Wie du originelle Lösungen für die Probleme unserer Zeit findest

Ob für Klimawandel, den richtigen Umgang mit der Digitalisierung oder gegen steigende Ungleichheit: Es braucht neue Ideen, um diese Herausforderungen zu adressieren. Was wir tun müssen: Brücken bauen.

Klar ist, es gibt nichts wirklich Niedagewesenes, nichts genuin originelles. Vielmehr ist Originalität eine neue Verknüpfung zwischen noch nicht verknüpften Sphären unserer Realität. Doch das ist nicht alles: Hinter der Originalität steht die Frage von Radikalität: Wie sehr weicht die neue Verknüpfung von dem ab, was wir im Alltag als „Normal“ begreifen? Je radikaler, desto origineller scheint die Idee. Originalität entsteht aus der überraschend radikalen und kreativen Verknüpfung von etwas Unverbundenem.

Originalität entsteht aus der kreativen Verknüpfung von Ideen, die nicht miteinander verbunden sind.

Was aber braucht es für eine originelle Idee? Es heißt „Thinking outside the box“ oder „Get out of your comfort zone“. Doch was bringt uns aus unserer „Box“ oder „Komfortzone“? Fünf Aspekte sind hier wichtig. Bei allen ist Originalität die Brücke, die zwei Inseln miteinander verbindet.

#1 Verbinde möglichst weit entfernte Inseln

Zum einen gibt es da die Differenz die Unterschiedlichkeit der zu verknüpfenden Teile. Je größer der Abstand zwischen zwei Inseln ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass diese bereits verbunden wurden.

Denke an einen Aktivist im Umfeld (vermeintlich) unmoralischer Lobbyisten, der dort die Frage nach einem radikal ethischen Lobbyismus stellt. Oder ein Ingenieur der Sozialwissenschaften studiert und plötzlich neue Zusammenhänge und Perspektiven auf das Feld entwickelt. Es ist kein Zufall, dass gute Ideen häufig aus interdisziplinären Teams hervorgehen.

#2 Achte auf eine gemeinsame Sprache

Damit es jedoch nicht nur bei der Unterschiedlichkeit, der Differenz, von zwei Inseln bleibt, sondern zur Verknüpfung kommt, braucht es Kommunikation, die Brücken schlägt. Häufig scheitern interdisziplinäre Teams in ihrer Zusammenarbeit an fehlendem gegenseitigen Verständnis.

Zu groß ist die Differenz in den Konzepten, Definitionen und Modellen, zu unterschiedlich sind die disziplinären Sprachen: Begriffe wie „System“, „Leben“ oder „Kultur“ haben etwa für Sozialwissenschaftler und Naturwissenschaftler verschiedene Bedeutungen. Daher sind Menschen mit einem hohen Verknüpfungsvermögen gefragt. Gemeint sind Menschen, die mit unterschiedlichen Wissenskulturen vertraut sind, unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, unterschiedliche Sprachen sprechen, verstehen und übersetzen können. Diesen kann die Verknüpfung theoretisch auch allein gelingen.

Damit es im interdisziplinären Team gelingt, können andere Medien als die Sprache helfen. Im Design Thinking werden beispielsweise unterschiedlichste Materialien von Knete über Draht bis zu Lego benutzt. Aus dem Material werden im Team materielle Artefakte hergestellt, die ein gemeinsames Verständnis ermöglichen. Durch diese Externalisierung der eigenen Ideen und Gedanken und ihrer kollektiven Verknüpfung entsteht dann im besten Fall etwas Originelles.

#3 Finde den gemeinsamen Startpunkt

Während die Kommunikation der Baustoff für die Brücke ist, ist die Assoziation der Brückenkopf, von dem aus die Differenz zwischen zwei Inseln überwinden wird. Viele Gedanken brauchen einen Startpunkt, von dem aus sie gedacht werden können.

