Schere und Papier schlagen Stein

Modifiziertes Straßenschild in Wien, Simon Matzinger, CC0, unplash
Modifiziertes Straßenschild in Wien, Simon Matzinger, CC0, unplash

Es gibt viele künstlerische Formen des Widerstands gegen Ungerechtigkeiten. Besonders effektvolle kommen ohne Vernissage und Sektgläser aus, sondern setzen auf Papier oder Warnwesten.

Nein, sonderlich viele Farbeimer und Mischpaletten stehen bei dem Gründer des Adbusting- Kollektivs Dies Irae nicht herum. „Ich bin ja auch kein Künstler, sondern in erster Linie Aktivist. Die Aussage steht für mich im Vordergrund, aber natürlich gibt es auch einen Anspruch an Minimalästhetik.“ Der Endzwanziger möchte aus naheliegenden Gründen anonym bleiben, seine Arbeit wird meist als nicht legal eingestuft. Er geht durch sein Atelier, ein WG-Zimmer, zu einer Eckcouch und schaut auf eine Werbetafel – so eine, die normalerweise an Bushaltestellen steht. Eines seiner Mottos scheint zu sein: „Kenne deinen Feind“.

Adbusting – Kunstwort aus „advertisement“ (Werbung) und „to bust“ (zerschlagen). KünstlerInnen bekleben, überschreiben oder „übernehmen“ Werbetafeln, um deren Aussage kreativ zu verfremden oder politische Botschaften ins Blickfeld zu hieven

Hinter dem beinahe apokalyptischen Namen Dies Irae – lateinisch für „Tag des Zorns“ – steckt eine lose Gruppe von Menschen, die sich mit Themen wie Sexismus, Tierrechte oder Rechtsextremismus auseinandersetzen. Anstatt es bei Diskussionen am WG-Tisch oder im Plenum eines besetzten Hauses zu belassen, zücken sie selber Stift und Papier und „verschönern“ Werbung und Plakate, die ihrer Meinung nach dem Gemein- oder Tierwohl entgegenstehen. Textildiscounter sind beispielsweise eines ihrer Ziele.

Doch es sind nicht nur konkrete Unternehmen. Der Dies Irae-Gründer war zum Beispiel 2015 im sächsischen Freital, um Plakate mit Aufschriften wie „Nazis essen heimlich Falafel“ oder „Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, der Nazi macht es andersrum“ an beleuchteten Plakatwänden von Busstationen zu verteilen. „Das würde ich so nicht noch einmal machen, das war viel zu gefährlich, die Rechten dort schrecken ja vor nichts zurück. Ich spreche schließlich den Dialekt nicht und man hätte mir sicher nicht abgenommen, dass ich als Plakatierer arbeite“, sagt er. Normalerweise trägt der Adbuster einen Blaumann und eine Warnweste – vollkommen seriös und selbstverständlich. „Es ist unglaublich, wie sich der Umgang zwischen Menschen ändert. Sobald du mit einer Warnweste durch den öffentlichen Raum gehst, wirst du als Autoritätsperson wahrgenommen. Das hätte bei kritischen Gegenfragen in Freital allerdings nicht geklappt. Ich hatte definitiv viel mehr Angst vor alkoholisierten Rechten, denen ich durchaus begegnet bin, als vor der Polizei.“

Wie die Plakatverschönerer von Dies Irae setzt auch die Guerilla-Kunstgruppe „Rocco und seine Brüder“ auf offiziell anmutende Warnwesten und Arbeitsmonturen, wenn sie etwa in einen Berliner U-Bahnschacht steigt, um dort ein komplettes Zimmer einzurichten – mitsamt Yucca-Palme, Fernseher, Bildern und Spitzendeckchen auf einem kleinen Schrank. Als das Zimmer entdeckt wurde, spekulierten viele Medien, was denn die Aussage dieser Kunstinstallation sein sollte. Wird auf städtische Verdrängung hingewiesen oder auf eine Wiederaneignung von öffentlichem Raum? Während manche Kunsthistoriker diese illegalen Spielarten als lebendige Weiterentwicklung des Kunstbegriffs feiern, gehen Anbieter von Werbeflächen, Betriebe des öffentlichen Nahverkehrs und die Staatsanwaltschaft mit rechtlichen Mitteln gegen die Kunstschaffenden und Aktivisten vor. Nicht nur die Sachbeschädigung von Werbetafeln wird geahndet, sondern auch Installationen wie die im U-Bahnschacht. „Wenn ein Zug entgleist und die Notausgänge durch so was versperrt sind, kann das tödlich enden“, so Petra Reetz, die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). „Versperrt war da nichts. Aber es ist ja klar, dass die BVG nicht möchte, dass da alle möglichen Menschen herumturnen“, so ein Mitglied von Rocco und seine Brüder. „Aber aus Sicht der Kunst muss man sich diese Freiheit nehmen.“

