Am liebsten würden wir es einfach wegschubsen, das kleine Teufelchen auf unserer Schulter. Zu jeder Gelegenheit heißt es: Halt ihm stand! Sei stark! Dabei ist das Teufelchen doch ein Teil von uns – sollten wir uns selbst nicht freundlich gesinnt sein? Wir haben die besten Ausreden gesammelt, die dir aus deinen inneren Widersprüchen helfen. 

Einmal ist keinmal.

Es handelt sich hier um eine Art Drei-Sekunden-Regel, die du beispielsweise anwendest, wenn ein Stück Schokolade auf den Boden geplumpst ist. Nur nutzt dein Schweinehund sie für eine Zigarette, obwohl du versprochen hattest, mit dem Rauchen aufzuhören. Oder wenn du einmal kurz beim Arzt in der Klatschpresse blätterst, obwohl du solche Zeitschriften eigentlich sexistisch findest. Das Wichtigste ist: Nicht lange zögern, einfach machen. Und danach dem schlechten Gewissen entgegnen: „Einmal ist keinmal!“ Auch dein innerer Schweinehund hat zwei Augen zum Zudrücken.

 

Gute Leute braucht es überall.

Du hörst es immer wieder: Du und die Bank, bei der du arbeitest, ihr seid der Grund allen Übels. Schuld an Klimawandel, Armut, irgendwie vielleicht auch an Kriegen? Kurzum, es ist eine moralische Herausforderung, da zu malochen. Stimmt schon! Würdest du Papierkram für Greenpeace erledigen oder belegte Brötchen verkaufen, würdest du dafür weniger Kritik abkriegen. Aber auch bei euch muss es eben Leute geben, die progressiv denken und die Dinge zum Guten bewegen. Mit deinen kritischen Einwänden und kreativen Vorschlägen in einem einzigen Meeting änderst du vielleicht mehr als andere in jahrelanger, zäher NGO-Arbeit.

 

Dafür habe ich leider keine Zeit.

Egal ob der Besuch bei den Großeltern, das Fitness-Workout, Schrank aufbauen oder die Masterarbeit: „Dafür habe ich leider keine Zeit“ – Mit dem Klassiker der Ausreden lässt sich alles entschuldigen. Ignoriere dafür einfach, dass „Zeit haben“ für die meisten eine Frage der Prioritäten ist. „Ich schaffe das zeitlich nicht“ klingt aber immer noch viel verträglicher als „Ich hab mehr Bock, etwas anderes zu machen“. Selten wird diese Ausrede von irgendwem hinterfragt, schließlich benutzen wir alle sie ständig. Aber Achtung: Füll die frei geschaufelte Zeit nicht gleich wieder mit neuer Aktivität – denn sonst fühlt es sich tatsächlich schnell auch für dich so an, als hättest du keine Zeit. Besser alles absagen, Füße hochlegen, den Schweinehund streicheln und bloß nicht an all das denken, was du tun könntest oder solltest.

 

Ich ess‘ das, sonst landet das noch im Müll.

Dein Fahrrad entstand in einer lokalen Manufaktur, durch den Winter kommst du mit Pastinaken und Weißkohl, beim Wein bevorzugst du die Pfalz, und natürlich unterstützt du ein unabhängiges Magazin aus Berlin und Leipzig. Für dich gilt stets: Global denken, lokal handeln! Du hast schließlich deinen CO2-Fußabdruck im Blick. Ganz streng geht es aber nicht zu: Mindestens einmal in der Woche vertilgst du kolumbianische Bananen, französischen Käse und Unmengen an Alaska-Lachs bei einem Gelage mit FreundInnen. Seitdem du als „Foodsaver“ auf der Plattform „Foodsharing“ angemeldet bist und jedes Wochenende bei einem Café die Reste des Brunch-Angebots abholst, kannst du dich vor den Genüssen der Welt manchmal gar nicht retten. Die CafébesitzerInnen beteuern, dass sie sich wirklich Mühe geben, besser zu kalkulieren. Aber es bleibt eben doch jede Woche etwas übrig. Der Umwelt wäre nicht geholfen, wenn die Reste in den Müll wandern – im Gegenteil, dein Umweltverbrauch wäre sogar größer, würdet ihr stattdessen die Zutaten im Supermarkt kaufen. Dann lieber Restebuffet – guten Appetit!

