„Papa, was passiert mit den Türmen im Fernseher?“ 11.9.01 – Dies war kein Datum wie jedes andere, neben vielen Prozessen, die hier in Gang gesetzt wurden, war dieser Tag auch ein Politisierungsmoment für mich und viele meiner Generation – ich kann mich an kein  früheres Ereignis im Weltgeschehen so bewusst erinnern. Für die westlichen Gesellschaften markiert dieser Tag ein symbolisches Ende der langen 90er Jahre, die von einem Glauben an das „Ende der Geschichte“ und dem endgültigen Sieg der liberalen Demokratie geprägt war.

19.3.17 – ein Datum wie jedes andere. Aber auch der Tag an dem mein ESTA-Visumsantrag in die USA abgelehnt wurde. Der Grund war jener neue Satz, der in den Visa-Prozess gesetzt wurde: „Waren Sie seit Mai 2011 in einem der folgenden Länder?“. Ja ich war, vielleicht war es der elfte September, der mich sogar dazu brachte, ein ausgeprägtes Interesse an unserer Nachbarregion zu entwickeln. Vielleicht waren es die Mythen und Vorurteile, hinter die ich blicken wollte. Ich verbrachte Zeit in Israel, der Westbank, dem Irak, der Türkei und dem Iran – mal ein paar Monate, mal nur ein paar Tage. Zwei dieser Länder sind auf der Liste und führten zu meiner Ablehnung. Terroristen wie der Attentäter von Londons jüngstem Anschlag wären durch dieses Raster aber gefallen.

Es ist ein komisches Gefühl, wenn aus abstrakter Politik auf einmal ein praktisches nahes Problem wird. Aber vor allem haben mich die letzten Tage sehr betrübt. Es überwiegt das Gefühl des Verlusts, des Verlusts von einer freien Welt ohne Grenzen. Diese gab es so natürlich nicht nie, aber es gab doch zumindest das Ideal davon.

 

Sie werden in das Konsulat vorgeladen

Ich werde nach Frankfurt zitiert, um doch die Chance auf ein Visum zu bekommen. Auf dem Weg dahin lese ich im Economist, dass der Irak am 16. März von der Liste gestrichen wurde, weil die irakische Regierung sich darüber empörte. Mein Visum habe ich allerdings wenige Tage davor beantragt. Auch ein Verlustgefühl: der Verlust von vorhersehbarer Politik von sogenannter rule-based order, die nicht zwischen Dekreten und Einsprüchen hin- und herschaukelt. Ein Ausgeliefertsein, in dem man in Zeitungsmeldungen vom Gelingen eines Besuchs erfährt. Und dann ist ja trotzdem noch der Iran auf der Liste.

Es ist frühmorgens als ich ankomme. Die Stadt liegt im Morgennebel. Vom Konsulat ist nichts zu sehen, Nebel aber vor allem Zäune, vorgelagerte Sicherheitsschleusen umgeben es, auch nicht der schwächste Lichtschein deutet das große Konsulat an. Lange stehe ich auf dem Bürgersteig, der von der Landstraße am Gebäudekomplex entlangführte, und blicke in die scheinbare Leere empor. Ich habe meinen Mantel glattgezogen, habe die Haare zurechtgestrichen, blicke einen Mann am Eingang von unten her an und sage: „Ist das denn hier der Eingang zum Konsulat?“ „Allerdings“, sagt der Mann langsam, während hier und dort einer den Kopf über mich schüttelte, „das Generalkonsulat der Vereinigten Staaten von Amerika.“

Doch meine Tasche, mein Handy, das Lesegepäck für den Tagesausflug nach Frankfurt kann ich dort nicht unterbringen. Es gibt auch auf dem Gelände keinen Raum für das Gepäck von Besuchern. „Gehen sie an der roten Mauer entlang, nach 200 Metern links finden Sie einen Blumenladen. Bringen Sie ihre Sachen dorthin“. Ein paar Minuten später stehe ich tatsächlich in einem Blumengeschäft.  „Ich möchte hier meine Sachen ablegen?“ sage ich mehr als Frage formuliert und fühle mich wie in einem schlechten Gangster-Film. Aber ja, die Frau, die gerade einen Strauß gestaltet, deutet auf einen Nebenraum und erinnert mich daran, auch wirklich das Handy dort zu lassen.

Das Konsulat, dessen Umrisse sich schon durch die vor- und nebengelagerten Komplexe aufzulösen begannen, liegt still wie zuvor, noch hatte ich dort nicht das geringste Zeichen von Leben gesehen, vielleicht war es gar nicht möglich, aus dieser Ferne etwas zu erkennen und doch verlangten es die Augen und wollten die Stille nicht dulden.

