Luxus: Das heisst ganz klar Yachten mit Helikoptern. Oder? Bild: Ed J Brown für transform
Luxus: Das heisst ganz klar Yachten mit Helikoptern. Oder? Bild: Ed J Brown für transform

Nicht zu fassen, dieser Luxus!

Protz, Verschwendung, Überfluss — bisher ist Luxus eher eine Gefahr für den Planeten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kann Luxus fair und nachhaltig sein, wenn wir schillernde Erfahrungen suchen statt glitzernde Uhren? Ist Zeit der neue Luxus?

Die fetten Jahre sind vorbei“, heißt es im Jahr 2004 in den Kinosälen der Republik. Den jungen RevoluzzerInnen im gleichnamigen Film gelten die schicken Edelvillen der Berliner Vororte als Symbole der gesellschaftlichen Ungleichheit. Solchen Protz zu kritisieren ist freilich nichts Neues. Schon Aristoteles galt die Verschwendung ebenso als Laster wie der Geiz. In einer Welt der vielen Armen und Unfreien und der wenigen Reichen war Luxuskritik dann durch die Jahrtausende auch häufig Herrschaftskritik. Im späten Mittelalter war es etwa für Martin Luther naheliegend, das Luxusleben von Adel und Klerus in einem Atemzug mit der politischen Unterdrückung der Bauern zu geißeln. Auch Jean-Jacques Rousseau, ein geistiger Vater der französischen Revolution, lässt wenig Spielraum zur Interpretation: „Der Luxus nährt vielleicht hundert Arme in unseren Städten, aber er bewirkt den Tod von Hunderttausend auf dem Lande.“

Doch auch ohne sich zum Anwalt der Armen zu machen, fanden KritikerInnen durch die Jahrhunderte gute Gründe gegen materiellen Pomp. Ihnen ging es um religiöse, moralische Bedenken oder auch um knallharte Wirtschaftspolitik. Der römische Historiker Titus Livius argumentierte etwa, Rom würde mit „asiatischem“ Luxus kontaminiert. Denn gefragt waren damals Seide, Spiegel, Papier, Keramik und Porzellan. Die Römer waren besorgt, den Reichtum der eigenen Oberschicht in den Taschen der Handelstreibenden im Osten zu sehen. Eine Haltung, die einem auch heute noch bekannt vorkommen mag, wo politische Anführer von Venezuela bis Iran die Bevölkerung dazu aufrufen, die einheimische B-Ware zu kaufen statt die dekadenten Auslandsgüter.

Unabhängig von befürchteten Handelsauswirkungen wird Luxus gern als „Dekadenz“ verunglimpft. Die Geschichte ist dabei immer die gleiche: Hart arbeitende Menschen haben ein Imperium, einen prosperierenden Staat geschaffen und werden irgendwann von der eigenen, dekadenten Elite dominiert, die in der Hauptstadt dem leichten Leben frönt. Rechte Hobbyhistoriker vergleichen in diesem Zuge gern Berlin oder Brüssel mit dem alten Rom. Décadence ist allerdings ein geschichtsphilosophischer Begriff, der erst im 17. Jahrhundert auftauchte — lange nach dem Untergang Roms, der viele Gründe hatte. Purpur, Wein und Orgien waren dabei kaum entscheidend.

Fand Luxus schon immer toll: Thomas Malthus.
(Bild: CC wikimedia)

Dass das Streben Einzelner nach Luxus auch positive Auswirkungen auf den Rest der Gesellschaft haben kann, wird oft behauptet. Der britische Ökonom und Marx-Zeitgenosse Thomas Malthus etwa hielt 1825 fest, „dass diese Begierde die Triebfeder der meisten Leistungen ist, von denen die vielfachen Verbesserungen und Errungenschaften des zivilisierten Lebens herrühren“. Soll heißen: Der individuelle Wunsch nach Luxus führt zu Erfindungen und Entwicklungen, von denen letztlich alle profitieren. Der Verlauf der Geschichte seit Anfang der Industrialisierung scheint ja auch zu bestätigen: Dank privater Nachfrage und unternehmerischer Aktivität wächst hierzulande der allgemeine Wohlstand ebenso wie der Zugang der Allgemeinheit zu ehemaligen Luxusgütern, wie zum Beispiel Kaffee oder Reisen. Unklar ist hingegen, ob der zunehmende gesamtgesellschaftliche Zugang zu ehemaligen Luxusgütern mit dem Zugewinn an privatem Luxus mithält.