 

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Du bist ein absoluter Vernunftsmensch. Für dich existiert nichts zwischen Himmel und Erde, das sich nicht durch sie erklären ließe. 1 plus 1 macht 2, und Ur plus Knall macht Universum. Trotzdem schaust du nachts manchmal in den Himmel und dich plagt der Zweifel. Diese Schönheit, diese Weite. Und wenn da doch noch etwas wäre? Du spürst wie dir der Verrat am eigenen Weltbild den Rücken hinaufkriecht. Lass es zu und tröste dich mit der unbestechlichen Gewissheit aller großen Denker: Du weiß eben, dass du nichts weißt, und schlägst deinen Verstand mit seinen eigenen Mitteln. Chapeau

 

Zuhause bin ich Veganer.

Stolz erzählst du überall herum, wie wichtig dir das Leben der Tiere ist und wie sehr du den Geschmack regionaler Schwarzwurzeln schätzt. Doch eines Nachts stehst du mit deinen FreundInnen beim Bistro und die Falafel sind längst ausverkauft. „Kein Problem!” sagst du dem Verkäufer und schlägst ihm umgehend vor, einfach „ein wenig Halloumi-Käse” in das Sandwich zu stecken. Mit riesigen Augen schauen deine BegleiterInnen dich an: „Alter, ich dachte du verachtest uns tierausbeutende Monster!“. Milde wiegelst du ab und versicherst, selbst einmal ein solches „Monster“ gewesen zu sein, und überhaupt: Was soll die ganze bierernste Moralisiererei? „Das Leben ist schön!“ singst du noch im Bistro laut vor dich hin, während sich deine FreundInnen wieder entspannen. Später erklärst du ihnen: Du lebst ja durchaus vegan. Aber eben nur zu Hause.

 

Wenn, dann richtig urlauben.

Wir arbeiten, essen, schlafen. Arbeiten, essen, schlafen. Und dann sind da diese paar Tage im Jahr, die du gestalten kannst, wie du willst: Urlaub! Und auch an diesen Tagen sollst du weiter diszipliniert aufs Geld schauen und an deinen Alltagsprinzipien festhalten? Mach doch gleich auch Urlaub von dir selbst! „Carpe Diem“ ist dein Motto? Im Urlaub ist deine Chance, nach dem Ausschlafen noch ein Nickerchen einzulegen. Schön, dass du sonst sparsam lebst – beim Frühstück am späten Nachmittag darf der Kaffee auch mal teurer sein. Und für alle Sportler gilt natürlich: Das Fleisch ist stark, aber der Wille hat Urlaub, basta. Profis kennen übrigens Tricks, wie sie im Alltag besonders häufig in den Genuss eines Kurzurlaubs kommen: innerlich schlafen, blaumachen, krankfeiern, sich eine Auszeit nehmen, kündigen!

 

Das gleiche ich aus.

Du hast gerade billiges Hackfleisch gekauft, weil das Bio-Fleisch ausverkauft war? Oder nimmst ab und zu das Auto statt das Fahrrad, um zur Arbeit zu kommen – sogar bei Sonnenschein? Halb so wild, denn du kennst den alten Karma-Trick: Es kommt auf die Endsumme deiner Handlungen an! Solange deine guten Taten die schlechten überwiegen, ist alles im Lot. Nimm zum billigen Hackfleisch also auch eine Packung Kekse mit und mach jemandem damit eine Freude. Und statt im Urlaub in die Türkei zu fliegen, nimmst du ein paar Tramper im geliehenen Auto mit.

 

Hier muss das so.

Ehrlich, zu Hause würdest du so einen Quatsch nie machen! Fanmeilen meidest du. Aber wie oft ist man schon in San Marino? Der Heimat eines Fußballnationalteams, das in seiner Geschichte erst einmal gewonnen hat? Da darf es auch mal etwas mehr weiß-hellblaue Schminke sein, machen immerhin alle hier. Und es versteht sich, Fleisch isst du eigentlich nicht. Aber nach Spanien fahren – und dann die Tapas mit dem feinen Schinken zurückgehen lassen? Nix da! Sogar dein ayurvedisch-gesunder Sportlerfreund hat, als ihr es erstmal nach Weißrussland geschafft hattet, dem hausgebrannten Dorfschnaps nicht abgesagt.

When in rome, do as the romans do!

 


Text: transform Redaktion
Illustrationen: Theresa Lettner.

 

Dieser Artikel wurde in der dritten Ausgabe des transform Magazins gedruckt, welche du hier bestellen kannst. Ausgabe 2 & 3 im Kombipaket sind momentan 15% günstiger.

 

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