Um diese zu finden, sind unterschiedliche Brainstorming Methoden genauso geeignet wie die Irritation der eigenen (Vor-)Urteile. Filterblasen sind der Tod der freien Assoziation. Die Auseinandersetzung mit unbekannten Weltsichten oder auch die Lektüre eines Buches aus einem unvertrauten Kontext kann dagegen Assoziationsanker bereitstellen.

#4 Habe ein intuitives Vertrauen

Doch all das – Brückenköpfe, das Baumaterial für die Brücke und zwei unterschiedliche Inseln – ist nicht genug, wenn niemand auf die Idee kommt, eine Brücke zu bauen. Dafür braucht es die wohl am wenigsten planbare Zutat: Intuition. Unsere Intuition ist mehr als eine spontane Eingebung. Sie ist eine Form von Wissen.

Und sie benötigt vor allem eins: die Loslösung vom kalkulierenden Denken. Wird eine Brücke erst einmal geplant, braucht es Statiker. Die Idee eine solche Verbindung überhaupt zu schlagen, erfordert dagegen dieses unvermittelte Wissen.

#5 Verabschiede dich von Denkgewohnheiten

Die Förderung von Intuition ist mit ähnlichen Methoden erreichbar, wie das letzte Element: die Fähigkeit normative Grenzen zu überschreiten, sich über die bestehende gesellschaftliche Norm hinauszubewegen. Wenn uns andere sagen, man solle zwischen zwei Inseln keine Brücke bauen oder ein Brückenbau sei gar unmöglich, dann hält uns das vom Bau der Brücke, von der Genese einer neuen Idee ab.

Normative Grenzüberschreitung hat dabei zwei Facetten: die Loslösung von einer akzeptierten Norm, also die Bereitschaft zwischen zwei nicht verknüpften Kontexten eine Verbindung zu schlagen. Das iPad vereint die Idee eines Handys mit der Idee eines Computers – etwas, das es vorher nicht gegeben hat.

Zum anderen bedeutet die Überschreitung von Normen ein Loslösen davon, wie die Brücke auszusehen hat. Vielleicht ist eine Brücke mit den bestehenden Methoden nicht denkbar. Die Kuppel des Petersdoms galt als unmöglich, bis Architekten in der Gotik auf die originelle Idee kamen durch Seitenstreben das Gewicht der Kuppel zu tragen und die entstehende Kraft so effektiv abzuleiten. Normative Grenzüberschreitung bedeutet sich von dem zu lösen was vermeintlich sein kann, genauso wie von dem was sein soll.

Die verlorenen Ideen des Karnevals

Was hilft uns nun Intuition und die Transgression von Normen zu fördern? Es braucht vielleicht den Mut zum Kontrollverlust, die Schaffung von Denkräumen jenseits der vertrauen Ordnungssysteme. Es mag in der heutigen durchstrukturierten und durchgeplanten Lebenswelt unangenehm sein, in der Normenlosigkeit den Schlüssel zur Originalität zu suchen.

Doch wie oft hat man eine gute Idee am frühen Morgen, wenn man sich müde zur Arbeit schleppt oder gar in der Nacht nach einem Traum. Glaubt man Nietzsche, so schafften die Griechen in ihren rauschhaften Dionysien einen gemeinsamen Rahmen, welcher ein Kontrast zur ordnenden Kraft des „vernünftigen“ Denken bildete. Wie viele originelle Ideen gehen auf dem alljährlichen Rausch des Karnevals in Köln unter? Kontrollverlust kann eine Distanz zum rationalen Denken schaffen, von dem was sein „soll“, hin zu einem affektiven Denken, welche Originalität gebären kann.

Nicht jede originelle Idee eine gute Idee ist. Die Originalität des iPads sagt nicht darüber aus, ob es einen Mehrwert für Planet, Mensch oder Gesellschaft generiert. Für sich genommen ist Originalität weder gut noch schlecht. Es können sowohl originelle Methoden der Kriegsführung erdacht werden, genauso wie neue Produkte, die gesundheitsschädliche Stoffe enthalten.