Mein, dein, unser Luxus

Der „private“ Luxus meint kleine Akte der Gönnung: Das zweite Getränk im Lieblingscafé, der Sauna- und Massageabend. Oder Zeit zu haben, um sich mit FreundInnen spontan zu verabreden. Viele dieser kleinen privaten Freuden kosten durchaus auch Geld, sind aber dematerialisiert, also keine greifbaren Objekte. Manche dieser Wohltaten gelten nicht nur für die jeweilige Person, sondern auch für den Mainstream als luxuriös. Und ebenso wie das greifbare Luxusprodukt wird dieser dematerialisierte Luxus nicht selten offen zur Schau gestellt — etwa durch exklusive Reisen oder außergewöhnliche Hobbies.

Was gemeinhin in der Gesellschaft als luxuriös gilt, wissen alle, ob arm oder reich. Wie bei einer Welle, bei der sich nicht die Wassermoleküle selber bewegen, sondern die Wellenenergie an ihre Molekül-Nachbarn abgeben, verbreiten sich die aktuellen Darstellungsformen von Status und Wohlstand: Ob nun der schnörkellose Reichtum des Nordens, umspielt von der hanseatischen Klarheit Hamburgs — der deutschen Stadt mit den meisten Millionären —, der verpönte Protz der Neureichen, den „schönen Anwesen“ des alten Geldes oder, nicht zu vergessen, der spleenige Reichtum der zurückgezogen lebenden FirmengründerInnen.

Zeit als nicht-greifbarer Luxus

Schon immer war dabei nicht nur das Anhäufen von Dingen, sondern auch der Genuss nicht-greifbarer „Undinge“ luxuriös. Die Teilnahme am kulturellen Leben etwa, der Besuch von Konzerten ebenso wie das Studieren von Philosophie, war durch die Jahrhunderte ein Luxus, mit dem sich auch Status demonstrieren ließ. Doch auch Zeit war häufig wertvoll, etwa für Religion, Familie oder bloßes Starren in die Ferne.

Dieser immaterielle Zeitluxus wurde mit der Industrialisierung ein knappes Gut. Für die ehemalige Landbevölkerung war die Arbeitszeit von da an nicht mehr durch Sonnenaufgang und Sonnenuntergang beschränkt. Feiertage wurden abgeschafft — in katholischen Gegenden genossen Knechte zuvor zeitweise über 50 arbeitsfreie Tage. Auch der Blaue Montag, also das Fernbleiben von der Arbeit, wurde in den neuen Fabriken hart bestraft. Der Rhythmus der Maschinen taktete die Arbeitszeit, sodass selbstbestimmte Pausen kaum möglich waren. Gewerkschaftlicher Druck sorgte dann für eine Arbeitszeitbegrenzung — eine Forderung, die auch heute, in Zeiten von steigenden Überstundenkonten und der Entgrenzung der Arbeitszeit aktuell ist. Viele Menschen empfinden Zeit als ein knappes Gut, stets bedroht von Weckern, Fahrplänen, Schichtplänen oder Deadlines.

Findet sich da noch Platz für Zeitluxus? Oder bleibt uns in Zukunft kein anderer Luxus, als zwischen Arbeit und Schlafen noch im Netz die teuren Markenschuhe zu bestellen? Der 32-jährige Volkswirt Gerrit von Jorck beschäftigt sich in seiner Promotion an der Technischen Universität Berlin mit „Zeitwohlstand“. Er verwendet diesen Begriff schon seit Jahren: Früher, als Student, hatte er einen Teilzeitjob bei einem Umweltinstitut. An sich nichts Besonderes, viele Studierende, Freischaffende oder auch ArbeitnehmerInnen in Teilzeit erleben solche „zeitluxuriöse“ Phasen. Der Reduktion von Arbeitszeit und Einkommen einen Namen zu geben, der vor allem die positiven Seiten betont, ist dennoch wichtig. Nur so lässt sich diese Form des Luxus auch gezielt anstreben und einfordern.

Von Jorck zu treffen, ist nicht einfach, es braucht mehrere Anläufe. Dem ersten Treffen tritt eine Yoga-Session in den Weg. Ob eine Promotion dem Ziel von Zeitwohlstand nicht eher widerspricht?

„Ja, es ist schon schwieriger geworden“, muss er schmunzeln. „Ich habe an der Universität eigentlich nur eine halbe Stelle, arbeite aber de facto Vollzeit dort.“ Im Gespräch wird deutlich: Der Wissenschaftler machte seine Leidenschaft zur Berufung und spürt nun alle Vor- und Nachteile der Umwandlung eines persönlichen Interesses zum Job. Einerseits brennt er für die Themen, doch es lauern auch die Gefahren des sogenannten Korrumpierungseffekts: Dieses Phänomen beschreibt, dass die innere Motivation häufig abnimmt, wenn Menschen für ihre vormals unentgeltlich ausgeübte Tätigkeit bezahlt werden.

