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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

April 2017
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Wer in den 90ern eine Uhr am Arm trug, galt nicht unbedingt als Wichtigtuer. Handys waren noch nicht besonders weit verbreitet und schließlich wollte man nichts verpassen. Die Uhrzeit zu wissen, war ganz einfach wichtig. Wem das nicht reichte, der griff kurzerhand zum schweren Chronographen. Hersteller warben dafür bevorzugt mit Piloten oder Vätern, die ihre Uhr vorgeblich über Generationen hinweg vererbten. So ließen sich astronomische Preise rechtfertigen und die leise Scham beim Käufer unterdrücken, solch lächerliche hohe Beträge für eine Uhr auszugeben – nur um sich letztlich doch einer entzügelten Protzerei vollends hinzugeben.

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Dann war Ruhe. Bis marktbeherrschende Elektronikkonzerne nicht mehr einsehen wollten, dass sich ihr finanzielles Wachstum verlangsamt, weil jeder bereits ihre Produkte gekauft hat. Es musste etwas Neues her. Eine Brille, eine Uhr?

Eine Uhr. Das klassische Gadget in seiner smarten Ausführung barg den gewaltigen Vorteil, dass sie den Konsumenten das leidige aus-der-Hosentasche-ziehen ihres Smartphones ersparen und lebenswichtige Informationen wie den Herzschlag zu jeder Zeit bereitstellen konnte.

Direkt angesprochen haben Samsung, Apple und scheinbar kleine Garagenfirmen aus dem Silicon Valley damit eine Art moderne Elite. Das sind diejenigen, um die Headhunter sich bemühen. Abwerben statt bewerben. Sie sind die Hochgebildeten, die Gewinner. Sie programmieren, managen und designen den ganzen heißen Scheiß, den wir haben sollen. Dabei wollen wir insgeheim nur ein bisschen sein, wie sie. Und während die Mittelschicht sich um die letzten Jobs bereits mit der Unterschicht anlegt, gehen sie in der Mittagspause mit den Kollegen joggen und naschen nachher kostenlosen Quinoa-Salat in der Büro-Kantine.

Nein. Schlecht haben sie es nicht. Arbeitgeber kümmern sich ganz liebevoll um sie, denn als Konzern will man heute nur noch die Besten haben und halten. Weder Samsung noch Apple haben vor, wie Sony oder Casio zu enden. Also können Mitarbeiter auf Augenhöhe mit ihrem Chef sprechen, sie haben freie Zeit, in der sie eigene Projekte vorantreiben können und die Kollegen sind die intelligentesten Menschen aus der ganzen Welt. Doch wer in einen solchen Job haben will, muss sich in der Regel dem Test in einem Assessment Center fügen – dort werden die Kandidaten auf Intelligenz und Kreativität geprüft. Akademiker gibt es schließlich genug– so viele wie nie zu vor. Die Besten sind anders. Nämlich noch besser.

Wer also zu den Besten gehören will, sollte im Zweifel bereit sein, das ganze Leben umzukrempeln. Nichts sollte dem perfekten Ich im Weg stehen – erst recht nicht die eigenen Schwächen. Und hier kommen sie ins Spiel: all die kleinen Apps und Gadgets. Sie helfen dabei, das soziale Leben genauso zu optimieren wie die Ernährung, das Business und die Fitness. Denn all diese Faktoren sind wichtig für den maximalen Erfolg – schließlich geht es um nichts Geringeres als die absolute Perfektion.

Jeder Makel an Dir ist eine Herausforderung – nimm Sie an! Das ist das Mantra einer Generation, in der die gesellschaftlichen Schichten wieder auseinandertreiben. Wo sich eine hochgebildete Elite die Jobs aussuchen kann, aber gleichzeitig zu jeder Zeit aufpassen muss, selbst nicht ins Mittelmaß abzudriften.

Hersteller werben dabei sehr gern mit Menschen, die sich ihrer körperlichen Fitness widmen. Denn der elegante, sportliche Körper ist sinnbildlich für die Effizienz und den Ehrgeiz, der in uns steckt. So zumindest möchte man es gern glauben.

Motivation Mensch-Maschine

In einem Werbevideo von Apple wird deren neue Watch mit einer äußerst sportlichen Frau beworben, die in Afrika an einem Marathon teilnimmt. Als Mutter und Gründerin der nonprofit Organisation Every Mother counts sei ihr „nichts so wichtig wie Gesundheit und Fitness“. Und während ihre sanfte Stimme mit diesen Worten spricht, tauchen darbende afrikanische Menschen im Bild auf. Ihre Motivation sind die Frauen, die für Geburtshilfe so weit laufen müssen, wie sie in ihrem Marathon, erklärt sie weiter.

Und Motivation ist es auch, die ihr die Apple Watch dabei verleiht – schließlich trackt dieses kleine Geräte alles:  ihren Puls, ihren speed, ihren Erfolg. Geschickt verknüpft das Video dann Bilder der edlen Retterin und mit denen einer hochentwickelten Androide im Meer der Abgehängten. Nicht nur, dass sie größer, kräftiger und sportlicher ist, als ihre afrikanischen Konkurrenten in diesem Rennen – sie scheint auch technologisch, ja sogar moralisch überlegen.

Wer also kauft heute eine solche smartwatch? Sind es wirklich nur diese Elitetypen im Silicon Valley, die am liebsten sogar das Essen wegoptimieren würden? Oder sind es am Ende doch wieder diejenigen, die vom gesellschaftlichen Aufstieg lediglich träumen und gern ihre Angst davor kaschieren, noch weiter abgehängt zu werden?

Menschen, die sich bereits für ihr Smartphone verschuldeten und damit vielleicht genau das finanzieren, wovon sich manche Apple Kunden dann das 18 Karat Gold-Modell für etwa 17.000 $ leisten können, vielleicht? Die Motivation, möchte man meinen, geht uns in diesen Tagen zumindest nicht aus.

 

~

Bild: John Travolta warb in seiner Lebensrolle „Pilot“ mehrmals im letzten Jahrzehnt für einen großen Uhrenhersteller. Bevor es smart watches gab. (Rechte: Breitling) | Quelle der Illustration: unbekannt.


Kommentare

1
  • The Tank

    The Tank The Tank

    Antworten Autor

    Grusliges Video :/ Guter Artikel – haette mir nur noch mehr Apple Produktbilder gewuenscht,

    geschrieben am


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