Originalität in Zeiten gesellschaftlicher Spezialisierung

Dennoch sind originelle Ideen heute mehr gefragt denn je. Die globalen Herausforderungen, von Klimawandel über Urbanisierung und steigende Ungleichheit bis zu Digitalisierung rufen nach neuen Ideen, wie Wohlstand innerhalb planetarer Grenzen gelingen kann. Im Angesicht dieser Krisen ist es bedenklich, wie wenig der Zutaten für Originalität heute gesellschaftlich verbreitet sind. Stattdessen ist die Gesellschaft gezeichnet von einer hochgradigen Spezialisierung. Generalisten, interdisziplinäre Teams und Querdenker müssen sich immer wieder mühsam ihren Platz erkämpfen.

Ein Denken abseits der Norm wird in der Regel verbannt. In der Wissenschaft bestimmen Denkstile, Paradigmen oder Journal-Rankings die Methodik, Fragen oder Themen. Wer Karriere machen will, fügt sich in das System und arbeitet an der Forschungsfront. Genauso entsteht auch Politik in spezialisierten Ministerien, mit nur wenigen Querverbindungen zu den anderen Politikfeldern und oft ohne eine übergreifende Strategie. Es fehlt der Raum zum Vernetzen, Experimentieren und Ausprobieren. Unsere Gesellschaft braucht aber solche Experimentierfelder. Originalität ist nicht planbar. Aber sie kann wahrscheinlicher werden und wir alle können etwas dafür tun.

Such dir Brückenorte!

Such dir Netzwerke und Orte, an denen der Dialog zwischen Disziplinen geübt wird und ihr dazu motiviert werdet, über ihre bisherigen Grenzen hinauszudenken. Setz dir in deiner Institution, ob in Politik, Zivilgesellschaft oder in Unternehmen dafür ein, dass Menschen unterschiedlicher Couleur zusammengebracht werden, Kommunikations- und Verknüpfungsfähigkeit gefördert und Kontrolle abgegeben wird. Legt in Gruppensituationen immer wieder den Finger in die Wunde. Überzeuge deine Kollegen und Kolleginnen, dass auch Menschen außerhalb der Disziplin dazu geholt werden. So ungewohnt das sein mag.

Es gibt viele Wege, um einen positiven Beitrag zur Lösung der heutigen Krisen zu leisten. Einen Raum für originelle Ideen zu schaffen ist wohl eine der Einfachsten. Fange am besten noch heute damit an.


Die Autoren

Jonathan Barth ist Ökonom und Politikberater. Als Mitgründer von ZOE, dem Institut für zukunftsfähige Ökonomien, ist er stetig auf der Suche nach inspirierenden Ideen für eine zukunftsfähige Wirtschaft. Bei ZOE bringt er Menschen verschiedenster Hintergründe zusammen, die gemeinsam Politik gestalten. Design Thinking und Co-Kreation stehen dabei im Mittelpunkt seiner Arbeit.

Robert Ranisch ist Bioethiker und Philosoph. Als Wissenschaftler untersucht er normative Fragen an den Schnittstellen von Technologie, Gesellschaft und Politik. Daneben arbeitet er im Bereich Ethikberatung und unterstützt Organisationen beim Aufbau guter Strukturen und erfolgreicher Wertekommunikation. 

Jens Crueger ist Digital- und Archäologie-Historiker. Er forscht u.a. zur Geschichte des World Wide Web und ist Mitglied im Fachbereichsvorstand „Informatik und Gesellschaft“ der Gesellschaft für Informatik (GI). Neben der Wissenschaft saß er zwei Legislaturperioden als Abgeordneter im Landtag der Freien Hansestadt Bremen.

Die Autoren sind Mitglied im thinktank30, dem jungen Think Tank des Club of Rome Deutschland.

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