„Wir takten unsere freie Zeit nicht selten ebenso durch wie unsere Arbeitszeit.“

Gerrit von Yorck

„So weit ist es bei mir nicht, aber ich merke schon, dass mein Beruf und meine ehrenamtlichen Tätigkeiten manchmal schwieriger zu trennen sind.“ Der Zeitwohlstandsforscher findet diese Überlappung nicht zwangsweise schlecht, kritisiert aber, dass die Logik des Arbeitslebens zunehmend auf die Freizeitdomäne übertragen wird: „In Berlin lautet die Frage häufig ‚Was sind deine Projekte?‘. Viele kennen hier das Phänomen von Freizeitstress. Wir takten unsere freie Zeit nicht selten ebenso durch wie unsere Arbeitszeit.“

Wer bestimmt über unsere Zeit?

In der Freizeit sind wir es in der Regel immerhin selbst, die unsere Zeit takten. Wenngleich sogar Hobbies immer häufiger der beruflichen „Performance“ dienen sollen — im Arbeitsleben haben die allerwenigsten ihre Zeit selbst in der Hand. „Zeitsouveränität“ verspräche eine freie Einteilung der Arbeitszeit. Wohlstand an Zeit lässt sich also nicht nur durch den Umfang verfügbarer Zeit definieren, sondern auch über die Frage, wer über diese Zeit bestimmt. Vorgesetzte, eigene Geldsorgen oder die Kinder? „Zeitwohlstand ist alles andere als eine individuelle Frage, hier geht es um gesamtgesellschaftliche Fragen, wie Arbeitszeiten oder wer den Haushalt macht und sich um die Familie kümmert“, so von Jorck.

„Dazu kommt, dass es nur privilegierte Menschen vergönnt ist, mit Teilzeitjobs gut über die Runden zu kommen.“ Ob Zeit also Luxus ist, scheint von zwei Faktoren abzuhängen: Wie viel freie Zeit du hast und wie selbstbestimmt du den verplanten Anteil gestalten darfst. Da ist natürlich wichtig, wie viel Arbeit pro Schicht erledigt werden muss: Der Weg zum Zeitwohlstand führt auch über die verbindliche Festlegung eines machbaren Arbeitspensums, etwa in Tarifverträgen oder Arbeitsverträgen. Die Berechtigung, die eigene Zeit selbstbestimmt einzuteilen, ist ziemlich ungleich verteilt.

Ein Beispiel: Wer früher viel Geld besaß, der leistete sich ein teures Auto. Heute ist es zunehmend schick, sich spontan und flexibel durch die Gegend fahren zu lassen. Wer sich fahren lässt, frönt damit einem immateriellen Luxus und Zeitwohlstand. Schließlich entfällt die Zeit für Parkplatzsuche oder Reparaturen. Die Zeit der Fahrenden ist dabei so fremdbestimmt wie bei allen Dienstleistenden, die „Gewehr bei Fuß“ auf ihre Aufträge warten. Ob Luxus nun eine materielle oder immaterielle Form nimmt: Verteilungs- und Machtfragen bleiben auf dem Tisch.

Für solche Verteilungsfragen gibt es durchaus Antworten. Bereits in den 80er Jahren entstanden etwa sogenannte Zeitbanken. In diese sollte man einzahlen, indem man sich beispielsweise um ältere Menschen kümmert. Das Versprechen lautete: Später würde auch ausgezahlt, indem man dann selbst versorgt wird. Im Prinzip wurde hier unser Rentensystem übersetzt für Menschengruppen, die sich ohne Geld selbst versorgen wollen. Aber eben auch keine entsprechenden Forderungen an den Sozialstaat stellen. So entstehen Insellösungen, von denen nur Wenige profitieren. „Ich sehe eher einen großen Hebel bei den Gewerkschaften“, sagt Gerrit von Jorck, „Arbeitszeitverkürzung, Mitbestimmung über das Arbeitspensum, das Recht auf Elternzeit, Teilzeit und Bildungsurlaub — all das sind wichtige Ansatzpunkte.“

Zeit ist der neue Luxus

Es scheint, als würden im Diskurs um Zeitwohlstand die guten alten sozialdemokratischen Forderungen wieder auftauchen. Tatsächlich gehört der Kampf um Arbeitszeitverkürzung oder Ansätze zur Zeitsouveränität, etwa Gleitzeitkonzepte oder die flexible Rückkehr aus der Teilzeit, zu den Kernthemen vieler gewerkschaftlich geführter Auseinandersetzungen. Doch obwohl diese Forderungen hochaktuell sind — angesichts der Zunahme zeitlich entgrenzter Heimarbeit und generell permanenter Erreichbarkeit —, haben die Gewerkschaften einen schweren Stand. Gerade junge BerufseinsteigerInnen halten Betriebsräte häufig für antiquiert und die Trends zu Mehrfachbeschäftigung, digitaler Freiberuflichkeit und Wohnortwechseln machen es auch niemandem leichter, Ansprüche an Zeitwohlstand durchzusetzen. Letzterer muss sich häufig gegen den Wunsch nach Abwechslung und Mobilität behaupten. Luxus gegen Luxus, sozusagen.

