Nachhaltigkeit ist in aller Munde und scheint Hand in Hand mit Bio-Siegel, veganem Lebensstil und Fairtrade-Kaffee zu gehen – ist aber genauso ausgelutscht. Nicht, dass diese Maßnahmen nicht sinnvoll wären. Doch Nachhaltigkeit so zu vereinfachen, suggeriert einen Konsens den es zu wenig, und verschleiert Konflikte, die es zu Genüge gibt.

Der Rat für nachhaltige Entwicklung (RNE), der die Bundesregierung in Sachen Konsum, Umwelt und sozialer Lebensqualität berät (und von eben dieser einberufen wird), spricht bei „Nachhaltigkeit“ auch von einer Wortwolke. Der Begriff läuft nämlich Gefahr, zum beliebigen Füllwort zu werden, mit dem sich alles beschreiben lässt, was irgendwie irgendwann mal besser, grüner und gerechter werden soll.

Nachhaltige Politik und Lebensweisen sind weder Luxusprodukte, noch Lifestyle-Accessoire, sondern pure Notwendigkeit. Allerdings wird an vielen Stellen noch der Versuch unternommen, das Immer-Weiter-So mit grünem, erneuerbarem Anstrich zu verkaufen.

Wie weg vom Ansatz des notwendigen Übels?

Aber genug der Schwarzmalerei: Es gibt schließlich viele Menschen, die sich Tag ein Tag aus mit genau solchen Lücken im System beschäftigen und sich treffen, um sie zu schließen. So auch im Ministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorschutz (BMUB), wo sich Anfang April 2017 rund 50 Menschen aus diversen Ministerien, Umwelt- und Verbraucherverbänden, NGOs und Medien versammelten, um die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie weiterzudenken, dem “aufkommenden postfaktischen Zeitgeist“ (RNE) zu begegnen.

„Wie bekommen wir Nachhaltigkeit in die zentralen politischen Debatten hinein?“

„Wie bekommen wir Nachhaltigkeit in die zentralen politischen Debatten hinein?“ ist beispielsweise eine solcher Überlegungen. Zwar sorgte die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie international für Aufmerksamkeit, da sie eine der ersten Umsetzungsansätze der im Pariser Klimaabkommen und der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Devolopment Goals, SDGs) vereinbarten Zielvorgaben darstellt. Gleichzeitig wird jedoch schnell deutlich, dass sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe nach wie vor nicht die nötige politische Durchschlagkraft inne hat.

Nicht zuletzt liegt diese „Zahnlosigkeit“ der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie und der Nachhaltigkeit insgesamt an dem Widerspruch zwischen Wissen und Handeln (dem transform die aktuelle Ausgabe widmete). Bemerkbar ist dieser Widerspruch sowohl bei Poltikvorhaben, wo Handels- und Agrarpolitik selten mit der Umweltpolitik auf einer Linie ist, als auch im Einkaufswagen der Konsumenten.

Die Umweltbewusstseinsforschung spricht in diesem Zusammenhang von einem Mind-Behavior-Gap: Das ökologische Bewusstsein von Individuen ist meist ausgeprägter als ihr ökologisches Verhalten. Der Widerspruch zwischen ökologischer Lebensführung und hohem Ressourcenverbrauch lässt sich durch mehrere Studien mit kognitiven Schwierigkeiten begründen.

Vom Bewusstsein zum Bewusst-Sein

Für Stephan Lessenich, Soziologieprofessor an der LMU in München, stellt dieses Problemfeld nicht weniger als die zentrale Herausforderung zukünftiger nachhaltiger Politikgestaltung dar. Seiner Meinung nach, gilt es die öffentliche Resonanz, also die bewusste und somit widerhallende Wahrnehmung, zu stärken und auszubauen. Ein Anküpfungspunkt dabei könnte der Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Fluchtmigration sein. Dieser Zusammenhang ist für Viele nachvollziehbar und gleichzeitig „bedeutend genug“.

Der geflüchtete Mensch als verkörperlichter Ausweis weltgesellschaftlicher Zusammenhänge

Denn es ist nicht nur die Nicht-Nachhaltigkeit politischer Strukturen in vielen Ländern des Globalen Südens sondern eben die nicht-nachhaltigen Produktions-, Konsum-, Arbeits- und Lebensstilmuster in den sogenannten entwickelten Ländern des Globalen Nordens, die zusammengefasst als imperiale Lebensweisen weder ökologisch noch ökonomisch mehrheitsfähig sind. In diesem Zusammenhang sei der geflüchtete Mensch laut Lessenich ein verkörperlichter Ausweis weltgesellschaftlicher Zusammenhänge. Der Bevölkerung diese funktionalen Verkoppelungen aufzuzeigen und das globale Tauschungleichgewicht, das zwischen den Hemisphären liegt, zu vermitteln, könnte demnach eine Sensibilisierung für nachhaltigere Wirtschafts- und Lebensweisen erzeugen. Lessenich spricht deshalb auch von der moralischen Ökonomie des guten Lebens.

