Vater, Gym Buddy, Freundin, Manager. Schubladen nerven und doch leben wir in verschiedenen Rollen, die alle mit hohen Erwartungen verknüpft sind. So bleibst du trotzdem du selbst!

Wir alle haben verschiedene Rollen, in die wir im Alltag schlüpfen. Wir beginnen den Tag als Privatperson aber spätestens nach der morgendlichen Dusche ist es vorbei mit der Einfachheit des Seins. Denn der Fitness-Junkie läuft erstmal eine Runde um den Block, die Yoga-Mom rollt ihre Matte aus und der Abteilungsleiter liest schon beim Brötchen schmieren die ersten Mails. Alles nur Klischee oder ist da auch was dran?

Flexibilität, Multitasking und Schnelligkeit gehören zu unserem Alltag. Oft mit der Folge, dass wir auch zwischen unseren sozialen, beruflichen und privaten Rollen hin- und herspringen müssen. Ein Kunststück, das viele Nerven kostet und auf Dauer ganz schön anstrengend ist. Denn Rollen hängen nicht nur von unserem eigenen Verhalten ab, sondern auch von den gesellschaftlichen Erwartungen, die damit verknüpft sind. Höchste Zeit, sich darauf zu besinnen, was einem wirklich wichtig ist. Und danach zu entscheiden, ob man lieber mal eine Nebenrolle annimmt, statt alle Hauptbühnen gleichzeitig zu bespielen.

Wer bin ich und wenn ja wie viele?

Kaum ein Satz könnte passender sein, als dieser Titel von Richard David Prechts Buch über die großen philosophischen Fragen des Lebens. Aber wie viele sind wir heutzutage eigentlich? Kaum jemand hat etwas dagegen, dass sich die traditionellen Rollen mehr und mehr auflösen. Frauen bügeln und Männer reparieren — ein Bild, das klar längst überholt ist. Laut einem Artikel der Zeitschrift Fitforfun, hat die deutsche Frau mittlerweile elf Gesichter. Frauen schlüpfen im Alltag also in elf verschiedene Rollen, und wir sind uns sicher, dass es den Männern nicht anders geht.

Diplom Psychologin Ingeborg Prändl definiert solche Rollen als die Summe der von einer Person erwarteten Verhaltensweisen, die auf das Verhalten anderer Personen abgestimmt ist. Klingt ganz schön kompliziert -– und das ist es auch. Vor allem, wenn das eigene Verhalten von den gesellschaftlichen Erwartungen abweicht
Aber auch anderen gegenüber sind wir streng.

Klar, von einem guten Freund verlangen wir, dass er oder sie sich regelmäßig meldet. Oft ist man genervt, wenn das vereinbarte Telefonat abgesagt oder die Verabredung mal wieder um eine Woche verschoben wird. Noch schwieriger ist es mit Menschen, die nicht in derselben Stadt leben. Studium, Auslandsaufenthalte oder berufliche Umwege gehen meist mit einem Ortswechsel einher. Skype, WhatsApp und Facebook sind wichtige Tools, um den Kontakt zu halten und erfordern ein neues Maß an “Rollen-Multitasking”. So telefonieren wir vielleicht gerade als Tochter oder Sohn mit seinen Eltern, während man nebenbei eine Nachricht an die beste Freundin tippt. Und die soll auf keinen Fall warten. Schließlich will man ja verlässlich sein.

Wie lange dürfen wir uns Zeit lassen bis zur nächsten Nachricht? Wie viel Zeit Anderen eigentlich noch einräumen, bis eine Antwort da sein soll? Spätestens wenn wir uns beim Abendessen mehr mit den eigenen Gruppenchats als dem Gegenüber beschäftigen, müssen wir zugeben: Das ist ganz schön von der Rolle. Neben dem Beruf gleichzeitig feste Partnerin, Mutter, Sportskanone, Serienjunkie und dabei noch ausgewogener Esser zu sein – das ist ein unmöglicher Balanceakt. Zeit, sich mit diesem inneren Konflikt zu versöhnen!