Kommunen suchen mehr Zeit für alle.

Auf der Suche nach „Zeitgerechtigkeit“, also gesamtgesellschaftlichem Zeitwohlstand, ist man in Italien einen kreativen Weg gegangen: Dort regelt ein Gesetz die Gründung kommunaler „Zeitbüros“. Diese öffentlichen Einrichtungen, meist in kleinen und mittelgroßen Städten, haben das Ziel, Regeln für die Arbeits- und Öffnungszeiten aller lokalen Betriebe, inklusive Schulen, auszuarbeiten. Eine abgestimmte und flexiblere Zeitplanung soll dabei auch Nicht-Erwerbsarbeit, wie etwa Kinderbetreuung, anerkennen, den Bürgern einen besseren Zugang zu Dienstleistungen ermöglichen und darüber hinaus die Zeit reduzieren, die in Verkehrsstaus versickert.

Im Südtiroler Bozen etwa weitete man unter städtischer Koordination die Ladenöffnungszeiten aus (Schneider A macht früh auf, Schneider B macht spät zu) und förderte eine dezentrale Geschäftsstruktur nach dem Motto »in zehn Minuten überall hin«. Auch das Bundesfamilienministerium unter Manuela Schwesig verschickte 2017 eine Broschüre an die Kommunen, in der für die Einführung zeitpolitischer Maßnahmen geworben wird.

Als Praxisbeispiele werden da etwa Kennenlern-Veranstaltungen für Fahrgemeinschaften genannt. Lässt sich so mehr Zeit, sprich mehr dematerialisierter Luxus für alle schaffen.

Wer nicht warten will, bis eine Zeit-Revolution einsetzt, kann im Kleinen vielleicht schon heute anfangen. Gerrit von Jorck jedenfalls sieht die luxuriösen Seiten am Leben als Doktorand: „Ich habe zwar viel zu tun, kann aber von meiner halben Stelle leben, auch weil ich keine Fernreisen brauche, um zu entspannen. Zeit habe ich für alles — nur für mein politisches Engagement fehlen mir heute manchmal Zeit und Nerven.“ Wenn die Rahmenbedingungen gegeben sind, etwa ein sozialer Mietmarkt und ein überdurchschnittlich hoher Stundenlohn, könnte Konsumverzicht und Reduktion der Arbeitszeit durchaus zu individuellem Luxus beitragen, sagt er.

Und wer schon über ein hinreichendes Einkommen verfügt, kann es sich mit dem Zeitluxus also leicht machen und die finanziellen Ansprüche runterschrauben, im Tausch gegen Zeitluxus. Manche Menschen gehen noch einen Schritt weiter. Der Blogger Leo Babauta definiert ein erstrebenswertes Leben über die Befreiung von allem „Unnötigen“, um Platz zu haben für die Dinge, die einen erfreuen. Diese Philosophie des „Minimalismus“ erfreut sich wachsender Anhängerschaft.

Minimalismus ist Silber, Zeit ist Gold

Babautas Definition teilen die meisten MinimalistInnen: Der Ballast soll weg, um Zeit für Menschen und Dinge zu haben, die „wirklich wichtig“ sind. Für viele gehören nicht nur materieller Überfluss, sondern auch negative Beziehungen oder bestimmte Systemzwänge zu diesem Ballast. Besonders engagierte Fans des Minimalismus reduzieren in nahezu religiöser Hingabe jenen Ballast in ihrem Leben, verschenken Kleidung und löschen Social-Media-Accounts. Und genießen im Gegenzug die Gegenstände, Hobbies und Kontakte, die bleiben, als echten Luxus. „Es gibt mehrere Gründe, warum Menschen zum Minimalismus kommen. Viele von ihnen kommen aus der Umwelt-Ecke oder der Achtsamkeits-Schiene“, so die selbstständige Webdesignerin und Studentin Svenja Sgodda.

