    Beim Sprechen eine weiße, männliche, cis und, heterosexuelle Norm nicht ändern zu müssen, sondern noch weiter zu untermauern und dies nicht als Problem wahrzunehmen ist ein Privileg. Dieses Privileg dürfen nur einige Menschen genießen. Etwas nicht als Problem zu erachten heißt nicht, dass dieses Etwas kein Problem ist, sondern, dass es für DICH persönlich kein Problem darstellt. Darüber kannst du sehr glücklich und froh sein, das ist schön für dich.

    Auf der einen Seite haben wir (wie du schreibst) – den „Aufwand“, die aufgewandte Zeit und Energie und den „Druck […], den eigenen Artikel peinlichst genau auf nicht-genderkonforme Ausdrücke zu durchleuchten“ – auf der anderen Seite haben wir Menschen, die durch diesen deinen heldenhaften Einsatz endlich angebracht mitgemeint, adressiert und beschrieben wären. Eigentlich doch ganz schön wenig Aufwand für einen solch großen Effekt.
    Die eigene Sprache umzustellen ist keine Zumutung. Alles verbissene, spitzfindige Nörgler*innen da draußen? Leider nein. Durch Sprache werden macht- und herrschaftsgetränkte Systeme am Leben erhalten, Wahrnehmungen geprägt, Rollenbilder gefestigt und kontrolliert.

    Du hältst „schwul“ für kein geeignetes Schimpfwort und „Flüchtlingstsunami“ auch für ungeeignet, lehnst aber gendergerechte Sprache ab? Was ist das denn für eine Grenzziehung? Das erscheint mir schwer nach Rosinenpicken mit der eigenen Position im Blick. Solidarisches Denken ist dagegen ein guter Ansatz, nicht nur Zustände als Problem anzuerkennen, wenn sie die eigene Person betreffen oder zu den eigenen politischen Prioritäten passen.

    Der Widerstand das eigene Sprechen zu überdenken kommt doch auffallend häufig auf, sobald es um das Aufgeben sprachlicher Bestandteilen geht, welche sich diskriminierend auf Minderheiten oder Frauen* auswirken. Tatsächlich werden nämlich ständig neue Worte in das Vokabular aufgenommen – ganz selbstverständlich hast beispielsweise auch du das englische Wort „slowness“ in deinem eigentlich deutschen Text verwendet. Ist sprachliche Weiterentwicklung etwa doch nicht so ein Aufwand?

    Glücklicherweise teilen große Anteile der Gesellschaft deine Sicht, aber vielleicht willst du weiter denken,. Dann sind das gute Ansätze:
    > http://www.gwi-boell.de/de/2016/10/21/sprache-und-diskriminierung
    > http://feminismus101.de/male-privilege/
    > http://www.springer.com/cda/content/document/cda_downloaddocument/9783658137021-c2.pdf?SGWID=0-0-45-1583722-p180082625
    > http://www.migrazine.at/artikel/sprachliches-handeln-und-diskriminierung
    > https://goodmenproject.com/ethics-values/why-i-dont-want-to-talk-about-race/
    > http://maedchenmannschaft.net/du-hast-den-witz-einfach-nicht-verstanden/
    > hier wird das Ausleben männlicher Privilegien innerhalb der sogenannten linken Szene thematisiert. https://www.youtube.com/watch?v=lh40mwtGt18

    1. Das Argument des Artikels ist ja ein anderes: Wenn Sprache unsere Verhältnisse darstellt, dann sollten wir die Verhältnisse ändern. Aber umgekehrt ändert es die Verhältnisse nur wenig oder gar nicht, wenn wir unsere Sprache ändern – das ist hier meine These. Um das von mir leider sehr verkürzte Beispiel mit dem Schimpfwort „schwul“ aufzugreifen: Es würde wohl wenig nützen, nur die Verwendung des Wortes als Schimpfwort zu verbieten, sondern mehr, wenn die dahinterliegenden Ansichten etc. durch Diskussion, Aufklärung etc. geändert würden. Wenn es gelingt, die Verhältnisse zu ändern, wird sich in vielen Fällen auch die Sprache ändern. In manchen Fällen aber auch nicht! Es gibt eben doch immer wieder sprachliche Überbleibsel, denen man nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken sollte, oder die sich irgendwann von selbst geben; viel Effekt haben sie wohl ohnehin nicht. Hier wünsche ich mir einfach mehr Entspanntheit.