Ich stehe in einer Schlange an und sehe plötzlich, wie jemand mit einer Harley zwischen Zaun und Gebäude entlangfährt. Ich spreche gegen eine Scheibe, dahinter lässt sich eine Frau erkennen. Ich gehe durch eine Sicherheitskontrolle, durch einen Gang, erneut durch eine Kontrolle, erneut durch einen Gang. Ich öffne eine Tür, die sich nur öffnet, wenn man am Türgriff zieht und gleichzeitig merkwürdig verkrampft mit demselben Daumen einen Hebel nach oben drückt. Ich ziehe einen Zettel, auf dem U-9 steht. Ich gehe zu einem Fenster, über dem auch „U-9“ steht. Ich sehe eine Scheibe, die sagt: „Hi, how are you Sir? Have a beautiful morning!“

Nirgends noch hatte ich das Amt und Leben so verflochten gesehen, wie hier. So verflochten, dass es manchmal scheinen konnte, Amt und Leben hätten ihre Plätze gewechselt.

Senat, Freiheitsstatue und American Flag – Ihre Bilder hängen etwas bemüht an den Wänden. Auf einer Abbildung des Denali Naturparks steht ein einsamer Bär auf einer riesigen Lichtung. Einreisebestimmungen scheinen ihn nicht zu besorgen. Ich werde an weitere verschiedene Fenster geleitet, erzähle wie es mir geht, halte verschiedene Fingerkuppen auf verschiedene Scan-Apparate. Reiche immer meinen Pass durch einen Schlitz am Fenster.

Der Beamte am Fenster W-9. Freundlich, dick, ein glattrasierter Mann.
Die Beamtin beim Fenster C-4 …
Sie sitzt. Vor dem Fenster ebenfalls ein Stuhl.
Also, was ihren Fall betrifft, so will ich …
Hier reden wir also über meinen Fall. Ich will mich zur Begrüßung aufrichten. Konnte es nicht. „Setzen Sie sich.“
„Ich kann ihnen die Adressen im Iran nennen..“
„Setzen Sie sich.“
„Ich habe lediglich Freunde im Iran besucht“

„Das überrascht mich sehr. Das wirft alle meine Berechnungen über den Haufen.“

Warum Sie haben Freunde im Iran? Das ist eine komische Frage, ich weiß nicht was ich antworten soll. Dass ich eine Exiliranerin ausgerechnet auf einer Party der deutschen Botschaft in Tel Aviv kennengelernt habe und sie mich einlud ihre Verwandten in Teheran zu besuchen. Das wäre eine wahre Geschichte. Doch sie wirkt so fern und unrealistisch im Konsulat, dass sie vermutlich sämtliche Visa-Hoffnungen ins Wanken gebracht hätte.

Es ist nicht leicht die Beamtin genau zu verstehenweil man oft nicht weißob sie ironisch oder ernst sprichtmeistens ist es ja ernstaber es klingt ironisch.

„Lassen Sie die Interpretationen!“

Mit einem leisen „Bumpf“ eines Stempels ist mein Besuch im Konsulat plötzlich vorbei. Und das Visum ist genehmigt. Dafür bin ich um 170 Euro ärmer. Für jemanden mit einem deutschen Pass und Namen bin ich aber um eine Erfahrung reicher, die Erfahrung des Erstmal-nicht-willkommen seins, die Erfahrung, dass Unschuld erstmal bewiesen werden muss (übrigens eine Erfahrung, die mir bis dahin nur durch das Privileg aus einem ESTA-Staat zu kommen vorenthalten wurde). Vielleicht stimmt es, dass der große Konflikt heute nicht mehr zwischen links und rechts ist, sondern zwischen jenen, die eine offenere und jenen, die eine geschlossenere Welt wollen. Vielleicht zeigt es auch, dass am 19.3.2017, also fast sechzehn Jahre nach dem elften September, die Terroristen ein wenig gewonnen haben, wenn wir die von ihnen so verhasste Offenheit so bereitwillig aufgegeben haben.

 

Auszüge aus Franz Kafkas „Das Schloss“ (http://gutenberg.spiegel.de/buch/-7656/13)

Beitragsbild: Anthony Delanoix (unsplash) CC

Bild im Artikel: Brandi Redd (unsplash) CC

 

Der Autor Barnabas Brunswick ist Landvermesser und kommt aus einem winterlichen Dorf, das zum Herrschaftsbereich des Konsulats gehört.

 

 

 

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