„An politischem Engagement führt kein Weg vorbei“

Svenja Sgodda, Aktivistin

Sie gehört zu den umweltbewegten MinimalistInnen. Die bewusste Reduktion von Besitz und Abhängigkeiten sieht sie als Teilstück eines an Nachhaltigkeit orientierten Lebens: „Ein bewussteres Konsumverhalten ist wichtig. Aber an zusätzlichem politischem und sozialem Engagement führt kein Weg vorbei.“

Svenja Sgodda wurde in der Minimalismus-Szene durch ihren Blog bekannt. In Blogs und Foren vernetzt sich die Szene seit Ende der 2000er in einer wachsenden Gemeinschaft, man gibt sich Tipps unter Schlagworten wie „Schlichtheit“, „Simplizist“ und „Loslassen“.

Inzwischen organisiert Sgodda gemeinsam mit einem weiteren Blogger die Minimal Kon, eine seit 2012 jährlich stattfindende Konferenz für MinimalistInnen. Ausschlaggebend war für sie ein Seminar über „Konsumkritik in der 80ern“ an ihrer Universität. „Ich merkte, dass wir etwas ändern sollten und wollte damit selber anfangen.“ Heute lebt sie mit ihrem Partner auf etwa 40 Quadratmetern und kauft laut eigener Aussage fast nichts Neues ein.

Dass sich immer mehr Menschen für Sgoddas inzwischen eingestellten Blog und die Konferenz interessieren, entspricht dem Trend: Minimalismus als Konzept wird immer bekannter — nicht selten aber in einer eher inhaltsleeren Form. InfluencerInnen feiern sich in den sozialen Medien für ihre leeren, weißen Zimmer und Minimalismus-Gurus fliegen um die Welt, um das „Ausmüllen“ zu erklären. Zukunftsfähig ist diese Form von Luxus daher nicht immer. Wer seine Bücher aussortiert und regelmäßig zum Meditieren nach Indien fliegt, sollte aus ökologischer Sicht lieber die Bücher behalten und mal an die Ostsee fahren.

Von den Ratgeberbüchern grenzt Sgodda sich ab: „Minimalismus ist für mich kein Frühjahrsputz, es geht nicht um das ritualisierte Rausschmeißen, sondern darum, dass weniger in die Wohnung reinkommt“. Die Kunst liegt schließlich nicht im resoluten Wegschmeißen, sondern im Verzicht, überhaupt Dinge anzuschaffen, die ohnehin wieder entsorgt werden müssten. In der ländlichen Gegend, wo sie wohnt, sei das minimalistische Leben genauso möglich wie in den Städten. „Klar, auf dem Land gibt es keine Schenkläden oder foodsharing-Infrastruktur, mit der Lebensmittel gerettet und kostenlos abgeholt werden können. Dafür kennt man sich unter den Nachbarn und kann sich ohne Probleme Dinge leihen.“

Dass das bloße Aussortieren zunehmend beliebter wird, liegt auch an der Vielzahl von Produkten, die sich in unseren Haushalten wiederfinden. Verschiedene Schätzungen für den westlichen Durchschnittshaushalt gehen immerhin von 10.000 bis zu 300.000 Gegenständen aus. Global betrachtet mag diese Art der Überforderung ein Luxusproblem sein, doch es blüht dadurch ein neuer Markt: Mit neuen „Produkt als Service„-Geschäftsmodellen müssen sich überarbeitete Verbraucher nicht mehr um die Auswahl, Pflege und Entsorgung von Produkten kümmern.

Luxus: Zeit statt Yacht?! Illustration: Edj Brown für transform

Das Auto, der Kinderwagen und der Schreibtisch werden einfach dauerhaft gemietet — auch wenn das langfristig teurer ist. Wer also weniger besitzen will, kündigt einfach den Mietvertrag und ist die Kaffeemaschine wieder los. Wo das benutzte Gerät dann landet, in der Werkstatt zur Generalüberholung oder doch eher im Elektroschrott, liegt dann wieder in der Hand des Anbieters. Eine maßgebliche Triebfeder für solche Besitz-Flexibilität dürfte dabei weniger die Sorge um die Umwelt, als vielmehr die Suche nach Zeitwohlstand sein. Zeitluxus ist also nicht immer ökologisch.

Auch Karma und Ruhm lassen sich anhäufen

Kurioserweise sind es dennoch häufig Menschen mit überdurchschnittlichem Einkommen, die weniger besitzen — und dabei häufig an die Umwelt denken. Die Wissenschaft nennt sie „Voluntary Simplifiers„, freiwillige Vereinfacher. Begründet wurde diese Bezeichnung 1936 durch den Sozialphilosophen Richard Gregg, einem Schüler Mahatma Gandhis.

2017 untersuchten ÖkonomInnen der Universitäten Potsdam und Braunschweig den Anteil jener VereinfacherInnen an der deutschen Bevölkerung.

