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März 2017
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Auf dieser Stelle ist zuletzt eine Debatte um die Bedeutung von links sein zu lesen. Es bestätigt mich in meinem Verdacht, dass „Links“ eine relativ entleerte Worthülse ist in der alle rein projezieren, was ihnen so passt. Oft ist von Freiheit und Gleichheit die Rede, doch mangelt es an Einsicht, was dafür eigentlich notwendig wäre.

Manche verklären Linkssein zu einem Lifestyle, welcher aus einer Kritik der sogenannten „Rentnerlinken“  moralisch begründet sei. Ergo: Linkssein heißt Start-up gründen, wenn kein Arbeitsplatz gefunden wird, Leitungswasser trinken und dann entspannt in der Zeitung vom Niedergang des Kapitalismus lesen.

Durchaus wird diese Klassenblindheit kritisiert. Es wird kritisiert, dass solches Denken von Linkssein aus der neoliberalen Individualisierung entsteht und links sein sich nicht nur in moralisch motivierten  Alltagshandlungen äußern darf. Fair Trade Kaffee trinken reicht also nicht, sondern politisch,  bzw. links ist, was organisiert ist.

Argumentiert wird daher, dass es für gesellschaftliche Veränderung Organisation braucht, um Druck auf die Politik aufzubauen; der acht Stunden Tag wurde nun einmal erkämpft und nicht freiwillig vom guten Startup Unternehmer eingeführt.

Diese Kritik am Lifestyle Linkssein ist wichtig, weil Organisierung einen wichtigen Teil linker Politik ausmacht und Linkssein über moralisch individuelle Entscheidungen zu definieren problematisch ist, weil es den Anspruch an gesellschaftlichen Wandel verloren hat.

Tatsächlich sind die beiden Herangehensweisen gar nicht weit voneinander entfernt, denn sie bieten nur die zwei Pole auf denen sich eine linke Kritik bewegt, die die Vorstellungskraft für eine Alternative zum Kapitalismus verloren hat.
Auf der einen Seite steht der Rückzug ins Private unter dem Vorwand das Private sei politisch, um zu versuchen selbst moralische Hoheit zu genießen, aber die reellen Verhältnisse auszublenden.

Beispiele wahrer Alternativen? Besetzte Fabriken, Open-Source etc.

Da liegt es auch nahe anstatt widerständiger Formen der Politik, Projekte zu starten, die erst gar nicht vereinnahmt und umgewandelt werden muss, da sie selbst Ergebnis eines solchen Prozesses sind: Start-ups, Tiny houses etc. Anstatt also kleine Projekte, die die Alternative (in dem Sinne, dass sie grundsätzlich auf einer anderen Logik basieren) zu benennen, wie zum Beispiel die besetzte Seifenfabrik Vio.Me in Griechenland oder Open Source Projekte, wird das neoliberale Ich gepriesen, dass in es sich in einer unmoralischen Welt moralisch einwandfrei einrichtet. Links sein also als das moralisch bessere handeln. Nicht darauf schauen, was tatsächlich passiert, sondern die Illusion mit möglichst sauberen Händen aus der ganzen Sache raus zukommen. Daher muss sich auch keine Gedanken dazu gemacht werden in welcher Logik die Alternativen gefangen sind.

Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten

Auf der anderen Seite ergibt sich scheinbar die logische Kritik: Nicht aufs Individuelle kommt es an. Zugegeben ganz nett, aber ändern tut ausschließlich die Organisation, vielleicht in einer Partei?! Die  individuellen Lösungen aufgrund der fehlenden Bereitschaft die Grundlagen anzugehen zu kritisieren wird scheinheilig, wenn die sogenannten Gründe für die Misslage  nicht benannt werden. Verwunderlich ist dies allerdings nicht mehr, seit Eigentums- und Produktionverhältnisse für die meisten Sozialdemokrat*innen zu so etwas geworden sind wie Lord Voldemord für Harry Potter: The one you shall not name.

Das Problem scheint auch hier zu sein, dass verkannt wird dass sich auf eine Logik eingelassen wird, die den Kapitalismus naturalisiert. Zwar geht es um die konkrete Veränderung von Lebensrealitäten: So machen höhere Löhne oder niedrigere Mieten einen Unterschied für die Betroffenen. „Die Gleichheit der Menschen“ ernst zu nehmen heißt allerdings auch Kapitalismus in zu Frage stellen und die strukturellen Grenzen der Idee „Druck auf die Politik“ aufzubauen zu erkennen.
Auf wen wird hier Druck aufgebaut? Die Vorstellung von der aktiven Zivilgesellschaft, die im demokratischen Prozess -auf struktureller Ungleichheit aufbauende- Institutionen beeinflusst ist blind für Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Die Grundlagen für das kritisierte Leid, verdichtete Elend, die Ungerechtigkeit oder was auch immer kritisiert wird werden nicht benannt, sondern ignoriert, um es sich wiederum bequem zu machen – diesmal eben als gefestigte*r Demokrat*in statt als kritische*r Konsument*in.

Der Unterschied zu tatsächlich emanzipatorischen Ansätzen liegt nicht nur in der Erkenntnis, dass die Möglichkeiten im und durch den Staat etwas zu verändern maßgeblich von Kapitalinteressen beschränkt werden (müssen) (Stichwort: Mietpreisbremse statt Recht auf Wohnraum, etc), sondern vor allem darin die Perspektive auf eine andere Form von Zusammenleben im Leben und Organisierung zu verwirklichen.

Mit dieser Grundlage stehen, die alternativen Ansätze auch nicht mehr in so großem Widerspruch. Denn offensichtlich ist für linke Politik notwendig mit „Halbinseln gegen den Strom“, wie die Politikwissenschaftlerin Frederike Habermann sie nennt Freiräume zu schaffen und Alternativen auszuprobieren. Für die Umgestaltung, die den Ansprüchen an Linkssein genügen sollen und den Alternativen mehr Gestaltungspotenzial ermöglichen braucht es breite Organisierung und Bewegung mit einer antikapitalistischen Perspektive.

 

Mathias Mühlos ist nicht partei- aber politisch organisiert und trinkt ab und an Fair Trade Kaffee. Meistens aber Leitungswasser.

 

 


Beitragsbild: Illustration von Hatiye Garip – „Being a Leftist“

Die Illustratorin und Designerin lebt in Istanbul und arbeitet als Hilfswissenschaftlerin im Department of Communication Design – als Masterstudentin des Studiengangs Design, Technology and Society.

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Kommentare

1
  • Helen

    Helen Helen

    Antworten Autor

    Lieber Gastautor, gerade fertige ich einen Gastbeitrag zum Thema alternative Lebensmittelbeschaffung, Potenziale, Individuum vs. (organisiertes) Kollektiv an. Und nickte beständig beim Lesen deiner Zeilen. Danke!

    geschrieben am


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