„Wir wollen den öffentlichen Raum halt nicht den Konzernen als Ausstellfläche überlassen.“ Während der Dies Irae-Gründer das sagt, schaut er nachdenklich aus dem Fenster. „Der öffentliche Raum sollte ein Raum der Begegnungen sein und keine Kampfarena, in der Modefirmen, Autokonzerne und Versicherungen einander um unsere Aufmerksamkeit bekämpfen.“ Tatsächlich prasseln 2.000 bis 10.000 Werbebotschaften täglich auf uns ein. „Eigentlich sollte Werbung für jeden Menschen, der sich eine nachhaltigere Gesellschaft wünscht, ein Dorn im Auge sein. Werbung fordert schließlich immer ein ‚Mehr‘ an Konsum. Wir sollten auf zusätzliche Kaufimpulse grundsätzlich verzichten. Wir wissen doch selber, was wir brauchen – oder?“ Auch das transform Magazin verzichtet aus diesem Grund auf Werbung.

Werbebotschaften pro Tag
Werbung ist genauso störend wie unauffällig – und daher schwer messbar. Das private Institut für Marketing und Kommunikation GmbH (imk) wird mit der häufig zitierten Zahl von 6.000 Werbekontakten am Tag in Verbindung gebracht. Beim imk erinnert man sich allerdings nur grob an den ehemaligen Dozenten Max Thinius, der diese Zahl mit Studierenden ermittelte. Es kursieren auch andere Zahlen: Von 2.000, 5.000 oder 10.000 Botschaften ist die Rede. Von der Werbebranche werden diese Zahlen selten verneint, verdeutlichen sie doch die Dringlichkeit von sich abhebender Werbung und damit ihrer Existenz. Belegt sind die Zahlen aber kaum oder gar nicht. Verlässliche Daten gibt es hingegen zum durchschnittlichen Medienkonsum. Aber auch vom Medienkonsum lässt sich kaum auf den Umfang der nervenden Werbung schließen – Adblockern und Fernbedienung sei Dank. Doch egal, wie viele Botschaften es letztlich sind: Werbung nervt die meisten.

Es scheint ganz so, als wäre es ebenso müßig, Grenzen zwischen Werbe- und Kapitalismuskritik
zu ziehen, wie es ermüdet, Kunst zu definieren. Grundsätzlich ließe sich das Dies Irae-Kollektiv der „art engagé“, der „engagierten Kunst“, zuordnen. Die andere Schublade im Kunstschrank wäre die der „art pour l’art“, die Kunst, die der Kunst wegen gemacht wird.

L‘art pour l‘art könnte man dennoch durchaus als hoch politisch oder gar antikapitalistisch auffassen. Wer tanzt, malt oder an Installationen bastelt, kauft oder arbeitet schließlich nicht. Allerdings gibt es da noch den Kunstmarkt. In Zeiten, in denen die Zinsen niedrig, Aktien langweilig oder Immobilien auch für die „untere“ Mittelschicht interessant sind, sind Kunstwerke eine stark nachgefragte Wertanlage. Seit 2010 beliefen sich die weltweiten Kunstverkäufe zwischen 40 und 50 Milliarden Euro. Die Angaben schwanken stark, auch weil die verschiedene Statistiken Kunst unterschiedlich abgrenzen, Kunsthandwerk etwa einbeziehen oder nicht.

Die art engagé-Vetretenden könnten die „puren“ Kunstfreunde auch provokant fragen, wie sie sich denn den Luxus herausnehmen können, Kunst ohne politische Aussage zu machen, solange Menschen auf dieser Welt hungern. Doch ist das fair? Menschen, die einem „normalen“ Job nachgehen, müssen sich schließlich auch nicht „rechtfertigen“. Doch egal, ob sich die Kunstschaffenden nun eher dem art pour l‘art oder art engagé-Lager zuordnen: All ihre Kunstwerke, die unsere normale Wahrnehmung stören und neue Perspektiven aufzeigen, können zu neuen Erkenntnissen führen.