Dazu befragten sie repräsentative 1458 Personen zu ihrem Haushaltseinkommen sowie Besitzstand an langlebigen Gebrauchsgütern, wie Autos oder Smartphones. Im Verhältnis dieser beiden Faktoren identifizierten sie dabei fünf Gruppen, darunter neben „Well-Off Consumers“ oder „Poor Consumers“ auch die „Voluntary Simplifiers“. Für letztere ist charakteristisch, dass sie ihren Konsum bewusst und aus freiem Willen reduzieren und nicht aufgrund finanzieller Nöte. Obwohl sie über das zweithöchste Haushaltseinkommen der fünf Gruppen verfügen, ist ihr Besitzstand an langlebigen Gebrauchsgütern am zweitgeringsten.

Sie kaufen bewusster und setzen auf langlebige Produkte — die gern mit einem Gütesiegel versehen sein sollten. Immerhin 14,4 Prozent der Befragten waren solche freiwilligen VereinfacherInnen. Die Philosophie, die hinter dem Minimalismus steckt, ist also kein Nischenphänomen. Vielmehr empfiehlt das Autorenteam der Forschungsarbeit im „Journal of Business Research“, Voluntary Simplifier seien „eine attraktive Zielgruppe für ökologische Produkte sowie alternative Konsumoptionen, wie Sharing.“

Die Abkehr vom Besitz an teuren Konsumgütern ist also keineswegs zwangsläufig eine Kampfansage an die kapitalistische Ordnung. Wie sich in der gesamten Gesellschaft die Sicht auf Luxus weiterentwickelt, so wandeln sich auch die Statussymbole, mit denen sich punkten lässt. Noch lässt sich auch per Fallschirmspringer-Uhr demonstrieren, es wirtschaftlich geschafft zu haben. Die Strahlkraft teurer Markenartikel und Brillanten nimmt aber ab. Heute gibt es auch außerhalb esoterischer Kreise zunehmend Anerkennung für die Teilnahme an Selbsterkenntnis-Workshops, Psychoanalyse oder Meditation. Entscheidend ist dabei freilich: Kann ich die Selbsterfahrung zur Selbstoptimierung nutzen?

Auf der Webseite eines Business-Coachs fasst eine anonyme Führungskraft der Autobranche ihre Erfahrung mit dem Seminar „Achtsamkeit im Management“ folgerichtig zusammen: „Die Seminartage waren eine sehr gut investierte Zeit.“ In die gleiche Verwertungs-Kerbe hauen mentale TrainerInnen bis hin zum US-Militär, das SoldatInnen meditieren lässt, um ihre Konzentrationsfähigkeit zu steigern.

https://www.instagram.com/p/BujUjonF6ld/

Zeit mit sich selbst verbringen, eine bessere Version seiner selbst werden. Wunderbare Ziele sind das und nicht wenige Menschen würden gerne über den Zeitluxus verfügen, sich intensiver solchen Aktivitäten zu widmen. Als Statussymbol taugt die Selbsterfahrung daher vor allem, weil edle, ehemals exklusive Dinge immer erschwinglicher werden, während Zeit für die meisten Menschen nach wie vor ein knappes Gut ist.

Es verwundert da nicht, dass die digitale Zentrale für Selbstinszenierung, die Fotosharing-App Instagram, mehr Beiträge unter #yoga führt als unter #jewelry, #car oder #gold. Ähnliches gilt natürlich auch für körperliche Ertüchtigung. Wem früher noch daran lag, im besten Restaurant der Stadt gesehen zu werden, der schickt heute vielleicht ein Selfie nach dem Joggen — samt Kilometerangabe bis zwei Stellen hinter dem Komma — bei Twitter raus. Die Botschaft ist ähnlich: Ich habe Zeit für „luxuriösen“ Zeitvertreib, aber verschwenden tu ich die kostbare Zeit nicht.

https://www.instagram.com/p/BumUA82BXKL/

Gesund heute, gesund auch morgen?

Zeitwohlstand gewinnt freilich dann an Wert, wenn die eigene Zeit sonst eng bemessen ist: etwa durch Lohn- oder Sorge-Arbeit. Wer dank Lottogewinn, Millionenerbschaft oder den richtigen Aktien solchen Zwängen nicht unterliegt, der sucht den Luxus naheliegenderweise eher im Materiellen. Zum Glück, könnte man sagen, betrifft das nur die Wenigsten.
Einer analogen Logik folgend heißt es häufig, der größte Luxus sei die Gesundheit. Häufig erkenne man das erst in dem Moment, da sie bedroht sei. Wer so argumentiert, denkt dabei aber vor allem an die unvermeidlichen und unwiederbringlichen Veränderungen der körperlichen Fähigkeiten, wie sie häufig durch Unfälle oder das Alter eintreten.