      Am Ende wird es wahrscheinlich um viele Einzelfallentscheidungen gehen bzw. eigentlich um kaum vorhersagbare Entwicklungen. Der Begriff „Slowness“ z.B. ist, so würde ich mal annehmen, mittels Sprach- bzw. Kulturkontakt entstanden, wahrscheinlich um eine wie auch immer geartete begriffliche Lücke im Deutschen zu schließen; das ist Teil des ganz normalen, organischen Sprachwandels. Das hat aber nichts mit dem Fall zu tun, wenn man eigene sprachliche Normen einfach direkt auf andere übertragen will – das bedeutet dann nicht selten, die Identität Anderer damit, wenn auch ungewollt, abzuwerten. Hier braucht es meiner Ansicht nach auf Seiten der queeren Sprachkritik mehr Reflektion.

      Was ich ja aber auch kritisiere, ist die Art, wie die Positionen zu geschlechtergerechter Sprache vermittelt werden. Ich bin für Argumente, Studien etc. offen, die einen vielleicht stärkeren Einfluss geschlechtergerechter Sprache aufzeigen, als mir bisher bewusst ist. Dafür braucht es aber eine breite empirische Basis und nicht Meinungen. Zuviel von dem, was über Sprache geschrieben wird, ist nicht so richtig fundierte Meinung.

      Mit Letzterem kann ich im Prinzip leben, auch ich gebe des Öfteren Meinungen über etwas ab, womit ich mich nicht so genau auskenne. Wofür ich aber übrigens nicht offen bin, ist, dass mir z.B. implizit die Aufgeklärtheit abgesprochen wird, wenn auch nur teilweise, wie zu Beginn deines Kommentars. Ist es nicht diese Art von Verhaltensweise, die ich kritisiere? Gerechtigkeit wird nicht dadurch hergestellt, dass ich Anderen mindestens genausoviel Unrecht tue.

  2. Language is constantly changing – language as we know it did not come out of nowhere. Language has historically and dialectically changed to form what we know of it now. Also language is discursive so of course it needs to change to include more feminist friendly terms and words. That doesn’t mean we ignore working on social changes but they are linked and they are not a binary of either or, both of them can be reworked in parallel. That said, it is male entitlement that does not allow u to feel offended by sexist language because it’s not sexist towards u! You might wanna think about that and then we can talk.

    1. I do not quite agree that we can simply rework language. Language evolves and we can give language impulses for evolution, and of course language can be imposed, but this I would not support. „Rework“ has a certain ring to me which puts it somewhat close to imposing. I believe, though, that if we want to give impulses, we need to be more open to discussing things on eye level with all sorts of people, not only between academics or only between queer people. And, as you say, language cannot be discussed without a link to other actions. I put actions before language, though: We can analyse language and by this inform our actions, but action on language may not lead to what we hope for. The latter is certainly a matter of debate which I am open to.

      Having spoken of eye level, your comment leaves me with two questions with regard especially to your last two sentences.
      First: I speak a lot about gender equality in my post, but I voice the opinion that our means often do not have the desired effect. What makes you think I haven’t thought about concepts like privilege before?
      Second: You say I should think about it and then we can talk. Does that imply I can’t have come to different conclusions or we can only enter into a debate on your terms?

  3. Vielleicht können wir die Diskussion ja in eine andere Richtung lenken. Denn aktuell stehen die Standpunkte sich gegenüber: Oliver sagt, Sprache allein reicht nicht für Veränderungen und Maia und Mihi dagegen meinen, in seiner Position (als Mann, nehme ich an) ist er privilegiert und ihm liege daher wohl nicht so viel an Veränderung.

    @Mihi und Maia: Könnt ihr positive Effekte einer neuen Sprachanwendung, einer gendergerechten Sprache, erkennen? Also handfeste, praktische Veränderungen? Welche sind das?

  4. Ich als Frau und Journalistin, die das Gendern fest in ihre geschriebene Sprache intergriert und es so gut wie geht auch in der gesprochenen Sprache versucht, bemerke Bewusstseinsveränderungen. Ich schreibe und denke somit mehr in dem Bewusstseins, mich an alle* Menschen zu adressieren und anzusprechen. Dabei bin ich vorsichtiger in meinen Aussagen – denn für die ein oder anderen Menschen gilt das, was für mich als weiße cis Frau als natürlich wahrgenommen wird, nicht. Ich denke Automatisch queere Menschen mit – inklusive der Diskriminierungen, die sie in der Gesellschaft erfahren.

