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Jeden Tag lesen wir online. Unendliche Wallposts, Nachrichten, Kommentare. Manchmal sogar ganze Geschichten. Das gedruckte Wort dagegen scheint auf dem Rückmarsch. Wer hat schon Zeit für aufmerksames Lesen? Selbst für den süffigen Kommentar tl;dr, der einen Text als zu lang als lesbar markieren sollte, fand sich nur noch eine Abkürzung. Und doch, gerade weil es gedruckt so anders ist: ganz ohne ablenkende Tabs, Werbung oder Messenger, scheint es immer wertiger zu werden.

Unsere Idee, ein Magazin zu gründen, begann Anfang 2014 wahrhaftig zu werden als ein grobes Konzept zwischen Jan und mir langsam Gestalt annahm. Wir hatten keine Ahnung, wie man sowas macht. Ich habe jahrelang in der Online-Werbung gearbeitet und Jan ist Politikwissenschaftler und Campaigner. Wir kannten uns von einer Gruppe, die sich Amt für Werbefreiheit und Gutes Leben nennt und den Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg medienwirksam von Außenwerbung befreien wollte. Alles was wir wussten, war was uns störte: alle schrieben immer nur, was alles nicht geht. Das gab uns genug Motivation, etwas dagegen zu stellen. Denn es gibt genügend Dinge, die gehen. Und das macht uns doch erst mündig.

Klar, ich hatte gerade mein Startup in den Sand gesetzt und Jan war eigentlich auf der Suche nach einem Job – aber kann man mit Journalismus denn nicht auch was verdienen? Längst hatte ich bereits mit dem Idler Magazine ein Vorbild inhaltlicher Form und mit dem offscreen Magazin eines in Äußerer gefunden. Zumindest letzeres schien zu beweisen: es ist möglich! Nur ein einziger Typ schafft es, ein Magazin zu produzieren, layouten und zu managen? Kai Brach weiß wohl nichts von seinem Glück, aber er wurde zur Messlatte, die wir nie erreichen würden. Unsere erste Ausgabe brauchte ein ganzes Jahr und hätte wohl selbst Tom Hodgkinson die Schamesröte ins Gesicht getrieben.

Mittlerweile hatten sich Dutzende von wundervollen Menschen um uns versammelt. Einige haben sich die Nächte um die Ohren geschlagen, andere sind Extrameilen der Anstrengung gegangen und wieder andere sind Profis, die eigentlich Besseres – will sagen besser-Bezahltes – zu tun gehabt hätten. Denn: wir sind mit transform schlicht nicht in der Lage, Löhne zu zahlen. Nicht einmal kleine Honorare sind drin, wenn wir die erste Ausgabe nicht allein dastehen lassen wollen.

Die Finanzierung ist eine Herausforderung

Die meisten Magazine beziehen den großen Teil ihrer Einnahmen durch Werbung, von 60-90% kann man ausgehen. Wir haben uns dagegen für ein Magazin ohne Werbung entschieden, weil wir glauben, dass selbst Deals mit gutgemeinten Dienstleistungen und Produkten dazu führen, dass wir unsere Unabhängigkeit verlieren. In einem anderen Beitrag habe ich mehr dazu geschrieben. Dafür haben wir auf höchste Qualität gesetzt, nicht nur haben wir aus dem Stand dank unserer Layouter’innen, Fotograf’innen und Illustrator’innen ein zeitgenössisches Design auf den Tisch legen können. Wir haben uns auch beim Druck und beim Papier für höchste Standards entschieden, die wir uns ebenfalls bei offscreen abgeschaut haben. Aber diese Qualität hat einen Preis, der nach normalen Standards auf dem Markt gar keine Chance hat.

Dabei fing alles so gut an: unsere Crowdfunding Kampagne im Mai 2015 war ein voller Erfolg. Wir schafften es, 10.000 Euro  einzusammeln und das mit einem überwiegenden Teil aus Vorbestellungen. Mehr als 650 Leute wollten das Magazin von ein paar Nobodies für den selbstbewussten Preis von 10 Euro direkt kaufen. Diese Menschen waren nicht nur nett. Sie waren auch weise und das macht sie äußerst cool: denn sie unterstützten unsere Idee von einem werbefreien, superschicken Magazin, welches Ideen aus der Postwachstumstheorie mit einer guten Prise Hedonismus mischt und noch einen Klecks Humor drauf spuckt. Denn worum geht es denn letztlich überhaupt? Sie und wir waren uns einig: ums Gute Leben.

Deswegen machen wir auch weiter. Auch wenn wir am Kiosk von den 10 Euros nicht mehr als einen bei uns auf dem Konto ankommen sehen, die Verkäufe im Online-Bereich unter unseren Erwartungen liegen und das uns Sorgen bereitet, wie wir den Druck von Ausgabe 2 finanzieren sollen. Wir werden Lösungen finden. Die Angelegenheit ist einfach zu wichtig.

Denn uns allen ist klar, dass die Kacke am Dampfen ist. Arm und Reich driften auseinander, der Meeresspiegel steigt, das Klima auch und der allgemeine Hausfrieden steht auf dem Spiel. Um nur einiges zu nennen. Auf der einen Seite stehen nun also die Warner, Apokalyptiker und Verzichtprediger. Auf der anderen Seite die Leugner. Vielleicht sogar die Ängstlichsten. Aus unserer Sicht gerät dabei viel zu sehr außer Acht, warum wir überhaupt hier sind. Wir wollten die Zeit doch genießen! Alles was um uns passiert, muss nicht zwingend so sein. Einzig Regen, Sonne und Wind sind uns sicher. Wir sollten also Maschinen für uns schuften, die Sonne für uns scheinen und den Wein für uns fließen lassen. Dann haben wir auch mehr Zeit für das Wichtigste im Leben. Was auch immer das sein mag.

„Ein Blatt, das die Welt nicht braucht“ schrieb unlängst ein Autor des Magazins ‚The European‘, dass nun leider mehr oder weniger weg vom Fenster ist, über uns. Und das, nur nebenbei, finden wir nicht witzig. Denn die haben den Dialog wirklich großgeschrieben. So groß sie eben konnten. Aber sie haben es versucht. Und wenn der Dialog, das geschriebene Wort, der lange Text nichts mehr wert sind, ja – dann fehlt eben aus unserer Sicht auch eine wichtige Voraussetzung dafür, wie wir hier weiterkommen.

Wie auch immer. transform Ausgabe 2 wird kommen – no matter what – und wir werden uns diesmal ganz auf das Miteinander konzentrieren. Was können wir tun, wenn unsere Gesellschaft immer mehr an Themen wie dem Hass gegen Flüchtlinge zu zerbrechen droht und wie kriegen wir unser Ego in den Griff? Wir gehen dafür durchs Feuer und werden lange, kurze, dicke, fette, witzige und provozierende Beiträge abliefern. Denn Lesen ist Gutes Leben.

tl;dr – Wir ziehen durch!

 

Bild: CC/flickr „reading woman“ von Ivan Kromskoi

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