Die moralische Ökonomie des guten Lebens – die Demokratisierung des Alltags

Aber wie könnte eine solche Neuausrichtung ausschauen? Lessenich, der als große Überraschung dieser Konferenz zu sehen ist, spricht von ihr als die Demokratisierung des Alltags und deutet damit an, was nicht nur von Aktivist*innen der Postwachstumsbewegung vertreten wird, sondern zunehmend auch auf größeren Konferenzbühnen von Wissenschaft und Politik diskutiert wird: Die Erkenntnis, dass es keine nachhaltig entwickelten Länder auf diesem Planeten gibt. Und nachhaltige Praktiken nur daraus entstehen können, wenn das Bewusstsein dafür, in ein Bewusst-Sein auf kollektiver wie individueller Ebene verwandelt wird.

Es gibt keine nachhaltig entwickelten Länder

Das alte Entwicklungskonzept, das den Nord-Süd-Dialog dominiert und das Wachstumsparadigma der neoliberalen Weltwirtschaft aufrechterhält, sollte dringend hinterfragt werden. Philosophien ohne Philosophen wie die Konzepte des guten Lebens aus indigenen Kulturen der südamerikanischen Anden- und Amazonasregion (Buen Vivir) tun dies seit langem. Lassen wir uns von diesen Ideen inspirieren, eigene Ansätze für eine zukunftsfähige Welt zu finden!

Systemwandel statt Klimawandel

So langsam scheint sich etwas zu tun: Selbst in der Wissenschaft und Politik, wo Viele es weniger erwarten würden, werden mutige Fragen gestellt und Antworten ausgelotet – wie etwa auf der Konferenz „Making The Planetary Boundaries Concept Work“. Bei der Tagung gingen über zwei Tage mehrere hundert Menschen aus aller Welt der Frage nach, wie das integrierte Systemdenken von planetaren Leitplanken endlich umgesetzt, anstatt nur analysiert, werden kann.

Das Planetary Boundary-Konzept wurde erstmals 2009 von Rockström in einer Studie präsentiert und setzt neun planetare Leitplanken-Indexe fest, deren Stabilität für das menschliche und planetare Wohlergehen innerhalb eines safe operating spaces gewährleistet werden müssen. Derzeit haben wir vier der neun Belastungsgrenzen überschritten.

Es geht dabei darum, die Konzepte zu „re-framen“, also die Rahmenbedingungen der Vermittlung neuzukonzipieren, damit sie in Mainstreaming-Prozessen gesellschaftsfähiger aufgenommen werden. Dabei wird schnell klar: Es mangelt weder an Ressourcen, noch an Wissen, sondern das größte Problem liegt in der Kommunikation. “Wir haben eine unglaubliche Geschichte zu erzählen, aber wir verlieren das Spiel!” so etwa Kate Raworth, ehemalige Mitarbeiterin bei Oxfam und Hauptvertreterin des neuen Doughnut-Paradigmas, das versucht, das soziale, ökologische und ökonomische Wohlergehen der Menschheit innerhalb der planetaren Leitplankenlogik zu integrieren.

Wörter und Bilder sind Rahmungen, in denen sich das kollektive Bewusstsein organisiert

Wörter und Bilder sind eben genau solche Rahmen – Projektionsflächen und Metaphervorlagen, die das Verständnis über komplexe Themen strukturieren und greifbarer machen können. So auch im Falle des Doughnut – eine simple kreisförmige Illustration mit den planetaren Grenzen auf der Außenseite, sozialen Grenzen auf der inneren Seite und den Zwischenbereich als sicheren und gerechten Handlungsspielraum für die Menschheit:

(kateraworth.com)

Übertragen werden kann dieses Sinnbild auch auf die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Es zeigt die verschiedene Verbindungen und gegenseitigen Abhängigkeiten der einzelnen Ziele und macht deutlich: Ob nun Kampf gegen den Hunger, Gendergleichheit oder gesunde Ozeane, die Ziele sind miteinander verschachtelt. Wollen wir das eine Ziel erreichen, sollte das nicht auf Kosten der Anderen gehen. Und vor allem wird auch ein Gefühl dafür vermittelt, was für ökologische Ökonomen seit Jahrzehnten Kernbestand ihrer Arbeit ist: Dass alles menschliche Handeln, alle Konsum- und Produktketten – kurz: die gesamte Sozial- und Wirtschaftssphäre – ihren Ursprung in der Natur hat. Und diese gerät zunehmend an ihre Belastungsgrenzen.

stockholmresilience.org

 

 

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Der Autor Björn Barutzki, 27, hat Kulturwissenschaften studiert und wusste bis vor kurzem nicht was Kultur und Klima miteinander zu tun haben. Inzwischen weiß er’s und arbeitet beim Kolleg für Management und Gestaltung nachhaltiger Entwicklung, einer kleinen NGO im Herzen von Kreuzberg, die sich mit der Kommunikation von Transformationsprozessen, Nachhaltigkeit und praktischen Ansätzen des guten Lebens beschäftigt.

Beitragsbild: CC, unsplash

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