Für etwa 80.000 Menschen in Deutschland, die ohne Krankenversicherung leben, kann hingegen schon die ärztliche Versorgung einer geplatzten Lippe Luxus sein. Das betrifft viele Wohnungslose, aber auch Selbständige und FreiberuflerInnen sowie Nicht-EU-BürgerInnen, die zwar ein Aufenthaltsrecht, aber keine Versicherungspflicht haben. Bei akuten Schmerzen oder Lebensgefahr weist die Notaufnahme zwar niemanden ab, doch an medizinische Vorsorge und Check-ups bei frühen Symptomen ist ohne Versichertenkarte oder finanzielle Rücklagen oft nicht zu denken.

In einer Gesellschaft, die nicht unwesentlich vom Export von Luxusautos lebt, kann auch elementarste Gesundheitsversorgung ein Luxus sein. Tatsächlich ist sie aber ein Grundrecht, das oft erst von privaten Diensten wie den Maltesern oder Caritas unter Verwendung von Spenden, öffentlichen Zuschüssen und viel ehrenamtlichem Einsatz durchgesetzt wird. Wenn „Luxus für alle“ je angebracht ist, dann hier.

Ist der Traum vom Sportwagen bald Vergangenheit?

Immer mehr Menschen definieren sich unterdessen über das, was sie erleben, fotografieren, posten oder als Anekdote erzählen können. Kaum jemand kauft CDs, doch Konzerte sind ausverkauft. Jedes Jahr gibt es mehr Sommerfestivals. Doch es geht nicht nur um „Sammle Augenblicke, nicht Dinge“, sondern auch um „Sammle Dinge bloß für einen Augenblick, wenn sie dir auf Dauer zu teuer sind“. Luxusschlitten lassen sich selbst für eine kurze Runde um den Block mieten, unerreichbar teure Handtaschen lassen sich über Online-Plattformen teilen. Plötzlich sind Luxusprodukte viel mehr Menschen zugänglich.

Luxus heißt immer häufiger: „Das erlebe ich.“

Den Firmen schlagen nun zwei Herzen in der Brust: Zum einen haben sie völlig neue KundInnen gewonnen, die nämlich, die eigentlich zu arm sind. Zum anderen droht das Image ihrer elitären Marken zu verramschen, wenn auf einmal jeder Mensch mit den Insignien der Reichen und Erfolgreichen das Büro oder die Nachbarschaft beeindrucken will. Schon aufgrund des wachsenden und immer bezahlbareren Markts fürs Leasen, Sharen, aber auch Fälschen teurer Statussymbole muss sich heute umorientieren, wer noch echten Luxus sucht. Auch daher bietet in unseren Überflussgesellschaften „reiche Askese“ inzwischen mehr Distinktionsgewinn.

Dematerialisierung: Was kommt dabei rum?

Luxus heißt heute also seltener „Das habe ich“, und häufiger „Das erlebe ich“. Für die Natur könnte das durchaus positiv sein. Um abzuschätzen, welche Folgen zu erwarten sind, wenn sich gesellschaftlicher Luxus dematerialisiert, lohnt ein Blick auf die Musikindustrie. Schließlich war dies die erste etablierte Konsumgüterindustrie, die voll von der Digitalisierung erfasst wurde. Der Musikmarkt scheint daher eine Art Glaskugel für andere Branchen zu sein. Die Trends, die hier zu beobachten sind, stehen anderen Industrien nicht selten noch bevor.

Die Dematerialisierung der Musikindustrie begann schmerzhaft für die Industrie — aber angenehm für die Fans, die für MP3-Downloads zunächst weniger zahlen mussten. Allen anwaltlichen Abmahnungen zum Trotz hatten Internetnutzer ab Anfang der 2000er plötzlich schier unbegrenzten Zugang zu Musik. Von Musikpiraterie war die Rede, illegalen Downloads und illegalem Schwarzmarkthandel mit gebrannten CDs auf dem Schulhof. Die Digitalisierung blieb nicht ohne Wirkung: Laut dem Jahresreport des Branchenverbands IFPI fiel der globale Umsatz mit Musikträgern vom Spitzenwert von 24 Milliarden US-Dollar im Jahr 1999 auf gut 13 Milliarden Dollar im Jahr 2016.

Wenn ein Song schon 27 mal gestreamt wurde, wäre eine CD bereits ökologischer gewesen.

