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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

April 2017
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Ich möchte eine Geschichte mit euch teilen, denn ich denke, es können mehr Geschichten erzählt werden.

Es sollten mehr Geschichten erzählt werden.

Seit zwei Wochen wohne ich in Berlin-Neukölln im Erdgeschoss einer neu gegründeten Wohngemeinschaft. Im Wohnzimmer des Altbaus bringen 14 große und 14 kleine Fensterflügel viel Licht und Transparenz in den Gemeinschaftsraum. Das Eckfenster lädt mich gleich zum morgendlichen Ritual ein, beim Frühstücken das bunte Treiben im Kiez zu beobachten. Wie ein Film zieht die halbe Welt auf einer Straße vorbei.

Lächelnde Männer und Frauen

Innerhalb kurzer Zeit erkenne ich vom Fenstersims aus Menschen wieder, die in der Nachbarschaft wohnen. Lächelnde Männer und Frauen ziehen mit augenzwinkernden oder winkenden Gesten vorbei, wünschen mir einen Guten Morgen. Sieben Kinder stehen wie gemalt in aufsteigenden Größen sortiert vor dem Eckfenster und wollen mit unserer WG-Katze spielen, Achmed stellt sich vor und lädt mich vom auf dem Fenstersims rumliegenden Geld meiner Mitbewohnerin auf ein Wassereis ein.

Ein anders Mal lässt ein noch unbekannter Junge seine Hose vor dem Fenster runter, Betrunkene und skurrile Gestalten streifen am Fenster entlang. Der Typ, der mit dem Hammer vorbei schlurft, erklärt mit starkem Akzent, er habe bei seinem Freund einen Nagel in die Wand gehauen. Die Bars und Cafés gegenüber schaffen auch bei Nacht eine sichere, belebte Atmosphäre ohne zu lärmen. Nur die Müllabfuhr nervt, wenn morgens um sechs die Glasflaschen übers Kopfsteinpflaster klimpern.

Wochenende, Eckfenstersonnengenusszeit.

Wochenende, Eckfenstersonnengenusszeit. Ich sitze auf dem Sims und freue mich, pflanze eine Winde und Sonnenblume in drei großen alten Olivendosen vom Gemüsemarkt an und stelle sie vor das Eckfenster. Nebenbei diskutiere ich mit meiner Mitbewohnerin über den Standort der Dosen, lerne etwas über Graffitikultur (wir haben vermutlich ein Tag des „Vaters türkischen Graffitis“, Turbo, an unserer Wand) und wir begraben beim gemeinsamen Bauen des Wohnzimmertisches unsere geschmacklichen Differenzen.

Ein paar Abende später wandern meine Beine vom Fenstersitz auf die „Terrasse“. Ein neuer Raum wird erschlossen, vom Privaten ins Öffentliche, auf die Straße, mit Stühlen. Mit einem guten Freund diskutiere ich über die große Unverbindlichkeit in der Stadt, die Konsumkultur der spirituellen Szene und das es für Naturfeste wie die Sommersonnenwende an öffentlichen Orten keinen Eintrittspreis geben sollte. Nachbarn aus dem vierten Stock kommen an uns vorbei, wir stellen uns einander vor, sie erzählen uns vom Einbruch bei unseren Vorgängern und lieben die Olivendosenbeete.

Wir bejahen die Idee, die nahegelegene Baumscheibe von einem Mülleimer in eine grüne Insel zu verwandeln – als Gemeinschaftsprojekt mit dem ganzen Haus und auch um uns alle mal kennen zu lernen.
Über die Bohrmaschine, die wir brauchen, um die Gardinenstange und etwas mehr Privatsphäre anzubringen, sagt mein Mitbewohner: „Sharing Economy“, werden wir nächste Woche bei unseren Nachbar/innen erfragen…

…Fortsetzung folgt…

 

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Frau Schnurr erzählt gerne Geschichten der Leichtigkeit. Sie wurde in einem Saunabad aus der Schwere einer Umbruchsituation geboren, lebt im Bewusstsein von Vergänglichkeit, geht gerne Umwege und meditiert dabei über Alltagspraktiken, Gemeingüter und natürliche Ressourcen.

Beitragsbild: Shannon Kelly, unsplash.com


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