Den inneren Rollen-Konflikt schlichten

Wenn man sich zwischen Rollen hin- und hergerissen fühlt, löst das Stress und ein schlechtes Gewissen aus. Die innere Zwickmühle führt aber vor allem dazu, dass wir im Endeffekt keiner einzigen der Aufgaben mehr gerecht werden. Einmal tief durchatmen ist in diesem Fall die beste erste Hilfe. Innere Konflikte sind normal und müssen kein Kampf sein. Man kann sie auch als ein sanftes Ausloten der eigenen Bedürfnisse betrachten.

Egal was man tut, es ist schlicht unmöglich, allen Erwartungen gerecht zu werden.

Laut des Instituts für Wissen in der Wirtschaft, sollte man sich ständig vergegenwärtigen, dass man bei Konflikten, die sich aus den Erwartungen unterschiedlicher Quellen ergeben, immer noch selbst der Steuermann ist. So können wir frei entscheiden, welchen Wünschen und Erwartungen wir nachkommen – und welchen nicht. Wichtig ist, sich nicht ausgesetzt zu fühlen, sondern Herr und Frau der Lage zu bleiben.

In einem nächsten Schritt kann man Wichtiges von Wichtigerem trennen. Priorisieren hilft dabei, herauszufinden, welche Fähigkeiten man gerade wirklich benötigt, um eine bestimmte Aufgabe zu bewältigen, ohne dabei den Kopf zu verlieren. Für dich steht die berufliche Weiterentwicklung momentan an erster Stelle? Vielleicht gibt es dann ein Hobby, das du erst einmal zurückstellen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufnehmen kannst.

Du möchtest abends wieder mehr Zeit für dich haben? Dann sag die nächste Kneipentour doch einfach mal ab. Absagen ist zwar erst unangenehm, aber es befreit auch. Und gute Freunde werden es einem verzeihen. Wichtiger ist, sensibel für die eigenen Bedürfnisse zu werden und die eine oder andere Rolle zeitweise bewusst loszulassen. Akzeptiere deine jetzige Lebensphase und schau immer wieder genau hin, wo du dich lockerer machen kannst. Wenn dir das sehr schwer fällt, ruf dir einfach ins Gedächtnis: Alle haben dieses Problem, ob nun auf die eine oder andere Weise. Wenn nicht jetzt, dann früher oder später. Verständnis wird schon da sein oder kommen. Du musst es nur zulassen.

Probier’s mal mit Gelassenheit

Um besser mit äußeren und inneren Erwartungen umzugehen, solltest du lernen, den eigenen Blick für das Wesentliche zu schärfen. Je bewusster man die ständigen Erwartungen um sich herum wahrnimmt, desto leichter fällt es, sie auch einmal beiseite zu schieben und eigene Prioritäten zu setzen.

Die dafür nötige Gelassenheit können wir tatsächlich erlernen.

Bestimmte Methoden, wie zum Beispiel Achtsamkeitstraining, führen nachweislich zu mehr Unabhängigkeit von äußeren Reizen. So sind wir in der Lage, mit etwas mehr Distanz auf stressige Situationen zu reagieren. Es fällt leichter, sich vom Automatismus einer bestimmten Rolle zu lösen und sich mehr Freiraum zu schaffen.

Umgib dich aber vor allem mit deinen Menschen. Menschen, für die es keine Rolle spielt, welches Gesicht du gerade zeigst. Nur dann kannst du lernen, alle deine Facetten zu umarmen. Mach es dir also gemütlich in deinen Rollen und vergiss ruhig ab und zu mal den Text. So wird dein Alltag nicht nur authentisch, sondern auch ein ganzes Stück lebendiger!

Zuerst erschienen auf der Magazinseite von 7Mind

Titelbild: CC0, Scott Webb, unsplash

 

 

Dem Thema Widersprüche haben wir unsere dritte Ausgabe gewidmet. Diese kannst du direkt in digitaler oder Papierform bestellen.

 

 

 

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