Trotz globaler Meeresschutzabkommen, einem Kreislaufwirtschaftskonzept und geltenden Abfallvermeidungsstrategien gelangen jährlich schätzungsweise 50.000 Tonnen Plastikmüll aus den Städten über die Flüsse in die Weltmeere.

Die Quellen für diese Mengen sind zum einen Plastikabfall, der durch „Littering“, also bewusstes Wegwerfen und Entsorgen von Müll, in die Umwelt gelangt. Zum anderen sind es Mikroplastikpartikel aus Hygieneartikeln, Fasern aus Textilien oder Autoreifenabrieben, die über die Kanalisation in die umliegenden Flüsse gespült werden. Zusätzlich weisen neuste Forschungsergebnisse darauf hin, dass durch Zusatzstoffe, wie Bisphenol A und Weichmacher auch ein direktes gesundheitliches Risiko für den Menschen bestehen könnte.

Der Wandel beginnt

Um die globale Plastikvermüllung direkt „an der Wurzel“ zu verhindern, ist eine gesellschaftliche Transformation hin zu einem plastikreduziertem Lebensstil nötig. Der Wandel hat bereits begonnen. Städte wie San Francisco oder Stockholm wollen „Zero Waste“-Städte werden. Seit 2016 gilt die EU-weite Verpflichtung, den Verbrauch an Plastiktüten im Einzelhandel zu reduzieren.

Die lokale Ebene spielt vor allem in Deutschland, wo auf die Selbstverpflichtung des Einzelhandels gesetzt wird, eine wichtige Rolle. Städte wie Kiel, Münster, Osnabrück und Düsseldorf wollen „plastiktütenfrei“ werden. Des Weiteren gibt es Kampagnen, um ein Mehrweg-System für Coffee-to-go-Becher einzuführen (z.B. Freiburg, Göttingen, Bielefeld). Hinzu kommen verpackungsfreie Läden, die eine Alternative zu dem Überfluss an Plastikverpackungen im Supermarkt bieten sollen. In deutschen Städten haben, finanziert durch Crowdfunding-Kampagnen, über 15 dieser Geschäfte in den letzten zwei Jahren eröffnet.

Auch in Leipzig wurde im Dezember 2015 in der Ratsversammlung ein Antrag zu Leipzig ohne Plastiktüten gestellt. Seit Januar 2016 haben zwei verpackungsfreie Läden eröffnet und seit Juli 2016 gilt die Selbstverpflichtung des Einzelhandels bezüglich der Vermeidung von Plastiktüten. Zusätzlich gab es in diesem Jahr eine Bandbreite an öffentlichen Veranstaltungen zu „Plastikfreiem Leben“, „Zero Waste“ und „Plastikeinfluss um dich herum und in dir“. Das Thema scheint zunehmend ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu gelangen.

Leipzig plastikfrei

Im Rahmen einer online-basierten Studie wurden 284 LeipzigerInnen bezüglich ihres Problem- und Risikobewusstsein, gegenüber Plastik und mikroplastikenthaltenden Produkten, sowie bestehenden alltäglichen Vermeidungsmaßnahmen befragt. Das Teilnehmeralter, der vorwiegend nachhaltigkeitsorientieren BürgerInnen, erstreckte sich von 14 bis 71 Jahren, wobei knapp 70 % der TeilnehmerInnen weiblich waren.

90 % der Befragten sind sich des globalen Problems der vermüllten Weltmeere bewusst, jedoch stellt nur die Hälfte einen direkten Bezug zum alltäglichen Konsumverhalten her. Die Ergebnisse weisen ferner darauf hin, dass Personen, die bereits für gesundheitliche Risiken sensibilisiert sind, versuchen Plastik im Alltag weitestgehend zu vermeiden. 15 % der Befragten betreiben großen Aufwand, Plastik im Alltag zu meiden. Neben der Verwendung von Jutebeuteln beim Einkaufen wird auch lieber zu Hygieneprodukten (ohne zugesetzten Mikroplastikpartikeln) und Textilien (ohne Polyester oder Fleece) gegriffen. Fehlende Alternativen zu Plastik und plastikhaltigen Produkten, sowie alltäglichen Gewohnheiten geben der großen Mehrheit der Befragten jedoch das Gefühl, ihr Konsumverhalten aktuell nicht ändern zu können. Plastikverpackungsfrei einzukaufen bleibt beispielsweise für über die Hälfte der Befragten schwierig.

Der Ohnmacht entkommen

Auch wenn es im Alltag ein Gefühl der Handlungsohnmacht gibt, sehen sich 80 % der Befragten selbst in der Position, etwas an der aktuellen Situation ändern zu können. Darin zeigt sich eine Handlungsbereitschaft, welche für eine gesellschaftliche Transformation grundsätzlich erforderlich ist. Es werden mehr vertrauenswürdige Informationen über Risiken durch nationale und lokale Behörden wie von der Bundesregierung, dem Umweltbundesamt und der Stadtverwaltung gefordert. Die Regierungen – Bund und Länder, aber auch die Stadtverwaltungen, sie  sollten Vorreiter sein – Druck von unten! Von der Industrie und dem Handel verlangen die Befragten eine verständliche Kennzeichnung von mikroplastikenthaltenden Produkten.

Zusätzlich zu einer aufgeklärten Risikokommunikation ist der lokale Ausbau von gesellschaftlich akzeptieren Vermeidungsstrategien nötig. Solche Maßnahmen können beispielsweise die flächige Förderung verpackungsfreier Läden oder die Einführung eines Mehrwegsystems für Coffe-to-go-Becher sein. Es ist wichtig „sinnvoll organisierbare, sozial praktizierbare und bezahlbare“ Alternativen in der Stadt bereitzustellen.

Solche Maßnahmen und ein fortwährender offener Diskurs sind zentral für das Verständnis über die globalen Ausmaße und lokalen Handlungsoptionen. So wird eine gesellschaftliche Transformation hin zu einem plastikreduziertem Lebensstil gefördert.

 

Vera Hickethier
studierte den M.Sc. Geographie des Globalen Wandels an der Universität Freiburg. Die Studie führte sie im Rahmen der MA-Abschlussarbeit in Leipzig durch. Sie interessiert sich vor allem für Umwelt- und Regionalentwicklung, sozial-ökologische Transformation und Degrowth.

Beitragsbild: Nesha Deshmukh CC0

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