Aktivismus - Pimp my Denkmal

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Dich hat schon immer dieses Denkmal geärgert, für die „im Ersten Weltkrieg Gebliebenen“? Nichts gegen das Gedenken an Krieg – aber dich stört etwas die Heldenpose des behelmten Soldaten? Verschönere das Monument doch mit etwas Kreide – eine weiße Taube wäre da der Klassiker. Ein Schelm, wer da richtige Farbe wählt.

Es gibt viele Gedenkstätten, von denen sich sagen ließe, dass sie etwas „aus der Zeit gefallen“ sind. Drastischer ausgedrückt: In vielen Städten stehen Standbilder für Militaristen und Kolonialisten – von den entsprechenden Straßennamen ganz zu schweigen. Auch Wirtschaftsgrößen mit strammer NS-Vergangenheit stehen an mancher Stelle in Stein gehauen herum. Die Denkmäler abzureißen und diesen Teil der Geschichte zu leugnen mag da keine Lösung sein – aber müssen die wirklich so stolz ihre Granitnase in die Luft halten? In Hamburg haben AktivistInnen ein Kriegerdenkmal von 1936 wiederholt mit mehreren Kilometern Frischhaltefolie eingewickelt, um es so unkenntlich zu machen. An vielen anderen Stellen könnte ein kleines Infoblatt, flugfest mit Tapetenleim befestigt, helfen, ein normalisiertes Denkmal etwas auffälliger zu machen und zum Nachdenken anzuregen.

Das beste Denkmal ist selbstgemacht!

Wer keine Lust hat, sich mit den ollen Steinen zu beschäftigen und lieber neue Tatsachen schaffen will, kann auch einfach selber Mahnmäler errichten. Die Hamburger KriegsgegnerInnen etwa forderten ein „Deserteurdenkmal“ in unmittelbarer Nähe zum Kriegerdenkmal.Besonders eindrucksvoll war das im Sommer 2015: Angelehnt an die Aktion „Die Toten Kommen“ der Künstlergruppe „Zentrum für Politische Schönheit“ tauchten überall in Europa, vor allem in Deutschland, Scheingräber und Mahnmäler auf – gewidmet „dem unbekannten Flüchtling“.

Nach dem Motto „alles muss man selber machen – selbst das Gedenken“ nahmen die AktivistInnen nicht nur Steine oder Schaufeln in die Hand, sondern auch die Kamera – die Aktion erfuhr dadurch maximale Öffentlichkeit.

Wenn Mahnmale Erinnerungen auffrischen und gleichzeitig warnen sollen: Fehlen dann nicht ein paar Gedenktafeln, die uns etwa an den trüben Himmel über der Ruhr erinnern, oder an Tschernobyl? Warum haben wir überall militärisch-stolze Standbilder in Gedenken an sich aufopfernde Soldaten, aber keine Statuen von alleinerziehenden Müttern, die zwei Jobs kombinieren müssen, um ihre Familie über die Runden zu bringen? Und wenn schon Mahnmäler zu den Weltkriegen: Warum gibt es so wenig steinerne Deserteure, Saboteure und Seitenwechsler? Spiegelt sich nicht selbst hinter den schwersten und massivsten Kriegsdenkmälern ein gewisser Stolz – auf das erbrachte Opfer und die nationale Identität?

Es ist natürlich höchst subjektiv, zu mäkeln, wenn Kaiser Wilhelm eine Büste bekommt und Mr. Spock nicht – umgekehrt aber ebenso. Auch ist es natürlich sinnig, dass gesamtgesellschaftlich über Denk- und Mahnmale diskutiert wird – wer wollte schon eine Materialschlacht zwischen den verschiedenen politischen Lagern, Kunstfans und WissenschaftlerInnen? Dennoch: Mahnmale für den Übergang, als Aktion, hin-
gegen sind witzig! Es muss ja nicht gleich ein in Bronze gegossener Edward Snowden sein, wie ihn GuerillakünstlerInnen in einer New Yorker Gedenkstätte aufgestellt haben. Eine kleine Konstruktion reicht vollkommen aus. Und wenn es erst einmal steht: Schick uns gern ein Foto!


Dieser Artikel wurde in der dritten Ausgabe des transform Magazins gedruckt, welche du hier bestellen kannst. Ausgabe 2 & 3 im Kombipaket sind momentan 15% günstiger.

 

 

 

 

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Titelbild: Facebook, Heidenheimer Zeitung

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