Inwieweit Kunst genutzt werden kann, um komplexe Zusammenhänge, etwa den Klimawandel, darzulegen, erforscht die Doktorandin Laura Sommer im norwegischen Trondheim. „Kunst hat unserer Meinung nach mehrere Vorteile, die bei anderen Vermittlungsmethoden gar nicht oder weniger vorhanden sind. Die Werke können Emotionen auslösen – wer schon einmal beeindruckt vor einem Kunstwerk stand, kann das nachvollziehen. Nicht selten fragen sich die Betrachtenden dann, was das Kunstwerk mit ihnen zu tun hat. Komplexe und weit entfernte Themen werden dann plötzlich relevant“, sagt die Wissenschaftlerin. Auch sie bescheinigt der Kunst im öffentlichen Raum ein besonders großes Potenzial. „Kunst in den geweihten Wänden von Kunst-Institutionen erscheint oft unantastbar und erreicht nur ein bestimmtes Publikum.“

Sommer beließ es daher nicht bei der Schreibtischarbeit. Mit Hilfe ihrer Kolleginnen und Kollegen koordinierte sie den Aufbau einer Installation des Londoner Künstlers Michael Pinsky im Rahmen eines Forschungsprojekts zur künstlerischen Kommunikation von Klimawandelfakten. Pinskys Kunstwerk „Pollution Pods“ bestand aus fünf begehbaren Kuppeln, in denen die Luftqualität und -feuchtigkeit von Neu-Delhi, São Paulo, Peking, London und der Nordmeerinsel Tautra imitiert wurde. Aufgebaut wurden diese sowohl auf einer malerischen norwegischen Insel, um ein stimmungsvolles Video zu drehen, als auch im Park der Stadt Trondheim. „Wir waren positiv überrascht, dass auch außerhalb der Öffnungszeiten sich viele spazierende Trondheimer mit der Installation beschäftigten.“ Sommer atmet tief ein. „Und innerhalb der Öffnungszeiten war das Kunsterlebnis sehr eindrücklich. Die Besucher konnten am ganzen Körper erleben, was es heißt, verschmutzte Luft einzuatmen. Mir persönlich blieb in den Kuppeln, die die Luft in Neu-Delhi und Peking imitierten, schon nach kürzester Zeit die Luft weg.“

Anders als Dies Irae oder Rocco und seine Brüder brachen Pinsky und sein Team keine Gesetze. Dennoch gibt es neben der Sichtbarkeit von politischen Aussagen in der Kunst eine wichtige Gemeinsamkeit: Die Reichweite der Kunst ist nicht auf die Betrachtenden selber beschränkt. Im Gegenteil: Hochwertige Fotos der Kunstobjekte und Videos aus der Entstehungsgeschichte ermöglichten eine massive Verbreitung über Medien und Soziale Netzwerke. Was aufgrund des politischen Anspruches von Dies Irae überraschen mag: Das Kollektiv betreibt eine professionelle facebook-Seite, auf der beispielsweise die Freital-Aktion durch 12.000 Likes „belohnt“ wurde. Rocco und seine Brüder veröffentlichten einige Monate nach dem Aufbau des U-Bahn-Zimmers ein Video mit „behind the scenes“-Optik, während von Michael Pinkys Installation auch bei CNN berichtet wurde. Damit erreichen die Kunstschaffenden weitaus mehr Menschen als mit Vernissagen und Ausstellungen. Sektgläser und elitäre Codes mancher Kunst- und „Hochkultur“-Kreise werden damit gegen eine größere Öffentlichkeitswirksamkeit eingetauscht.

Doch dem Dies Irae-Gründer geht es mit seiner Öffentlichkeitsarbeit eindeutig nicht um Popularität, sondern um Inspiration. „Ganz ehrlich: Mir ist egal, wie viele Leute unserer Seite sehen, liken und teilen. Schön wäre es, wenn sie selber losziehen und Werbeflächen verschönern würden. Wir bieten in anderen Kontexten dazu auch Workshops an, aber eigentlich braucht es nur ein Blatt Papier, einen Stift und etwas Tesafilm oder Tapetenkleister.


Zum Weiterlesen

Zur Inspiration

transform Ausgabe 4 "Kinder"
transform Ausgabe 4 „Kinder“

Dieser Artikel stammt aus der vierten transform Ausgabe zum Thema „Kinder“. Wir haben uns in dieser Ausgabe gefragt, ob wir wirklich Kinder brauchen, um glücklich sein zu können und was an dieser Idee vielleicht sogar schon falsch sein könnte. Hier kannst du sie bestellen.

Newsletter


Auch spannend
Reichpietschufer, Berlin, CC0, Pavel Nekoranec, unsplash
Das große Geld im Dienst des Guten