Sachsen ist nicht das Problem

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Es sind dunkle Tage in Deutschland. Obwohl die Bundesregierung sich nun erbarmt und endlich Hunderttausenden Flüchtlingen, vor allem jedoch Syrern, die Einreise und das Asyl erleichtern will, gibt es vielerorts großen Widerstand. Nicht wenige fürchten die Spaltung der Gesellschaft. Und ein großer Problemherd wird von vielen in nur einem Bundesland verortet. Sachsen.

Ich bin Sachse. Viel mitbekommen von der DDR habe ich nicht, da ich Mitte der 80er geboren wurde und viele Jahre in Berlin und in den Niederlanden verbracht habe, bevor ich Anfang dieses Jahres wieder nach Leipzig zog. Betrachte ich dieses Bundesland nun also von außen oder von innen? Schäme ich mich?

Denn jetzt, ja, jetzt ist es einigen zufolge das „unbeliebteste Bundesland Deutschlands“, zuweilen sogar „eine Schande für Deutschland“. Ein bisschen schäme ich mich.

Nun, ich denke, einiges sollten wir klarstellen. Ja, der Fremdenhass existiert hier. Und nicht zu knapp. Flüchtlingsheime brennen, fremdenfeindliche Demonstrationen bekommen überdurchschnittlich großen Zulauf und das, obwohl gerade hier die Anzahl der Zugezogenen, gerade der Muslime, vergleichsweise gering ist. Nicht schwer, da einen Zusammenhang zu erkennen. Doch: auch Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind mit der Thematik ‚Zuwanderung‘ noch nicht so vertraut. Die Armut ist in Sachsen zwar hoch, in Sachsen-Anhalt jedoch noch schlimmer. Warum also nun gerade Sachsen?

 

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Vielleicht weil es gar nicht Sachsen ist?

Lenken wir nicht ab: der Fremdenhass existiert auch anderswo. Zudem gibt es gerade hier auch gewaltigen Widerstand gegen rechte Aufmärsche und Gewalt. Tausende stellen sich Fremdenfeindlichen gegenüber, Hunderte melden sich als Freiwillige. Ganz genauso wie in anderen Ländern übrigens auch.

Vielleicht sollten wir aufhören, Probleme zu nationalisieren. Fremdenhass ist kein exklusiv deutsches Problem. Weder ostdeutsch noch westdeutsch. Er existiert in Schweden genauso wie in der Slowakei. In Deutschland wie in den Niederlanden. Und in Marokko wie in Ägypten. Zu behaupten, „Sachsen sind Nazis“ ist genauso dumm, wie zu sagen, „Ausländer sind Diebe“.

Das Problem heißt Ausgrenzung

Wenn wir eine bestimmte Gruppe stigmatisieren, wenn wir Menschengruppen ausschließen, dann begehen wir einen großen Fehler. Den gleichen wie die Fremdenhasser nämlich.

Wo kommt deren Hass aber eigentlich her? Wahrscheinlich haben wir es mit dem Zusammentreffen verschiedener gesellschaftlicher Schichten zu tun. Christen, Juden, Muslima, konfessionslosen und anderen, das scheint offensichtlich. Vielleicht trifft es jedoch eher Arm und Reich. Nein: Arm und noch-Ärmer. Jakob Augstein zitiert in seiner Kolumne im Spiegel den Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer, der vor einigen Jahren schrieb:

„Unsere Analysen lassen erwarten, dass eine Zunahme menschenfeindlicher Einstellungen und Verhaltensweisen davon abhängt, inwieweit immer mehr Menschen in unsichere Arbeits- und Lebensverhältnisse, politische Ohnmachtsempfindungen und instabile emotionale Situationen, kurz: in prekäre Anerkennungsverhältnisse geraten.“

Vorangegangen an diese Debatte war die Äußerung des Vizekanzlers Deutschlands, Sigmar Gabriel, der Fremdenfeindliche zuletzt als „Pack“ bezeichnete. Eine offizielle Ausgrenzung von Menschen, die weiterhin zweifelsohne Teil unserer Bevölkerung bleiben werden. Müssen. Ganz gleich, ob in Sachsen oder anderswo.

In einem Beitrag bei telepolis äußerte sich ein Autor folgendermaßen dazu:

Jeder soll sich mehr für Flüchtlinge engagieren und auch bereit sein zu teilen.

Fällt nur schwer bei ALG II Bezug oder wenn das Einkommen auf Mindestlohnniveau ist.

Fällt nur schwer, wenn die Kinder ein Problem mit Crystal haben oder die Eltern dem Alkohol verfallen sind.

Fällt nur schwer, wenn suchtkranken Menschen der ALG II-Bezug gekürzt wurde und medizinische Behandlungen nicht in Erwägung gezogen wurden.

Fällt nur schwer für Menschen, die sich als gesellschaftlicher Abschaum wahrgenommen fühlen.

Vielleicht sollten wir nicht nur Flüchtlinge integrieren.

Bild: wikimedia, Urheber unbekannt – Reproduction number: LC-DIG-ppmsca-00958 from Library of Congress, Prints and Photographs Division, Photochrom Prints Collection Dieses Bild ist unter der digitalen ID ppmsca.00958 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar, veröffentlicht vor 1923 und daher unter public domain.

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