Studie MUSICTANK, 2012

Heute wächst die Musikindustrie wieder rasant: Wir hören mehr Musik als je zuvor. Der Grund: Noch mehr Dematerialisierung. Nicht mal MP3-Dateien will man mehr besitzen, Musik wird gestreamt. Die niedrigen Kosten für die Konsumierenden, die in der Regel für eine Streaming-App bezahlen oder Werbung in Kauf nehmen, summieren sich für die Industrie schön auf. Für MusikliebhaberInnen sind die Kosten pro Album heute potentiell viel geringer als vor zehn Jahren. Also hören wir mehr Alben. Ob es nun Luxus ist, jederzeit auf riesige Datenmassen von Musik zugreifen zu können, ist eine Frage, die sich nicht allgemeingültig beantworten lässt. Interessanterweise sind es gerade solche Streaming-Angebote und der Trend, alles, vom Stadtauto zur Luxusuhr, jederzeit sharen oder mieten zu können, die es heute ermöglichen, immer stärker dem Minimalismus zu frönen. Besitzen sollen die anderen.

Der Grundgedanke ist freilich, dass durch Sharing-Konzepte weniger produziert, verbraucht und weggeworfen wird. Doch setzt der Streaming-Konsum tatsächlich weniger Dinge in die Welt, verbraucht weniger Rohstoffe und erzeugt weniger Müll? Auch der vermeintlich dematerialisierte Konsum braucht schließlich eine Infrastruktur. Serverparks sind technisch aufwendige Anlagen, die Unmengen von Energie verschlingen und Nutzer müssen ihre Geräte regelmäßig erneuern, damit die größer werdenden Streaming-Apps weiter funktionieren. Die britische Denkfabrik MusicTank schätzte 2012, dass es ab dem 27. Streamen eines 12-Song-Albums ökologischer wäre, die CD zu produzieren und zu transportieren.

Keine irre hohe Zahl in Zeiten, da Spotify oder Youtube im Alltag stundenlang nebenher laufen. Rechenspiele um solche Nebeneffekte der Dematerialisierung machen deutlich: Eine bloße Abkehr vom Überfluss an Dingen löst keine der sozial-ökologischen Fragen unserer Zeit. Vielleicht braucht es mehr als nur die Dematerialisierung des Konsums.

Die Dematerialisierung des Luxus ist nur der Anfang

Noch scheint die Nachfrage nach klassischen Luxusartikeln ungebremst. Doch zaghaft zeichnet sich ein Wandel ab: Luxus heißt für immer größere Teile der Gesellschaft, etwas Besonderes zu erleben. Zeit für Müßiggang und die Liebsten haben. Wer im Hamsterrad der Lohnarbeit rennt, um sich für einen halben Monatslohn goldglänzende Befriedigung zu kaufen, wird allzu oft enttäuscht: Die Freude verpufft schnell, die Lebenszeit ist weg. Für viele verheißen teure Luxuswaren bloß kurze Freude nach lang andauerndem Opfergang. Der immaterielle Luxus hingegen lässt sich dauerhaft genießen.

Unser Hunger nach Erlebnissen und Erfahrungen birgt viel Potenzial: Für die Umwelt ist es schließlich besser, wenn die Leute sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen statt Schmuck hinterherzuhecheln, dessen Rohmaterialen mit Giften gewonnen wurden, oder auf monströse CO2-Schleudern zu sparen.

Doch ökologische Probleme und Verteilungsfragen dematerialisieren sich dadurch nicht automatisch. Wichtig ist, dass sich möglichst alle mal die Sonne auf den Bauch scheinen lassen können — und dafür nicht gleich um die ganze Welt fliegen müssen. Für einen sozial und ökologisch verträglichen Luxus braucht es nicht nur weniger Nobelkarossen und Jachten. Der neue Luxus schimmert vielleicht nicht mehr so sehr, trotzdem geht es um die Wurst: Lasst uns gesellschaftliche Bedingungen schaffen, die allen Menschen Zeitwohlstand und einen selbstbestimmten Zugriff auf ihre freie Zeit erlauben. Bis wir alle diesen Luxus genießen können, müssen noch einige Auseinandersetzungen um flexible Arbeitszeitmodelle und Löhne ausgefochten werden.

Das Streben nach Luxus an sich ist nichts Verwerfliches. Ohne den gelegentlichen Überfluss wäre das Leben sicher öde. Aber wenn wir es richtig anstellen, können wir einem Luxus frönen, der weder den Mitmenschen noch dem Planeten schadet. Zeit, Spaß, Zusammenhalt, gesundheitliche Versorgung — gönnen wir uns gemeinsam mehr davon und zwar sofort!


Text: Jonathan Steinke und Marius Hasenheit

Illustration: Ed J Brown


transform Ausgabe 5

Dieser Beitrag stammt aus unserer neuesten Ausgabe zum Thema „Luxus“! Und die kannst du dir hier bestellen. Damit unterstützt du unsere Arbeit.

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