Dort wo Mietpreise unter die Decke steigen und Eigenheime unbezahlbar werden, entstehen neue Ideen zum guten Wohnen. Wie wäre es etwa mit einem Zuhause über den Dächern der Stadt? Oder einem Haus auf Rädern, ganz ohne Schulden?

Unsere Autorin Ina hat Hubertus Förster* getroffen. Er wohnt mobil auf 14 Quadratmetern – in einem Bauwagen. Industriewaschmaschinen dienen als Fenster und die Bullaugen verleihen seinem Wagen einen maritimen Charme. Über das große Leben auf kleinem Raum.

transform: Dein Schlachtschiff steht in einem wunderschönen Garten. Auf der angrenzenden Straße donnern die Autos vorbei und lassen den Wagen vibrieren. Ist das der städtische Wellengang? Die Freiheit auf Rädern?

Hubertus Förster: Die Freiheit ist die Wahl. Ich habe mir Mietswohnungen angeschaut. 700 Euro warm im Monat. Eingebaut waren nullachtfünfzehn Fliesen. Die sahen so billig aus, dass sie nicht lange überleben. Da werde ich wütend. Die Ethik des Bauens liegt für mich im richtigen Umgang mit Ressourcen. Hier bin ich mein eigener Bauherr. 2000 Euro hat mich die Anschaffung gekostet. Es gibt seitdem immer etwas zu tun, zu reparieren.

Für welche Philosophie des Bauens stehst du?

Für mich hat Bauen mit Langlebigkeit zu tun.

Hier kann ich mich darauf konzentrieren, wertvollere Materialien auf kleinerem Raum einzusetzen. Ich kann 150 Jahre alte Dielen verbauen. Die haben dann eine ganz tolle Struktur. Die schleife ich noch mal ab und öle sie. Auf 100 Quadratmetern könnte ich mir die nicht leisten, auf 14 Quadratmetern schon.

Der Wagen gibt Dir bauliche Freiheit. Doch endet die Freiheit nicht dort, wo die Pacht beginnt?

(Hubertus lacht) Ich habe Glück. Mein Wagen steht im Garten meiner Vermieterin. Sie wohnt in der weißen Villa am Ende des Gartens. Wir ruckeln uns hier zu recht. Die Pacht ist fair. Dafür benutze ich auch den Garten. Bis vor kurzem hatte ich eine Feuerstelle vor der Tür und eine Waschmaschine im Haus der Vermieterin.

Meine Vermieterin bekommt jedoch immer wieder Hausbesuche von Bauträgern. Das Nachbargrundstück wurde bereits gekauft. Ihr Haus wollen sie nicht abreißen, aber der Garten ist potenzielles Bauland. Das Damoklesschwert hängt also auch über mir.

Waschechte Fenster recyclet

Auf dem Nachbargrundstück stand vorher eine Villa, ähnlich wie die weiße Villa deiner Vermieterin. Der Inhaber wurde immer älter, dann verkaufte er. Jetzt wohnen auf derselben Fläche 10 Parteien. Ist das nicht ein Fortschritt?

Ich bin nicht vom Fach, aber ich habe den Bauprozess genau beobachtet. Für mich haben die Häuser keine Substanz. Außen nur Plastikverschalung, selbst die Sockelsteine wurden mit Schaumstoff aufgespritzt. Nichts für die Ewigkeit.

 

Aber es wurde Wohnraum geschaffen, nachverdichtet.

Ja, aber auch Fläche versiegelt. Ich nehme keinem einen Platz an der Sonne. Die Nachbarn können sich glücklich schätzen, dass der Garten nicht verbaut ist und Licht zu ihnen gelangt und ich bin Schaubild.

Wagende Blicke erlaubt

Schaubild? Das musst du erklären.

Ich habe mich an die Straße gewöhnt. Ich bin Schaubild. Ich bin zu sehen. Bis vor kurzem hatte ich Solarpanele auf dem Dach. Sie waren nicht angeschlossen. Die Alibinachricht wirkte. Passanten blieben stehen. Kinder machten große Augen. Ich finde, ich leiste einen guten Dienst, wenn bei den Menschen ankommt, Wohnen geht auch anders. (Hubertus wirkt zufrieden)

Wirkt die Alibinachricht auch im Familien- und Freundeskreis?

Wenn ich erzähle, dass ich im Wagen wohne, sind viele neugierig. Sie heißen es erstmal für gut, ohne es zu kennen. Ich würde sagen, es ist ein träumerischer Zuspruch. Doch wenn ich Besuch habe, habe ich das Gefühl, ich muss erst mal erklären. Das fängt bei der Toilette an. Die Benutzung von Komposttoiletten ist vielen fremd, ebenso dass ich meine eigene Kompostfabrik habe und jedes halbe Jahr meinen Dung auf den Acker bringen muss. Bis es soweit ist, lagert er in den Tonnen hinterm Haus.

Ich mag das Gefühl städtisch und naturnah zu leben.

Ich kann hier gut abhängen. Ich habe nach hier nichts, nach da nichts, nach unten und nach oben nichts. Allerdings habe ich so auch keinen Gedankenanschluss…

Ich danke Dir für unser Gespräch.

Ich danke dir.

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

 

Wohnen auf kleinem Raum – der große Wurf?

Infos über Tiny Houses

Ob auf einen Trailer gebaut oder im Boden oder Baum verankert, ob temporär oder dauerhaft nutzbar: Alles rund um die kleinen eigenen vier Wände, Bauanleitungen, rechtliche Tipps, eine Grundstücksbörse oder DIY-Workshops findest Du hier: tiny-houses.de

Cabin Spacey

Träumst Du von einem Mietshaus oder Eigenheim in luftiger Höhe, dann findest Du bei Cabin Spacey, einem Berliner Architekten Duo, einen Prototyp, der Luxus auf einer Fläche von 25 Quadratmetern verspricht: cabinspacey.com

Das Tiny100

Wenn Du daran glaubst, dass Du mit 100 Euro ein Haus bauen kannst, dann schau Dir das „Tiny100“ des Architekten Van Bo Le-Mentzel an. Angeblich ist das 6,4 Quadratmeter Haus beliebig erweiterbar. An der Tiny House University auf dem Gelände des Bauhaus Archivs in Berlin kannst Du die Tiny100 „begehen“: bauhauscampus.org


Ina Soetebeer war als Kind am liebsten unterwegs. Zur Zirkus-Nomadin hat es nicht gereicht, aber für ihre Geschichten sattelt sie gerne ihren Drahtesel und fährt los.

 

 

Beitragsbild: Stefan Große Halbuer

Der Illustrator und Designer lebt und arbeitet in Münster. Parallel zu seinem Masterstudium in »Information und Kommunikation« an der Münster School of Design arbeitet er als Teil des HIAMOVI Studio für visuelle Kommunikation an gestalterischen Projekten für Menschen, Unternehmen und Organisationen aus Wirtschaft und Kultur.

 

Bilder im Artikel: Ina Soetebeer

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