    Ich finde Stellenausschreibungen ein signifikantes Beispiel. Wenn ich diese durchgehe und eine mit Gendersternchen entdecke, fühle ich mich als Frau gleich viel mehr angesprochen.

    Das Gendersterchen schafft Räume für Menschen, denen vorher vielleicht nicht bewusst waren, dass sie ihnen in der Sprache nicht gegebne wurde, aber nun, wo sie da sind, ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken und so Raum für Diskurs und Potential zur Besserung schaffen. Allein das wir diese Diskussion hier führen, ist ein Fortschritt.

    1. Ist das aber nicht Teil einer veränderten Haltung, der ein ganzer Prozess voranging, in dem du dich mit Fragen der Geschlechtergerechtigkeit auseinandergesetzt hast? Hast du dich dann nicht einfach bewusst dafür entschieden, deine (in dieser Sache) veränderten Identität sprachlich auch auszudrücken? Und wenn du einen Gender-Stern siehst, z.B. bei einer Stellenanzeige, fühlst du dich angesprochen, weil du Gleichgesinnte erkennst? Das hatte ich ja zum Ende meines Beitrags gesagt: Diese Form der Sprache ist meiner Meinung nach inzwischen zu einem Erkennungsmerkmal für bestimmte Kreise geworden und ist als solches auch gar nicht zu kritisieren. Gerade die positive Identifikationswirkung von Sprache sollte man nicht einfach verwerfen und das tue auch ich nicht. Und natürlich gibt es eine Rückkopplung: Mit deiner veränderten Schreibweise erinnerst du dich selbst immer wieder an diesen für dich wohl wichtigen Teil deiner Identität.

      Ich will aber mal die Gegenprobe wagen: Wenn ich mit Leuten in einem netten Café in einer noch nicht so durchgentrifizierten Ecke der Stadt sitze und zuhöre, wie alle möglichen Themen vom Weltfrieden über das Ende der Plastiktüte bis hin zur Geschlechtergerechtigkeit durchdiskutiert werden, denke ich mir manchmal, ja, lass uns doch mal zu der Kioskbesitzerin oder dem Imbissbudeninhaber rübergehen und denen erklären, warum sie jetzt nicht mehr „liebe Kunden“ sondern „liebe Kund*innen“ schreiben sollen. Unabhängig davon, wie sie zu Transmenschen, Homosexuellen etc. stehen, werden sie bestimmt erstmal fragen, was sie davon haben, ihre Beschilderung etc. neu zu drucken, vielleicht auch, was das für ein neumodischer Kram sei und ob das nötig sei, denn „die lesbische Susanne von nebenan“ würde ja auch so bei ihnen kaufen. Würde jetzt einer von diesen beiden queeren Menschen auch noch kritisch gegenüberstehen, müsste man ohnehin erstmal ganz andere Aufklärungsarbeit leisten.

      Aber dadurch, dass man sie dazu brächte oder gar zwingen würde, „Kund*innen“ zu schreiben, würde man, glaube ich, bei ihnen zunächst gar nichts verändern. Die Veränderung der Haltung müsste vorher geschehen, und selbst danach kann man nicht damit rechnen, dass sich Mitmenschen auf eine veränderte Sprache einlassen; die Haltungsänderung ist ja schon geschehen, warum jetzt im Nachhinein den Aufwand betreiben, die Sprache zu ändern? (Der Sprachgebrauch würde sich übrigens nach einer Haltungsänderung sehr wahrscheinlich ganz unbemerkt auf die eine oder andere Art und Weise ohnehin ändern.) Man darf aber nicht davon ausgehen – und das ist einer dieser fluiden Zusammenhänge zwischen Sprache und Denken – dass jemand eine Haltungsveränderung ablehnt, nur weil die Person es ablehnt, eine veränderte Form von Sprache zu benutzen. Mit der Art, wie jemand redet etc. hängt eben sehr, sehr viel mehr zusammen als nur die Frage der Geschlechtergerechtigkeit. Wenn man aber zu sehr auf eine Veränderung drängt, könnte man hingegen seine Mitmenschen vor den Kopf stoßen. Das ist die Gefahr, die ich darin sehe.

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