Meine Bildung besteht zum größten Teil aus Lücken.
Alfred Polgar

 

Immer wieder verwerfen Menschen ganze Lebensträume, weil sie sich Sorgen machen. Nicht etwa aus Angst vor dem Unbekannten oder Ehrfurcht. Sie machen sich Sorgen über Lücken auf einem Stück Papier, welches den angeblichen Verlauf des eigenen Lebens darstellen soll. Es hat nichts mit einem Tagebuch zu tun. Unser erster Kuss ist dort genauso wenig zu finden wie unser letzter Festivalbesuch oder das Wochenende am See mit der ganzen Familie. Ihr alleiniger Zweck ist die Zurschaustellung der eigenen Qualitäten. Der kommerziell verwertbaren, wohlgemerkt.

Hier geht es auch nicht darum zu beschreiben, wie oft man zuhause den Müll rausbringt und wie gut man seinem besten Freund zuhört, wenn mal wieder die Beziehung in die Brüche gegangen ist. Es geht einzig allein um Abschlüsse, Berufserfahrungen und Skills: Soft-Skills und Hard-Skills. Und als wäre das alles allein nicht schon fürchterlich genug, werden sogar ganze Leben ausgerichtet an einem Ideal dieses Dokuments. Es werden Praktika im Ausland gemacht. Bei langweiligen Unternehmen die nicht gut oder garnicht zahlen. Und nicht etwa wo es schön ist, sondern dort, wo der Eindruck beim potentiellen Arbeitgeber in der Zukunft am besten sein könnte. Es gibt eine ganze Industrie, die Weiterbildung in ein praktisches Modul-Format gebracht hat, damit deren Kunden angeblich fehlende Skills schnell noch nachholen können. Denn darum geht es: sich selbst zu Tode zu konformieren. So angepasst sein wie es nur geht, damit der Arbeitgeber sich eventuell erbarmt, den so ersehnten Job an uns zu vergeben.

Doch warum lassen wir uns das alles bieten? Für wen halten sich diese Leute? Wie wichtig kann uns deren Meinung sein und wie erfüllend kann der schönste Job sein, dass wir unser gesamtes Leben danach ausrichten? Wir sollten unsere Lebensläufe sofort aus dem Aktenordner nehmen und verbrennen. Oder besser: umdrehen und darauf eine Liste zusammenstellen, was wir wirklich mit unserem Leben anstellen wollen.

Denn was auf diesem genormten, tabellarischen Dokument steht, das ist nicht unser Leben, das sind nicht wir. Sie sind nicht mehr als eine Anbiederung. Ein billiges Werbeprospekt für den Verkauf unserer Lebenszeit. Ein Zeugnis, das wir uns selbst ausgestellt haben, und uns trotzdem vorsich hertreibt. Davon abgesehen sind kluge Unternehmer längst auf den Trichter gekommen und meiden die überaus Angepassten. Diejenigen, die nicht ihr eigenes Leben leben. Die sie so tun, als wären sie sich selbst nichts wert und die ein Idealbild verkörpern wollen, von dem sie in einem Karriereführer einmal etwas gelesen haben. Es handelt sich bei diesem Ideal um ein sterbenslangweiliges und seine Jünger stehen unter Verdacht, dass sie das Denken und damit praktisch ihr ganzes Leben lieber anderen überlassen.

Das nächste Mal, wenn die Weltreise ansteht, reisen wir dahin, wohin wir wirklich wollen. Uns ist egal, welche Sprachen wir dort erlernen und welche Soft-Skills wir noch ausbauen könnten. Wir reisen, damit wir reisen. Natürlich lernen wir vielleicht etwas dazu. Aber wenn, dann nur für uns. Möglicherweise verlernen wir ja sogar einige der Fähigkeiten, die einen modernen Angestellten ausmachen. Emails abrufen zum Beispiel. Und die Lücke im Lebenslauf ist dann ja kein Problem mehr, denn mit jedem Schritt den wir gehen, laufen wir bereits durch unser Leben. Und die einzige Lücke ist die in unserem Gedächtnis, wenn wir abends mal wieder einen über den Durst getrunken haben.

 

Titelbild: 30 Days of Gratitude, aussiegal CC

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